Rudolf Gottlieb (* 1. September 1864 in Wien; † 31. Oktober 1924 in Heidelberg) war ein deutscher Arzt und Pharmakologe. Wesentliche Quelle zur Kenntnis seines Lebens und Werks ist der Nachruf seines Lehrers Hans Horst Meyer, der ihn, obwohl elf Jahre älter, um fünfzehn Jahre überlebte. mini|Pharmakologen vor dem Straßburger Institut 1908. Im Zentrum Oswald Schmiedeberg. Rudolf Gottlieb Dritter von rechts. Hans Horst Meyer vor unterster Stufe, Dritter von links.
Leben Gottliebs Eltern waren der Kaufmann Julius Gottlieb und seine Frau Josefine geb. Landauer. Rudolf studierte in Wien Medizin und wurde 1887 zum Dr. med. promoviert; dazu bedurfte es in Österreich keiner Dissertation. Als klinischer Assistent erkannte er seine Vorliebe für die Theorie und besuchte zu weiterer Ausbildung das Wiener „Laboratorium für angewandte medicinische Chemie“ des Chemikers Ernst Ludwig (1842–1915). Dort entstanden seine „Beiträge zur Kenntniss der Eisenausscheidung durch den Harn“. Nach Aufenthalten bei Paul Ehrlich in Berlin und Carl Weigert in Frankfurt am Main begab er sich 1889 in das zwei Jahre zuvor eröffnete Pharmakologische Institut von Oswald Schmiedeberg in Straßburg, das, wie er in einem Nachruf auf Schmiedeberg schrieb, „eine mächtige Anziehungskraft auf die deutsche Jugend ausübte“.Kipnis. Hier fand er einen Kreis wenig älterer begabter Kollegen wie Heinrich Dreser, später Laborleiter bei der Bayer AG und Miterfinder des Aspirins, Carl Jacobj, später Lehrstuhlinhaber in Göttingen und Tübingen, Hans Horst Meyer, später Lehrstuhlinhaber in Dorpat, dem heutigen Tartu, Marburg und Wien, Poul Edvard Poulsson (1858–1935), später Lehrstuhlinhaber an der Universität Oslo, und Waldemar von Schroeder (1850–1898), später Lehrstuhlinhaber in Heidelberg. 1890 wechselte er zu Hans Horst Meyer nach Marburg, 1891 zu Waldemar von Schroeder nach Heidelberg, der soeben sein neues Institut im Friedrichsbau bezogen hatte. Dort habilitierte er sich 1892 mit der Arbeit „Studien über die Wirkung des Pikrotoxins“. Im selben Jahr konvertierte er vom jüdischen Glauben zur evangelischen Konfession, und ein Jahr später heiratete er die Tochter des Heidelberger Physiologen Wilhelm Kühne Susette Elisabeth Helene, mit der er zwei Kinder hatte. Rufe auf Lehrstühle in Innsbruck und Prag lehnte er ab. Als von Schroeder 1898 unerwartet starb, wurde er dessen Nachfolger. Für zwei Amtsperioden war er Dekan der Medizinischen Fakultät, für eine Amtsperiode, 1913/14, Prorektor der Universität – als Rektor galt der badische Großherzog. Der Tod kam für seine Familie, Freunde und Schüler „zu früh, jedoch nicht unerwartet, nachdem das letzte Jahr seines Lebens von schwerem Leiden überschattet war.“Janssen 1964.
Forschung Meyer zählt in seinem Nachruf 58 Publikationen mit Gottlieb als Autor oder Koautor auf, dazu 169 Publikationen seiner Assistenten und Schüler ohne seinen Namen, „zumeist von ihm angeregt oder eingegeben, sämtlich aber unter seiner geistigen insbesondere auch kritischen Beteiligung zustande gekommen.“Meyer 1925, S. III.
Eisen In seiner Dissertation hatte Gottlieb gefunden, dass orale Einnahme von Eisen die Ausscheidung von Eisen im Harn nicht erhöhte. Folgerichtig beginnt seine zweite Arbeit zum Thema:R. Gottlieb: Über die Ausscheidungsverhältnisse des Eisens In: Zeitschrift für physiologische Chemie 15, S. 371–386, 1891. „Die Frage nach der Resorbirbarkeit der Eisensalze ist trotz ihrer hohen therapeutischen Bedeutung noch heute unentschieden.“ Er wies nach, dass intravenös oder subkutan injiziertes Eisen im Tierversuch zu 60 bis 90 % im Stuhl ausgeschieden wurde. Die „grundlegenden Arbeiten“ galten später als Mahnung zur Vorsicht bei Resorptions- und Bilanzexperimenten, weil nämlich „bereits resorbiert gewesenes Eisen wiederum in den Darm zur Ausscheidung gelangt“.E. Starkenstein: Eisen. In: A. Heffter und W. Heubner (Hrsg.): Handbuch der experimentellen Pharmakologie. Dritter Band, 2. Teil, S. 682–1286, hier S. 843–845. Verlag von Julius Springer, Berlin 1934.
Krampfgifte Picrotoxin löst Krämpfe ähnlich einem tonisch-klonischen epileptischen Anfall aus. Nach Gottliebs Habilitationsschrift wirkt es dabei sowohl über Angriffspunkte im Rückenmark als auch über Angriffspunkte in der Medulla oblongata. Campher löste Krämpfe über Angriffspunkte im gesamten Zentralnervensystem aus. 1923 hat Gottlieb das Wissen über die Pharmakologie des Camphers in einem Handbuchbeitrag zusammengetragen.R. Gottlieb: Die Camphergruppe. In: A. Heffter (Hrsg.): Handbuch der experimentellen Pharmakologie. Erster Band, S. 1147–1198. Verlag von Julius Springer, Berlin 1923. Campher war damals ein wichtiger Arzneistoff. Gottlieb und Hans Horst Meyer schrieben in ihrem Lehrbuch (s. u.; hier nach der 7. Auflage, der letzten von Gottlieb mitverfassten):Hans H. Meyer und R. Gotlieb: Die experimentelle Pharmakologie als Grundlage der Arzneibehandlung. Siebente Auflage. Urban & Schwarzenberg, Berlin und Wien 1925, S. 30, 31 und 318. „Die durch hohe Dosen von Campher an Warmblütern ausgelösten Krämpfe ... gehen von der Großhirnrinde aus. ... Die therapeutische Bedeutung der centralen Campherwirkungen beruht darauf, daß schon geringere als die krampfmachenden Gaben lebenswichtige Funktionen des Großhirns und der Medulla oblongata anregen. ... Die Indikation zur Anwendung dieser das Centralnervensystem erregenden Substanzen ist in allen akuten Lähmungszuständen gegeben, die durch ein Darniederliegen der lebenswichtigen Funktionen, der Atmungs- und Gefäßnervencentren, charakterisiert sind.“ Daneben sollte Campher auch direkt auf ein geschädigtes Herz wirken: „Bei der therapeutischen Anwendung zur Belebung des Kreislaufs in der Agone, wenn die Reizerzeugung im Herzen zu erlöschen droht, haben wir den Campher jedenfalls in erster Linie als Herzmittel zu betrachten.“ Mit Werner Schulemann, dem Leiter des Pharmakologischen Laboratoriums der Bayer AG, damals Farbenfabriken vorm. Friedrich Bayer & Co., entwickelte Gottlieb einen besser wasserlöslichen Campherabkömmling, der als Hexeton® in den Handel kam. Kliniker empfahlen ihn „warm“. Unter Gottliebs fortwirkendem Einfluss führte sein Schüler Fritz Hildebrandt (1887–1961) 1926 in Zusammenarbeit mit der Firma Knoll AG in Ludwigshafen am Rhein das ähnlich wirkende Pentetrazol (Cardiazol®) ein. Heute sind diese auch „Analeptika“ genannten Substanzen zwar für die Epilepsieforschung wichtig, als Arzneistoffe aber obsolet.T. J. Feuerstein: Antikonvulsiva, Konvulsiva – Pharmakotherapie der Epilepsien. In: K. Aktories, U. Förstermann, F. Hofmann und K. Starke: Allgemeine und spezielle Pharmakologie und Toxikologie. 10. Auflage, München, Elsevier GmbH 2009, S. 283–293. ISBN 978-3-437-42522-6 Schon Mitte der 1930er Jahre äußerte sich der Pharmakologe Otto Krayer ironisch über „die Zeit, als keinem Patienten vor Gabe eines Analeptikums zu sterben erlaubt war. In Frankreich war es huile camphrée, in England Strychnin und in Deutschland Cardiazol.“
Coffein und Theobromin Mitte der 1890er Jahre wurde die Struktur der Methylxanthine Coffein, Theobromin und Theophyllin definitiv bestimmt. Wohl dadurch angeregt, dazu durch das Interesse Waldemar von Schroeders an der harntreibenden Wirkung des Coffeins, wandte sich Gottlieb dem Schicksal des Coffeins und Theobromins im Körper zu. Die Versuche führten „zu einem völlig unerwarteten Resultate“, nämlich dass ein großer Teil der beiden Stoffe demethyliert wurde. Demethylierungsprodukt war das Monomethylxanthin „Heteroxanthin“, 7-Methylxanthin. Zum selben Ergebnis kam gleichzeitig und unabhängig ein Forscher am Pharmakologischen Institut Straßburg. So wurde eine der praktisch wichtigsten Fremdstoff-Biotransformationen entdeckt.M. J. Arnaud: Products of metabolism of caffeine. In: P. B: Dews (Hrsg.): Caffeine. Perspectives from Recent Research. Springer-Verlag, Berlin 1984. ISBN 3-540-13532-4, S. 3–38.K. Starke: Methylxanthine. In: K. Aktories, U. Förstermann, F. Hofmann und K. Starke: Allgemeine und spezielle Pharmakologie und Toxikologie. 10. Auflage, München, Elsevier GmbH 2009, S. 174–178. ISBN 978-3-437-42522-6
Adrenalin Die 1894er Entdeckung von George Oliver und Edward Albert Schäfer in London, dass Extrakte des Nebennierenmarks den Blutdruck enorm steigerten,G. Oliver und E. A. Schäfer: On the physiological action of extract of the suprarenal capsules. In: The Journal of Physiology 16, S I–IV, 1894. .George Oliver und E. A. Schäfer: The physiological effects of extracts of the surparenal capsuls. In: The Journal of Physiology 18, S. 230–276, 1895. löste eine Flut von Forschung aus, besonders als man erkannte, dass die Extrakte ähnlich wirkten wie eine Reizung sympathischer Nerven. Auf der ersten Seite der Publikation, rechte Kolumne, zweite Zeile, steht statt „Nebennierenmark-Extrakt“ falsch „Nebennierenrinden-Extrakt.“ Gottlieb trug zu diesen frühen Ergebnissen – noch bevor von 1901 bis 1904 das Nebennierenmarkshormon Adrenalin rein dargestellt, in seiner Struktur aufgeklärt, chemisch synthetisiert und „Adrenalin“ oder „Epinephrin“ genannt worden war – dreifach bei. Schon 1896 bestätigte er die Ansicht von Oliver und Schäfer, dass die Extrakte direkt auf die Blutgefäße und das Herz wirkten und nicht, wie auch behauptet worden war, primär auf kreislaufsteuernde Nervenzellen im Gehirn. Zweitens wies er, unter anderem an isolierten Herzen, nach, dass die Wirkung auf das Herz unabhängig von der Gefäßwirkung war. Er irrte, als er vermutete, „im Gegensatz zu der musculären Theorie von Oliver und Schäfer [sei] die Blutdrucksteigerung ... zurückzuführen auf eine specifische Einwirkung des Giftes auf die Erregbarkeit intracardialer motorischer Ganglien und jener peripheren Gefässganglien, welche die Gefässweite beherrschen“. Mit „Ganglien“ waren Nervenzellen gemeint; de facto greift Adrenalin direkt an den Herz- und Gefäßmuskelzellen an. Drittens regte Gottlieb seine Mitarbeiter zur Entwicklung empfindlicher und spezifischer biologischer Analysemethoden, „Bioassays“, an mit dem Ziel, Adrenalin im Blut zu quantifizieren. Chemische Analysemethoden waren zu unempfindlich. Als Hormon im damaligen Sinn – von einer endokrinen Drüse zur Steuerung anderer Organe ins Blut abgegebener Stoff – sollte Adrenalin ja im Blut vorkommen.
Adrenalin erweitert die Pupille. Unter Nutzung dieser Reaktion als „Bioassay“ ließ sich in Gottliebs Laboratorium in der Tat „Adrenalin“ – genauer gesagt ein wie Adrenalin wirkender Stoff – im Blut der Nebennierenvenen von Kaninchen nachweisen, nicht aber im venösen Mischblut aus dem ganzen Körper der Tiere. „Es ist also bewiesen, daß Adrenalin sich als ein physiologisches Sekret der Nebennieren in den Kreislauf ergießt.“ Mit der Kontraktion von Muskelstreifen des Uterus von Kaninchen und mit der Kontraktion von Blutgefäßen von Fröschen als „Bioassay“ dagegen wurde „Adrenalin“ auch im venösen Mischblut gefunden. Die Befunde widersprachen sich also. ’