mini|Parabel vom versteckten Schatz , von Rembrandt van Rijn oder Gerard Dou, um 1630
Bei der Schatzsuche handelt es sich im Gegensatz zum Schatzfund, der in aller Regel zufällig und unbeabsichtigt geschieht, um die gezielte Suche nach verlorenen oder versteckten Wertgegenständen. Ebenso ist sie von der Suche nach Bodenschätzen zu unterscheiden, da es sich bei einem Schatz, im engeren Sinn, um Artefakte handelt, nicht um natürlich vorkommende Rohstoffe.
In der Antike und im frühen Mittelalter war die Vorstellung, durch Schatzsuche zu Reichtum zu gelangen, kaum verbreitet. Aktiv gesucht wurden hingegen die Gräber großer Herrscher oder Heiliger, als Symbole für weltliche Macht oder göttlichen Beistand im Rahmen des Reliquienkults. Im Hoch- und Spätmittelalter initiierten einige Herrscher schon vereinzelte Suchaktionen in römischen Ruinen und frühgeschichtlichen Monumenten, in der Hoffnung, sich Schätze anzueignen. In der frühen Neuzeit fand diese Vorstellung dann allgemeine Verbreitung. Sowohl im umfangreichen Sagenmaterial der Zeit als auch in den Gerichtsakten der gelegentlichen Schatzgräberprozesse spiegeln sich die (verbotenen) magischen Praktiken und die Glaubensvorstellungen, die mit der Schatzsuche verbunden waren, wie Rutengehen oder die Beschwörung der schatzhütenden Dämonen und Gespenster. Mit dem Topos der Schatzsuche verbunden ist der Glaube an ein Goldenes Zeitalter in der Vergangenheit, gegenüber dem die Gegenwart eine Degeneration darstellt.
Mit dem langsamen Wandel der frühneuzeitlichen Ständegesellschaft hin zur modernen bürgerlichen Leistungsgesellschaft ging eine deutliche Säkularisierung der Schatzfolklore einher. Der Geister- und Gespensterglaube schwand fast völlig. Statt moralischer Erbauung bieten Schatzgeschichten vor allem Abenteuer. Die Hoffnung auf schnellen Reichtum ohne Arbeit verdrängt die Hoffnung auf gesellschaftlich akzeptablen Wohlstand. Die Schatzsuche wird zu einem kommerziellen Unternehmen, dem historische Forschung vorausgeht und das mit archäologischen oder bergbaulichen Methoden durchgeführt wird. Sowohl die mit großem technischen Aufwand betriebene kommerzielle Schatzsuche als auch die eher hobbymäßige Sondengängerei agiert in der Grauzone zwischen echter archäologischer Forschung und sogenannter Raubgräberei, sowie zwischen staatlichen und privaten Besitzansprüchen von Grundeigentümern, Museen und dem Antiquitätenhandel. Daneben haben sich aber auch Reste von magischem Denken erhalten, wie der Gebrauch von Pendeln oder Wünschelruten anstelle von Metalldetektoren.
Antike und Mittelalter Schon aus der Antike und dem Mittelalter sind zufällige Schatzfunde bekannt und die Besitzrechte, zwischen Finder, Grundeigentümer und Landesherr waren (auf unterschiedlichste Weise) gesetzlich geregelt. Dass gezielt nach Schätzen gesucht wurde, ist jedoch kaum überliefert. Caesar ließ das Grab Alexanders des Großen suchen, Augustus ließ es öffnen und Caligula nahm die Rüstung Alexanders an sich. Hierbei ging es aber nicht vorrangig um die Inbesitznahme von Reichtümern, sondern um die Inszenierung von Herrschaft.
mini|Abbildung im Sachsenspiegel über das Schatzregal: Alles was tiefer liegt, als eine Pflugschar reicht (hier ein Topf voll Münzen), gehört dem König. Im mittelalterlichen England wurde das Schatzregal besonders streng ausgelegt: Alle gefundenen Wertgegenstände fielen automatisch in das Eigentum der Krone; Finder und Grundeigentümer gingen leer aus. Aus diesem Grund ließ König Johann Ohneland, der notorisch unter Geldmangel litt, 1201 als Erster römische Ruinen nach Schätzen durchsuchen, allerdings weitgehend erfolglos.Charles Relly Beard: The Romance of Treasure Trove. London 1933, S. 101, 109. Heinrich III. befahl, einen Schatz beschlagnahmen zu lassen, der angeblich auf der Isle of Wight gefunden worden war, und ließ in der Umgebung nach weiteren Schätzen suchen. Im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit ließen auch andere europäische Landesherren gelegentlich nach Schätzen graben, meist in Überresten aus der Römerzeit, in Deutschland und Skandinavien auch in Grabhügeln. Die dabei zu Tage geförderten Artefakte erregten das antiquarische Interesse humanistischer Gelehrter, selbst wenn es sich nicht um Gold und Silber handelte. Wohlhabende Bürger und Adelige begannen Antiquitäten für ihre Sammlungen zu kaufen, und die Landesherren gaben systematische Bestandsaufnahmen der vorhandenen Baudenkmäler in Auftrag. Hierin, und in dem Bemühen Raubgräber von den Fundstellen fernzuhalten, darf man die ersten Anfänge der professionellen Archäologie und des Denkmalschutzes sehen.Martin Ott: Die Entdeckung des Altertums. Der Umgang mit der römischen Vergangenheit Süddeutschlands im 16. Jahrhundert. Laßleben, Kallmünz 2002, ISBN 3-7847-3017-5, S. 39–49, 67–70.
mini|In Gegenwart hoher Geistlicher wird die Heilig-Blut-Reliquie von Mantua ausgegraben, deren Lage zuvor dem blinden Adilbero offenbart worden war. Heilig-Blut-Tafel der Abtei Weingarten, 1489 Die Kirche stand der Schatzsucherei grundsätzlich ablehnend gegenüber. Das Horten und Verstecken eines Schatzes galt als Ausdruck von Habgier und Geiz, die Suche danach ebenso, und Avaritia war die zweite der sieben Todsünden. Außerdem standen Schatzsucher stets unter dem Verdacht magische Praktiken auszuüben, theoretisch ein todeswürdiges Vergehen.Gerhard Jaritz: Das schlechte Gebet zu den Schätzen der Welt. In: Elisabeth Vavra (Hrsg.): Vom Umgang mit Schätzen. Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 2007, ISBN 978-3-7001-3721-4, S. 81–98. Andererseits wies die Suche nach Reliquien, die für die Weihe einer Kirche benötigt wurden, starke Ähnlichkeit mit einer Schatzsuche auf. Obwohl die Reliquien selbst materiell meist wertlos waren (Knochen, Haare etc.) war der Besitz von Reliquien berühmter Heiliger enorm prestigeträchtig und stellte dann, wegen der Einnahmen durch das Wallfahrtswesen, den eigentlichen Kirchenschatz dar. Die ursprünglichen Ruhestätten der Märtyrer und Heiligen waren aber oft nicht sicher bekannt und es bedurfte langwieriger Nachforschungen (oder eines Wunders) um sie ausfindig zu machen. Da das Misslingen solcher Suchaktionen sowohl dem Ruf des Initiators als auch dem des gesuchten Heiligen geschadet hätte, wurden sie meist nachts und heimlich durchgeführt, und nur im Erfolgsfall publik gemacht. Einige Elemente der legendären Berichte über die Überführung von Reliquien haben in säkularisierter Form Eingang in die Schatzsagen der frühen Neuzeit gefunden.
Die Wiederauffindung der Grabstätte Karls des Großen im Aachener Dom, unter der persönlichen Leitung Kaiser Ottos III., fand ebenfalls bei Nacht und Nebel statt, steht aber eher in der Tradition der Cäsaren am Alexandergrab.K. Görich: Otto III. öffnet das Karlsgrab in Aachen. In: G. Althof, E. Schubert (Hrsg.): Herrschaftsrepräsentation im ottonischen Sachsen. Sigmaringen 1998, S. 381–430.Johannes Dillinger: Auf Schatzsuche. Von Grabräubern, Geisterbeschwörern und anderen Jägern verborgener Reichtümer. Herder, Freiburg im Breisgau 2011, ISBN 978-3-451-30299-2. Von der Aufteilung eines Schatzes: Rechtsfragen, S. 16–23; Die Schatzsuche mit magischen Mitteln, S. 23–25; Der Schatz als Mammon, S. 25–27; Die Anfänge des Denkmalschutzes und die Schatzsuche, S. 28–32; Beowulf und der Drache, S. 37–38; Der Schatz der Nibelungen, S. 38–44; Reliquien und ihre Bedeutung, S. 44–46; Auf der Suche nach Karl dem Großen, S. 46–49; Von der Reliquienlegende zur Schatzsuche, S. 49–52; Die Kontrolle der Schatzsucher, S. 55–58; Geld nimmt ein Sonnenbad: Der Schatz als magischer Gegenstand, S. 59–62; Die wichtigste Regel für die Schatzsuche, S. 67–68; Feen und Heinzelmännchen als Helfer bei der Schatzsuche, S. 68–77; Dämonen als Widersacher der Schatzsucher, S. 78–85; St. Christopherus, der Schutzpatron der Schatzsucher, S. 85–88; Die Totengeister als Schatzwächter, S. 92–100; Lizenzen für die Schatzsucher, S. 110–113; Fürsten als Schatzsucher, S. 113–114; Magische Schatzsuche und ihre Bestrafung, S. 114–116; Schatzmagie und Hexerei, S. 121–126; Schatzmagie und Betrug, S. 126–128; Wen braucht man für eine Schatzsuche? Die Schatzsuchergruppe, S. 129–141; Durch die Magie zur Marktwirtschaft, S. 141–151; Wünschelrutenunternehmen, S. 157–159; James Bowie und der Silberschatz, S. 162–164, Der neue Schatzsucher, S. 164–167; Schatzgeschichten ohne Schatzsucher, S. 167–169; Die angeblichen Schatzkarten des Kapitän Kidd, S. 179–183; Rheingold, S. 192–194; Schatzgräber-AG: Maritime Archäologie zwischen Wissenschaft und Kommerz, S. 198–205; Metalldetektor und GPS: Schatzsuche als Freizeitbeschäftigung, S. 205–210
Frühe Neuzeit Seit dem Spätmittelalter vergaben die Könige von England Lizenzen an Schatzsucher. Ähnlich wie die Kaperbriefe für Freibeuter regelten sie den Anteil, der an die Krone abzuführen war. Die Lizenzhalter trugen das gesamte Risiko und die Kosten, dafür fielen sie aber nicht mehr unter die drakonischen Strafandrohungen für Raubgräber. Zuweilen wurden solche Lizenzen aber auch zu betrügerischen Zwecken erworben. So erlangte 1521 ein gewisser Robert Curzon von Heinrich VIII. das Recht zur Schatzsuche in Suffolk und Norfolk. Anstatt aber selbst nach Schätzen zu suchen, erpresste er jeden, der auch nur im Verdacht stand, dieser Tätigkeit ohne Lizenz nachzugehen. Curzons Opfer wurden so genötigt, von ihm teure Unterlizenzen zu kaufen.
Im Heiligen Römischen Reich vergab der Kaiser mangels Zentralgewalt nur wenige Schatzsucherlizenzen, die Fürsten in den Territorialstaaten dafür umso mehr. Die Regelungen waren von Fall zu Fall sehr unterschiedlich (wie überhaupt die ganze Gesetzeslage), aber oft vermied es die Regierung, einen festen Teilungsschlüssel anzugeben. So behielt sie sich im Erfolgsfall die Möglichkeit zur Einbehaltung größerer Teile des Fundes vor. Andererseits beauftragten die Fürsten auch von sich aus Schatzsucher, ähnlich, wie Goldmacher. Offenbar sah man dabei großzügig über die Anwendung verbotener Magie hinweg und akzeptierte auch das Risiko, einem Betrüger aufzusitzen. Erfolglose Schatzsucher kamen allerdings in eine heikle Lage. So beauftragte Herzog Friedrich von Württemberg 1606 einen gewissen Thomas Mayer als Schatzsucher. Dieser beging, nachdem der Herzog bereits mehrere Hofalchimisten hatte hinrichten lassen, in der Ruine Achalm Selbstmord.
mini|Titelkupfer einer Polemik gegen Schatzzauber, 1700 (Im Hintergrund Rutengänger, die von Teufeln geleitet in den Schlund der Hölle wandern).