Mellingen (schweizerdeutsch: ) ist eine Einwohnergemeinde im Schweizer Kanton Aargau. Die Kleinstadt gehört zum Bezirk Baden und liegt auf halbem Weg zwischen Baden und Lenzburg an der Reuss.

Geographie Der historische Kern liegt auf der linken Seite der Reuss, die hier von Südosten nach Nordwesten fliesst. Das überbaute Gebiet erstreckt sich über die Ebene am Fluss, die im Norden und Osten durch die einst vom Reussgletscher geschaffene, grösstenteils bewaldete Endmoräne und im Südwesten durch den Wagenrain begrenzt wird, und über den Berghang östlich der Reuss. Diese fliesst oberhalb von Mellingen durch ein tief in die Schotterterrasse eingegrabenes Tal, und im Nordwesten durchbricht sie in einer etwa 40 Meter tiefen Schlucht die Endmoräne. Der mächtige, 70 Meter hohe Hügel Gruemet ist ein Relikt der Moräne, die der Gletscher bei einem Vorstoss während der letzten Eiszeit, dem sogenannten «Mellingen-Vorstoss», schuf.Landeskarte der Schweiz, Blatt 1090, Swisstopo.Geo-Wanderung um das Zungenbecken des Reussgletschers von Mellingen auf erlebnis-geologie.ch, abgerufen am 10. Januar 2023.

Im Schotterboden kann das Niederschlagswasser leicht abfliessen, weshalb ausser der Reuss nur wenige Fliessgewässer im Gebiet von Mellingen vorkommen. In der Fislisbachermatt mündet der Mülibach in den Fluss, der von Niederrohrdorf durch ein kleines Tal nach Mellingen hinunterfliesst. Zwischen Wohlenschwil, Büblikon und Mellingen entwässern der kanalisierte Laubisbach und der Franzosengraben und der Schwarzgraben das ehemalige Feuchtgebiet am Rand der Ebene. Der Franzosengraben wurde bei der Melioration in den 1950er Jahren eingedolt und um 2020 beim Bau der Umfahrung Mellingen wieder freigelegt. Eine ehemalige Kiesgrube östlich des Gruemet schuf eine Senke im Moränengebiet, in welcher heute ein See liegt.

Die Fläche des Gemeindegebiets beträgt 487 Hektaren, davon sind 152 Hektaren bewaldet und 149 Hektaren überbaut. Der höchste Punkt liegt auf 445 Metern im Gebiet Schneeschmelzi (Brand), rund zwei Kilometer ostnordöstlich des Zentrums, der tiefste auf 344 Metern an der Reuss.

Die Nachbargemeinden von Mellingen sind Birmenstorf im Nordwesten, Fislisbach im Norden, Niederrohrdorf im Osten, Stetten im Südosten, Tägerig im Süden und Wohlenschwil im Westen. Im Norden grenzt Mellingen ausserdem an die Exklave Rütihof der Gemeinde Baden.

Naturschutz Die Uferzone entlang der Reuss zählt zu den schönsten und naturkundlich bedeutenden Landschaften der Schweiz. Die naturnahe Flusslandschaft mit den Eiszeitrelikten, Biotopen und vielen kulturgeschichtlichen Objekten ist im Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung aufgeführt (BLN-Nummer 1305). Im Perimeter des BLN-Gebiets Reusslandschaft, das die Flussstrecke von Sins bis nach Windisch umfasst, liegen die Altstadt von Mellingen sowie oberhalb und unterhalb davon die Naturlandschaft beidseits des Flusses.Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung (BLN). Bundesamt für Umwelt (BAFU)

Das Feuchtgebiet in einer ehemaligen Kiesgrube bei Äbereich östlich von Mellingen ist zusammen mit dem steilen Reusshang «Risi» als kantonales Naturschutzgebiet (Schutzgebiet AG 436) ausgewiesen. Es gehört zudem zu den Amphibienlaichgebieten von nationaler Bedeutung und ist ein Biotop für seltene Pflanzen und Insekten.Äbereich auf protectedplanet.net.Pflegeeinsatz im Ebereich 29. Juni 2022. Lebensraum für Insekten und Echsen gesichert auf birdlife-mellingen.ch.

Geschichte mini|Historisches Luftbild von 1922, aufgenommen von Walter Mittelholzer mini|Altstadt von Südosten Auf dem Gemeindegebiet gibt es mehrere Fundstellen aus der Mittelsteinzeit und der Jungsteinzeit. Die Dorfsiedlung Mellingen stammt aus alamannischer Zeit. Die Kirche ist in einem Dokument von 1045 erstmals urkundlich erwähnt. Das Dorf war nicht identisch mit dem heutigen Städtchen. Es lag am rechten Ufer der Reuss und hiess im Hochmittelalter auch Trostburger Twing. Der Ortsname stammt vom althochdeutschen Mellingun und bedeutet «bei den Leuten des Mello». Im Spätmittelalter war der Name Menelingen in Gebrauch.

Das Dorf und das Gebiet links der Reuss gehörten zuerst den Grafen von Lenzburg und gelangten aus deren Erbe in den Besitz der Grafen von Kyburg. Um 1230 gründeten die Kyburger den befestigten Markt Mellingen am linken Ufer der Reuss und liessen ihn mit einer Ringmauer befestigen. Seit der Mitte des 13. Jahrhunderts bestand eine Brücke über den Fluss. Die Habsburger, die 1273 Landesherren geworden waren, verliehen Mellingen 1296 das gleiche Stadtrecht wie Winterthur, worauf diese dort eine deutschsprachige Abschrift des Stadtrechts bestellten. Im Jahr 1364 erwarb die Stadt die niedere Gerichtsbarkeit über den Trostburger Twing. Um 1400 erhielt die Stadt auch die Blutgerichtsbarkeit.

1415 eroberten die Eidgenossen den habsburgischen Aargau. Mellingen lag nun in der Grafschaft Baden, vermochte aber sein Marktrecht und seine gerichtliche Autonomie zu behaupten. Im Jahr 1512 erhielt die Stadt von Papst Julius II. ein Juliusbanner für die 1508–1512 im Grossen Pavier Feldzug geleisteten Dienste zur Vertreibung der Franzosen.Winfried Hecht: Das Juliusbanner des zugewandten Ortes Rottweil. In: Der Geschichtsfreund: Mitteilungen des Historischen Vereins Zentralschweiz. 126/7 (1973/4). doi:10.5169/seals-118647 Die Zehnten musste die Stadt an das Kloster Königsfelden abliefern, der Twing stand dem Agnesspital in Baden zu. Mellingen besass die niedere Gerichtsbarkeit über Stetten (1415–1494) und Tägerig (1543–1798). Am 1. September 1505 zerstörte ein Stadtbrand rund drei Viertel der Gebäude in der Stadt.

Das katholische Mellingen war der wichtigste Brückenkopf zwischen den reformierten Städten Bern und Zürich. Es war deshalb Schauplatz zahlreicher konfessionell motivierter Kampfhandlungen. Zwischen 1528 und 1712 wurde das Städtchen nicht weniger als zwölf Mal durch Truppen besetzt, so zum Beispiel vor der Entscheidungsschlacht im Schweizer Bauernkrieg von 1653. Die aufständischen Bauern kapitulierten bei Wohlenschwil vor den Toren der Stadt und mussten im Mellinger Frieden harte Bedingungen akzeptieren. Nach dem Zweiten Villmergerkrieg von 1712 kam Mellingen unter die Herrschaft der reformierten Städte Zürich und Bern sowie des paritätischen Ortes Glarus.

Im März 1798 nahmen die Franzosen die Schweiz ein und errichteten die Helvetische Republik. Mellingen musste seine Sonderstellung aufgeben und gehörte zum kurzlebigen Kanton Baden. Erst damals wurde der Trostburger Twing endgültig ein fester Bestandteil Mellingens. Seit 1803 gehört die Gemeinde zum Kanton Aargau.

Mellingen engagierte sich stark für den Bau der Nationalbahn. Am 6. September 1877 konnte die Bahnstrecke Zofingen–Wettingen mit der Reussbrücke und dem Bahnhof Mellingen eröffnet werden, doch bereits ein Jahr später ging das Unternehmen bankrott. Um die Schulden zu begleichen, musste der gesamte Waldbestand der Ortsbürgergemeinde an den Kanton und das Wies- und Ackerland an die nachmalige Kantonalbank verkauft werden.

Um 1900 verschwand wegen der Reblaus-Epidemie der seit dem Mittelalter gepflegte Weinbau. Etwa um dieselbe Zeit siedelten sich erste Industriebetriebe an. Um 1970 entstand neben dem Bahnhof das grösste Tanklager für Benzin- und Öl der Schweiz.Argovia Brennstoffe mit Sitz beim Tanklager in Mellingen auf argovia-brennstoffe.ch, abgerufen am 10. Januar 2023. Von den 1960er Jahren bis zum frühen 21. Jahrhundert hatte das Städtchen seine grösste Wachstumsphase, als die Einwohnerzahl um mehr als zwei Drittel zunahm und die Siedlungsfläche stark erweitert wurde. Am 22. Mai 1975 nahm die SBB den Abschnitt der neuen Bahntransversale von Zürich nach Bern durch den Heitersbergtunnel nach Killwangen mit dem neuen Bahnhof Mellingen Heitersberg im Tal des Mühlebachs in Betrieb.

Sehenswürdigkeiten mini|Reussbrücke mit Brückentor mini|Iberghof und Stadtkirche

Das Zentrum Mellingens ist die mittelalterliche Altstadt. Sie zählt wegen ihrer gut erhaltenen historischen Architektur zu den schützenswerten Ortsbildern der Schweiz. Ihr Grundriss entspricht annähernd einem gleichschenkligen Dreieck, das sich dem linken Ufer der Reuss entlangzieht. Die kurze Hauptgasse zwischen Lindenplatz und Reussbrücke teilt die Altstadt in ihrer Mitte. Links und rechts davon zweigen je zwei Gassen ab, die sich einerseits beim Hexenturm und anderseits auf dem Kirchplatz vereinigen. Die Stadtmauern wurden im 18. Jahrhundert dem Verfall überlassen und mehrheitlich abgebrochen.Hoegger: Die Kunstdenkmäler des Kantons Aargau. S. 385 und 389–390.

Der Zeitturm erhebt sich über dem Lenzburgertor am stumpfen Winkel im Südwesten des Stadtgrundrisses. An beiden Fassaden des mit einem schlanken Dachreiter versehenen Turms sind Uhren eingerichtet, wobei das der Hauptgasse zugewandte Zifferblatt besonders reich verziert ist. Das Lenzburgertor ist das einzige Stadttor im Kanton Aargau, bei dem das Vorwerk erhalten geblieben ist.Hoegger: Die Kunstdenkmäler des Kantons Aargau. S. 391–394. Der zylinderförmige Rundturm am nordwestlichen Ende der Altstadt (auch als Hexenturm bezeichnet) diente einst zur Verteidigung des nördlichen Vorgeländes. 1902 brannte er aus und wurde danach wieder instand gesetzt.Hoegger: Die Kunstdenkmäler des Kantons Aargau. S. 394–395.

mini|hochkant|Zeitturm mit Lenzburgertor Der ersten, im Jahr 1253 erwähnten Brücke über die Reuss folgten mehrere Neubauten. Die 1794 errichtete pfeilerlose Holzbrücke MellingenReussbrücke Mellingen (AG) auf swiss-timber-bridges.ch wurde 1928 durch eine Stahlkonstruktion ersetzt.F. Bühler: Die neue eiserne Reussbrücke in Mellingen. In: Schweizerische Bauzeitung, 93/94, 1929, S. 87–89. (Digitalisat auf e-periodica.ch) Zur Brücke gelangt man von der Hauptgasse aus durch das Brückentor (auch Grosses Tor genannt). Flankiert wird es vom ehemaligen Rathaus und einem ehemaligen Gasthaus.Hoegger: Die Kunstdenkmäler des Kantons Aargau. S. 395–397. Der Kern des Rathauses reicht bis ins 13. Jahrhundert zurück. Die Gemeindeverwaltung nutzt das Gebäude seit 1856 nicht mehr; die Ausstattung der spätgotischen Ratsstube wurde 1889 entfernt und ist heute im Schweizerischen Landesmuseum ausgestellt.Hoegger: Die Kunstdenkmäler des Kantons Aargau. S. 421–424 2012 kam bei der Renovation des Brückentors eine Wandmalerei zum Thema des «Salomonischen Urteils» aus dem 16. Jahrhundert zum Vorschein. An der südöstlichen Ecke der Altstadt steht der Iberghof, ein befestigtes Gebäude mit angebautem Rundturm, das auf das Mittelalter zurückgeht.Hoegger: Die Kunstdenkmäler des Kantons Aargau. S. 424–428.

Dem Iberghof zugewandt ist die katholische Stadtkirche. Ein Vorgängerbau dürfte an dieser Stelle bereits im 10. Jahrhundert existiert haben. Das heutige frühbarocke Kirchengebäude entstand in den Jahren 1675/76. Erhalten geblieben ist der Kirchturm aus dem 13. oder 14. Jahrhundert, der jedoch seither freistehend und nicht direkt mit dem übrigen Gebäude verbunden ist. Das Kircheninnere wurde im 19. Jahrhundert im klassizistischen Stil umgestaltet.Hoegger: Die Kunstdenkmäler des Kantons Aargau. S. 399–414. An der Verzweigung von Lenzburger- und Bremgarterstrasse stehen neben dem Friedhof die katholische Antoniuskapelle und die reformierte Kirche.

Wappen mini|Ehemalige Stadtherberge von 1541 mit altem Stadtwappen und Drudenfuss als Hinweis für unentgeltliche Unterkunft und Verpflegung