mini|Menschliche Mumie aus dem 16. Jahrhundert, Venzone, Norditalien mini|hochkant|Eine der Llullaillaco-Mumien aus der Provinz Salta (Argentinien) mini|hochkant|Howard Carter am geöffneten Sarg im Grab des Tutanchamun mini|hochkant|Vorbereitung einer peruanischen Kindmumie für den CT-Scanner

Als Mumie bezeichnet man die Überreste von tierischen oder menschlichen Körpern, die durch physikalische oder chemische Gegebenheiten vor natürlichen, gemeinhin unter dem Begriff Verwesung zusammengefassten Prozessen des Zerfalls geschützt und in ihrer allgemeinen Form erhalten sind. Eine Mumie kann vom Menschen durch besondere Verfahren künstlich hergestellt werden (Mumifizierung) oder quasi „von selbst“ durch natürlich ablaufende Prozesse entstehen (Mumifikation), das Endergebnis wird in beiden Fällen als „mumifiziert“ bezeichnet.

Die Bezeichnung „Mumie“ leitet sich als erstarrter GenitivGundolf Keil: Die „Cirurgia“ Peters von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes (= Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm. Band 2). Stadtarchiv, Ulm 1961 (zugleich Philosophische Dissertation Heidelberg 1960: Peter von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes), S. 426 (zu mumia und mumie). (lateinisch mumiae) über lateinisch Mumia wie italienisch mummia und arabisch mūmijā, „einbalsamierter Leichnam“,Friedrich Kluge, Alfred Götze: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Auflage. Hrsg. von Walther Mitzka. De Gruyter, Berlin / New York 1967; Neudruck („21. unveränderte Auflage“) ebenda 1975, ISBN 3-11-005709-3, S. 492. vom persischen Wort mumia ab (neupers. / mūm), was „Bitumen, Erdpech“ bedeutet.Wolfgang Helck, Eberhard Otto: Kleines Lexikon der Ägyptologie. 4., überarbeitete Auflage. Harrassowitz, Wiesbaden 1999, ISBN 3-447-04027-0, S. 192. Im Alten Ägypten wurde der Begriff Mumia namensgebend, da bei den altägyptischen Mumien zumeist die schwärzlich-harzigen Substanzen verwendet wurden; Bitumen fand erst in griechisch-römischer Zeit Anwendung.

Damit eine Mumie entstehen kann, muss bei einer Leiche insbesondere die durch Autolyse, Bakterien und Insekten hervorgerufene Zerstörung des Weichgewebes wirkungsvoll unterbunden werden. Arides Klima oder kontinuierlich mit Luft durchströmte Landschaftselemente (z. B. Höhlen) und Bauwerke sind aufgrund der dort herrschenden hohen Verdunstungsraten einer Mumifizierung förderlich. Eine Mumie kann sich aber auch bei Temperaturen deutlich unter dem Gefrierpunkt von Wasser bilden.Arthur C. Aufderheide: The Scientific Study of Mummies. Cambridge University Press, Cambridge u. a. 2003, ISBN 0-521-81826-5.Stephen A. Buckley, Richard P. Evershed: Organic chemistry of embalming agents in Pharaonic and Graeco-Roman mummies. In: Nature. Nr. 413, 25. Oktober 2001, S. 837–841, doi:10.1038/35101588.Alison Galloway et al.: Decay rates of human remains in an arid environment. In: Journal of the Forensic Science Society. Band 34, Nr. 3, Mai 1989, , S. 607–616.Bernard Greenberg: Flies as forensic indicators. In: Journal of Medical Entomology. Band 28, Nr. 5, September 1991, , S. 565–577. Bei Moorleichen, die ebenfalls als Mumien bezeichnet werden, findet die Weichteilkonservierung im sauren Milieu eines Hochmoores durch Sauerstoffabschluss und die Wirkung von Humin- und Gerbsäuren statt, wobei sich die mineralischen Anteile der Knochen oft auflösen. Bei der künstlichen Mumifizierung haben sich darüber hinaus das Entfernen der Eingeweide sowie verschiedene Balsamierungstechniken bewährt.

Archäologisch ist die Definition von Mumie schwierig, da ursprünglich nur ägyptische Leichen als Mumien bezeichnet wurden. Für Funde bei indigenen Völkern Südamerikas (z. B. Paracas-Kultur oder aus der Nazca-Kultur) hat sich ebenfalls der Begriff „Mumie“ etabliert. Der Begriff „Mumie“ ist für die archäologische Wissenschaft nicht verbindlich definiert. Meist wird der Begriff in Deutschland vermieden, da er zu sehr mit ägyptischen Funden in Verbindung gebracht wird. Einen weiteren Grund, den Begriff Mumie kritisch zu sehen, sehen inzwischen einige Museen darin, dass der aus der Kolonialzeit herrührende Name respektlos gegenüber dem gestorbenen Menschen sei. Besser sei es daher von einer „mumifizierten Person“ zu sprechen.

Mumia

Von medizinischer Bedeutung war die aus Mumien gewonnene Substanz „Mumia“. Bitumen ist schon lange Zeit bei Nomadenvölkern in Nordafrika durch seine entwässernden Eigenschaften als Wundmittel bekannt (vgl. Zugsalbe). Da man vermutete, dass ägyptische Mumien damit einbalsamiert worden sind, versuchte man den teuren Stoff erst durch Abschaben, später durch das Zermahlen der Mumie selbst zu gewinnen. Abdul Latif, ein arabischer Reisender des 12. Jahrhunderts, berichtete, dass man die nach Myrrhe duftenden Mumien in Ägypten zu medizinischen Zwecken verkaufte. Noch im 16. Jahrhundert und am Anfang des 17. Jahrhunderts wurde in Europa ein schwungvoller Handel damit betrieben, da Mumien als ein vorzügliches Heilmittel gegen Brüche, Wunden und Kontusionen galten. Anfang des 20. Jahrhunderts vertrieb der Darmstädter Pharmakonzern Merck die Produkte für zwölf Goldmark pro Kilogramm. Da Fälschungen auffliegen konnten, gab man den Produkten die Namenszusätze echt (Mumia vera) und ägyptisch (Mumia ägyptica).

Natürliche Mumien mini|hochkant|Detail einer Mumie aus Guanajuato (Mexiko)

In trockener, heißer Gegend ergibt sich bei salzhaltigem Boden eine natürliche Mumifizierung (Mumifikation). Dort entstand auch der Brauch des Mumifizierens. Natürliche Mumien werden erzeugt durch Lagerung in Höhlungen innerhalb saugfähigen Gesteins, z. B. Tuff (wie etwa in der Kapuzinergruft von Palermo), durch Trockenheit des Bodens am Begräbnisort, z. B. in der Sahara (weiße Mumien), in der peruanischen Wüste oder dem Altai-Gebirge, als Gletschermumie wenn der Leichnam an einem sehr kalten Ort (z. B. Gletscher oder Taiga) begraben ist und gleichsam „eingefroren“ wird, durch einen kalten austrocknenden Luftzug, wie im Bleikeller des Doms zu Bremen oder auf dem Großen St. Bernhard, durch mineralische Bestandteile des Bodens (z. B. Alaungehalt), durch chemische Bedingungen, beispielsweise Huminsäuren in Mooren, wie bei den nordeuropäischen Moorleichen.

Künstliche Mumien In Ägypten

mini|hochkant|Bemalte Mumienbinde mini|links|hochkant=0.6|Ägyptische Mumie in den Vatikanischen Museen

Unter den künstlichen Mumien, die durch besondere Haltbarmachung erzeugt werden, sind die ägyptischen Mumien seit alter Zeit berühmt.

Die Mumien liegen in den ägyptischen Gräbern zum Teil in Sarkophagen oder in Särgen, welche nicht selten die äußere Form einer Mumie haben; namentlich gilt dies von dem innersten Kasten, welcher oft nur aus einer Art von Pappe gemacht ist; sie sind mit einer außerordentlichen Menge von Binden aus Leinwand, in seltenen Fällen aus Baumwolle, fest umwickelt, und der Kopf ist mitunter durch einen Hypocephalus gestützt.

In anderen Gräbern, beispielsweise in thebanischen Volksgräbern, liegen die Mumien uneingesargt in Haufen zu Hunderten und Tausenden. Sie sind lang gestreckt, mit den Händen über der Brust oder über der Schoßgegend gekreuzt oder mit eng an der Seite liegenden Armen, Frauen zuweilen in der Stellung der Venus von Botticelli.

Zwischen den Beinen oder Händen, seltener in den Achselhöhlen, findet man bei den Vornehmeren religiöse Handschriften auf Papyrus, besonders aus dem Totenbuch, womit bei Ärmeren die Mumienbinden beschrieben sind. Am Bauch und auf der Brust, häufiger noch zwischen den Binden finden sich kleinere Amulette; die Mumien von Vornehmeren sind oft mit Schmucksachen aus Gold und edlen Steinen, Halsbändern, Ringen, Ohrringen, Skarabäen, Amuletten und Götterfiguren geschmückt. Bei einigen hat man auch Kränze aus Blättern und Blumen von oft wunderbarer Erhaltung und Ketten von Beeren gefunden.

mini|hochkant|Mumienporträt aus dem Fajum (griechisch-römische Zeit)

Brust- und Bauchhöhle sind leer, durch Leinwandballen voneinander getrennt und mit einer harten, schwarzen, harzigen Substanz angefüllt. Die weiblichen Brüste finden sich nicht selten mit Leinwand ausgestopft oder mit Harz ausgegossen.

Die Mumien sind von den antiseptischen, harzigen und aromatischen Stoffen, mit welchen sie behandelt wurden, so vollständig durchdrungen, dass sie eine dunkelgelbe, rötliche, braune oder schwarze Farbe und einen nicht unangenehmen, aromatischen Geruch angenommen haben.Nicola Davis: Smell like an Egyptian: researchers sniff ancient mummies to study preservation. In: The Guardian. vom 14. Februar 2025; abgerufen am 14. Februar 2025.

Die linke Hand ist fast immer mit Ringen oder Skarabäen geschmückt. Die Mumien der späteren Zeit sind teilweise schwarz und schwer und bilden mit den Binden eine unförmige Masse. Schon der arabische Gelehrte Abdul Latif erzählt von Goldstückchen, welche sich auf den Mumien fänden, und in vielen Museen hat man Exemplare, welche Vergoldung im Gesicht, auf den Augenlidern, auf den Lippen, an den Geschlechtsteilen, an Händen und Füßen zeigen.

Mumien von Memphis waren schwarz, ausgetrocknet und sehr zerbrechlich, während die von Theben gelb, matt glänzend und oft noch geschmeidig einen anderen Zustand aufwiesen, was auf eine verschiedenartige Behandlungsweise hindeutet.

mini|hochkant|Katzenmumien im Royal Ontario Museum, Toronto

Auch wurden Tiere, insbesondere Katzen (denn sie waren die Tiere der Pharaonen und galten als heilig), mumifiziert, um mit ihren Besitzern ins Jenseits aufzufahren. In der ägyptischen Spätzeit, besonders in der 25. Dynastie, gewann der Tierkult eine solche Bedeutung, dass große Friedhöfe mit Tiermumien entstanden. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass von den gefundenen Tiermumien nur etwa ein Drittel den – bis auf die Eingeweide – vollständigen Körper enthalten; ein weiteres Drittel enthält – manchmal nur wenige – Teile der Tiere (Knochen, Federn etc.) und das letzte Drittel bildet zwar äußerlich den Körper des Tieres nach, enthält aber nur Füllmaterial. Ob es sich dabei um Fälschungen handelte, oder dies eine gängige und auch den Käufern bekannte Praxis war, ist unklar.

Die Art der Behandlung und Ausstattung ist bei den Mumien je nach Zeit, Ort und natürlich auch nach dem Stand eine sehr verschiedene gewesen. Anfangs wurden nur Königsmumien einbalsamiert, mit dem Fortschreiten des Alten Reiches konnten auch Beamte sich mumifizieren lassen. Das einfache Volk konnte nur durch die Eigenschaft des Wüstensandes getrocknet werden.

Die ägyptischen Mumien wurden, besonders im England des 19. Jahrhunderts, häufig vor Publikum auf sogenannten Mumienpartys ausgewickelt. Aus dieser Zeit ist zum ersten Mal der Begriff Ägyptomanie bekannt. Vorher wurden sie auch oft als Brennmaterial benutzt (Mark Twain). Ägyptische Mumien von einfachen Ägyptern wurden in vergangenen Jahrhunderten vielfach zu Wunder-Arzneimitteln verarbeitet.

In anderen Kulturen Außer den alten Ägyptern verstanden sich auch die Altkanarier auf den Kanarischen Inseln (Spanien) auf die künstliche Erhaltung; ihre Mumien sind in Ziegenfelle eingenäht und gut erhalten. Der Leichnam wurde xaxo genannt. Sie sind heute im Museo de Naturaleza y Arqueología in Santa Cruz de Tenerife und im Museo Canario in Las Palmas de Gran Canaria zu besichtigen. Ähnliche Fälle gibt es in Mittel- und Südamerika, wo z. B. in Paracas die Cavernen-Kultur ihre Verstorbenen in unzählige Lagen dicker Stoffe wickelte und auf diese Weise konservierte. Peruanische Mumien finden sich in hockender Stellung, mit beiden Händen das Gesicht verdeckend.Wilhelm Reiß, Alphons Stübel: Das Totenfeld von Ancon in Peru. Ein Beitrag zur Kenntnis der Kultur und Industrie des Inca-Reiches. 15 Bände. Asher, Berlin 1880–1887.

mini|hochkant|Guanchenmumie (Museo de Naturaleza y Arqueología, Teneriffa)

Auch bei birmanischen Priestern besteht die Sitte der Einbalsamierung, welche meistens mit dem Glauben an ein Wiederaufleben der toten Körper zusammenhängt.