mini|hochkant|Fassade der CasaPound (2010), mit dem Schriftzug in Marmorlettern, der 2019 entfernt werden mussteLa Repubblica, Artikel vom 7. August 2019

CasaPound Italia (kurz CPI) ist eine italienische neofaschistische Bewegung und ehemalige Partei, die sich als nationalistisch und sozial versteht. Sie hat seit 2003 ihr Hauptquartier in einem besetzten Gebäude im XV. Rione. Der Name bezieht sich auf den amerikanischen Schriftsteller Ezra Pound, einen Anhänger Mussolinis. Die Bewegung hat nach eigenen Angaben derzeit ca. 20.000 Mitglieder (2017), die sich „Faschisten des dritten Jahrtausends“ nennen. CasaPound pflegt enge Kontakte zur rechtsextremen Szene in Europa und hat für viele Aktivisten Vorbildcharakter. Am 26. Juni 2019 gab der Parteivorsitzende Gianluca Iannone bekannt, dass sich die CasaPound in Form einer politischen Partei auflöst und zu ihrem ursprünglichen Status als soziale Bewegung zurückkehrt.Casapound, Iannone: "Finita esperienza di partito, torniamo movimento". In: repubblica.it. 27. Juni 2019, abgerufen am 9. Februar 2020 (italienisch).

Geschichte Die Ursprünge von CasaPound reichen in das Jahr 2003 zurück, als nach Angaben der Bewegung ein leerstehendes Gebäude im römischen Migrantenquartier Esquilino in der Nähe des Bahnhofs Roma Termini wegen der hohen Mieten, wie es hieß, besetzt wurde. An der Aktion waren Personen der Gruppierungen Movimento Politico Occidentale, Meridiano Zero und Fiamma Tricolore beteiligt, allesamt Vertreter der äußersten Rechten in Italien. Man benannte das sechsstöckige Mietshaus in der Via Napoleone III nach dem antisemitischen, antiamerikanischen und rassistischen Dichter Ezra Pound,Jan-Christoph Kitzler: Italien: Casa Pound – Faschismus für das 3. Jahrtausend?. Dossier Rechtsextremismus, Bundeszentrale für politische Bildung, 24. März 2014. einem Anhänger Mussolinis. Das Gebäude ist heute innen geprägt von faschistischen Parolen und Bildern. Außerdem leben mehrere Familien dort.Giulia Basile: Mussolinis Enkel – "Casa Pounds" rechte Jugendzentren in Italien. Kulturzeit (3sat), 7. März 2011. Damals an der Aktion beteiligt war auch der derzeit amtierende Präsident der CasaPound, Gianluca Iannone. Er war zuvor als neofaschistischer Aktivist und Skinhead aktiv gewesen. Seine Intention war es, den durch radikale Linke besetzten Centri Sociali etwas entgegenzusetzen. Anleihen nahm er auch bei der globalisierungskritischen Bewegung Disobbedienti.

Nachdem CasaPound von der Partei Fiamma Tricolore ausgeschlossen worden war, was auf interne Streitigkeiten zurückzuführen war, baute sie ihre eigenen Strukturen auf. Dazu wurden ab 2004/05Martin Langebach, Andreas Speit: Europas radikale Rechte. Bewegungen und Parteien auf Straßen und in Parlamenten. Orell Füssli, Zürich 2013, ISBN 978-3-280-05483-3, S. 151. weitere Räumlichkeiten in der Hauptstadt besetzt, darunter auch Lokalitäten und Buchhandlungen (angeboten werden u. a. faschistische, geschichtsrevisionistische, NS-verherrlichende Schriften), wie 2008 den außer Dienst gestellten Bahnhaltepunkt Olimpico-Farnesina. In der Folge dehnte CasaPound ihren Wirkbereich auf andere Städte Italiens bis nach Sizilien aus. Gegenwärtig hat sie 13 regionale Organisationen an ca. 50 Standorten des Landes. 2006 wurde eine Schüler- und Studentenorganisation namens Blocco Studentesco gegründet, die ebenfalls überregional agiert. CasaPound formierte eigene Print- und Rundfunkformate und ist mittlerweile stark in den Sozialen Netzwerken vertreten.Koch (2013), S. 19. 2012 demonstrierten in Rom ca. 6.000 Anhänger der CasaPound gegen Banken und Regierung.

2012 erhielt sie den Status einer Partei. An den Parlamentswahlen in Italien 2013 nahm CasaPound Italia mit Simone di Stefano als Spitzenkandidat teil. Obwohl CasaPound durchaus kommunalpolitisch Mandatsträger aufweisen kann – man trat 2010 auf offenen Listen der Il Popolo della Libertà (PDL) von Silvio Berlusconi anMartin Langebach, Andreas Speit: Europas radikale Rechte. Bewegungen und Parteien auf Straßen und in Parlamenten. Orell Füssli, Zürich 2013, ISBN 978-3-280-05483-3, S. 165. –, ist es ihr bisher nicht gelungen, landesweit Fuß zu fassen. Die besten Ergebnisse erreichte sie in Latium (0,79 Prozent) und in Bozen (1,7 Prozent). Kommunalpolitisch kam sie im selben Jahr auf lediglich 0,61 Prozent und blieb damit hinter den selbstgesteckten Erwartungen zurück. Sie wurde im rechtsextremen Milieu von der Fratelli d’Italia – Alleanza Nazionale und La Destra auf die Plätze verwiesen. Bei den Parlamentswahlen in Italien 2018 erreichte CasaPound 0,95 % der Stimmen, bei der Landtagswahl in Südtirol 2018 0,9 %.

CasaPound hat mittlerweile den Status der Gemeinnützigkeit und kann sich so über Spenden finanzieren. Nach eigenen Angaben sind heute (2017) über 20.000 Personen Mitglied bei CasaPound.

Kulturkampf mini|Demonstration der Bewegung CasaPound in Neapel (2012) Vertreter der CasaPound bezeichnen sich in Abgrenzung zur etablierten Rechten selbst als „Faschisten des dritten Jahrtausends“. Alte Versatzstücke werden modelliert und neu gestaltet. Man versucht den Faschismus als Lebensstil anzupreisen und besetzt dabei bewusst auch eher linke Themen. Es wird eine Art „Kulturkampf von rechts“ betrieben. Dabei orientiert sich die Bewegung an der französischen Nouvelle Droite. Bekämpft werden die Werte der Moderne, die auf die Französische Revolution zurückgehen.

Als Signet wählte sie eine stilisierteMartin Langebach, Andreas Speit: Europas radikale Rechte. Bewegungen und Parteien auf Straßen und in Parlamenten. Orell Füssli, Zürich 2013, ISBN 978-3-280-05483-3, S. 150. schwarz-weiße Schildkröte („Tartaruga“) mit einem achteckigen Panzer. Ein Buch des neofaschistischen Theoretikers Gabriele Adinolfi, ehemals Rechtsterrorist, sollte als Vorlage dienen. CasaPound gibt für das Oktogon aus Öffentlichkeitsgründen verschiedene Interpretationsansätze an. Koch bewertet dies als „Segeln unter einer falschen Flagge“.

CasaPound erinnert in ihrem Auftreten einerseits an das Imperium Romanum und das Mussolini-Stadtviertel Esposizione Universale di Roma. Man verwerte den einst avantgardistischen Futurismus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, dessen Begründer F. T. Marinetti ein Weggefährte Mussolinis war. Der „Turbodynamismus“ der Bewegung – eine Art Synthese von Politik und ästhetischer Gewalt – spare allerdings die „reflexiven Momente“ aus und beschränke sich „auf eine habituelle Kopie“, so Weiß.Volker Weiß: Neofaschismus in Italien. Popkulturell anschlussfähig. In: Frankfurter Rundschau, 3. November 2010.

Andererseits versucht man den Symbolwert der 68er-Bewegung zu vereinnahmen. CasaPound instrumentalisiert Namen und Bilder von Persönlichkeiten aus dem Kultur- und Politikbereich wie Jack Kerouac, Giuseppe Impastato, Rino Gaetano, Carmelo Bene, Bobby Sands, Che Guevara, Edén Pastora Gómez und Subcomandante Marcos. Ferner nimmt die Bewegung Anleihen aus der Popkultur (Comics, Romane, Filme, Anime usw.). Dort gehe es oft um „Kämpfer, die außerhalb des Gesetzes und der bestehenden Moral stehen“. Sehr beliebt sind bestimmte Filme wie zum Beispiel Sie leben von John Carpenter, 300 von Zack Snyder und Fight Club von David Fincher. Nicht zuletzt benutzt man alternative Jugendkultur (Hip-Hop, Streetart u. a.) für die eigenen Zwecke. Es finden gar eigene Wettbewerbe statt. Auf dem Weblog Zentropa, das zum Netzwerk von CasaPound gehört, werden einschlägige – in rechtsextremen Kreisen verbreitete – Marken wie Thor Steinar und Erik and Sons beworben.

Größere Bedeutung im Musikbereich hat der italienische Rechtsrock. Als offizielle Band von CasaPound fungiert ZetaZeroAlfa, deren Sänger der Präsident Iannone ist.

Ideologie

CasaPound behauptet, die Links-Rechts-Dichotomie des politischen Systems durch eine Neuinterpretation des Faschismus überwinden zu wollen. Die Gruppe selbst verortet sich als ‚extrem-obere Mitte‘, auch als die faschistische Dritte Position bekannt.

Wirtschaftspolitisch kritisiert die Bewegung sowohl den Kapitalismus als auch den Marxismus. Sozial- und innenpolitisch positioniert sich CasaPound klar gegen Immigration, ist aber in anderen Teilbereichen sehr heterogen. Während einige Mitglieder konservative Werte vertreten und die traditionelle Familienidee unterstützen, äußerte sich die Bewegung positiv zu gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften und sprach sich als Partei für Abtreibungsrechte aus. Im Internet äußerten sich Mitglieder von CasaPound antisemitisch und fremdenfeindlich, wovon sich CasaPound offiziell distanzierte.

CasaPound ist EU-kritisch und unterstützt die Idee eines kommunitär-nationalistischen Europas. Ursprünglich war die Gruppe antiamerikanisch sowie antizionistisch und arbeitete ab 2015 mit der libanesischen islamistischen Hisbollah-Partei zusammen. In den darauffolgenden Jahren vertrat Di Stefano, der damalige Vorsitzende von CasaPound, eine israelfreundliche Position und äußerte sich positiv zur israelischen Migrationspolitik. Nach seiner Ablösung als Vorsitzender nahm CasaPound wieder eine stark pro-palästinensische Position ein.

Ursprünglich war die Bewegung russlandfreundlich eingestellt, begann aber nach dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine die Ukraine zu unterstützen.

Blocco Studentesco mini|Logo des Blocco Studentesco Um Interessenten leichter an die faschistische Ideologie heranführen zu können, gründete CasaPound 2006 eine Schüler- und Studentenorganisation, den Blocco Studentesco. Dieser nimmt auch an entsprechenden Wahlen teil, so zog er 2009 erfolgreich mit 100 Vertretern in die Schülerparlamente ein. Sein Logo zeigt einen weißen Blitz mit Kreis auf schwarzem Grund; es orientiert sich an der Fahne der British Union of Fascists von Oswald Mosley aus den 1930er Jahren.

Demonstrationen und Umzüge sind eine gängige Aktionsform unter den Heranwachsenden der Bewegung. Es werden Veranstaltungen wie Flashmobs, Hard Bass und Happenings organisiert, die dann über Youtube und andere soziale Medien abrufbar gemacht werden.

Die Jugendorganisation tritt mitunter überaus aggressiv auf, so kam es 2008 auf der Piazza Navona in Rom zu einer Straßenschlacht zwischen bewaffneten Faschisten und linken Studenten. Der öffentliche Widerstand ist allerdings im Vergleich zu den europäischen Nachbarn marginal.

Aktivitäten CasaPound hat den Anspruch, eine nationalistische und soziale Einrichtung zu sein.Volker Weiß: Verstaltungsungstipp zur Casa Pound. publikative.org, 3. Mai 2013. Insbesondere Wohnraum soll nach dem Konzept Mutuo Sociale bezahlbar bleiben. Dabei orientiert sie sich am Manifest von Verona, dem Gründungsdokument der faschistischen Italienischen Sozialrepublik der 1940er Jahre.Martin Langebach, Andreas Speit: Europas radikale Rechte. Bewegungen und Parteien auf Straßen und in Parlamenten. Orell Füssli, Zürich 2013, ISBN 978-3-280-05483-3, S. 152. Die Bewegung hat sich Sport-, Kultur- und Sozialangebote auf die Fahnen geschrieben. Diese Angebote orientieren sich an Mussolinis Opera Nazionale Dopolavoro (vgl. Kraft durch Freude der Nationalsozialisten) mit dem Ziel, letztlich „Raum- und Deutungshoheit“ zu erlangen. So werden etwa Eishockey, Bergwanderungen und Kampfsportarten angeboten. Auch habe man gute Kontakte in die Fußballszene und beeinflusst die dortige Ultra-Bewegung.Alberto Testa, Gary Armstrong: Football, Fascism and Fandom. The UltraS of Italian Football. A&C Black, London 2010, ISBN 978-1-4081-2371-3, S. 91. 2013 organisierte CasaPound gemeinsam mit der russischen Organisation White Rex des Rechtsextremisten Denis Nikitin ein „Nationales Kampfsportturnier“ in Rom, unter den Anwesenden waren Neonazis wie Andy Knape, Bundesvorsitzender der Jungen Nationaldemokraten, und Rechtsrockbands.Johannes Radke: Kampfsport, Runen, Rassenhass. Dossier Rechtsextremismus, Bundeszentrale für politische Bildung, 14. Januar 2014.