Die Drusus-Feldzüge waren römische Militäroperationen in den Jahren 12 bis 8 v. Chr. gegen rechtsrheinische germanische Stämme. Sie sind benannt nach Nero Claudius Drusus (* 38 v. Chr.), einem Stiefsohn des Augustus, der die römischen Truppen bis zu seinem Tod im Herbst 9 v. Chr. kommandierte. Die Feldzüge begannen im Spätsommer 12 v. Chr. mit Militäroperationen im Lippegebiet und an der Nordseeküste und endeten im Jahr 8 v. Chr. mit der Unterwerfung zahlreicher germanischer Stämme zwischen Rhein und Elbe durch Drusus’ Bruder Tiberius Claudius Nero. Als militärischer Höhepunkt der Feldzüge gilt das Erreichen der Elbe im Jahr 9 v. Chr. Die Drusus-Feldzüge bildeten den Auftakt der Augusteischen Germanenkriege (12 v. Chr. bis 16 n. Chr.).

Den Feldzügen vorausgegangen waren germanische Einfälle in Gallien, das die Römer als Provinz beanspruchten. Ein wesentliches Kriegsziel des Drusus war deshalb die Vorfeldsicherung der Rheingrenze, die von Gaius Julius Caesar als Trennlinie zwischen Gallien und Germanien festgelegt worden war. Inwieweit bereits den Drusus-Feldzügen ein Plan zur Eroberung Germaniens bis zur Elbe zugrunde lag, ist in der Forschung umstritten.

Das Ergebnis der Drusus-Feldzüge war eine fast 10 Jahre währende politische und militärische Kontrolle weiter Teile der rechtsrheinischen Stammeswelt. Die römische Vorherrschaft wurde erst wieder mit dem Ausbruch des immensum bellum („gewaltiger Krieg“) im Jahr 1 n. Chr. ernsthaft in Frage gestellt.

Quellenlage Hauptquelle zu den Drusus-Feldzügen sind die Bücher 54 und 55 der Historia Romana („Römischen Geschichte“, griech. Ῥωμαϊκὴ ἱστορία) des Cassius Dio (geb. um 163, gest. nach 229 n. Chr.). Das Geschichtswerk entstand zu Beginn des 3. Jahrhunderts und gilt insgesamt als zuverlässig und auf zeitnahen Quellen basierend. Für die Drusus-Zeit, insbesondere für das entscheidende Jahr 9 v. Chr., folgt Dio der Tradition des Zeitzeugen Livius. Von dessen Geschichtswerk Ab urbe condita sind für den Zeitraum der Drusus-Feldzüge nur die periochae (knappe Inhaltsangaben) erhalten.Livius, periochae 139–142.

Wichtige Informationen liefert auch Sueton in seinen Kaiser-Biographien, insbesondere in denen des Augustus, Tiberius und Claudius.Sueton, divus Augustus 21, 1; Sueton, divus Tiberius 9, 1–2; Sueton, divus Claudius 1, 2–4. Weitere Autoren haben sich mit dem jung und tragisch verstorbenen Augustus-Stiefsohn befasst. Zu nennen sind Florus, Eutrop, Orosius, Seneca, Strabon und Valerius Maximus, überdies finden sich Zeugnisse dem Gedicht Consolatio ad Liviam („Trost für Livia“, die Mutter des Drusus).

Vorgeschichte alternativtext=Büste Gaius Julius Caesar|mini|Gaius Julius Caesar, Büste aus Tusculum, heute in Turin

Römische und germanische Machtansprüche prallten in der Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr. in Gallien aufeinander. Zwischen 58 und 53 v. Chr. besiegte und vertrieb Caesar die nach Gallien vorgedrungenen Sueben, Usipeter und Tenkterer und führte seine Legionen zweimal über den Rhein. Zu Kämpfen auf germanischem Boden kam es nicht, weil sich die angegriffenen Stämme „in die Einöden und Wälder“Caesar, Bellum Gallicum, 4, 18, 4. Übersetzung nach Hans-Werner Goetz, Karl-Wilhelm Welwei: Altes Germanien. Auszüge aus den antiken Quellen über die Germanen und ihre Beziehungen zum römischen Reich. Teil 1 (= Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters. Bd. 1a). Darmstadt 1995, S. 328. zurückzogen. Mit dem Grenzschutz betraute Caesar die germanischen Ubier, römische Bundesgenossen, denen er Siedlungsgebiete um Main und Lahn zuwies.

Im Jahr 38 v. Chr. überquerte Marcus Vipsanius Agrippa als zweiter römischer Feldherr den Rhein, vielleicht als Reaktion auf einen Einfall der Sugambrer, die seit 53 v. Chr. mit den Usipetern und Tenkterern dauerhaft verbündet waren.Nach der blutigen Niederlage von 53 v. Chr. waren die übriggebliebenen Usipeter und Tenkterer über den Rhein geflüchtet und hatten sich möglicherweise in ein Klientelverhältnis (Schutzverhältnis) mit den Sugambrern begeben; vgl. Klaus Tausend: Im Inneren Germaniens. Beziehungen zwischen den germanischen Stämmen vom 1. Jh. v. Chr. bis zum 2. Jh. n. Chr. (= Geographica Historica. Bd. 25). Stuttgart 2009, S. 17f. und 134. In den folgenden Jahrzehnten traten diese drei Stämme stets gemeinsam als Gegner der Römer in Erscheinung. Weitere germanische Einfälle und römische Vergeltungsaktionen sind für die Jahre 30 bis 20 v. Chr. überliefert.

Um 20/19 v. Chr. verließen die Ubier, vermutlich unter dem Druck suebischer Stämme, ihre rechtsrheinische Heimat und erhielten von den Römern auf der linken Rheinseite in der Gegend um Köln neue Siedlungsgebiete zugewiesen. Ihre Grenzschutzaufgabe nahmen sie weiterhin wahr. Darüber hinaus riegelten sie möglicherweise linksrheinisch gelegene, von den Sugambrern beanspruchte Gebiete ab.Johannes Heinrichs: Wanderungen versus Genozid. Einheimische Verbände im nordgallischen Raum unter römisch bestimmten Rahmenbedingungen. In: Gustav Adolf Lehmann, Rainer Wiegels (Hrsg.): „Über die Alpen und über den Rhein…“. Beiträge zu den Anfängen und zum Verlauf der römischen Expansion nach Mitteleuropa. Berlin 2015, S. 133–163, hier S. 148f. In das frei gewordene Ubier-Land rückten 19 v. Chr. Chatten nach, ebenfalls mit römischer Zustimmung, möglicherweise sogar auf römische Weisung hin.

Clades Lolliana Im Jahr 16 v. Chr. kam es zu einer Reihe von Zwischenfällen: Die Sugambrer kreuzigten römische Zenturionen, die Tribute erheben (Horaz)Horaz, carmina 4, 2, 36. oder Rekrutierungen durchführen wollten (Julius Obsequens),Iulius Obsequens, Liber de prodigiis 131. und unternahmen anschließend gemeinsam mit Usipetern und Tenkterern einen Plünderungszug nach Gallien. Dort lockten sie zunächst eine römische Reitereinheit in einen Hinterhalt und besiegten schließlich die 5. Legion des Marcus Lollius. Dabei fiel der Legionsadler in die Hände der Germanen. Laut Sueton war bei dieser clades Lolliana (Lollius-Niederlage) „die Schande größer als der (militärische) Schaden“.Sueton, divus Augustus, 23, 1. Übersetzung nach Hans-Werner Goetz, Karl-Wilhelm Welwei: Altes Germanien. Auszüge aus den antiken Quellen über die Germanen und ihre Beziehungen zum römischen Reich. Teil 2 (= Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters. Bd. 1a). Darmstadt 1995, S. 63. Lollius selbst scheint die Situation im gleichen Jahr bereinigt und die Rückgabe der Feldzeichen erreicht zu haben. Die Übergabe an die Römer ist vermutlich auf Münzen der Jahre 13/12 v. Chr. symbolisch festgehalten.Reinhard Wolters: „Tam diu Germania vincitur“. Römische Germanensiege und Germanensieg-Propaganda bis zum Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. (= Kleine Hefte der Münzsammlung an der Ruhr-Universität Bochum. Nr. 10/11). Bochum 1989, S. 32.

Aufmarsch am Rhein Im Jahr darauf unterwarfen die Augustus-Stiefsöhne Drusus und Tiberius fast 50 Völker der Alpenregion. Der erfolgreiche Alpenfeldzug sicherte Norditalien und die Verbindungswege nach Gallien. Er diente nicht, wie von der älteren Forschung vermutet, der Vorbereitung der römischen Expansion nach Germanien – der süddeutsche Raum sollte bei den augusteischen Germanenkriegen keine erkennbare Rolle spielen.Vgl. Klaus-Peter Johne: Die Römer an der Elbe. Das Stromgebiet der Elbe im geographischen Weltbild und im politischen Bewusstsein der griechisch-römischen Antike. Berlin 2006, S. 84.Reinhard Wolters: Die Römer in Germanien (= Beck’sche Reihe. 2136), 6., durchges. u. aktual. Auflage. München 2011, S. 29.

Unmittelbar nach der clades Lolliana begab sich Augustus nach Gallien und hielt sich dort etwa drei Jahre lang auf. Umfassende administrative und militärische Neuordnungen fallen in diese Zeit, ebenso eine Neuorientierung der Germanienstrategie.Boris Dreyer: Arminius und der Untergang des Varus. Warum die Germanen keine Römer wurden. Stuttgart 2009, S. 75. Die bisherigen Mittel – Grenzschutz durch Verbündete, Machtdemonstrationen und Vergeltungsschläge – hatten die germanischen Einfälle nicht unterbinden können. Am Rhein entstanden nun Kastelle in Nimwegen (Ulpia Noviomagus Batavorum; errichtet vielleicht bereits um 19/18 v. Chr.),Reinhard Wolters: Die Schlacht im Teutoburger Wald. Arminius, Varus und das römische Germanien. 2., durchgesehene Auflage. München 2009, S. 27. Neuss (Novaesium), Bonn (Bonna), Moers-Asberg (Asciburgium), Xanten (Vetera) und Mainz (Mogontiacum).Johann Sebastian Kühlborn: Zwischen Herrschaftssicherung und Integration. Die Zeugnisse der Archäologie. In: Rainer Wiegels (Hrsg.): Die Varusschlacht. Wendepunkt der Geschichte? Stuttgart 2007, S. 65–94, hier S. 66. Die Stützpunkte lagen strategisch günstig: Nach Osten führten Flüsse (Lippe, Ruhr, Main) oder Verkehrswege (zum Beispiel der Westfälische Hellweg) ins Innere Germaniens und erlaubten ein offensives Vorgehen.Dieter Timpe: Römische Geostrategie im Germanien der Okkupationszeit. In: Johann-Sebastian Kühlborn u. a. (Hrsg.): Rom auf dem Weg nach Germanien. Geostrategie, Vormarschstraßen und Logistik. Internationales Kolloquium in Delbrück-Anreppen vom 4.–6.11.2004 (= Bodenaltertümer Westfalens. Bd. 45). Mainz 2008, S. 199–236, hier S. 208. Nach Westen waren die Lager an die Wasserwege und ausgebauten Fernstraßen Galliens angebunden. Auf diesen Routen konnten Versorgungsgüter für die Garnisonen herangeschafft und im Falle von Unruhen rasch Truppen zu gallischen Krisenherden verlegt werden. Bis zum Jahr 12 v. Chr. waren insgesamt fünfEinige Forscher nennen sechs Legionen, z. B. Gustav Adolf Lehmann: Hedemünden und der althistorische Hintergrund. Die Ära der Drusus-Feldzüge. In: Klaus Grote, Ders. (Hrsg.): Römerlager Hedemünden. Der augusteische Stützpunkt, seine Außenanlagen, seine Funde und Befunde (= Veröffentlichungen der archäologischen Sammlungen des Landesmuseums Hannover. Bd. 53). Dresden 2012, 280–299, hier S. 282. Legionen aus Spanien und Gallien eingetroffen und in eine nördliche Heeresgruppe am Niederrhein (exercitus inferior um Xanten) und eine südliche am Mittel- und Oberrhein (exercitus superior um Mainz) verteilt worden. Der Grenzschutz ging von germanischen Verbündeten auf die Legionen über und gewann eine „neue Qualität“.Karl-Wilhelm Welwei: Probleme römischer Grenzsicherung am Beispiel der Germanienpolitik des Augustus. In: Wolfgang Schlüter, Rainer Wiegels (Hrsg.): Rom, Germanien und die Ausgrabungen von Kalkriese. Osnabrück 1999, S. 675–688, hier S. 678.

Dennoch überschritten im Jahr 12 v. Chr. Sugambrer, Usipeter und Tenkterer unter der Führung des Kriegsherzogs Maelo erneut den Rhein. Drusus, seit 13 v. Chr. faktisch Statthalter in Gallien und Oberkommandierender am Rhein, trat den Invasoren entgegen. Vergeblich hofften die Germanen auf die Unterstützung rebellierender gallischer Stämme und erlitten eine empfindliche Niederlage.

Feldzugjahr 12 v. Chr. Im SpätsommerAm 1. August 12 v. Chr. wurde die „ara Romae et Augusti“ (Altar der Stadtgöttin Roma und des Augustus) als gallisch-römisches Zentralheiligtum in Lugdunum (Lyon) feierlich geweiht. Da sich auch Drusus zu diesem Anlass in Lugdunum aufhielt, ist dieses Datum der Terminus post quem („Zeitpunkt nach dem“) für die nachfolgenden Militäroperationen in Germanien; vgl. Klaus-Peter Johne: Die Römer an der Elbe. Das Stromgebiet der Elbe im geographischen Weltbild und im politischen Bewusstsein der griechisch-römischen Antike. Berlin 2006, S. 88. brach „mit aller Wucht die seit Jahren systematisch vorbereitete große Offensive der Römer herein.“Gustav Adolf Lehmann: Hedemünden und der althistorische Hintergrund. Die Ära der Drusus-Feldzüge. In: Klaus Grote, Ders. (Hrsg.): Römerlager Hedemünden. Der augusteische Stützpunkt, seine Außenanlagen, seine Funde und Befunde. (= Veröffentlichungen der archäologischen Sammlungen des Landesmuseums Hannover. Bd. 53). Dresden 2012, S. 280–299, hier S. 285. Die Überschreitung des Niederrheins markiert den Beginn der augusteischen Germanenkriege.

Kriegsziele