mini|hochkant|Peter Scholl-Latour, 2008 Peter Roman Scholl-Latour (* 9. März 1924 in Bochum als Peter Roman Scholl; † 16. August 2014 in Bad Honnef) war ein deutsch-französischer Journalist, Sachbuchautor und Publizist. Er war in den 1970er Jahren Programmdirektor des WDR-Fernsehens und in den 1980er Jahren Herausgeber der Zeitschrift Stern.

Leben Jugend und Ausbildung Peter Scholl-Latour war der Sohn des in der damals deutschen Stadt Zabern im Elsass geborenen und in Lothringen aufgewachsenen Arztes Otto Konrad Scholl (1888–1960)Lebenslauf in der Dissertation Otto Konrad Scholl: Über abortive Formen der Recklinghaus’schen Krankheit, Straßburg 1915.Gregor Brand: Frau Nußbaum aus Straßburg. In: juedische-allgemeine.de vom 21. August 2014, abgerufen am 21. August 2014. und dessen Ehefrau, Mathilde Zerline Nußbaum (1896–1991), Schwester des Arztes Robert Nußbaum, der im KZ Sachsenhausen ermordet wurde. Scholl-Latours Großvater, Moritz Nussbaum, stammte aus Warburg und war Gymnasiallehrer im Elsass.

Scholl-Latour war römisch-katholisch getauft und bezeichnete sich als katholischen Christen. Im Sinne der Nürnberger Rassegesetze galt er im Nationalsozialismus wegen der jüdischen Abstammung seiner Mutter als „Mischling ersten Grades“. Der Zeitpunkt und die Hintergründe der Änderung seines Nachnamens in „Scholl-Latour“ sind unbekannt. Latour war der Mädchenname einer Urgroßmutter väterlicherseits, doch trugen weder sein Vater noch sein Großvater den Doppelnamen.

Im Jahr 1936 schickten seine Eltern Scholl-Latour auf das Jesuitenkolleg Sankt Michael in Freiburg im Üechtland in der Schweiz. Als seinen Eltern Geldüberweisungen in die Schweiz untersagt wurden, musste er das Kolleg 1940 verlassen und nach Deutschland zurückkehren. Am Wilhelmsgymnasium in Kassel legte er 1943 die Abiturprüfungen ab. In seinem Buch Leben mit Frankreich – Stationen eines halben Jahrhunderts berichtete er, dass er sich nach der Befreiung Frankreichs von der deutschen Besetzung 1944 freiwillig zur französischen Armee melden wollte. Da sein Versuch scheiterte, bei Metz ins französisch kontrollierte Gebiet zu gelangen, beschloss er, Deutschland über Jugoslawien zu verlassen. Er wurde in der Steiermark verhaftet und geriet 1945 in Gestapo-Haft in Graz, Wien und Prag. In der Gefangenschaft erkrankte er an Flecktyphus und kam in ein Krankenhaus. Nach seiner Genesung meldete sich Scholl-Latour 1945/1946 zum Commando Ponchardier, einer französischen Fallschirmjägereinheit, die in Indochina eingesetzt war.

Ab 1948 studierte er an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und der Sorbonne in Paris ein Semester Medizin,ardmediathek.de sodann Philologie und Politikwissenschaft. 1950 erwarb er die Licence-ès-lettres der Sorbonne und 1951 das Diplom des Institut d’études politiques de Paris (Sciences Po). Er setzte das Studium an der Sorbonne fort und schloss es im Januar 1954 mit einer Dissertation über Rudolf G. Binding ab (Promotion). Von 1956 bis 1958 studierte er Arabistik und Islamwissenschaft an der Université Saint-Joseph in Beirut und erwarb auch dort das Diplom.Walter Habel (Hrsg.): Wer ist wer? Das deutsche who’s who. XLVI. Ausgabe 2007/2008 (Begründet von Walter Habel, vormals Degeners wer ist’s). Lübeck 2007, S. 1183.

Tätigkeit als Journalist in Presse, Hörfunk und Fernsehen mini|hochkant|Plakat zu Kundgebung mit Scholl-Latour und CDU-Spitzenpolitikern (1966)

Scholl-Latour arbeitete schon während des Studiums als Reisejournalist für deutsche und französische Zeitungen und Rundfunkanstalten. Sein Volontariat absolvierte er 1948 bei der Saarbrücker Zeitung, nachdem Le Monde bereits eine von ihm verfasste Reportage über eine illegale Reise durch die sowjetische Besatzungszone Deutschlands abgedruckt hatte.Heike Mund: Reporter aus Leidenschaft: Peter Scholl-Latour. In: DW.de vom 16. August 2014. Für seine Berichte bereiste er Amerika, Afrika, Vorderasien und große Teile Südost- und Ostasiens.

In den Jahren 1954 und 1955 war er Sprecher der Regierung des Saarlandes und dort zunächst als Mitarbeiter und Pressesprecher des Amtes für europäische und auswärtige Angelegenheiten in Diensten des Ministerpräsidenten Johannes Hoffmann tätig. Während seines anschließenden Studiums in Beirut berichtete er als Korrespondent und bereiste ab 1959 Afrika und Südostasien.

Ab 1960 arbeitete Scholl-Latour für den Hörfunk: Bis 1963 war er ständiger Afrikakorrespondent der ARD mit Sitz in Léopoldville (heute Kinshasa) und Brazzaville. 1963 wechselte er zum Fernsehen und gründete das vom Westdeutschen Rundfunk verantwortete ARD-Studio in Paris, das er bis 1969 leitete.

Von 1969 bis 1971 war Scholl-Latour Fernsehdirektor des 1965 gegründeten dritten Fernsehprogramms des WDR, des Westdeutschen Fernsehens. In seine Amtszeit fielen die Einführung des Schulfernsehens und der Sendung Lach- und Sachgeschichten, eines Vorläufers der Sendung mit der Maus, sowie der kontroversen Fernsehfilme Das Millionenspiel nach einem Drehbuch von Wolfgang Menge (1970) und die Chronik der laufenden Ereignisse von Peter Handke (1971). Im Jahr 1971 wurde er Chefkorrespondent des ZDF und leitete von 1975 bis 1983 das Pariser ZDF-Studio.

Von Paris reiste Scholl-Latour regelmäßig als Sonderkorrespondent nach Vietnam, wo er und sein Kamerateam 1973 von den Vietcong gefangen genommen und nach einer Woche freigelassen wurden. 1976 bereiste er erneut Vietnam, 1978 Kanada, 1980 Kambodscha und 1981 China und Afghanistan.

Seit 1978 stand Scholl-Latour durch seine Verbindungen zu Sadegh Tabatabai in Kontakt mit Ajatollah Chomeini, der in Neauphle-le-Château bei Paris im Exil lebte. Mit einem Filmteam reiste er nach Teheran und zeigte anschließend Chomeini die dort entstandenen Aufnahmen. So wurde er einer der Journalisten, die das Privileg erhielten, Chomeini bei seiner Rückkehr in den Iran im Flugzeug zu begleiten. Darüber berichtete Scholl-Latour später:

Nach eigenen Angaben trug Scholl-Latour anschließend immer ein Foto von sich und Chomeini mit sich, um sich in der muslimischen Welt „auszuweisen“.Ulrich Wickert: Keinem gefällig, allen ein Lehrer. (Nachruf), faz.net, 17. August 2014, abgerufen am 18. August 2014.

1983 wurde Scholl-Latour mit Rolf Gillhausen Chefredakteur und gemeinsam mit Gillhausen und Henri Nannen Herausgeber des durch die Affäre um die gefälschten Hitler-Tagebücher angeschlagenen Wochenmagazins Stern. Wegen anhaltender Widerstände innerhalb der Redaktion gab Scholl-Latour den Chefredakteursposten nach neun Monaten auf.Andreas Austilat, Julia Prosinger, Björn Rosen: Interview mit Peter Scholl-Latour: „Ich verstehe mich gut mit Ganoven“. In: Tagesspiegel vom 17. August 2014. Von 1983 bis 1987 war er zudem Vorstandsmitglied des Verlages Gruner + Jahr und von 1984 an als Beiratsmitglied der UFA-Film- und Fernseh-GmbH für die TV-Aktivitäten der Verlagsgesellschaft mitzuständig und am Aufbau von RTL plus beteiligt.

Seit 1988 war Scholl-Latour vor allem als freier Autor tätig (siehe unten). Nach Interviews 2000 und 2001 wurde er Autor der neurechten Zeitung Junge Freiheit.jungefreiheit.de„Junge Freiheit“ Pressemitteilung: Berlin, den 8. Juni 2004 2006 nahm er an einer von dieser veranstalteten Diskussion auf der Frankfurter Buchmesse teil.„Junge Freiheit“ Bericht Frankfurter Buchmesse 2006 jf-archiv.de In den Abonnentenkampagnen der Jahre 2004, 2007 und 2011 diente er der Zeitung neben Alexander von Stahl als Aushängeschild. Mindestens vom 19. Mai 2000 an19. Mai 2000 „Schleichende Islamisierung“ Peter Scholl-Latour über die Geiselnahme von Jolo, den Bürgerkrieg auf den Philippinen und die drohende Islamisierung Moritz Schwarz jf-archiv.de gab er der Zeitung regelmäßig Interviews. Auf der Website der Jungen Freiheit wird Scholl-Latour mit den Worten zitiert: Scholl-Latour wirbt für "Junge Freiheit", Der Spiegel, Heft 24/2004

Bis 2010 produzierte Scholl-Latour noch gelegentlich Reportagen für das ZDF und trat weiterhin als Interviewpartner in Fernseh-Talkshows auf. Ende Dezember 2011 traf er Syriens Staatspräsidenten Baschar al-Assad zu einem Hintergrundgespräch.

Erfolgreiches Wirken als Sachbuchautor mini|Peter Scholl-Latour (im Gespräch mit Thomas Kielinger) auf der Frankfurter Buchmesse 1988 Zu vielen Themen und Weltregionen verfasste Scholl-Latour mehr als 30 Sachbücher, zuerst 1961 Matata am Kongo. Sie erreichten eine Gesamtauflage von rund 10 Millionen Exemplaren.Björn Rosen, Kurt Sagatz, Christiane Peitz: Nachruf auf Peter Scholl-Latour: In 90 Jahren um die Welt. In: Tagesspiegel vom 18. August 2014. Sein 1979 erstmals erschienenes Buch Der Tod im Reisfeld über Indochina war mit 1,3 Millionen Exemplaren zum Zeitpunkt von Scholl-Latours Tod im Jahr 2014 das meistverkaufte Sachbuch Deutschlands seit 1945. in: SR online vom 16. August 2014.

Verbandstätigkeit

Verband privater Rundfunk und Telemedien Von 1990 bis 1996 war er der erste Präsident des Verbandes Privater Rundfunk und Telemedien (VPRT), nachdem er bereits seit 1986 einem seiner Vorläuferverbände, dem Bundesverband Privater Rundfunk und Telekommunikation (BPRT), vorgestanden hatte. Pressemitteilung des VPRT vom 17. August 2014.

Deutsch-Arabische Gesellschaft Von 1985 bis 2007 war Peter Scholl-Latour Mitglied des Beirates der Deutsch-Arabischen Gesellschaft. Nach dem Rücktritt Otto Wiesheus wählte ihn die Mitgliederversammlung am 22. März 2007 in Berlin zum Präsidenten. 2014 wurde Peter Scholl-Latour auf dem Frühlingsfest der Deutsch-Arabischen Gesellschaft durch die Laudatio des Linkspartei-Vorsitzenden Gregor Gysi geehrt.Gregor Gysi und Peter Scholl-Latour – das passt!, Deutsch-Arabische Gesellschaft, 5. Mai 2014

Plan International Im Jahr 1989 war Scholl-Latour Gründungsmitglied der Kinderhilfsorganisation Plan International Deutschland e. V. Seit 1993 saß er im Kuratorium der Organisation.

Geheimdienstliche Tätigkeit Posthum wurde im Juni 2025 durch einen WDR-Bericht bekannt, dass Peter Scholl-Latour in den 1980er Jahren als „Gelegenheitsquelle“ für den Bundesnachrichtendienst (BND) fungierte und hierbei die Decknamen „Frank“, „Pedro“ und „Scholar“ trug. Die Zusammenarbeit begann demnach im Jahr 1981 nach einem Afghanistan-Aufenthalt Scholl-Latours und umfasste Reiseberichte aus Krisengebieten, die Vorab-Betrachtung einer Reportage sowie in einem Fall die Kontaktaufnahme zu einer BND-Quelle im Libanon, die aufgrund des Libanesischen Bürgerkriegs schwer zu erreichen war. Nach BND-Angaben habe jedoch kein stetiger Auftrag zur Informationsbeschaffung bestanden und auch keine Bezahlung stattgefunden. Das ZDF, für das Scholl-Latour während seiner Geheimdiensttätigkeit zeitweise arbeitete, erklärte, keine Kenntnis von den Vorgängen zu haben und sich an den journalistischen Leitlinien und dem Pressekodex zu orientieren. Dieser bestimmt, dass geheimdienstliche Tätigkeiten mit dem Berufsbild des Journalisten nicht vereinbar sind.

Persönliches mini|hochkant|Grabstätte im Waldfriedhof Rhöndorf

Scholl-Latour, der sowohl die deutsche als auch die französische Staatsbürgerschaft besaß, lebte abwechselnd in seinen Wohnungen in Bad Honnef-Rhöndorf, in Berlin-Charlottenburg und Paris sowie in einem Haus in Tourrettes-sur-LoupNachruf der Welt vom 16. August 2014 bei Nizza in Südfrankreich. Er war in erster Ehe mit der Journalistin Gertrud Knies (* Februar 1924)Ev. Gemeindebrief Christuskirche St. Ingbert (PDF; 4,4 MB) verheiratet und hatte mit ihr einen Sohn.Interview Morgenpost v. 19. Juni 2011. 1985 heiratete Scholl-Latour Eva Schwinges.Experte warnt vor Folgen: „Dann gnade uns Gott“. krone.at, 31. August 2013.