mini|Die Benediktinerabtei St. Martin in Trier. Unbekannter Künstler. Vor 1794. Öl auf Leinwand, 37,5 × 50 cm. Rheinisches Landesmuseum Trier, Inv. 79.9 (Foto nach Katalog Trier 2000, S. 16). mini|Vasenpaar in Amphorenform, Bemalung nach Motiven von Angelika Kauffmann (Züchtigung Amors), Anfang 19. Jahrhundert. Inv.-Nr. VIII 642a+b, Stadtmuseum Simeonstift Trier. mini|Stephan Hawich, Porträt Peter Marx, um 1816/17, Öl auf Leinwand, 145 × 117 cm, Stadtmuseum Simeonstift Trier, Inv. Nr. III 264. mini|Ritzmarken auf Trierer Porzellan, aus Katalog „Bürger und Fremde, die auf Eleganz halten“, Trier, 2000. mini|Kaffeeservice mit mattblauem Fond und einem Blütenknospenfries (Formtyp 1), Stadtmuseum Simeonstift Trier, Inv. Nr. VIII 197. mini|Zuckerdose aus einem Service mit Purpurfond (Formtyp 1), vorderseitig: „Ruine des Röm. Imp. Palastes“, rückseitig: „Liebfrauen Kirche in Trier“, Stadtmuseum Simeonstift Trier, Inv. Nr. VIII 192b mini|Kaffeeservice, weißer Fond, bemalt mit Trier-Ansichten und Trophäen (Formtyp 2), Stadtmuseum Simeonstift Trier, Inv. Nr. VIII 194. Die Trierer Porzellanmanufaktur (gegründet 1807/1809; stillgelegt 1821) produzierte fast ausschließlich Kaffeeservices, Ziertassen und Vasen. Sie führte keine Marke. Besonders geschätzt war und ist ihr handbemaltes Ansichtenporzellan.
Gründung der Manufaktur Um 1807 begann der Fabrikant Christian Joseph Deuster (* 3. November 1766 in Bundenbach; † 16. Juni 1823 in Mendig-Obermendig) mit dem Aufbau einer Porzellan-Manufaktur in Trier, damals Hauptstadt des französischen Saar-Departements. Er hatte zuvor bereits in Paris eine Porzellanfabrik betrieben, aber 1804 Konkurs angemeldet. In der Moselstadt pachtete er als Fabrikations- und Wohnort die Gebäude des ehemaligen Benediktiner-Klosters St. Martin, die im Rahmen der Säkularisation 1803 als Staatseigentum veräußert worden waren: den auf dem rechten Moselufer gelegenen Haupttrakt, unter der Adresse Zurlauben 43 (heute Martinsufer 1), und den links der Mosel gelegenen sog. Martinerhof, einen Wirtschaftshof, unter der Adresse Pallien 13 (heute Palliener Straße 19).vgl. Trierer Armenkarte, 1832; abgerufen am 24. Juli 2021. Nach einer Besichtigung der Anlage durch den Trierer Bürgermeister Anton Joseph Recking befürwortete der Stadtrat im Oktober 1809 die Neugründung. Einen Monat später erteilte die auf Wirtschaftsförderung bedachte französische Regierung, vertreten durch den Präfekten Maximilien Xavier Keppler, die erforderliche Betriebserlaubnis. Zu dieser Zeit war die Produktion der unter „Manufacture à St. Martin près Trèves“ firmierenden Fabrik jedoch schon längere Zeit angelaufen.Gregor Scherf: Die Geschichte der Trierer Porzellanmanufaktur. In: Katalog-Handbuch Trier 2000. S. 11–39. Deuster profitierte dabei von seinen Pariser Netzwerken, bezog wie zuvor das qualitätvolle Kaolin aus Limoges und brachte auch erfahrene Porzellanarbeiter mit zum neuen Standort.
Die französische Aktiengesellschaft Zur Aufstockung des Kapitals wurde das Unternehmen 1810 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, in die u. a. Präfekt Keppler als Investor einstieg.Die Aktionäre: Präfekt Maximilien Xavier Keppler; Antoine Gand, Schwager von Keppler; Präfekturgeneralsekretär Johann Wilhelm Karsch; Johann Jakob Freund, Schwager von Deuster. Deuster, der aus Geldmangel keine Anteile zeichnen konnte, fungierte fortan als Technischer Direktor und leitete die Produktion mit rund 80 Arbeitern und etlichen Auszubildenden im zwischenzeitlich angekauften Fabrikareal. Mit zwei Brennöfen und zwei Muffelöfen zum Einbrennen der Farben wurden jährlich rund 150.000 Stück Porzellan hergestellt und vorwiegend exportiert, auch über eigene Verkaufslager in Leipzig und Hamburg. 1813 quittierte Deuster den Dienst in Trier, um sich in Mendig mit einer Porzellan- bzw. Steingutfabrik zu versuchen. An seiner Stelle trat der zuvor ebenfalls in Paris tätige Porzellanfachmann Joseph Maurice Coeur d’AcierRaymonde Monnier: Le faubourg Saint-Antoine 1789–1815 – Société des études robespierristes, Paris 1981, S. 351: Cɶur d’Acier Maurice, tourneur en porcelaine, militant sans-culotte. Cɶur d’Acier wird auch als Modelleur und als Inhaber einer Porzellanfabrik in Paris benannt. in das Unternehmen ein. Im selben Jahr 1813 kam es zu einer zweiten Aktien-Emission; zum Kreis der AnteilseignerDie Aktiengesellschaft firmierte nun als „Gand, Marx et Cie“. gehörte nun auch der Trierer Unternehmer und Stadtrat Peter Marx (1763–1831), der die Geschicke der Manufaktur schon wenig später wesentlich bestimmen sollte. Während der tief greifenden politischen Umwälzungen, die das Jahr 1814 mit dem Wechsel von der französischen zur preußischen Herrschaft mit sich brachte, lief die Produktion zwar zunächst noch eingeschränkt weiter. Im März 1815 jedoch löste sich die Aktiengesellschaft auf und beauftragte Marx mit der Versteigerung der Fabrik samt Ware und Rohstoffen.
Das Unternehmen in preußischer Zeit Peter Marx, der es in der Säkularisation durch geschickte Aufkäufe und als Makler von Immobilien aus Kirchen- und Adelsgut zu Großgrundbesitz und ansehnlichem Reichtum gebracht hatte,Gabriele B. Clemens: Trier im beginnenden 19. Jahrhundert – wirtschafts- und sozialgeschichtliche Aspekte. In: Katalog-Handbuch Trier 2000, S. 191–200. Peter Marx gehörte zu den 600 Höchstbesteuerten des Departements und zu den 100 Höchstbesteuerten der Stadt Trier. ersteigerte im August 1815 den gesamten Fabrikkomplex und setzte ab April 1816 die Produktion der „Porzellan-Manufaktur zu St. Martin bei Trier“ fort. Zu Limoges trat nun Passau als Kaolin-Lieferant hinzu; außerdem wurden, wie schon während der französischen Phase erprobt, standortnahe Rohstoffe (Region Gerolstein) herangezogen.Jean-Frank Wagner: Rohstoffe für die Porzellanproduktion – Bedingungen für den Trierer Standort. In: Katalog-Handbuch Trier 2000, S. 203–207. Berichte über Einzelheiten der Rohstoffmischungen sind nicht überliefert; sie dürften als Betriebsgeheimnis gegolten haben. Der Betrieb beschäftigte bald wieder 50 Mitarbeiter und wurde durch staatliche Subventionen wie den Erlass von Einfuhrumsatzsteuern und verbilligten Brennholzbezug unterstützt. Doch die neue Blüte währte nur knapp fünf Jahre. Schon zu Beginn des Jahres 1821 kam die Produktion zum Erliegen.Christoph Hawich, Bewerbungsschreiben vom 13. Januar 1821 an die Trierer Hospitien-Kommission mit ausführlichen autobiografischen Angaben, darunter die fünfjährige Tätigkeit an der „hiesigen, nun stillgelegten Porcellainfabrik.“ Stadtarchiv Trier, Hospitalsarchiv D4, Verschiedenes, Mappe b Nr. 181. An diesem Niedergang dürften Fehler im Management des branchenfremden und durch vielfältige Unternehmungen beanspruchten Inhabers Marx ebenso beteiligt gewesen sein wie die Konkurrenz des billigeren Steinguts, das zudem im Umdruckverfahren statt mit Handmalerei dekoriert werden konnte. Ein Firmenarchiv ist nicht überliefert.
Produkte der Manufaktur In Trier wurden fast ausschließlich Kaffeeservices, Ziertassen und Vasen hergestellt, wie ein die „correntesten Gegenstände“Vorgedruckter Firmenbogen mit Briefkopf und Angebotspalette der Manufaktur, wie Katalog-Handbuch Trier 2000, S. 231. aufführendes Firmenformular und die überkommenen Stücke ausweisen. Ein Kaffeeservice umfasste damals 17 Teile: Kaffeekanne, Teekanne, Milch- oder Wassergießer, Zuckerdose, 12 Tassen und Untertassen sowie eine „Spülkumme“ (Der Kaffeesatz aus den Tassen wurde am Tisch ausgeschwenkt). Nach französischem Vorbild gehörten Kuchen- oder Dessertteller nicht dazu. Den Produktlinien bekannter Manufakturen folgendListe von Porzellanmanufakturen und -herstellern – vermittelt die Übermacht der konkurrierenden europäischen Produktion. mischte sich in Trier ein relativ strenger klassizistischer Stil (L’Empire) mit Elementen des frühen Biedermeier (Restauration) zu auffälliger Formenvielfalt; allein für die Services waren drei Formtypen in Gebrauch: Die hohen schlanken Kaffeekannen, mit und ohne zylindrischem Hals, waren von niedrigeren Teekannen in Walzen-, seltener in Birnenform begleitet. Es gab Henkelvarianten mit C-Schwung und Manschette oder mit plastischem Menschenkopf und Palmetten am Ansatz, jeweils auch für die hohen Milchgießer mit breiter Laffe übernommen. Die urnenförmigen Zuckerdosen hatten wahlweise einen ein- oder ausgewölbten Deckel und Maskarons oder Ringe als Handhaben. Überwiegend zylindrische Tassen mit Spornhenkel, aber auch gemuldete Tassen mit Ohrhenkel gehörten zu den Kaffeeservices. Für die einzeln angebotenen Ziertassen gab es fünf Formtypen, darunter eine hohe Becherform mit Volutenhenkel für die beliebte heiße Schokolade. Auch bei den Vasen kam man mit zwei Formtypen, der üppigeren Amphorenvase mit Schwanenhenkeln und der Kratervase mit eingebogenen Henkeln in halber Gefäßhöhe den Kundenwünschen entgegen.
Zuschreibungskriterien Die sehr ähnliche Formensprache vieler Manufakturen erschwert die Zuschreibung ungemarkter Porzellane an Trier. Sie stützt sich deshalb vorwiegend auf die Provenienz aus dem Besitz alteingesessener Trierer Familien, u. a. aus dem Umfeld des Unternehmers Marx. Im genauen Vergleich mit solchen noch heute zahlreich vorhandenen Belegstücken und Abbildungen in der älteren Literatur lassen sich auch andere Teile sicher bestimmen. Als wichtige weitere Kriterien dienen die sog. „Ritzmarken“ unter den Gefäßböden, vor dem Brand eingetiefte Buchstaben und Zeichen, die möglicherweise auf Dreher der Manufaktur hinweisen. Auf Trierer Stücken finden sich die Buchstaben B, E, F, G (oder 6), H, J, K, L, M, S, V, W sowie durchgestrichene Kreise, eine liegende Ziffer 8 oder Dreipässe.Christoph Krapp und Gregor Scherf: Trierer Porzellan – Typologie der Formen. In: Katalog-Handbuch Trier 2000, S. 41–55 (mit Abbildung der Ritzmarken). Nicht zuletzt liefert auch die Bemalung, etwa mit Trierer Ansichten, entscheidende Anhaltspunkte.
Ansichtenporzellan und andere Dekore Ausweislich des Firmenformulars der Porzellanfabrik konnten die Käufer zwischen Weißware, weißgoldener Mittelware (Goldrand und/oder Goldornamente in Form stilisierter Blätter und Blüten bzw. gestreuter Goldpunkte oder Goldsterne) und der in Aufglasurfarbe handbemalten Ware wählen. Bei der letztgenannten „Malerey“ verlagerten sich die Schwerpunkte von den anfänglich bevorzugten mythologischen Motiven hin zu realistischen Darstellungen. Unter der Ägide Marx’ entstanden ganze Services, aber auch unterschiedlich geformte Einzeltassen, die der Antikenbegeisterung wie auch der romantisch verklärenden Naturbegegnung Ausdruck verliehen. In goldgeränderten Reserven zeigten sie vor allem die römischen Bauwerke der Stadt Trier: Porta Nigra, Basilika, Kaiserthermen, Amphitheater, Römerbrücke und Igeler Säule, denen zu dieser Zeit viel beachtete archäologische Untersuchungen und Freilegungen galten. Doch auch die bedeutenden Kirchen und Bauten späterer Epochen sowie die Ansichten und Ausflugsziele aus der Umgebung der Stadt waren zahlreich vertreten.Gregor Scherf: Trierer Porzellan – Typologie der Dekore. In: Katalog-Handbuch Trier 2000, S. 58/59. Damit lieferte die Porzellanmanufaktur ein komplettes Sightseeing-Programm für die frühen Moselreisenden, noch bevor entsprechend illustrierte Reiseliteratur auf dem Markt war.Die Trierer Künstler Christoph Hawich und Johann Anton Ramboux legten erste lithografierte Ansichtenfolgen 1823 und 1824–1827 vor. Die als „geschmack- und prachtvoll“Trierische Kronik 1818, wie Lit. Verz. gepriesenen Erzeugnisse der Manufaktur waren zudem bei den Bewohnern der Stadt beliebt, eine Wertschätzung, die bis heute unvermindert anhält und die Preise der zu seltenen Sammlerstücken avancierten Porzellane bestimmt.