Der Freiburger Senioren-Convent ist der 200 Jahre alte Zusammenschluss der Corps an der Universität Freiburg.

Geschichte Seit Jahrhunderten zum habsburgischen Vorderösterreich gehörig, hatte Freiburg im Breisgau zu Beginn des 19. Jahrhunderts etwa 8.000 Einwohner. Von den 200 Studenten an der Albert-Ludwigs-Universität kamen die meisten vom Oberrhein. Ein Fünftel stammte aus dem „Ausland“, aus Schwaben und aus der Schweiz. 1812 stifteten Studenten eine (neue) constitutionelle Landsmannschaft namens Rhenania. Die zweite namens Suevia entstand im Juni 1815.Im Juli 1815 trat das Großherzogtum Baden zum Deutschen Bund. Die Rhenania hatte in der ersten Zeit starke Konkurrenz durch den ästhetischen Verein Concordia, der eine starke Anziehungskraft auf die Studentenschaft hatte. Der sogleich gegründete Senioren-Convent (SC) ist seither die älteste Vereinigung studentischer Korporationen an der Freiburger Universität. Die Bedeutung des SC zeigt sich im zusätzlichen Vertrag, den Rhenania und Suevia am 28. Dezember 1815 schlossen: „Wenn einer der Auflösung nahe sein sollte, dann solle er von dem anderen kräftig unterstützt und für seine Wiedererrichtung ernstliche Sorge getragen werden.“ Die von Schweizer Studenten gestiftete Helvetia wurde noch vor dem Jahresende 1815 in den SC aufgenommen. In einjähriger Arbeit entstand der erste Freiburger SC-Comment, der in 75 Paragraphen „Duelle, Strafen, Verschisse und Commerse“ regelte.Freiburg. SC-Komment aus dem Jahre 1818, in: 14 der ältesten SC-Komments vor 1820. Einst und Jetzt, Sonderheft 1967, S. 146–166. Beschlossen wurde diese gemeinsame Werteordnung am 6. Januar 1817.Martin Dossmann, 200 Jahre Freiburger Senioren-Convent, CORPS Magazin 2/2017, S. 16.

Überlebenskämpfe Die schwierigste Zeit für die Freiburger Corps waren die ersten 35 Jahre (1815–1850). In dieser Phase mussten sie wiederholt um ihre Existenz kämpfen. Napoleon Bonaparte war 1815 endgültig geschlagen und der Wiener Kongress hatte die alte Macht der Fürsten restauriert. Den Bürgern wurden Freiheiten verwehrt, nach denen sie sich lange gesehnt hatten. Deutschland blieb ein Flickenteppich aus 41 Staaten.

In Jena lösten sich 1815 die Landsmannschaften auf. Es entstand die Urburschenschaft, die Deutschlands Einigung und demokratische Reformen forderte. 1818 erreichte die burschenschaftliche Idee auch Freiburg. Zunächst wurde versucht, die Freiburger Corps zugunsten einer allgemeinen Burschenschaft aufzulösen. Nachdem dies misslungen war, wurde neben den Corps die erste „Freiburger Burschenschaft“ errichtet. Aus Angst vor politischen Ideen verbot die badische Regierung wiederholt alle Korporationen. Die Freiburger Universität überwachte auftragsgemäß alle studentischen Aktivitäten. Die erste Freiburger Burschenschaft musste sich 1819 nach behördlichen Untersuchungen auflösen, die zweite 1824 ebenfalls. Für die Corps wirkten sich alle Verbote weniger aus, zumal die Universität dem Innenministerium melden konnte, dass Rhenania und Suevia „durchaus keinen politischen Zweck“ verfolgten. 1824 wurde das Corps „Alemannia“ gestiftet, in dem ein Stück der alten Burschenschaft weiterlebte. Als Alemannia 1831 die Vereinigung der Corps anregte, wiesen die anderen Corps den Vorschlag zurück; denn dahinter wurde „die unselige Idee“ gesehen „eine Burschenschaft zu errichten“. Alemannia suspendierte 1832 endgültig. Viermal wurde ein Corps namens „Helvetia“ in Freiburg gestiftet. Nachdem in der Schweiz die Universität Zürich und die Universität Bern entstanden waren, wurde die Zahl Schweizer Studenten in Freiburg so gering, dass die vierte Helvetia 1844 endgültig aufgeben musste. Rhenania und Suevia mussten von 1835 bis 1850 einige Male suspendieren, weil die Studentenzahlen in Freiburg von 600 (in 1824) auf 200 (in 1846) geschrumpft waren.Paulgerhard Gladen: Rhenania Freiburg, in: Die Kösener und Weinheimer Corps. Ihre Darstellung in Einzelchroniken. WJK-Verlag, Hilden 2007, ISBN 978-3-933892-24-9, S. 135–136Paulgerhard Gladen: Suevia Freiburg, in: Die Kösener und Weinheimer Corps. Ihre Darstellung in Einzelchroniken. WJK-Verlag, Hilden 2007, S. 159–160

Unter den 119 Corpsstudenten in der Frankfurter Nationalversammlung kamen drei aus dem Freiburger SC: Constantin von Waldburg-Zeil (Rhenaniae), Maximilian Werner (Sueviae) und Otto Carl Würth (Alemanniae). Nachdem die Beschlüsse der Nationalversammlung vom preußischen König und den deutschen Fürsten abgelehnt worden waren, brach 1849 die Badische Revolution aus. Zu deren Niederschlagung marschierten preußische Truppen in Baden ein. Sie besetzten Freiburg und verfolgten die Aufständischen. Zu den „Revolutionären“ gehörten auch Freiburger Corpsstudenten. Einige wurden verhaftet und zu Zuchthausaufenthalten verurteilt. Um ihrer Verhaftung zu entgehen, flüchteten 29 Rhenanen und Schwaben in die Schweiz, nach Frankreich und in die USA.M. Dossmann: 200 Jahre Freiburger Senioren-Convent (2017)

Badische Anerkennung und wilhelminischer Glanz Als Baden 1851 sein Vereinsrecht liberalisiert hatte, brauchten Rhenania und Suevia keine Verbote mehr zu befürchten. Im selben Jahr führte der Freiburger SC die Bestimmungsmensur ein. Dem Kösener SC-Verband trat der Freiburger SC im Januar 1856 bei. Die Corps waren von der Universität anerkannt. 1866 – im Jahr des Deutschen Krieges – empfahl die Universität neu immatrikulierten Studenten ausdrücklich die Mitgliedschaft in einem Corps. In der Freiburger Studentenschaft fiel den Corps die führende Rolle zu. Allerdings gingen die Studentenzahlen in Freiburg von 359 (1850/51) auf 204 (1871) zurück. Der Freiburger SC schrumpfte von 30–40 Aktiven (1851–1858) auf weniger als die Hälfte (1871). Bei der Entstehung der Schweizer Studentenverbindungen spielten die Freiburger Corps eine große Rolle.Robert Develey: Die Zofingia Freiburg im Breisgau 1821–1823. Ein Beitrag zum Problem schweizerischer Studentenverbindungen an deutschen Hochschulen. In: Einst und Jetzt, Bd. 22, 1977, S. 157–178; Adolf Steiner: Geschichten um Fahne, Schleife und Cantusprügel [Liederbuch] von helvetischen Verbindungen in Freiburg im Breisgau und Eichstätt. In: Einst und Jetzt, Bd. 45, 2000, S. 39–50; Adolf Steiner: Rückblick auf 100 Jahre Geschichte der Alt-Helvetia Freiburg i. Br. In: Einst und Jetzt, Bd. 46, 2001, S. 301–328.

Der erfolgreiche Deutsch-Französische Krieg und die Deutsche Reichsgründung brachten positive Veränderungen für Freiburg. An die wegen ihrer Randlage zuvor kaum beachtete Universität strömten erstmals Studenten aus allen Teilen des Deutschen Kaiserreiches. Die Studentenzahlen wuchsen von 212 (in 1871) auf über 3.000 (in 1914). Zugleich stieg der Anteil der Nichtbadener von 14 % auf 80 % (in 1914). Da die Rhenanen und die Schwaben weiterhin vor allem aus dem Großherzogtum Baden (und dem übrigen Süddeutschland) kamen, fühlten sich Corpsstudenten anderer Corps – schon aus mundartlichen Gründen – im Freiburger SC nicht wohl. Inaktive auswärtiger Corps standen daher Pate für das Corps Hasso-Borussia.Hans Wilhelm Weber: Die Gründung des Corps Hasso-Borussia am 12. Juni 1876 und seine Stifter, in: Corps Hasso-Borussia – 100-jähriges Stiftungsfest. Interne Festschrift 1976, S. 3–7. Gleich nach der Stiftung 1876 aufgenommen, gab es dem Freiburger SC wesentliche neue Impulse. Es entstand ein neuer SC-Comment und die Fechtkunst verbesserte sich deutlich. 1886 verfügte der Freiburger SC über 86 Aktive, womit er knapp 9 % der Freiburger Studentenschaft stellte. 1913 hatte der SC einen Privatdozenten zum persönlichen Erscheinen vor der SC-Jury vorgeladen. Daraufhin suspendierte die Universität die drei SC-Corps. Erst nachdem der SC sich bereit erklärt hatte, seinen Comment so abzuändern, dass Angehörige des Lehrkörpers nicht mehr der Jurisdiktion des SC unterlagen, hob die Universität die Suspendierung auf. Im Ersten Weltkrieg fielen 131 Freiburger Corpsstudenten.

Weimarer Republik mini|Aktive des SC zu Freiburg (1930) Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Freiburger SC durch neue Corps verstärkt. Da das Reichsland Elsaß-Lothringen verloren und die Kaiser-Wilhelm-Universität geschlossen war, suchten die Straßburger Corps eine neue Heimat. Alsatia wurde 1919 in den Freiburger SC recipiert. Sie suspendierte noch 1919 und rekonstituierte 1920 als Corps Palaio-Alsatia in Frankfurt am Main. Palatia Straßburg zog über Marburg nach Freiburg und wurde 1920 in den Freiburger SC aufgenommen. Als die Forstliche Abteilung der TH Karlsruhe 1920 nach Freiburg verlegt wurde, zog auch die Forstverbindung Hubertia (1868) um. Am 27. November zum Corps Hubertia Freiburg umgewandelt, wurde sie 1921 als fünftes Mitglied in den Freiburger SC aufgenommen. Rhenania und Suevia erhofften sich durch Hubertia eine Stärkung des badischen Elements im SC.

Die Freiburger Corpsstudenten taten sich mit der Neuorientierung nach dem Krieg schwer. Sie selbst stammten überwiegend aus gesellschaftlichen Schichten, die das Kaiserreich maßgeblich mitgetragen hatten und die Weimarer Republik ablehnten. Die Freiburger Corps diskutierten das unpolitische Erziehungsprinzip. 1920 verfasste der SC eine Denkschrift mit Anträgen an den Kösener Congress 1921. Gefordert wurde insbesondere eine Mitarbeit in der Hochschulpolitik. Der oKC 1921 befürwortete zwar allgemein die „Erziehung zum tätigen Staatsbürger“; die Freiburger Vorschläge wurden aber als „Zwangsjacke“ empfunden und nicht angenommen. Der verlorene Krieg, die demokratische Republik und die Deutsche Inflation 1914 bis 1923 hatten den luxuriösen Lebenswandel der Kaiserzeit erledigt. In den Corps wurden auch weniger wohlhabende Studenten aktiv. Besonders im Südwesten des Reiches hatten manche Corps so viel Zuspruch, dass sie einen Aufnahmestopp verhängten. Der Freiburger SC wuchs 1925 auf 97 Aktive und 148 Inaktive. Bis 1930 erreichte er einen zahlenmäßigen Höchststand und damit eine zweite Blütezeit. Gegen Ende der Weimarer Republik stellten sich die Freiburger Corps (noch) gegen den aufkommenden Nationalsozialismus. In einem 1932 verfassten Promemoria warnte der Freiburger SC den Kösener Congress ausdrücklich vor dem Eindringen politischer Tendenzen in die Corps.

Ablehnung durch die Nationalsozialisten und eigenes Versagen Der Vorwärts der SPD bezeichnete das Corpsstudententum als „Pflanzschule der Reaktion“; es wolle eine Mandarinenkaste züchten.Deutsche Korpszeitung 30, S. 285 Auch die Nationalsozialisten betrachteten die Corps als rückwärtsgewandte, bürgerlich-elitäre Institution. Da sie dem Ideal einer Volksgemeinschaft im Wege standen, mussten sie weichen. Bewerkstelligt wurde das durch den Entzug ihrer Anhängerschaft, der sie zur Selbstauflösung zwang. Viktor Lutze verbot deshalb allen SA-Angehörigen eine gleichzeitige Mitgliedschaft in Corps. Einige Corpsstudenten in der SA gaben daraufhin ihre Bänder zurück. Nach dem Kösener wählten auch die Freiburger Corps mehrheitlich die Selbstauflösung im Oktober 1935. Der Versuch als „Verbindung im Freiburger Waffenring“ fortzubestehen scheiterte nach kurzer Zeit; denn allen studierenden NSDAP-Mitgliedern war im Mai 1936 die Mitgliedschaft in studentischen Verbindungen verboten worden. Deshalb mussten sich auch diese „Verbindungen im FWR“ auflösen. Wie die Freiburger (und alle anderen) Corps bis zu ihrer Auflösung mit corpsstudentischen Grundsätzen umgingen, kann aus heutiger Sicht als das eigentliche Problem gesehen werden; denn in dreierlei Hinsicht wurden Corpsgrundsätze verletzt: Der Freiburger SC beschloss bereits im Sommersemester 1933, dem Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund geschlossen beizutreten. Die Aktiven wurden zum Eintritt in die Sturmabteilung (SA) verpflichtet. Der SC stellte sich damit selbst in den Dienst der nationalsozialistischen Bewegung und gab das alte Prinzip politischer Neutralität auf.