Jo Lherman, auch Joe Lhermann oder Yo Lehrmann, eigentlich Walter Ullmann (* 5. Januar 1898 in Wien, Österreich-Ungarn; † 5. Mai 1949 in Paris)Todesdatum hier nach Hans Buchheim: Aktuelle Krisenpunkte des deutschen Nationalbewusstseins. Mainz: Hase & Koehler, 1967, S. 205 sowie Konstantin von Bayern: Nach der Sintflut. Berichte aus einer Zeit des Umbruchs 1945–1948. Süddeutscher Verlag, München 1986, S. 63. Beide berufen sich auf eine Meldung der Pariser Agentur La Page Internationale. Ein Leserbrief von Anne-Lise Ollendorff, einer Journalistin, die Ullmann aus seiner Saarbrücker Zeit kannte, an den Spiegel, gedruckt am 12. Mai 1949, datiert seinen Tod ebenfalls auf den 5. Mai („am Donnerstag voriger Woche“) – wozu die Redaktion allerdings anmerkt: „Falls die Meldung stimmt.“ Dasselbe Datum gibt Will Schaber an, der mit zahlreichen Zeitzeugen gesprochen hat, unter anderem mit einer ehemaligen Sekretärin Ullmanns, siehe Der Fall Ullmann – Lherman – Oulmàn. In: Exilforschung 7 (1989): Publizistik im Exil, S. 107–118, hier: S. 117 und 118. Diese vier übereinstimmenden Angaben sprechen deutlich für das angegebene Datum. Das Authority File der Library of Congress gibt abweichend den 14. Mai an, stützt sich dabei aber auf die unzuverlässigen Angaben in Maximilian Alexanders „Dokumentar-Thriller“: Das Chamäleon. Der Mann, der sich Dr. Gaston Oulmàn nannte. Glöss, Hamburg 1978, S. 246 („believed to have died May 14“)., war Regisseur sowie Theatergründer und -macher. Bekannt wurde er des Weiteren als Radiokommentator beim ersten Nürnberger Prozess unter dem Pseudonym Gaston Oulmàn (auch Gaston Oulman bzw. Gaston Oullman).
Ullmann hat sich über seine gesamte Lebenszeit zahlreiche Eigentumsdelikte zuschulden kommen lassen und neigte sehr zur Hochstapelei; auch sein Doktorgrad war lediglich angemaßt. In der Weimarer Republik genoss er unter dem Namen Lherman einen Ruf als „Theaterbesessener“, der zahlreiche Uraufführungen lebender Dramatiker ins Werk setzte, freilich häufig mit ungedeckten Schecks finanziert und gelegentlich auch unter Verletzung der Autorenrechte. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg reüssierte Ullmann als offizieller Radioberichterstatter des Nürnberger Prozesses gegen die Hauptkriegsverbrecher für Radio München unter dem Namen Oulmàn, wiederum mit gefälschtem Lebenslauf und missbräuchlich geführtem Doktorgrad.
Frühe Jahre Walter Ullmann wurde in eine jüdische Familie in Wien geboren. Sein Vater war der Angestellte („Privatbeamte“, wie es damals in Österreich hieß)Nach dem Geburtsregister der Jüdischen Gemeinde, das Karl Corino zitiert. Moritz Ullmann, der vermutlich in einem SpeditionsunternehmenDiese Berufsangabe stammt aus: Will Schaber: Der Fall Ullmann – Lherman – Oulmàn. In: Exilforschung. 7 (1989): Publizistik im Exil, S. 117. tätig war. Seine Mutter hieß Pauline Ullmann. Über Ullmanns Jugendjahre und Ausbildung ist bislang nichts bekannt. Zwar hat er später behauptet, ein Schulfreund von Arnolt Bronnen zu sein, das trifft aber ebenso wenig zu wie seine Behauptung, mit Bertolt Brecht in die Schule gegangen zu sein.
Mit 21 Jahren musste Ullmann Wien verlassen, weil ihm vorgeworfen wurde, einen Bekannten um eine erhebliche Geldsumme betrogen zu haben. Er meldete sich zunächst aus Wien mit Ziel Italien ab, tauchte aber im März 1920 in Rostock auf. Dort ist eine kurzzeitige Haftstrafe gegen ihn wegen Betrugs aktenkundig. In den folgenden Monaten reiste er quer durch Deutschland und wurde in Schongau, Berlin und München wegen Betrugs, Diebstahls und Unterschlagung zu Haftstrafen von einigen Wochen bis zu drei Monaten verurteilt.Die Darstellung der frühen Jahre orientiert sich an Karl Corino: Ein Seelenstück als Hackfleisch. Der „Schwärmer“-Skandal. In: Ders.: Robert Musil. Reinbek 2003 insb. S. 746f. und S. 1686–1689. Die Angaben zu den Urteilen hat Corino (S. 1689) aus einem Auszug aus dem Strafregister bei der Staatsanwaltschaft III, Berlin, vom 17. November 1928 entnommen (Akte F. 3. J. 810.28 [242.28] im Landesarchiv Berlin). Die Einzelheiten zum Zwickauer Prozess zitiert Corino (S. 1688) nach einem Bericht im Zwickauer Tagblatt und Anzeiger vom 23. März 1921. Das Programm des Zyklus neuer Dramatik in Jena gibt er nach der Jenaischen Zeitung vom 25. April 1923 wieder (Corino, S. 1688f.).
Auf das Jahr 1920 datiert auch Lhermans erster bekannter Kontakt mit dem Theater: Er gastierte damals als Mitglied der Varietétruppe Welker in Aue. Alsbald kam er erneut mit dem Gesetz in Konflikt und erhielt im März 1921 vom Amtsgericht Zwickau eine viermonatige Haftstrafe. Bei den Delikten handelte es sich meist um relativ kleine Betrügereien: So lieh er sich in Aue einen Frack, gab ihn aber nicht zurück, sondern machte ihn prompt zu Geld, zudem stahl er aus der Wohnung seines Vermieters Kleidung und weitere Gegenstände.
Als Dr. Jo Lherman In Jena Im Mai 1923 gelang es Ullmann – nun unter dem Namen Lherman – erstmals, als Theatermacher Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Gemeinsam mit dem Leipziger Schauspieler, Regisseur und späteren Theaterleiter Paul Lewitt organisierte er an der „Freien Volksbühne“ im thüringischen Jena einen „Zyklus neuer Dramatik“ mit einer Reihe von Uraufführungen zeitgenössischer Werke, darunter Stücke von August Strindberg, Carl Sternheim, Frank Wedekind und Ernst Toller. Die „Freie Volksbühne“, ein unter anderem von Adolf Reichwein gegründeter eingetragener Verein, gehörte zur sozialistischen Gegenkulturbewegung und verstand sich als „Kulturorganisation des arbeitenden Volkes“.Alexander Abusch: Literatur im Zeitalter des Sozialismus. Berlin (Ost): Aufbau, 1967, S. 89; Eberhart Schulz: Rote Fahnen, braune Hemden. Arbeiterbewegung und Faschismus in Jena 1929 bis 1933. Weimar 2005, S. 16; Birgit Liebold, Margret Franz: Volkshaus Jena. Versuch einer Chronik. Jena/Quedlinburg 2003, S. 25. Die Aufführungen waren zumindest ein Kritikererfolg, denn Alfred Döblin betonte im August 1923 in einem Korrespondentenbericht für das Prager Tagblatt, dass sich Lherman in den letzten Monaten in Thüringen einen Namen gemacht habe, indem er „wahrhaftig Stücke lebender Autoren“ aufführte.Alfred Döblin: Pastor Ephraim Magnus. In: Prager Tagblatt v. 30. August 1923.
Lhermans „Das Theater“ in Berlin Lherman versuchte nunmehr, als Theatermacher in Berlin Fuß zu fassen. Da er keine Theaterkonzession besaß und auch nicht Mitglied des Deutschen Bühnenvereins war, gründete er gemeinsam mit Emil Szittya eine Geschlossene Gesellschaft zur Aufführung von Theaterstücken, die er „Das Theater“ nannte. Zu diesem Zweck mietete er den Schwechtensaal, einen Konzertsaal in der Lützowstraße. Auf ein Stück für eine Uraufführung sprach er Arnolt Bronnen an, der die Bitte brieflich an Bertolt Brecht nach Augsburg weiterleitete. Man einigte sich schließlich auf ein Mysterienspiel von Hans Henny Jahnn, Pastor Ephraim Magnus, das schon allein wegen seiner Länge als unaufführbar galt. Bronnen übernahm die Regie und versicherte sich der Unterstützung Brechts, der nach Bronnens Bericht einen Großteil der erforderlichen Kürzungen vornahm (von sieben auf zwei Stunden Spieldauer).
Am 24. August 1923 gelang es Lherman, Bronnen und Brecht tatsächlich, die Premiere des Stücks zustande zu bringen. Lherman hatte zuvor kräftig die Werbetrommel gerührt, unter anderem mit einem Programmatischen Aufsatz im Berliner Börsen-Courier vom 23. August 1923, dem Hausblatt des bekannten Kritikers Herbert Ihering. Darin bekannte sich Lherman zum modernen Drama und zum „entfesselten Theater“ Alexander Tairows und Konstantin Stanislawskis – und widmete den Aufsatz Brecht, den er „unendlich“ liebe, „weil er mir erklärt hat, er würde vom Tage meines etwaigen Bankrotts an sich mit mir zusammentun“.Zitiert nach Werner Hecht: Brecht-Chronik, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1997, S. 160f. Jahnn, der zu den letzten Proben angereist war, äußerte sich allerdings wenig freundlich über die Bearbeitung: „Ich erkannte mein Stück nicht wieder. Es war leider auch kein Brechtsches Stück daraus geworden. Stundenlange Diskussionen bis zur Feindschaft.“Zitiert nach Werner Hecht: Brecht-Chronik, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1997, S. 160. Auch die Kritik äußerte sich mehrheitlich negativ; immerhin fanden Alfred Döblin im Prager Tagblatt und Fred Hildenbrandt im Berliner Tageblatt ein paar freundliche Worte.Hildenbrandts Kritik erschien im Berliner Tagblatt vom 25. August 1923 (wiedergegeben nach Schaber, S. 197f.), Döblins Rezension im Prager Tagblatt vom 30. August 1923 (wiedergeben nach Corino, S. 747).
Wenige Tage später wurde Lherman verhaftet und sein Theater polizeilich geschlossen. Die Schecks für den Autor und die Kostümbildnerin hatten sich als ungedeckt erwiesen. Die Berliner Schriftstellerin Dinah Nelken dichtete prompt:Dinah Nelken: Die ganze Zeit meines Lebens: Geschichten, Gedichte, Berichte. Berlin (Ost) 1977, S. 38. Uns scheint die ganze Welt verdreht, / denn wir sind die Normalen. Wenn Lhermann vor dem Richter steht, / muß er den Wein bezahlen. Er rettet unsre deutsche Kunst / mit Wein und falschen Schecks, er macht den richtgen blauen Dunst / aus unserm Dichtkomplex.
Arnolt Bronnen führte Lhermans Scheckmanipulationen in seinen Erinnerungen darauf zurück, dass er das Theater durch Devisenspekulation auf die fallende Mark finanziert habe – im Inflationsjahr 1923 eigentlich ein erfolgversprechendes Geschäft, bei dem Lherman aber das Pech gehabt habe, ausgerechnet eine Erholungsphase der Mark zu erwischen. Bereits Anfang September war er wieder frei, da ihm keine betrügerische Absicht unterstellt wurde.Für die Ereignisse um die Uraufführung von Pastor Ephraim Magnus wurden die Darstellungen von Schaber (S. 107f.), Corino (S. 747–749 und S. 1691) und Bronnen benutzt.
Schriftstellerische und journalistische Aktivitäten Durch dieses Fiasko ließ sich Lherman jedoch nicht beirren, zumal er auf diese Weise seinen Bekanntheitsgrad erheblich gesteigert hatte. In den folgenden Jahren trat er mit einer Vielzahl kultureller Aktivitäten an die Öffentlichkeit. Er schrieb Theaterkritiken und Feuilletons für verschiedene Zeitschriften und Zeitungen (unter anderem für Paul Westheims renommiertes Kunstblatt, aber auch für die Westfälischen Neuesten Nachrichten und das Heilbronner Neckar-Echo), war Ende 1924 für die Eröffnungsrede auf einem Brecht-Abend mit dem Rezitator Franz Konrad Hoefert angekündigt und gab gemeinsam mit dem Dramaturgen Walter Gutkelch und Boris Wassermann die kurzlebige Kulturzeitschrift Das Dreieck heraus. Ein Sonderheft dieses Periodikums edierte Lherman Anfang 1925 allein; es enthielt eine „Anthologie unveröffentlichter Gedichte sechzig deutscher Autoren“ unter dem Titel „Die Lyrik der Generation“. Vertreten waren unter anderem Johannes R. Becher, Brecht (dessen Erinnerung an die Marie A. hier zwei Jahre vor ihrem Erscheinen in der Hauspostille gedruckt wurde), Iwan Goll, Hermann Kasack, Klabund, Ernst Toller und Carl Zuckmayer – aber auch Gedichte des Herausgebers selbst, freilich unter dem Namen Walter Ullmann, den niemand mit Lherman in Verbindung brachte.
Lhermans „Junge Generation“ Lherman gelang es daneben, teils in Berlin und teils in verschiedenen Provinzstädten, eine ganze Reihe von Uraufführungen lebender Autoren in Szene zu setzen, wobei er nunmehr meist als Regisseur zeichnete. Ende 1925 gründete er in Berlin die „Junge Generation“, eine freie Theatergruppe ohne feste Spielstätte, deren Aufführungen aus Geldmangel meist als Matineeveranstaltungen in angemieteten Theatern stattfanden.