Brandstifter (im amerikanischen Original Barn Burning) ist eine Kurzgeschichte des amerikanischen Schriftstellers William Faulkner, die erstmals im Juni 1939 im Harper’s Magazine erschien und im selben Jahr mit dem O. Henry Award für die beste Kurzgeschichte des Jahres ausgezeichnet wurde.
Sie handelt von Klassen- sowie Loyalitätskonflikten und kann als Prolog zu jenen drei Romanen gesehen werden, die als Snopes-Trilogie bekannt sind.
Handlung Die Kurzgeschichte beginnt mit dem zehnjährigen Colonel Sartoris „Sarty“ Snopes, der einer Gerichtsverhandlung beiwohnt. Sein Vater Abner Snopes wird beschuldigt, die Scheune seines Landherren, Mr. Harris, in Brand gesteckt zu haben. Der junge Sarty, der von der Schuld seines Vaters weiß, wird aufgerufen auszusagen und bringt die Unschuldsbekundungen für seinen Vater nur schwer über die Lippen. Dennoch kommt es aufgrund mangelnder Beweise nicht zu einem Schuldspruch, Abner Snopes soll lediglich die Stadt verlassen.
Die Familie ist auf den Umzug bereits vorbereitet und bricht unverzüglich auf. Neben Abner und Sarty reisen Lennie (Abners Frau und Sartys Mutter) und deren unverheiratete Schwester Lizzie mit. Abner stellt seinen Sohn wegen der Szene im Gericht zur Rede und fordert ihn zu absoluter Loyalität auf. Er schlägt ihn während der Ansprache; Sarty selbst ist vom neuen Heim im Yoknapatawpha County beeindruckt und spekuliert darauf, dass es seinem Vater ebenso geht. Er hofft, dass dieser sesshaft wird und mit seiner Lage zufrieden ist.
Bei einem Besuch bei Abners neuem Arbeitgeber Major de Spain beschmutzt Abner jedoch einen teuren Teppich, weil er sich auf der Matte nicht die Schuhe abputzt. Darüber hinaus verängstigt Abner die Bewohner, die ihn darauf hinweisen, dass de Spain nicht zu Hause ist. Erst nach wiederholter Aufforderung verlässt Abner das Haus. Der unerwünschte Auftritt hat Folgen. Major de Spain erscheint persönlich bei Abner mit dem Teppich und verlangt, dass er ihn reinigt. Statt auf die Frauen zu hören, die den Teppich für ihn säubern wollen, benutzt Abner Feldsteine sowie eine Laugenseife für die Reinigung und hinterlässt den ruinierten Teppich auf der Veranda.
De Spain konfrontiert Abner damit, dass er den Teppich unwiederbringlich zerstört habe, und verlangt zwanzig Bushel Mais als Wiedergutmachung. Abner klagt dagegen vor Gericht; dort gibt man jedoch de Spain Recht, auch wenn der Schadensersatz auf zehn Bushel heruntergesetzt wird. Abner Snopes fühlt sich erneut falsch behandelt und trifft gegen alle Proteste der Frauen Vorbereitungen, de Spains Scheune niederzubrennen.
Sarty will das nicht zulassen und kämpft sich von den Frauen frei, die ihn zurückhalten wollen. Sarty läuft zur Farm und warnt Major de Spain mit Satzfragmenten, die überwiegend nur das Wort „Scheune“ (barn im Original) enthalten. Anschließend läuft Sarty die Straße hinunter und verlässt somit seine Familie. Zuvor hört er noch, dass drei Schüsse fallen. Er trauert innerlich in dem Glauben, sein Vater sei getroffen worden.
Entstehung und Werkzusammenhang Brandstifter entstand 1939 während der Arbeiten am Roman Das Dorf und war ursprünglich als Prolog für dieses Werk gedacht.The Hamlet, William Faulkner, Editor’s Note, Seite 408, Vintage International, Random House Inc., Oktober 1991 Faulkner entschied sich jedoch um und veröffentlichte den Text eigenständig im Juni 1939 im Harper’s Magazine.
Stofflich erweitert Faulkner in dieser späten Erzählung seine früheren Kurzgeschichten Dry September und That Evening Sun um den Hintergrund der Auseinandersetzung zwischen dem „armen landlosen Weißen“ und den Vertretern der Südstaaten-Aristokratie. Zugleich steht erzähltechnisch die Dramatisierung des inneren Konfliktes im Bewusstsein eines kindlichen Protagonisten im Vordergrund, der sich von der Autorität seines Vaters lösen muss, um seine eigene Integrität zu bewahren. So fühlt der zehnjährige Sarty sich einerseits innerlich eng mit seinem Vater verbunden, andererseits muss er diesen gleichzeitig wegen seines skrupellosen, gewaltsamen Verhaltens und seiner amoralischen Weltsicht ablehnen. Thematisch berührt Barn Burning damit einige der zuvor veröffentlichten Romane Faulkners, in denen sich jugendliche Helden wie beispielsweise Quentin Compson in Schall und Wahn oder der junge Bayard Sartoris in Sartoris von dem Einfluss ihrer Väter lösen müssen, um ihre eigene Persönlichkeit entfalten zu können. Anders als in den weit ausholenden Romanen umfasst das Geschehen hier jedoch nur eine kurze Zeitspanne von sechs Tagen und wird in einem Erzählstrang linear in chronologischer Abfolge auf eine Entscheidungssituation hin erzählt, die zugleich den Höhepunkt und das Ende der Geschichte bildet. Das zugrundeliegende zeitliche Gliederungsprinzip, nach dem eine Phasenbildung nach Tageseinheiten erfolgt, sorgt dabei für eine besonders klare Handlungsstrukturierung mit einem deutlichen Wechsel von Spannung und Entspannung und erzeugt am Schluss den Eindruck einer zwangsläufigen Notwendigkeit in dem sich stets beschleunigenden Ablauf des Geschehens und der Ereignisse.Vgl. Gisela Hoffmann: Faulkner ·Barn Burning. In: Karl Heinz Göller et al. (Hrsg.): Die amerikanische Kurzgeschichte. August Bagel Verlag, Düsseldorf 1972, ISBN 3-513-02212-3, S. 258 f.
In seinem Bemühen, seine komplexen thematischen Vorstellungen von der Natur und dem Wesen des Menschen in einer immer wieder variierter Sprachgestaltung sowie Verbindung direkter und indirekter Ausdrucksmittel in eine angemessene Form zu kleiden, entwickelt Faulkner nicht nur in seinen Romanen, sondern ebenso in seinen Kurzgeschichten erzähltechnisch durchaus unterschiedliche Strukturformen. Diese finden ihren Niederschlag etwa in der komplementären Gestaltung zweier Erzähl- und Handlungsstränge in Dry September und der äußerst zentrierten Struktur von That Evening Sun. Während Faulkner in That Evening Sun erzählperspektivisch überwiegend auf die Form einer distanzierten Ich-Erzählung Quentin Compsons zurückgreift, wählt er in Barn Burning eine weitgehend personale Erzählweise, die allerdings auf das Bewusstsein der Hauptfigur konzentriert ist. Auffällig ist in allen drei der hier erwähnten Kurzgeschichten die vielfältige Nutzung und Gestaltung eines bildhaft-symbolischen frozen moments (deutsch: „erstarrte Bewegung“ oder auch Tableau) als bestimmendes Schlussmoment der Erzählungen.
Der stetige Rückgriff auf Stoffe, Gestalten und Werte des amerikanischen Südens, die das eigentliche Zentrum seines literarischen Schaffens bilden, verbindet Faulkner nicht nur in den wesentlichen Aspekten seines Welt- und Menschenbildes, sondern zugleich in seiner symbolischen Sicht- und Ausdrucksweise ebenso mit den bedeutendsten Schriftstellern und Dichtern der amerikanischen Literatur, vor allem Hawthorne und Melville.Vgl. Gisela Hoffmann: Faulkner ·Barn Burning. In: Karl Heinz Göller et al. (Hrsg.): Die amerikanische Kurzgeschichte. August Bagel Verlag, Düsseldorf 1972, ISBN 3-513-02212-3, S. 264.
In der deutschen Nachkriegsliteratur nimmt Siegfried Lenz in seinem 1968 veröffentlichten Roman Deutschstunde zentrale Motive aus Faulkners Kurzgeschichte auf. Auch Lenz’ Figur des Siggi Jepsen befindet sich in einer extremen Situation, in der er zwischen der Loyalität zu seinem brandstiftenden Vater und seinem eigenen Rechts- und Moralempfinden hin- und hergerissen wird. Lenz versucht in seinem Roman den bei Faulkner zuvor angelegten Vater-Sohn-Konflikt auf eine spezifisch deutsche Generationserfahrung zu übertragen.Vgl. Ute Müller: William Faulkner und die Deutsche Nachkriegsliteratur. Königshausen und Neumann, Würzburg 2005, ISBN 978-3-8260-2970-7, S. 203 ff.
Perspektive und erzähltechnische Gestaltung Die Ereignisse in Barn Burning werden weitgehend so geschildert, wie sie sich in den Wahrnehmungen und Empfindungen des kindlichen Protagonisten spiegeln. Damit rückt die Dramatik des inneren Konfliktes in der Psyche des zehnjährigen Colonel Sartoris Snopes in den Vordergrund, während die Figur seines Vaters, des Brandstifters Abner Snopes, aufgrund einer fehlenden Innenschau demgegenüber umso unheimlicher und unverständlicher wirkt.Vgl. Gisela Hoffmann: Faulkner ·Barn Burning. In: Karl Heinz Göller et al. (Hrsg.): Die amerikanische Kurzgeschichte. August Bagel Verlag, Düsseldorf 1972, ISBN 3-513-02212-3, S. 266 f.
Allerdings wählt Faulkner erzähltechnisch nicht die Form einer Ich-Erzählung, die angesichts des begrenzten Erfahrungshorizontes und Sprachschatzes eines Zehnjährigen zwangsläufig sehr eingeschränkt wäre, sondern führt als Erzählfigur eine wissende dritte Person ein, die einen umfassenden Einblick in das kindliche Bewusstsein hat. Auf diese Weise wird das Kind zwar zum Subjekt, das die äußeren Eindrücke aufnimmt, ist jedoch zugleich Objekt der Beschreibung des Erzählers, der dem Leser gegenüber die Wahrnehmungen und die Vorgänge im Bewusstsein des zehnjährigen Protagonisten analysieren und erläutern kann. Der Erzähler kann ebenfalls statt der beschränkten Ausdrucksfähigkeit eines Kindes eine äußerst differenzierte Erzählsprache verwenden, ohne an Glaubwürdigkeit zu verlieren.Vgl. Peter Nicolaisen: Hemingways “My Old Man” und Faulkners “Barn Burning”: Ein Vergleich. In: Paul Gerhard Buchloh et al. (Hrsg.): Amerikanische Erzählungen von Hawthorne bis Salinger · Interpretationen. Kieler Beiträge zur Anglistik und Amerikanistik Band 6. Karl Wachholtz Verlag Neumünster 1968, S. 192f.
So kommentiert der Erzähler an verschiedenen Stellen die Sichtweise des Jungen und erweitert oder korrigiert dessen subjektiven Blickwinkel durch objektive Angaben; ebenso erläutert er die besondere psychische Situation des Kindes und gibt Hinweise auf dessen Unfähigkeit, komplexere Sachverhalte oder Verhältnisse zu durchschauen und seine Gefühle sowie ungeordneten Empfindungen angemessen zu versprachlichen. An anderen Stellen wiederum gibt er Sartys Gedanken direkt in wörtlicher Rede wieder. Ungeachtet der gelegentlichen Distanzierung oder Brechung der Erzählperspektive gewinnt Sarty das Mitgefühl der Leser, die überwiegend sein inneres Drama unmittelbar miterleben können.Vgl. Gisela Hoffmann: Faulkner ·Barn Burning. In: Karl Heinz Göller et al. (Hrsg.): Die amerikanische Kurzgeschichte. August Bagel Verlag, Düsseldorf 1972, ISBN 3-513-02212-3, S. 264. Siehe auch Peter Nicolaisen: Hemingways “My Old Man” und Faulkners “Barn Burning”: Ein Vergleich. In: Paul G. Buchloh et al. (Hrsg.): Amerikanische Erzählungen von Hawthorne bis Salinger · Interpretationen. Kieler Beiträge zur Anglistik und Amerikanistik Band 6. Karl Wachholtz Verlag Neumünster 1968, S. 194.