Karl Mays Illustrationstexte und Hobble-Frank-Beiträge sind kurze Erzählungen und Aufsätze, die Karl May zu vorgegebenen Illustrationen bzw. unter dem Pseudonym Hobble-Frank geschrieben hat. Während er den Großteil für die Knaben-Zeitschrift Der Gute Kamerad verfasste, entstanden die meisten der übrigen Texte für andere von Joseph Kürschner betreute Blätter.
Entstehung Hintergrund miniatur|Joseph Kürschner Zu Karl Mays Zeiten war es üblich, dass Redaktionen Autoren beauftragten, Texte zu vorliegenden Illustrationen zu verfassen.E. Heinemann: Einführung. Mustang-Reprint, 1991, S. 236. Solche Illustrationen waren meist für einen anderen Text hergestellt worden. Da sie aber sehr teuer waren und sich rechnen mussten, wurden sie mehrfach verwertet.Wolfgang Hermesmeier, Stefan Schmatz: Die Todeskaravane – Bisher unbekannter May-Abdruck entdeckt. In: KARL MAY & Co. Nr. 91/2003, S. 17 f. Redaktionen kauften solche Bilder, für deren Wiederverwertung entsprechend neue Texte verfasst werden mussten. Den Autoren blieb die Freiheit, die Bilder zu interpretieren, aber die Texte mussten sich mit den Bildvorlagen decken. Häufig wurde den Autoren zur Inspiration auch der ursprüngliche Text zugesandt, aus dem sie aber nichts nachweisbar übernehmen durften.
Einen wesentlichen Anteil an der Entstehung der Mayschen Illustrationstexte hatte der bedeutende Publizist Joseph Kürschner,Hartmut Vollmer: Vorwort. In: Karl May: Briefwechsel. 2013, S. 40. der seit 1881 die Zeitschrift Vom Fels zum Meer im Verlag von Wilhelm Spemann redigierte.J. Wehnert: Joseph Kürschner und Karl May. 1988, S. 341 f. Kürschner bzw. der Verlag war auf May entweder bereits durch dessen Jugendbücher Im fernen Westen und Der Waldläufer (beide 1879)J. Wehnert: Joseph Kürschner und Karl May. 1988, S. 342. oder spätestens durch dessen Reiseerzählungen im Deutschen Hausschatz in Wort und Bild (Verlag Friedrich Pustet) aufmerksam geworden.H. Vollmer: Vorwort. 2013, S. 10. Während Andreas Graf meint, „Kürschner (dürfte) die nämlichen Eigenschaften [Mays] geschätzt haben: Phantasie, Variationsreichtum und wiedererkennbare Helden“,Andreas Graf: »Von einer monatelangen Reise zurückkehrend«. Neue Fragmente aus dem Briefwechsel Karl Mays mit Joseph Kürschner und Wilhelm Spemann (1882–1897). In: Claus Roxin, Heinz Stolte, Hans Wollschläger (Hrsg.): Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 1992. Hansa Verlag, Husum 1992, ISBN 3-920421-64-7, S. 109–161 (153 f). (Onlinefassung) vermutet Jürgen Wehnert, dass Kürschner rein geschäftlich und nicht literarisch an May interessiert war.Jürgen Wehnert: Karl May, Joseph Kürschner und die Deutsche Verlags-Anstalt. In: H. Meier: Der Krumir. 1985, S. 110–112. Jedenfalls schrieb Kürschner später: „Persönlich gehöre ich so wenig wie Lindner [Illustrator der May-Erzählung Et in terra pax (1901)] zu den Verehrern May's, ich lese auch seine Bücher nicht.“Brief Kürschners an Hugo Fritsche vom 11. Juli 1901. Zitiert nach H. Vollmer: Vorwort. 2013, S. 41. Mutmaßlich 1882 lud Kürschner May zur Mitarbeit ein. Zunächst entstanden die Reiseerzählungen Christi Blut und Gerechtigkeit (1882) und Saiwa tjalem (1883) für Vom Fels zum Meer sowie Ein Oelbrand (1883) für eine Jugendreihe des Spemann Verlags. Diese Arbeiten hinterließen einen so positiven Eindruck, dass Kürschner immer wieder um Beiträge batJ. Wehnert: Joseph Kürschner und Karl May. 1988, S. 343. und Spemann versuchte, May an den Verlag zu binden.J. Wehnert: Joseph Kürschner und Karl May. 1988, S. 342 f. May war allerdings zu dieser Zeit durch seine Arbeit für den Deutschen Hausschatz und besonders durch seine Kolportageromane im Münchmeyer-Verlag ausgelastet.Jürgen Wehnert: Karl May, Joseph Kürschner und die Deutsche Verlags-Anstalt. In: H. Meier: Der Krumir. 1985, S. 110. Da er sich der Bedeutung Kürschners und dessen Blattes wohl bewusst war, hielt er ihn mit diversen Ausflüchten, vor allem mit angeblichen Reisen, hin.H. Vollmer: Vorwort. 2013, S. 11. Erstmals für 1886 ist eine Anfrage Kürschners nach einem Illustrationstext belegt, dem May zwar zustimmte, aber zu dem er nicht kam, ihn zu schreiben.J. Wehnert: Joseph Kürschner und Karl May. 1988, S. 348 ff.
Die Texte für Der Gute Kamerad miniatur|Titelblatt der ersten Ausgabe der Knaben-Zeitschrift Der Gute Kamerad, 1887 Im November 1886 übernahm Kürschner die Redaktion eines neuen Projekts im Spemann Verlag, die Knaben-Zeitschrift Der Gute Kamerad,Karl May: Briefwechsel. 2013, S. 97 ff. und bat auch May um Mitarbeit, die dieser zusagte.J. Wehnert: Joseph Kürschner und Karl May. 1988, S. 352. Daraufhin erschien bereits im ersten Heft die Jugenderzählung Der Sohn des Bärenjägers (1887) und sieben weitere Haupterzählungen folgten. In demselben Heft erschien überdies der erste bekannte Illustrationstext Mays: Ibn el ’amm,J. Biermann: Editorischer Bericht. 2008, S. 487. dem zunächst noch mindestens zwei weitere folgten. „Neben der Niederschrift des ‚Bärenjägers‘ (die ja ihrerseits zwischen den Kolportageromanen Deutsche Herzen – Deutsche Helden und Der Weg zum Glück erfolgte) fand May sogar noch Zeit, kleinere Illustrationstexte für den ‚Guten Kameraden‘ zu liefern […]; da May entsprechende Aufträge Kürschners immer wieder auf die lange Bank schob, ist die Schlußfolgerung erlaubt, daß May den ‚Guten Kameraden‘ – anders als den ‚Fels‘ – für eine Art Mission hielt, der er sich nach besten Kräften zu widmen gedachte.“, so Wehnert.J. Wehnert: Joseph Kürschner und Karl May. 1988, S. 353. May hatte seine berufliche Laufbahn als Lehrer begonnen, dem „kein übles Lehrgeschick“ bescheinigt worden war,Hans-Dieter Steinmetz, Dieter Barth: Lektionsbuch und Schulrevisionsbericht. Zu zwei Dokumenten aus Karl Mays Tätigkeit als Fabrikschullehrer. In: Claus Roxin, Helmut Schmiedt, Hans Wollschläger (Hrsg.): Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 1999. Hansa Verlag, Husum 1999, ISBN 3-920421-75-2, S. 11–43 (23 f.). (Onlinefassung) der aber unter unglücklichen Umständen aus der Lehramtskandidatenliste gestrichen worden war.Dieter Sudhoff, Hans-Dieter Steinmetz: Karl-May-Chronik I. Karl May-Verlag, Bamberg / Radebeul 2005, ISBN 3-7802-0171-2, S. 110–120. Bereits während seiner Redakteurszeit hatte May immer wieder Belehrendes in den von ihm betreuten Blättern untergebracht und seine frühen Werke zeugten von einer belehrenden Haltung.Martin Lowsky: Karl May. (= Realien zur Literatur, Band 231). J. B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag, Stuttgart 1987, ISBN 3-476-10231-9, S. 40. Diesen Bildungsanspruch erhob er nun nicht nur bei seinen Haupterzählungen, sondern sogar bei den kurzen Illustrationstexten.Florian Schleburg: ›Ostrich-riding of the Somali‹. Ein bisher unbekannter Fall von transatlantischem Textrecycling. In: Mitteilungen der Karl-May-Gesellschaft. Nr. 175/2013, S. 41. (Onlinefassung) Die Bilder inspirierten May zu Geschichten, deren Inhalt sich oft nicht aus den Bildern selbst ergab.Roland Schmid: Vorwort des Herausgebers. In: Karl May: Die Sklavenkarawane und weitere Erzählungen. Reprint der ersten Buchausgabe. Karl-May-Verlag, Bamberg & Verlag A. Graff, Braunschweig 1975, S. 497. Neben dem Bildmaterial nutzte May weitere Quellen,Helmut Lieblang: „…ein Lao-pung-khao und ein Lao-pung-dam …“ Eine Quelle zu Karl Mays „Ein Phi-Phob“. In: Mitteilungen der Karl-May-Gesellschaft. Nr. 115/1998, S. 18–22. (Onlinefassung) ließ mutmaßlich Selbsterlebtes einfließenWilhelm Vinzenz: Zu unserem Faksimileabbdruck: Karl May: Das Straußenreiten der Somal. In: Mitteilungen der Karl-May-Gesellschaft. Nr. 25/1975, S. 2. (Onlinefassung) und stellte vorgegebene Bildreihenfolgen um.J. Biermann: Editorischer Bericht. 2008, S. 497 ff. Die Texte mussten allerdings anonym bzw. pseudonym erscheinen, um den Mayschen Textanteil im Guten Kameraden, der durch die jeweilige Haupterzählung bereits beträchtlich war, nicht weiter hervortreten zu lassen.Jürgen Wehnert: ...und ich das einzige lebende Wesen in dieser Wildniss. Zur Innovation des Ich-Helden bei Karl May. In: Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.): Text+Kritik Sonderband Karl May. edition text+kritik, München 1987, ISBN 3-88377-180-5, S. 15.
Zu den beliebtesten Figuren der Haupterzählungen gehörte der sächsische Westmann Hobble-Frank.Erich Heinemann: Einführung. In: Karl May: Der Sohn des Bärenjägers – Der Geist der Llano estakata. Reprint der Karl-May-Gesellschaft, Hamburg 1983, S. 5. (Onlinefassung) Anfragen der Leser zu den Erzählungen und ihren Figuren wurden von der Redaktion mit Bitte um Erledigung an die betroffenen Autoren weitergeleitetL. Schmid u. a.: Nachwort. 1995, S. A55. und die Antworten wurden anschließend in den Leserbriefspalten abgedruckt. May selbst beantwortete einige Leserbriefe unter dem Pseudonym Hobble-Frank. Es war allerdings die Redaktion, die Hobble-Frank erstmals in den Leserbriefspalten ins Spiel brachte. Dabei unterscheidet sich das Sächsisch, das sie ihm in den Mund legten, erkennbar von dem Mays.Joachim Biermann: ‚Fragen und Antworten‘. Aus den Leserbriefspalten des ‚Guten Kameraden‘ (IV). In: Mitteilungen der Karl-May-Gesellschaft. Nr. 160/2009, S. 28. (Onlinefassung) Spemann selbst ermunterte May, weiter als Hobble-Frank aufzutreten.Brief Wilhelm Spemanns an May vom vmtl. 1. November 1888. In: Karl May: Briefwechsel. 2013, S. 137 f. Die meisten dieser Hobble-Frank-Beiträge erschienen in jenen Jahrgängen, in denen diese Figur nicht in der jeweiligen Haupterzählung vorkam.J. Biermann: Editorischer Bericht. 2008, S. 505. Einer dieser Texte: Der Schlangenmensch (1890), entstand als Illustrationstext.
Bereits im Januar 1887 gab Kürschner die Redaktion des Guten Kameraden wegen Arbeitsüberhäufung wieder ab.J. Biermann: Editorischer Bericht. 2008, S. 487 ff. Somit war es Spemann, der bei May 1889 acht weitere Illustrationstexte bestellte (von Wasserrast auf dem Marsche bis Der Schlangenmensch).J. Biermann: Editorischer Bericht. 2008, S. 483 ff. Zu dieser Zeit benötigte May dringend Honorare. Als er 1891 mit dem Verleger Friedrich Ernst Fehsenfeld den Vertrag zu Carl May’s Gesammelten Reiseromanen schloss, endete seine finanzielle Not und er war nicht länger auf diese Zusatzeinnahmen angewiesen.J. Biermann: Editorischer Bericht. 2008, S. 483. Es war Spemann 1888 gelungen, May durch einen Exklusivvertrag, an sich zu binden, der May verpflichtete, alle seine Werke zunächst dem Spemann Verlag anzubieten.L. Schmid u. a.: Nachwort. 1995, S. A60 ff. Allerdings hielt sich May nicht daran; so er schrieb u. a. weiter für den Deutschen Hausschatz. Da May aber Spemanns Zahlungsmoral beanstandeteBrief Mays an Friedrich Ernst Fehsenfeld vom 4. Juni 1892. Abgedruckt in: Karl May: Briefwechsel mit Friedrich Ernst Fehsenfeld I. (= Karl May’s Gesammelte Werke, Band 91). Karl-May-Verlag, Bamberg / Radebeul 2007, ISBN 978-3-7802-0091-4. S. 207 ff. und seine Kraft für die Gesammelten Reiseromane benötigte,Schmid: Vorwort des Herausgebers. S. 500. wollte er sich von Spemann lösen. Aus diesen Gründen entstanden keine weiteren Illustrationstexte für den Guten Kameraden mehr. Gänzlich endete Mays Mitarbeit mit seiner letzten Haupterzählung Der schwarze Mustang (1896/97).
Die Illustrationstexte für Joseph Kürschner miniatur|Illustration von George Montbard, zu der Karl May Am Kai-p'a (1890) verfasste