mini|Modell des Ausführungsentwurfs, 2011
Der Wiederaufbau des Berliner Schlosses war ein 2012 begonnenes und 2020 fertiggestelltes kulturelles Bauprojekt des Bundesamts für Bauwesen und Raumordnung am Schloßplatz in Berlin. Nach dem erstplatzierten Wettbewerbsentwurf von Franco Stella entstand dabei eine teilweise Rekonstruktion des Berliner Schlosses als Sitz des Humboldt Forums. Mit Gesamtkosten von rund 682 Millionen Euro und einer Nutzungsfläche von rund 44.200 Quadratmeter war es das seinerzeit größte kulturelle Bauprojekt Deutschlands.Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss (Hrsg.) (2020), S. 6 ff.
Übersicht Die Realisierung des Bauvorhabens erfolgte von 2013 bis 2020 unter Einbeziehung von spendenfinanzierten Fassaden und Bauteilen des barocken Schlossbaus. Der Deutsche Bundestag beschloss 2002 die Wiedererrichtung des 1950 gesprengten und abgerissenen Schlosses und damit die Fortsetzung der Wiederherstellung der Historischen Mitte Berlins. Rekonstruiert wurden die drei von Andreas Schlüter entworfenen Nord-, Ost-, und Westfassaden. Dabei wurden einige erhaltene Spolien des ursprünglichen Schlosses wieder eingebaut. Die Schlosskuppel von Friedrich August Stüler aus dem Jahr 1853 wurde auch wiederaufgebaut. Der Wiedereinbau des im benachbarten Staatsratsgebäude befindlichen Fassadensegments aus Portal IV zurück in das Schloss wurde jedoch unterlassen. Das Projekt wurde öffentlich breit diskutiert. Gemäß der Entscheidung der internationalen Expertenkommission vom April 2002 dient das wiederaufgebaute Schloss als Sitz des Humboldt Forums.
Das überwiegend barocke historische Gebäude an dieser Stelle war 1950 auf Beschluss der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) gesprengt worden. Nach Ansicht der Bauherren wird mit dem Neubau das historische Berliner Stadtbild an bedeutsamer Stelle wiederhergestellt, das ab 1976 durch den Palast der Republik „unterbrochen war“. Bauherrin und Betreiberin des Baus ist die Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss,Tätigkeitsbericht der Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum für das Jahr 2013 initiiert und getragen wurde das Projekt vor allem durch das private Engagement des Fördervereins Berliner Schloss unter Wilhelm von Boddien und Spenden von über 120 Millionen Euro.
Der in Teilen rekonstruierte Neubau des Schlosses beherbergt das Humboldt Forum als ein Forum für Kultur, Kunst und Wissenschaft. Dazu wurden drei der Barockfassaden wiederaufgebaut, das Schlossforum als Passage sowie der Ostflügel zur Spree hin sind eine Neuschöpfung des italienischen Architekten Franco Stella in rationalistischer Formensprache. Auch die Kuppel mitsamt Kreuz, der Runderker als Abschluss der Ostfassade sowie drei von vier Seiten des Schlüterhofs wurden wiederhergestellt. Die Innenräume, die zwei flankierenden kleinen Nebenkuppeln über der Westfassade sowie der Spree- und Apothekenflügel aus den Zeiten der Gotik und der Renaissance wurden nicht wiederaufgebaut. Sämtliche Innenräume sind rein funktional und schlicht gestaltet, ebenso eine Seite des Schlüterhofes. Die Innenräume wurden allerdings so geplant, dass eine spätere historisch genaue Wiederherstellung ermöglicht wird. Neben der Schlosskuppel befindet sich ein Dachrestaurant.
Am 12. Juni 2013 fand die Grundsteinlegung statt, im Juni 2015 war der Rohbau vollendet. Im Sommer 2018 waren die Fassaden weitgehend fertiggestellt. Die Eröffnung sollte in drei Etappen erfolgen, die erste davon zum 250. Geburtstag Alexander von Humboldts am 14. September 2019. Diese Pläne mussten jedoch geändert werden, sodass die erste Teileröffnung am 16. Dezember 2020 erfolgte.
Das Gebäude soll in Erinnerung an das geistige Erbe Alexander und Wilhelm von Humboldts mehrere museale Sammlungen aus aller Welt – u. a. der Dahlemer Museen – zusammenführen, Veranstaltungsräume für Wissenschaft und Kultur bieten, die Museumsinsel ergänzen, über die Schlossgeschichte informieren und zugleich der Wiederherstellung eines Hauptbezugspunktes der deutschen Geschichte und des historischen Stadtbildes von Berlin-Mitte dienen. Es knüpft damit auch an die Geschichte des Schlosses als Kultur- und Wissenschaftszentrum nach der Revolution von 1918 an. In der Weimarer Republik war das Schloss das meistbesuchte Museum Berlins.Christian Walther: Des Kaisers Nachmieter – Das Berliner Schloss zwischen Revolution und Abriss Verlag für Berlin-Brandenburg, Berlin 2021, ISBN 978-3-947215-28-7.
Debatte und Planung mini|Schlosssimulation, 1994 mini|Schlossbaustelle, 2016
Vorgeschichte Das Berliner Schloss war im Zeitraum von seiner Erbauung im Jahr 1443 bis zur Abdankung des letzten Deutschen Kaisers Wilhelm II. 1918 die hauptstädtische Residenz der brandenburg-preußischen Herrscher aus dem Haus Hohenzollern. Der Kurfürst und spätere preußische König Friedrich I. ließ es durch den Architekten und Bildhauer Andreas Schlüter zwischen 1698 und 1713 umformen und erweitern. Das Gebäude galt als ein Hauptwerk des norddeutschen Barock. Bei einem alliierten Luftangriff am 3. Februar 1945 auf das Berliner Stadtzentrum brannte das Schloss bis auf den Nordwestflügel aus, war aber für den Wiederaufbau vorgesehen. Auf Beschlusses des III. Parteitags der SED wurde es 1950 zur Anlage des Marx-Engels-Platzes gesprengt. In den 1970er Jahren wurde an der Spreeseite des Platzes der Palast der Republik gebaut. Er war der Sitz der Volkskammer.
Der Palast der Republik war stark mit Spritzasbest belastet. In einer öffentlichen Diskussion wurde über eine umfassende Sanierung debattiert (siehe Abschnitt Initiativen zum Wiederaufbau) und das Gebäude für drei Jahre als Ausstellungsfläche zwischengenutzt. Auf Grundlage eines Bundestags-Beschlusses von 2003 wurde das Gebäude bis 2009 abgerissen. Im Anschluss wurde die Fläche vorübergehend mit einer Rasenfläche begrünt. Im Jahr 2011 wurde die temporäre Humboldt-Box aufgebaut, die bis Dezember 2018 existierte. In dem mehrgeschossigen Bau konnten sich Besucher über die Pläne für den künftigen Bau des Humboldt Forums anhand von Modellen und Simulationen informieren.
Politische Beschlüsse, Vorbereitung Die von der Bundesregierung und dem Berliner Senat am 31. Oktober 2000 eingesetzte Internationale Expertenkommission Historische Mitte Berlin unter Vorsitz des früheren Wiener Wohnbaustadtrates Hannes Swoboda legte ihren Abschlussbericht am 17. April 2002 vor. Es bestand weitgehende Übereinstimmung, dass sich die Neubebauung des Platzes aus städtebaulichen Gründen an der Kubatur und dem Erscheinungsbild des ehemaligen Schlosses orientieren solle. Mit knapper Mehrheit empfahl die Kommission die Rekonstruktion der barocken Fassaden nach Norden, Westen und Süden und im Schlüterhof.2000 – Internationale Expertenkommission „Historische Mitte Berlin“. In: BMUB.de (mit Link zum Abschlussbericht). Die Expertenkommission entwickelte das Konzept des Humboldtforums, das an das Wirken der Brüder Alexander und Wilhelm von Humboldt erinnern und auf den Humanismus, „die große Geschichte deutscher und Berliner Wissenschaft, aber auch auf die Faszination des kulturell Entfernten“ verweisen soll.Julian Nida-Rümelin: Vorkonzept für eine künftige Nutzung des Berliner Schloss-Areals „Humboldt-Forum“. Materialien der Internationalen Expertenkommission Historische Mitte Berlin, 29. Oktober 2001, .
Am 2. Juli 2002 beschloss der Deutsche Bundestag:Beschlussempfehlung des Deutschen Bundestages vom 2. Juli 2002, .
Basierend auf dem Bundestagsbeschluss und nach Anhörung internationaler Fachleute und unter Beteiligung von Land und Stadt Berlin wurde in den Jahren 2003 bis 2007 der Wiederaufbau des Berliner Schlosses auf den Weg gebracht, und zwar gemäß dem Vorschlag der Kommission mit Replik der barocken Fassaden der Nord-, West- und Südseite sowie des Schlüterhofs. Für den Bund als Bauherrn stimmte am 4. Juli 2007 das Bundeskabinett dem Konzept des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung zu.
Initiativen zum Wiederaufbau Ein Jahr nach dem Fall der Berliner Mauer setzte am 30. November 1990 mit dem Artikel „Denkmal der Baugeschichte und verlorene Mitte Berlins. Das Neue Berlin, Schloss oder Parkplatz?“ von Joachim C. Fest in der FAZ die öffentliche Debatte um den Wiederaufbau des Berliner Schlosses ein.Werner Durth, Paul Sigel: Baukultur. Spiegel gesellschaftlichen Wandels. Jovis, Berlin 2009, ISBN 978-3-86859-010-4, S. 668. Nach der deutschen Wiedervereinigung wurde ein Wiederaufbau des Schlosses im Kontext des deutschen Selbstverständnisses und der problematischen Geschichte Deutschlands diskutiert. Viele Prominente, darunter ehemalige DDR-Bürger,U. a. Christoph Dieckmann, Wolfgang Thierse, Richard Schröder, Regine Hildebrandt; siehe: Deutsche Erinnerungsorte, Band 2, S. 673. sprachen sich für das Schloss aus, während sich viele Architekten und einige Denkmalpfleger kritisch gegenüber einer Rekonstruktion äußerten.
Im Jahr 1991 wurde die Gesellschaft zum Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses gegründet, die sich im Jahr 2003 in Gesellschaft Berliner Schloss umbenannte. 1992 entstand der Förderverein Berliner Schloss um den Unternehmer Wilhelm von Boddien und viele Multiplikatoren. Der Förderverein ließ 1993/1994 für eineinhalb Jahre mit dem farbigen Fassadenabbild des Schlosses bedruckte Folie am Originalstandort aufstellen, um das äußere Erscheinungsbild und die Ausmaße sichtbar zu machen und für den Wiederaufbau zu werben. Die Idee dazu hatten der Architekt Frank Augustin und der Baugeschichtler Goerd Peschken. Ihr Konzept zum Umgang mit dem Ort wurde 1991 als Denkschrift anlässlich einer Ausstellung im ehemaligen Marstall in Berlin-Mitte publiziert. Frank Augustin und Goerd Peschken haben auch die Simulation und die Ausstellung in der Attrappe geplant. Die Denkschrift wurde erneut veröffentlicht im Ausstellungskatalog „das schloß? eine ausstellung über die mitte berlins“. Das detaillierte Fassadenabbild wurde von den Pariser Ateliers Catherine Feff gemalt und im Maßstab 1:1 mit dem weltgrößten Raumgerüst aufgestellt. Die Installation war privat über Spenden finanziert, unter anderem von Thyssen-Hünnebeck (heute: Hünnebeck Deutschland GmbH). Dieses erste Zeichen für einen Wiederaufbau brachte dem Schloss verstärkt und nachhaltig Medieninteresse.8 Thesen für den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses (1993). Bei: Berliner-Schloss.de.
Architektonische Varianten Im April 2002 legte die Internationale Expertenkommission Historische Mitte Berlin der Bundesregierung und dem Senat von Berlin einen Abschlussbericht mit Empfehlungen zu Nutzung, städtebaulichen Umfeld, Architektur und Finanzierung eines zu errichtenden Gebäudes auf dem Schloßplatz vor.Abschlussbericht der Internationalen Expertenkommission Historische Mitte Berlin (PDF). Dieser umfasste zwei architektonische Varianten: Einen Wettbewerb für einen Neubau, der lediglich die Kubaturen des Schlosses aufnehmen müsse, was auch einen kompletten Wiederaufbau des Schlosses ermöglicht hätte („Lasst Schlüter beim Wettbewerb mitmachen“), und alternativ dazu eine Entscheidung zum Wiederaufbau des Schlossäußeren mit mindestens den drei beherrschenden Barockfassaden und dem kleineren Schlosshof. Ein Minderheitenvotum gegen den Bau und für den Erhalt des Palastes der Republik wurde von Bruno Flierl abgegeben, alle anderen Mitglieder folgten dem Vorschlag von Vittorio Magnago Lampugnani und sprachen sich für Wiederaufbau eines Schlossneubaus aus. Im Abschlussbericht schloss die Kommissionsmehrheit „die vollständige Rekonstruktion des einstigen Schlosses im Äußeren wie im Inneren aus“, plädierte aber „für die Wiedererrichtung einiger wichtiger Innenräume und in Abhängigkeit von der Nutzung die Einhaltung der alten Geschosshöhen“. Daneben gab es zwei Minderheitsvoten einzelner Kommissionsmitglieder, eines mit einer ergebnisoffenen Wettbewerbslösung zur Bebauung des Platzes und eines mit einem zweistufigen Wettbewerb über alle von der Kommission vorgelegten Gestaltungsvarianten.