mini|Erste Mahnwache in Deutschland (1958) mini|Mahnwache für Frieden (USA 2012)
Eine Mahnwache ist eine friedliche Demonstration, bei der auf eine als gesellschaftlichen Missstand wahrgenommene Situation hingewiesen werden soll. Es handelt sich dabei um in der Regel längerfristige, meist schweigende Vorhaben von Gruppen. Diese Demonstrationsform zählt zu den 198 Methoden gewaltfreien Handelns.Gene Sharp: Von der Diktatur zur Demokratie – Ein Leitfaden für die Befreiung. München 2008, S. 102 Der Begriff geht zurück auf das englische vigil und wurde 1958 im Aktionskreis für Gewaltlosigkeit durch den jungen Glasermeister Jürgen Grimm „erfunden“.Zeitschrift Gewaltfreie Aktion: Vierteljahreshefte für Frieden und Gerechtigkeit, 29. Jg., 2. Quartal 1997, Heft 111/112. , S. 66 Bereits 1917 wurde in Washington/USA eine mehrwöchige silent vigil durch die Frauenrechtsbewegung durchgeführt.Robert Cooney, Helen Michalowski (Hrsg.): The Power of the People: Active Nonviolence in the United States. Culver City, California 1977, S. 58
Mahnwachen erinnern häufig an traurige Ereignisse und finden in stiller Atmosphäre statt. Dennoch sind sie politisch motiviert oder wenden sich an die Öffentlichkeit, wodurch sie sich von einer Trauerveranstaltung unterscheiden.
Geschichte Anfänge deutscher Mahnwachen Die erste deutsche Mahnwache fand im Frühsommer 1958 vor dem Hamburger Rathaus im Anschluss an die – vom DGB/SPD-Ausschuss „Kampf dem Atomtod“ organisierte – größte Demonstration der Nachkriegsgeschichte mit weit über 120.000 Teilnehmern statt. Durch sie protestierte der kleine Hamburger Aktionskreis für Gewaltlosigkeit (Mitglieder der WRI) 14 Tage und Nächte gegen die geplante Atombewaffnung. Aus England kamen zu dieser Mahnwache die WRI-Aktivistinnen April Carter und Pat Arrowsmith, aus USA WRI-Ratsmitglied Bayard Rustin.Karl A. Otto: Vom Ostermarsch zur APO – Geschichte der ausserparlamentarischen Opposition in der Bundesrepublik 1960-70. Frankfurt 1977, S. 71
Mahnwachen in der DDR
Mahnwachen wurden Ende der 1980er Jahre zu einer entscheidenden Protestform gegen die Politik der SED. Als das Ministerium für Staatssicherheit im November 1987 Mitarbeiter der Ost-Berliner Umwelt-Bibliothek verhaftete, protestierten DDR-Oppositionelle binnen weniger Stunden mit einer ununterbrochenen Mahnwache an der Zionskirche, bis alle Verhafteten wieder freigelassen wurden.Fotos von der Mahnwache Zionskirche auf jugendopposition.de, gesichtet am 2. März 2017. Die Mahnwache wurde in den Medien der DDR diffamiert.Der Chefredakteur der Jungen Welt setzte Aktivisten der Mahnwache mit Neonazis gleich auf jugendopposition.de, gesichtet am 9. August 2010.Vgl. auch Ilko-Sascha Kowalczuk: Endspiel. Die Revolution von 1989 in der DDR. München 2009. ISBN 978-3-406-58357-5. S. 171 f.
Nachdem am 11. September 1989 auf dem Leipziger Nikolaikirchhof Demonstranten verhaftet worden waren, unter denen sich die Bürgerrechtlerin Katrin Hattenhauer befand (vgl. auch Friedliche Revolution (Leipzig)), begann am 2. Oktober 1989 eine ständige Mahnwache an der Ost-Berliner Gethsemanekirche, die bald zu einem Kristallisationspunkt der Friedlichen Revolution wurde.Mahnwache an der Gethsemanekirche auf jugendopposition.de, gesichtet am 9. August 2010. Gefordert wurde die Freilassung der „zu Unrecht Inhaftierten“ sowie Presse- und Meinungsfreiheit.Aufruf der Aktionsgruppe Mahnwache Berlin Gethsemanekirche auf jugendopposition.de, gesichtet am 9. August 2010.
mini|Mahnwache gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21
Nach 2000 Mahnwachen finden etwa wegen rassistischer Morde, Krieg aber auch wegen gesellschaftlicher sowie politischer Missstände statt. Beispielsweise:
2005 die Mahnwache für Hatun Sürücü, die von ihrem jüngsten Bruder ermordet wurde, nachdem sie sich einer Zwangsehe widersetzen wollte. Die Leipziger Mahnwachen für zwei Ende Januar 2006 im Irak verschleppte Ingenieure einer sächsischen Firma für Anlagenbau, die der Nikolaikirchenpfarrer Christian Führer mitinitiiert hatte und bis zur Freilassung der beiden Männer Anfang Mai aufrechterhielt. Im G8-Gipfel in Heiligendamm 2007 wurden in Zaunnähe Mahnwachen aufgestellt, jedoch durften an diesen nur maximal 50 Leute verweilen.http://g8-tv.org/index.php?play_id=1722 In der zweiten Hälfte des Jahres 2007 wurden von Sascha Weiss Mahnwachen organisiert, um auf das Schicksal seines minderjährigen Bruders Marco aufmerksam zu machen. Dieser war in der Türkei monatelang in U-Haft gehalten worden, ohne dass das Verfahren gegen ihn nennenswert vorangekommen wäre. Letztlich wurde er ohne Auflagen freigelassen und konnte in seine Heimat zurückkehren.http://www.hilfe-fuer-marco.de/ Im Rahmen des Widerstands gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 steht seit dem 17. Juli 2010 eine Mahnwache am Stuttgarter Hauptbahnhof. Zunächst 2 Wochen lang am Nordflügel, dann am Nordausgang des Bahnhofs, seit dem 28. April 2012 an der Ecke Arnulf-Klett-Platz/Königstraße. Sie ist seit Beginn durchgehend und rund um die Uhr besetzt. Am 15. August 2020 feierte diese Mahnwache ihre Wiedereröffnung nach einigen Monaten Corona-Krisen-bedingter Zwangspause, nebst dem 10-jährigen Jubiläum vier Wochen zuvor. Die Folge vom 29. Januar 2019 der Satiresendung Die Anstalt brachte eine Hommage an diese Mahnwache: „Ihr habt gar nichts erreicht. Ihr habt nur Recht. Sonst nichts. […] Ja, ihr habt die Experten. […] Haltet durch, denn ihr habt noch nichts erreicht.“ Infolge des Tōhoku-Erdbebens im Jahr 2011 und dem damit verbundenen Atomunfall im Kernkraftwerk Fukushima Daiichi in Japan, fanden in Deutschland am 14. März in mehr als 450 Orten bundesweit Mahnwachen für die Abschaltung der deutschen Kernkraftwerke statt.Mahnwachen in Deutschland – "Gib mir eine Fahne!", 14. März 2011, taz.de Seit 2014 gibt es in Deutschland die Mahnwachen für den Frieden, bei denen Beobachter antiamerikanische, antisemitische, rechtsextreme und verschwörungsideologische Tendenzen kritisierten. 2015: Nach den Terroranschlägen auf Charlie Hebdo vor der Hauptwache in Frankfurt unter dem Motto Je suis CharlieGedenken an der Hauptwache: Kerzen für Charlie Hebdo in Frankfurter Rundschau, online und eine ebensolche Mahnwache namens Je suis juifJuden in Frankfurt fordern mehr Solidarität, in Frankfurter Rundschau, online initialisiert von der deutschen jüdischen Mitbürgerin und Rechtsanwältin Elishewa Patterson, Vorsitzende des Jüdischen Kulturvereins Ostend (Frankfurt am Main).
Seit 2016 finden insbesondere in Berlin Mahnwachen für getötete Radfahrende und andere Verkehrsteilnehmende statt. Ursprünglich von der Initiative Volksentscheid Fahrrad angestoßen, werden die Mahnwachen nun von dessen Trägerverein Changing Cities e. V. veranstaltet. Der ADFC Berlin stellt ein Geisterrad für die getöteten Radfahrenden auf. Für getötete Fußgänger und Fußgängerinnen stellt Changing Cities e. V. gemeinsam mit dem VCD sowie dem FUSS e. V. eine Figur auf. Inzwischen werden die Mahnwachen auch in weiteren Städten abgehalten. Sie dienen dazu, Getötete im Straßenverkehr nicht länger als Kollateralschaden hinzunehmen und an die Vision Zero zu erinnern.
Seit 2017 finden europaweite Veranstaltungen der Weidetierhalter statt, die sich um Mahn- und Solidarfeuer versammeln und die Einführung eines aktiven Wolfsmanagements fordern.Shropshire Schafhalter: Mahnfeuer- und Solidarfeuer für die eingeschränkte Ausbreitung der WölfeKatharina Lütke Holz: Mahnfeuer für Erhalt der WeidetierhaltungSüdtirol News: Mahnfeuer gegen den Wolf erleuchten die BergeAlfons Deter: Aktionstag mit Mahnfeuern gegen den WolfTagesschau Südtirol: Feuer gegen den WolfSchafzucht: Europaweite SolidarfeuerLa Nouvelle République.fr: Charroux: un feu contre les loupsBourgogne Franche-comté: Yonne: les éleveurs appelés à faire des feux contre le loupJawina: Heute: Über 120 Mahnfeuer gegen den Wolf in Europa
Siehe auch
Lichterkette (Demonstration)
Einzelnachweise
Kategorie:Demonstrationsart Kategorie:Demokratie Kategorie:Gewaltfreiheit