Alt-Right (kurz für , ) bezeichnet Ideologien am extremen Rand der politischen Rechten in den USA. Im Zentrum steht die rassistisch, islamfeindlich und antisemitisch begründete Annahme, dass die „Identität der weißen christlichen Bevölkerung“ von der multikulturellen Einwanderungsgesellschaft der USA sowie einer „politischen Korrektheit“ und Gesetzen zur Förderung der sozialen Gerechtigkeit bedroht sei. Die Identität müsse gegen jegliche abweichende Vorstellung verteidigt werden. Anhänger der Alt-Right wollen damit die Vorherrschaft der Weißen („White Supremacy“) durchsetzen bzw. behaupten. Große mediale Aufmerksamkeit erfuhr der Begriff während der Präsidentschaftswahl in den Vereinigten Staaten 2016.
Name Der Publizist Richard B. Spencer, ein prominenter Vertreter einer als White Supremacy bekannten Rassenlehre, nimmt für sich in Anspruch, den Begriff Alt-Right 2008 etabliert zu haben. 2010 gründete er ein Onlinemagazin, das er Alternative Right nannte. Er schloss es 2013, andere führten es kurz darauf weiter.Larry Keller: Paleocon Starts New Extreme-Right Magazine, auf splcenter.com, vom 15. März 2010. Abgerufen am 29. November 2016Alt Right: A Primer about the New White Supremacy, auf adl.org. Abgerufen am 29. November 2016. Der Begriff Alt-Right wird dafür kritisiert, dass er ein von Rassisten ersonnener Euphemismus sei, der rechtsextremistisches Gedankengut verschleiern und für ein breites Publikum akzeptabler erscheinen lassen solle. Alt-Right-Aktivisten werden in Europa als Rechtsextremisten und Neonazis bezeichnet.
Ideologische Fundierung mini|Alt-Right-Aktivisten mit Hakenkreuz-Flagge und mit Südstaatenflaggen bei den „Unite the Right“-Ausschreitungen in Charlottesville, 2017 Die Alt-Right soll eine ideologische Alternative zum traditionellen Konservatismus darstellen und zum Teil in der Tradition des amerikanischen Paläokonservatismus stehen. Spencer selbst sieht die Alt-Right eher im Gedankengut der französischen Neuen Rechten verortet. Er bezeichnet sich als „Identitärer“ und gibt an, mit der Identitären Bewegung in Europa in Kontakt zu stehen. Ideologeme der Alt-Right sind unter anderem White Supremacy, Neonazismus, Antisemitismus und Islamfeindlichkeit.Joan Walsh: Islamophobes, White Supremacists, and Gays for Trump – the Alt-Right Arrives at the RNC. The Nation, 20. Juli 2016. Ihre Vertreter sprechen sich unter anderem gegen politische Korrektheit, Feminismus, LGBTI-Emanzipation, Multikulturalismus und Einwanderung aus und verwendeten im Präsidentschaftswahlkampf 2016 den Begriff der „Generation Snowflake“ als Kampfbegriff gegen „politisch Korrekte“ und „Liberale“.Jessica Goldstein: The surprising history of ‘snowflake’ as a political insult. www.thinkprogress.org, 19. Januar 2017.
Große Teile der Alt-Right vertreten einen selbsternannten „Rassen-Realismus“, der besagt, dass die Existenz von „Rassen“ nach Jahrtausenden der Evolution eine biologische Realität sei und sich die verschiedenen „Rassen“ grundlegend unterschieden: Oft wird hierbei auf angebliche Unterschiede in der Intelligenz ethnischer Gruppen Bezug genommen, wobei in der Regel eine Überlegenheit der "Weißen" impliziert wird. Die Kultur eines Volkes sei soziobiologisch veranlagt und Individuen könnten am besten in homogenen Gesellschaften ihrer eigenen „Rasse“ gedeihen. „Rassen-Realismus“ wird von Anhängern der Alt-Right einerseits zur Rechtfertigung sozialer Ungleichheit zwischen ethnischen Gruppen in den Gesellschaften des Westens angeführt und begründet andererseits die Opposition der Alt-Right zu Multikulturalismus und Einwanderung aus nicht-westlichen und nicht-europäischen Ländern.
Die Alt-Right vertritt ein konservatives Familienbild mit einer Rückkehr zur „traditionellen“ Kernfamilie als Norm. Begründet wird dies mit einer angeblichen „Hypergamie“ bei Frauen, die sich jeweils nur mit den „sexuell attraktivsten Männern“ paaren würden, was ein „natürliches Bedürfnis“ von Frauen sei. Die sexuelle Revolution sei daher zum Nachteil für die Mehrzahl der Männer gewesen. Infolgedessen müsse Monogamie erzwungen werden, und die Möglichkeit einer Scheidung müsse begrenzt werden. Mit diesen Ideen, die frauenfeindliche Ideologeme der Incel-Bewegung aufgreifen und eine teils ausdrückliche, teils subtile Erzwingung der freien Partnerwahl anstreben, beabsichtigt der Mainstream der Alt-Right-Bewegung ebenso die Verhinderung der sexuellen Durchmischung „nordischer“ Frauen mit schwarzen oder latinischen Männern. Denn die Angehörigen der Alt-Right gehen vielfach von der Annahme aus, dass die Polygamie einer der hauptverantwortlichen Faktoren dafür sei, dass der Anteil der sich mit männlichen Migranten paarenden Frauen ohne Migrationshintergrund zugenommen habe. Verschärft wird bei der Alt-Right-Bewegung diese Vorstellung durch das Klischee der Frau als einer Person, die sich meist die bestverdienenden, erfolgreichsten Männer als Partner aussuche, sowie durch das stereotypische Bild des männlichen Migranten als eines vom System angeblich bevorzugten Rivalen weißer Männer, welcher auf beruflicher Ebene von einem institutionell propagierten Antirassismus der USA und von multikulturalistischen Erinnerungskulturen profitiere.
Nach Außen behaupten Vertreter der Alt-Right meist, nur wertfrei von Verschiedenheit der „Rassen“ zu reden: Weiße seien anderen nur in von Weißen geschaffenen Gesellschaften überlegen. Die Vorstellung einer allgemeinen Überlegenheit der „weißen Rasse“ wird daher von den meisten Protagonisten der Bewegung öffentlich oft abgelehnt, ebenso wie die Idee einer Vorherrschaft der weißen über andere Rassen im Sinne einer White Supremacy. Ziel sei nicht die Herrschaft über andere Rassen, sondern lediglich eine konsequente Rassentrennung. Dabei werden allerdings die USA ebenso wie Europa als ein „weißes“ Land verstanden: Prominente Wortführer der Alt-Right wie Richard Spencer fordern daher die Errichtung eines „weißen“ „Ethnostaats“ in den USA und sprechen sich für „friedliche ethnische Säuberungen“ aus. Die Alt-Right hat zudem viele Elemente des klassischen Antisemitismus übernommen. Insbesondere die „Mainstreammedien“ würden von Juden kontrolliert, deren Ziel es sei, eine Vermischung der Rassen herbeizuführen.
Aus dem Umfeld der Alt-Right in den USA kam auch Unterstützung für die Neue Rechte in Europa, wie zum Beispiel die völkische Identitäre Bewegung, insbesondere für deren Aktion Defend Europe.
Strategien Kommunikation und politische Bedeutung Das im Jahr 2007 von Andrew Breitbart gegründete Breitbart News Network gilt als wichtiges Sprachrohr der Bewegung. Von Breitbarts Tod im Jahr 2012 bis August 2016 führte Stephen Bannon das Unternehmen. Im Juli 2016 äußerte er sich in einem Interview über Breitbart News Network: “We’re the platform for the alt-right” (deutsch: „Wir sind die Plattform für die Alt-Right“).Sarah Posner: How Donald Trump’s New Campaign Chief Created an Online Haven for White Nationalists Breitbart News is “the platform for the alt-right,” boasts Stephen Bannon. motherjones.com, 22. August 2016. Abgerufen am 28. November 2016.
Donald Trump instrumentalisierte und förderte das Gedankengut der Alt-Right während seines Wahlkampfs 2016 zur Mobilisierung weißer Wähler. Nach seiner Wahl machte Trump Stephen Bannon anfangs zu seinem ranghöchsten politikstrategischen Berater und versuchte gleichzeitig, sich verbal von radikalen Anhängern zu distanzieren. Trump behauptete, Bannon sei weder ein Rassist noch ein Rechter, und radikalen Anhängern wolle er keinen Auftrieb geben.
Der an das National Policy Institute angeschlossene Verlag Washington Summit Publishers bot neben Eigentiteln auch Bücher von Guillaume Faye, der als einer der führenden Denker der französischen Neuen Rechten gilt, dem rechtsextremen US-Kulturphilosophen Francis Parker Yockey, dem italienischen rechtsesoterischen Rassentheoretiker Julius Evola sowie Madison Grant, einem US-amerikanischen Rechtsanwalt und Autor rassentheoretischer Werke, zum Kauf an.
Im Jahr 2019 starben 39 Amerikaner bei Gewalttaten von weißen Rassisten. Dies stellte die höchste Opferzahl seit dem Jahr 1995 und dem Bombenanschlag auf das Murrah Federal Building in Oklahoma City dar, das durch den Rechtsextremisten Timothy McVeigh verübt worden war. Im folgenden Jahr erreichte die Anzahl von verhinderten und durchgeführten Terrorakten in den Vereinigten Staaten ihren Höhepunkt. Zwei Drittel davon gingen auf das Konto von White-Supremacy-Anhängern.Cynthia Miller-Idriss: From 9/11 to 1/6: The War on Terror Supercharged the Far Right. In: Foreign Affairs. Vol. 100, No. 5, September/Oktober 2021, S. 54–64; hier: S. 54.
Verhältnis zum evangelikalen Christentum Die evangelikalen Christen der religiösen Rechten in den Vereinigten Staaten teilen einige neokonservative Werte der Alt-Right-Bewegung. In der Tea-Party-Bewegung ist die religiöse Rechte stark repräsentiert und beide unterstützen Donald Trump. Als bei einem Neonazi-Aufmarsch in Charlottesville 2017 eine Gegendemonstrantin von einem Rechtsradikalen überfahren wurde und Trump sich zunächst weigerte, gegen Neonazis prinzipiell Stellung zu beziehen, stieß dies bei einigen evangelikalen Gemeinden auf Ablehnung. Von eher traditionellen rechten Christen in den USA wurde er daraufhin in einem offenen Brief aufgefordert, „sich den vielen anderen politischen und religiösen Führern anzuschließen, damit einstimmig festgestellt wird, dass die ‚Alt-Right‘ rassistisch und böse sowie das Gegenteil einer wohlgeordneten, friedliebenden Gesellschaft ist.“ Unterzeichnet wurde das Schreiben vom Präsidenten der größten US-Congregation, der Southern Baptist Convention, Steve Daines und deren Alterspräsidenten Fred Luther sowie von den Pastoren T. D. Jakes und Tony Evans.
Bedeutung des Internets und sozialer Medien Verbreitung findet das Gedankengut der Alt-Right hauptsächlich über das Internet, u. a. auch weil ihre Anhänger in den Breitenmedien (den so genannten Mainstream-Medien) wenig Gehör finden oder einer kritischen Berichterstattung unterliegen. Das von Richard B. Spencer geführte National Policy Institute beschäftigte sich beispielsweise online mit rassistischen Themen: „die Lage des Weißen Amerika“, „Kosten und Nutzen von Massendeportationen“, „Konservative und Rasse“, „Wohlstand IQ der Nationen“, „Uhuru für Südafrika“.Devin Burghart: Who is Richard Spencer? auf irehr.org, 27. Juni 2014. Abgerufen am 23. November 2016. Bei „Uhuru“ handelt es sich um den Schlachtruf der von Gavin McInnes begründeten Proud Boys, einer Organisation selbsternannter „westlicher Chauvinisten“.
Besondere Bedeutung zur Verbreitung des Alt-Right-Gedankengutes spielen dabei soziale Medien, mit Webseiten wie 4chan, 8chan und The Daily Stormer, zunehmend aber auch Reddit, Twitter und Facebook. Diese Dienste erlauben u. a. eine relativ unbeobachtete Organisation und Kommunikation untereinander. Auch YouTube spielt eine Rolle bei der Verbreitung. Der Medienforscher Luke Munn sieht insbesondere die automatisierten, algorithmengestützten Videoempfehlungen als einen Faktor, der Nutzer sukzessive durch extremer werdende Empfehlungen in die Ideologie der Alt-Right ziehe.