Der Burgus Esztergom-Szentgyörgymező 1, in der neueren Literatur auch als Burgus Solva 1 bezeichnet, ist ein kleiner römischer Militärstandort, der als spätantiker Wohn- und Wachturm (Burgus) für die Kontrolle eines Donauabschnitts des pannonischen Limes (Limes Pannonicus) zuständig war. Der Strom bildete in weiten Abschnitten die römische Reichsgrenze. Die ergrabenen Reste der Anlage befinden sich in der Gemarkung von Esztergom-Szentgyörgymező (deutsch Georgenfeld) im ungarischen Komitat Komárom-Esztergom, nahe der Hauptstraße nach Budapest, am südlichen Ufer der Donau.
Lage und Forschungsgeschichte mini|An dem hier zu sehenden Donauabschnitt mit dem Graner Burgberg ganz rechts, lagen fünf spätantike Burgi auf Sichtweite. mini|Der Burgus Solva 1, wie er sich nach den Grabungen von Sándor Soproni darstellte. Wie Prospektionen und Luftbilder zeigten, war die antike Trasse der Limesstraße in diesem Abschnitt in der unmittelbaren Nähe des Donauufers geplant worden. Der Burgus Solva 1, in der Literatur auch als Wachturm Esztergom-Szentgyörgymező I. bekannt, lag 50 Meter landeinwärts in der Kehle eines Prallhangs nordwestlich des Kastells Esztergom. Er war der erste Wachturm, der östlich an den Garnisonsort Esztergom anschloss.Sándor Soproni: Der spätrömische Limes zwischen Esztergom und Szentendre. Akadémiai Kiadó, Budapest 1978, ISBN 963-05-1307-2, S. 21.
Bei vorangehenden Feldbegehungen, die der angekündigte Bau eines Donauwasserkraftwerk veranlasst hatte, wurde auf einem Acker römerzeitlicher Bauschutt entdeckt, den der Pflug immer wieder aus der Erde riss. Die Fläche umfasste 15 × 15 Meter. Aufgrund der unmittelbaren Bedrohung für das Bauwerk fand 1966 eine umfassende Ausgrabung durch den Archäologen Sándor Soproni (1926–1995) und die damaligen Studentinnen Andrea Vaday und Mária Albeker statt, bei der die Überreste eines spätantiken Wachturms erschlossen werden konnten.Sándor Soproni: 40. Esztergom-Szentgyörgymező (Kom. Komárom). In: Archaeologiai értesítő 94, 1967, S. 222.
2010 wurde der Burgus geophysikalisch untersucht.
Baugeschichte Spätrömischer Wachturm Durch anhaltende Bodenerosion und intensive neuzeitliche Ackerwirtschaft war der leicht trapezförmige Turm bereits sehr stark beschädigt. Soproni traf nur noch den Fundamentbereich des mit seinen vier Ecken fast genau nach den Haupthimmelsrichtungen ausgerichteten Gebäudes an. Das aufgehende Mauerwerk ließ sich lediglich durch den Mörtelabdruck auf der obersten Steinreihe des Fundaments rekonstruieren. Dieses Fundament besaß an allen vier Seiten unterschiedliche Stärken. Im Südwesten betrug diese Stärke 1,30 Meter, im Nordwesten 1,35 Meter, im Südosten 1,18 bis 1,24 Meter und im Nordosten 1,20 Meter. Der Steinturm umfasste im Aufgehenden 9,65 Meter an der Südwest- und Nordwestseite, 9,72 Meter an der Nordostmauer und maß an der Südostseite 9,62 Meter. Das lichte Maß der Südostmauer betrug 7,18 Meter, das der übrigen drei Seiten 7,20 Meter. Als Baustoff war der in dieser Region anstehende Andesit zum Einsatz gekommen, wobei teilweise auch gelblicher Sandstein vom Esztergomer Burgberg in Opus incertum mitverbaut wurde. Dem hochwertigen Mörtel waren starke schotterige Zuschläge beigemengt worden. Die Innen- und Außenseiten der Grundmauern waren mit diesem Mörtel abgestrichen worden.Sándor Soproni: Der spätrömische Limes zwischen Esztergom und Szentendre. Akadémiai Kiadó, Budapest 1978, ISBN 963-05-1307-2, S. 22.
Das den Turm umgebende Grabenwerk wurde mithilfe von vier Schnitten analysiert. Es wurde dabei deutlich, dass das Bauwerk von einem Kreisgraben umfasst wurde, der einen Radius von rund 16,50 Meter hatte. Der Abstand dieses Grabens zum Turm variierte dabei zwischen 7,50 bis 11,60 Metern. Die von der damaligen Geländeoberfläche aus vermessene Grabentiefe schwankte zwischen 1,50 und 1,80 Meter, wobei die Grabenbreite durchschnittlich 3,50 Meter betrug. Die Grabenverfüllung hob sich deutlich vom hellen Anstehenden ab. Sie bestand aus dunkelbraunem bis schwärzlichem Humus, der mit Mauerschutt vermengt war.
Fundgut Die Untersuchungen an dem Burgus erbrachten nur wenig Fundmaterial. Aufgrund des Geländegefälles zur Donau war das spätrömische Bodenniveau bereits vollständig aberodiert. Zeitlich eindeutig ansprechbar waren die Fragmente von spätantiken grauen Keramikgefäßen. Über diese Funde hinaus wurden ausschließlich zwanzig Tegulae-Ziegelstempel geborgen. Die vierzehn noch entzifferbaren Abdrücke ließen sich in vier Typen unterteilen. Drei Typen belegten die Stempel des Terentius dux, die in drei Varianten vorkamen, vom Tribunen Terentianus fanden sich fünf identische Stempel, während drei Fragmente nicht mehr zugeordnet werden konnten. Die während der Grabung vorgefundenen Imbrices wiesen keinerlei Stempelungen auf.Sándor Soproni: Der spätrömische Limes zwischen Esztergom und Szentendre. Akadémiai Kiadó, Budapest 1978, ISBN 963-05-1307-2, S. 23.
Die bekannten Amtszeiten des Terentius dux, der von 367/368 bis spätestens 371 n. Chr.Zur Datierung siehe auch: Limesverlauf zwischen dem Kastell Visegrád–Gizellamajor bis zum Kastell Visegrád–Sibrik. als Oberkommandeur der spätantiken pannonischen Provinz Valeria für die Errichtung des Burgus zuständig war sowie die des Stabsoffiziers Terentianus, der auch noch unter dem Nachfolger des Terentius, dem Frigeridus dux in Valeria diente,Dazu u. a. Ziegelstempel am Burgus Verőcemaros-Dunamező. Literatur: Barnabás Lőrincz: A későrómai hídfőállások bélyeges téglái Valeriában. In: Attila Gaál (Hrsg.): Pannoniai kutatások. A Soproni Sándor emlékkonferencia előadásai (Bölcske, 1998. október 7.). Szekszárd 1999, S. 53–68. datieren das Bauwerk recht genau.Sándor Soproni: Der spätrömische Limes zwischen Esztergom und Szentendre. Akadémiai Kiadó, Budapest 1978, ISBN 963-05-1307-2, S. 21–22.Zsolt Visy: Der pannonische Limes in Ungarn. Theiss, Stuttgart 1988, ISBN 3-8062-0488-8, S. 68–69.Zsolt Visy: The ripa Pannonica in Hungary. Akadémiai Kiadó, Budapest 2003. ISBN 963-05-7980-4. S. 47.Sándor Soproni in: Jenő Fitz (Hrsg.): Der Römische Limes in Ungarn. Fejér Megyei Múzeumok Igazgatósága, 1976. S. 51.
Spätrömische Bestattungen Grab 1 Unmittelbar neben der Turmstelle wurden zwei Körpergräber freigelegt. Das nahe der Westecke des Turmes entdeckte Grab 1 mit einer erwachsenen männlichen Person lag in nur 40 Zentimetern Tiefe. Da sich keinerlei Bodenverfärbungen zeigten, konnte die Grabgrube archäologisch nicht aufgenommen werden. Der Körper war in linker Hockerlage niedergelegt worden und nordöstlich-südwestlich orientiert. Der Kopf des Verstorbenen befand sich im Nordosten, das Gesicht war nach Südosten gedreht. Beide Arme waren im Ellbogen stark angewinkelt, die rechte Hand lag auf dem Brustkorb, die linke vor dem Kinn. Dem Toten hatte man die Oberschenkel angezogen und die Unterschenkel leicht angewinkelt, wobei das linke Knie geringfügig höher lag als das rechte. An der linken Schläfe fand sich eine bronzene Zwiebelknopffibel, wie sie vom spätrömischen Militär genutzt wurde (Typ 7, Lányi 1972). Des Weiteren fand sich fünf Zentimeter vom Schädeldach entfernt eine vollkommen zerdrückte Perle und an einem Finger der linken Hand befand sich ein silberner Ring, der mit einer stark abgenutzten Gemme gefasst war. Ob der Tierknochen, der 20 Zentimeter vom Schädel entfernt lag, zu der Bestattung gehört hat, ist unsicher.Sándor Soproni: Neue Forschungen an der Limesstrecke zwischen Esztergom und Visegrád. In: Roman frontier studies 1979. 12th International Congress of Roman Frontier Studies. B.A.R. Oxford 1980. ISBN 0-86054-080-4. S. 671–679; hier: S. 674.
Grab 2 Ungefähr mittig zur südöstlichen Außenmauer des Burgus fand sich nahe dabei eine weitere Bestattung. Die Überreste wurden lediglich 25 Zentimeter unter der Ackerkrume freigelegt und waren entsprechend dieser Lage bereits stark gestört. Außer einem fragmentierten Schädel und Wirbelknochen konnte kein weiterer Befund festgestellt werden.
Limesverlauf vom Burgus Esztergom-Szentgyörgymező 1 bis zum Kastell Esztergom-Hideglelőskereszt Die Türme lagen zumeist stets nahe am südlichen Donauufer. Ihre Aufgabe war es, das weitgehend nicht besetzte Nordufer zu bewachen.