Löbejün ist ein Ortsteil der Stadt Wettin-Löbejün im Saalekreis in Sachsen-Anhalt.
Lage mini|Stadtansicht mit Kirche St. Petri (2006) mini|Schulberg mit Stadtkirche (2015) Löbejün liegt 15 km nördlich von Halle (Saale). Der Ort liegt in bergigem Gelände, das aus der Fuhne-Niederung von Norden nach Süden hin ansteigt.
Löbejün ist durch den sogenannten Löbejüner Porphyr (exakte petrographische Bezeichnung: Rhyolith) bekannt. Im Nordosten des Stadtgebietes existieren zudem Steinkohle-Flöze. Im Ortsteil Schlettau wurde Kalkstein gefördert.
Zu Löbejün gehören neben der Ortschaft Löbejün auch folgende Orte: Gottgau Schlettau
Geschichte Im 7. Jahrhundert kam es, sicherlich durch die Franken gefördert, zur Zuwanderung altsorbischer Siedler. So kommt der Ortsname aus dem Altsorbischen. Der Ort wurde im Jahr 961 als Liubichun im Gau Nudici erstmals urkundlich erwähnt, als er vom König an das Magdeburger Moritzkloster geschenkt wurde. Mit der Gründung des Erzbistums Magdeburg im Jahr 968 wurde der Ort diesem übereignet. Der vorhandene Burgwall wurde im 10. Jahrhundert zum Mittelpunkt eines Burgwards (Burgbezirk mit umliegenden Orten). Seit dem 13. Jahrhundert wurde der Ort als Stadt angesprochen. Seit 1680 gehörte die Stadt zum brandenburg-preußischen Herzogtum Magdeburg und lag im damaligen Saalkreis. Die Mediatstadt unterstand der Gerichtsbarkeit des königlich-preußischen Amts Giebichenstein.Erwähnung des Orts im Buch „Geographie für alle Stände“, S. 122f. Zwischen 1807 und 1813 war Löbejün Hauptort des Kantons Löbejün im Distrikt Halle des Departements der Saale im Königreich Westphalen. Ab 1815 gehörte der Ort zum Saalkreis in der preußischen Provinz Sachsen. Am 20. Juli 1950 wurde Schlettau in die Stadt Löbejün eingemeindet.
Am 1. Januar 2011 wurden die Städte Löbejün und Wettin sowie die Gemeinden Brachwitz, Döblitz, Domnitz, Gimritz, Nauendorf, Neutz-Lettewitz, Plötz und Rothenburg, die zuvor bereits in der Verwaltungsgemeinschaft Saalkreis Nord zusammengeschlossen waren, zur neuen Stadt Löbejün-Wettin zusammengefasst. Am 7. April 2011 erhielt sie ihren jetzigen Namen Wettin-Löbejün.StBA: Gebietsänderungen vom 1. Januar bis 31. Dezember 2011.
Einwohnerentwicklung Jahr Einwohner Mittelalter ¹ ~500–600 Beginn 17. Jahrhundert ¹ ~1000 1636 ¹ 96 1719 ¹ 909 1782 ¹ 1299 1822 ¹ 2100 1853 ¹ 3100 1861 ¹ 3497 1880 ¹ 3425 1900 ¹ 3332 1919 ¹ 2802 1935 ¹ 3279 Datum Einwohner 1990 ² 2640 1995 ² 2558 2000 ² 2443 2001 ² 2425 2002 ² 2393 2003 ² 2364 2004 ² 2355 2009 2247 ¹ Quelle: Erich Keyser (Hrsg.): Deutsches Städtebuch – Handbuch städtischer Geschichte, Band 2, 1941 ² Quelle: Statistisches Landesamt Sachsen-Anhalt (jeweils 31. Dezember bzw. 3. Oktober 1990)
Politik Bürgermeister Der letzte Bürgermeister der Stadt war Thomas Madl (CDU), er wurde am 28. September 2008 wiedergewählt.
Wappen mini|Stadtwappen im Pflaster vor dem Rathaus Blasonierung: „In Grün zwei schräggekreuzte, die Bärte auswärts kehrende, silberne Schlüssel, bewinkelt von vier Rosen, die obere und untere silbern, die beiden seitlichen rot.“ Das Löbejüner Wappen wurde – mit kleinen Änderungen – in das vierte Feld des neuen Stadtwappens von Wettin-Löbejün übernommen.
Städtepartnerschaften Seit 2002 ist Schifferstadt in Rheinland-Pfalz Partnerstadt von Löbejün.
Industrie- und Bergbaugeschichte
mini|Rhyolithsteinbruch Löbejün Seit 1518 (erstmalige Erwähnung eines Steinbruchs) wird der Löbejüner Porphyr abgebaut.
In Löbejün befindet sich eines von mehreren kleinen Steinkohlenvorkommen im Halleschen Revier. Geologisch ist dieses Vorkommen als Teil des Halleschen Permakarbonkomplexes den aus dem Pennsylvanium stammenden Wettiner Schichten zuzuordnen. Kennzeichnend ist eine teils extreme Steilstellung der Flöze, die, einhergehend mit einer ständigen Wassernot, ungünstige Voraussetzungen für den Abbau darstellte.
Erste Berichte über Steinkohlenfunde liegen aus dem Jahr 1446 vor. Versuche zur Gewinnung lassen sich für 1564, 1613 und 1622 bis 1626 belegen, allerdings wurde der Abbau wegen Problemen bei der Grubenentwässerung und durch den Dreißigjährigen Krieg nicht dauerhaft aufgenommen.
Am 12. Dezember 1691 bekam eine Gewerkschaft unter Leitung des brandenburgischen Hofkammerpräsidenten Dedo Freiherr von Knyphausen das Privileg zum Steinkohlenabbau verliehen, nachdem vor dem Plötzer Tor, wo bereits von 1622 bis 1626 der Abbau erfolgte, Kohle gefunden wurde. Der erneute Fund fiel in eine Zeit, in der die Brennholzvorräte der Region Halle knapp wurden und die Steinkohle insbesondere zur Versorgung der Salinen in Halle, aber auch für den Hausbrand, Ziegeleien und Branntkalköfen benötigt wurde.
Für den Abbau wurden ab 1695 Bergleute aus Hessen, Sachsen und Thüringen angeworben, die zwischen 1723 und 1803 über 30 Schächte zum Teil bis in Teufen von 130 m niederbrachten. Bebaut wurde damals vorrangig das in Teufen von 40–50 m lagernde Oberflöz sowie das 70–80 m tief liegende zweite Flöz.
Zur Förderung und Wasserhaltung kamen auf mehreren Schächten Pferdegöpel zum Einsatz, zudem wurde zur Entwässerung vom Fuhnetal aus ab 1756 ein über 400 m langer Entwässerungsstollen vorangetrieben. Zwischen 1734 und 1762 kamen mindestens 15 Bergleute bei Wassereinbrüchen, Schachtstürzen und unter hereinbrechenden Gebirgsmassen ums Leben. 1795 wurde zur Wasserhaltung die erste in Deutschland nach Wattscher Bauart erbaute Dampfmaschine eingesetzt. Die Maschine war zuvor seit 1785 im Kupferschieferbergbau auf dem König-Friedrich-Schacht in Burgörner im Einsatz und blieb in Löbejün noch bis 1848 in Betrieb. Der 5,25 m hohe Originalzylinder der Maschine kann als technisches Denkmal in Löbejün besichtigt werden.
Etwa ab 1820 setzte im Zuge der allgemeinen Industrialisierung ein Aufschwung der Förderung ein. Waren bis dahin nur etwa 2.000 bis 6.000 Tonnen Kohle pro Jahr gefördert wurden, so stieg die Förderung nun auf teilweise über 20.000 Tonnen pro Jahr an. Die Qualität der geförderten Kohle ließ in den 1860er und 1870er Jahren sogar eine Koksherstellung zu. Zunehmend machte sich aber die Konkurrenz der Gruben im Rheinisch-Westfälischen Steinkohlerevier bemerkbar, der die kleinen Gruben um Löbejün nicht gewachsen waren. Einen weiteren Rückschlag erhielt die Förderung, als 1876/77 weite Teile der Grubengebäude durch Wassereinbrüche absoffen.
Die Konkurrenzsituation, die Schäden durch Wassereinbrüche und die Erschöpfung der Kohlevorräte führte am 3. Oktober 1883 zur Stilllegung des Löbejüner Steinkohlenbergbaus. Insgesamt wurden in Löbejün zwischen 1713 und 1883 in 170 Betriebsjahren 1.247.467 Tonnen Steinkohle gefördert, darunter 292.180 Tonnen zwischen 1713 und 1815 und 955.287 Tonnen zwischen 1816 und 1883.
Ausgewählte Kennzahlen des Löbejüner Steinkohlenbergbaus:
Jahr Förderung (Tonnen) Beschäftigte 1729/30 1.709 53 1745/46 2.308 65 1766/67 2.486 123 1790/91 4.188 138 1820 6.490 109 1840 13.358 177 1852 23.093 188 1860 18.392 146 1868 22.125 172 1876 9.643 116 1880/81 11.404 87
(Quelle: Gericke 2007, S. 80)
Kultur und Sehenswürdigkeiten Altstadt mini|Hallesches Tor mini|Stadtmauer an der Fließe Die Altstadt Löbejüns präsentiert sich mit ihren engen und teils sehr steilen Gassen in einem sehr ursprünglichen Charakter: So besitzen einige Straßen keine oder nur teilweise Pflasterungen. Typisch für die Altstadt sind daher natürliche steinerne Straßenwege und Bauwerke aus Löbejüner Porphyr. Bemerkenswert sind das Hallesche Tor und erhaltene Teile der Stadtmauer, wie auch der Loßplatz mit der dort beginnenden treppenartigen Gasse Bornschlippe oder die Gasse Kämnitz, in welcher deutlich Porphyrschuppen offen zu Tage treten.
Museen Heimatmuseum im Halleschen Tor Carl-Loewe-Museum und -Gedenkstätte (Carl-Loewe-Museum Ende April 2014 eröffnet)Internationale Carl-Loewe-Gesellschaft
Kirchen evangelische St.-Petri-Kirche evangelische St.-Cyriakus-Kapelle katholische St.-Joseph-Kirche (2026 profaniert)
Denkmäler und Gedenkstätten Kriegerdenkmal 1914–1918 von 1924, geschaffen nach einem Entwurf des Bildhauers Paul Horn Denkmal für die erste deutsche Dampfmaschine bei Burgörner, auch in Löbejün betrieben (1934/35) Gedenktafel von 1960 an seinem Wohnhaus Hallesche Straße 15 zur Erinnerung an Friedrich Röber, der 1935 in Nordhausen ermordet wurde. Gedenk-Stele aus dem Jahre 1982 vor der Grundschule Schillerstraße 9 (zur DDR-Zeit POS Friedrich Röber) an den damaligen Namensgeber von dem Bildhauer Roland Wetzel. Auf dem Hof der Schule steht seit 1955 auch ein Gedenkstein für Ernst Thälmann. Obelisk auf dem Parkfriedhof zum Gedenken an die Opfer des Faschismus, daneben sieben Einzelgräber von NS-Opfern. Friedrich-Schiller-Denkmal mit Reliefplatte von Karl Lenné
Musik mini|Ian-Lilburn-Platz Die Internationale Carl-Loewe-Gesellschaft e. V. widmet sich mit Konzerten und den Carl-Loewe-Festtagen im Rahmen der Musikfeste Sachsen-Anhalt dem Andenken des in Löbejün geborenen Komponisten Carl Loewe. 2008 verlieh sie Ian Lilburn die Ehrenmitgliedschaft. Daneben besteht das Schalmeienorchester Grün Weiss Löbejün e. V.
Steinbrüche mini|Löbejün Kessel 1: Panorama mini|Steilwand unter Wasser Einige aufgelassene Steinbrüche („Kessel 1, 2 und 3“, „Aktienbruch“) werden heute von Kletter- und Tauchsportlern genutzt.klettern-halle.deGerald Krug: Rotgelbes Felsenland. 3. Auflage. Geoquest-Verlag, Halle, ISBN 978-3-00-023134-6. Sie sind für ihre Steilwände und die Kessel für die gute Sicht unter Wasser bekannt, sind teils mit Großfischen (Hechte, Störe, Karpfen) besetzt und weisen unter Wasser zahlreiche Industrieartefakte wie Gleisanlagen, ein Pumpenhaus und Kipploren auf.taucherkessel.com
Wirtschaft und Infrastruktur In Löbejün wird Porphyr abgebaut, der zum einen als Schotter für den Straßenbau verwendet wird, zum anderen aber in individueller Form und Größe anderweitig verbaut wird, wovon nicht zuletzt die Stadtmauer, das Hallesche Tor und andere Gebäude der Stadt zeugen.
Der öffentliche Personennahverkehr wird unter anderem durch den PlusBus und TaktBus des Mitteldeutschen Verkehrsverbund erbracht. Folgende Verbindungen führen, betrieben von der Omnibusbetrieb Saalekreis, ab/durch Löbejün: Linie 301: Schlettau ↔ Löbejün ↔ Petersberg ↔ Sennewitz ↔ Halle Linie 330: Löbejün ↔ Nauendorf ↔ Wettin ↔ Morl ↔ Halle
Der nächste Bahnhof liegt, seit der Stilllegung über Löbejün führenden Bahnstrecke Nauendorf–Gerlebogk, im Nachbarort Nauendorf.
Die BAB 14 Halle – Magdeburg bindet Löbejün über die gleichnamige Anschlussstelle (Nr. 13) an das Autobahnnetz an.
Persönlichkeiten Söhne und Töchter Löbejüns Christian Förner (1609–1678), Orgelbauer Johann Wolf (1653–1695), lutherischer Theologe, Superintendent in Wernigerode, Hochschullehrer Christian Ludwig Edeling (1678–1742), Kirchenlieddichter Friedrich Christian Göring (1736–1791), evangelischer Theologe, von 1775 bis 1791 Generalsuperintendent von Pommern Carl Loewe (1796–1869), Komponist. Das Geburtshaus Loewes wurde 1886 abgerissen, an seiner Stelle nahe der Kirche St. Petri wurde die Alte Schule (heute: Carl Loewe-Haus) errichtet. Carl Hauß (1855–1942), Verwaltungsjurist, Patentamt Karl Thiess (1870–1941), Staatswissenschaftler, Professor, Geheimer Regierungsrat Helene Butenschön (1874–1957), Schriftstellerin (Pseudonym Fr. Lehne) Waldemar Mühlner (1878–1948), Heimatkundler Max Wolff (1879–1963), Biologe Thomas Madl (* 1957), Politiker
Personen mit Bezug zum Ort Ferdinand Wilcke (1800–1861), Oberprediger in Halle/S., Verfasser des Buches Geschichte der Stadt Löbejün (1853)
Literatur Ferdinand Wilcke: Geschichte der Stadt Löbejün. Otto Hendel, Halle 1853, . Helmut Homann: Über den ehemaligen Steinkohlenbergbau bei Löbejün. In: Fundgrube, Heft 4/1983, S. 106–113.