mini|hochkant=1.4|Altperuanischer Schädel, der sowohl Deformität als auch Anzeichen von Trepanation aufweist; ausgestellt im Musée d’ethnographie de Genève Die Schädelmanipulation bei indigenen Völkern Lateinamerikas ist die Art von künstlicher Einflussnahme auf den Schädel, die bei indigenen Völkern Südamerikas und indigenen Völkern Mittelamerikas beobachtet wurde. Die Schädelmanipulation umfasst künstliche Schädeldeformationen und Schädelöffnungen, die insbesondere bei den Maya, Inka und Azteken und anderen indigenen Völkern Lateinamerikas aufgetreten sind und teilweise noch heute praktiziert werden. In den peruanischen Anden wurde die Schädeldeformation vor allem mittels Kompressionsbandagen, aber auch oft in Kombination mit Occipital-Brettern durchgeführt. Schädelöffnungen (auch Trepanationen genannt) wurden vor allem von der Paracas-Kultur, Chimú-Kultur und mesoamerikanischen Kulturen praktiziert und künstliche Deformationen kamen vor allem bei den Paracas, Nazca, Huari, Huanca, Aymara, Quechua, Tiwanaku und Urus zum Vorschein. Die Paracas-Kultur gilt als eine der ersten Kulturen, die Schädelöffnungen in Lateinamerika durchführte. Schädelöffnungen wurden in den südzentralen Anden unter anderem mithilfe eines Tumi, eines metallenen Zeremonialmessers, durchgeführt.
Ein Erklärungsansatz der künstlichen Schädeldeformation ist, dass diese Art der Schädeldeformation einer lebenslangen Bekundung, einem bestimmten Volksstamm anzugehören, diente. In bestimmten Regionen wurde ein verlängerter Schädel als ein Schönheitsideal angesehen und diente als Zeichen der Zugehörigkeit zu einer höheren Klasse, der Attraktivität und der Unterstreichung der ethnischen Zugehörigkeit. Häufig weisen künstlich deformierte Schädel ebenfalls das Inkabein auf, welches eine genetische Varietät darstellt.
Schädeloperationen bei indigenen Völkern Südamerikas
Überblick mini|Schädel im Museo Nacional de Arqueología, Antropología e Historia del Perú, die sowohl Deformität als auch Trepanationslöcher aufweisen, wobei der untere Schädel Anzeichen von Heilungsprozessen an den Knochenrändern aufweist Trepanationen des Schädels wurden bei einer Vielzahl von historischen Kulturen und Gemeinschaften rund um den Globus praktiziert. Es gibt Belege, dass diese sogar in der Jungsteinzeit praktiziert wurde.Siehe Walker (1997), der die „frühesten eindeutigen Beweise für die Trepanation“ in einer Grabstätte in der Nähe von Ensisheim in der Elsaß-Region von Frankreich fand (5100–4900 v. Chr.). Siehe auch den Kommentar in Tiesler (2003a). Diese Praxis hält bis zum heutigen Tage an, jedoch wird sie nur unter sehr limitierten Umständen und bei sehr wenigen Kulturen durchgeführt. Wenn der Patient das Verfahren überlebte, begann der Knochen langsam vom Rand des Trepanationsloches zum Zentrum zurückzuwachsen. Dieses neue Knochenwachstum war messbar dünner als der unbeschädigte Knochen, sodass Wissenschaftler trepanierte Schädel dahingehend untersuchen, ob der Schädel Anzeichen von Heilungsprozessen aufwies oder nicht. Unter den indigenen Völkern Südamerikas findet sich diese Behandlungspraxis am häufigsten bei den Andenzivilisationen, wie den Inka, wo sie häufig mit dem Auftreten von Schädeldeformation einhergeht. Jedoch wurden Trepanationen auch schon bei präinkaischen Kulturen durchgeführt. Laut John Verano stellt die Trepanation im alten Peru eines der größten Rätsel der Medizingeschichte dar. Von den indigenen Völkern selbst gibt es keine Aufzeichnungen dazu, obwohl man in keinem anderen Land der Welt so viele durchlöcherte Schädel gefunden hat und auch die Spanier die Schädelöffnungen in ihren frühen Kolonialberichten nicht erwähnten. Für Verano steht fest, dass die Inka ihren Eroberern in der Kunst der Schädelöffnung weit überlegen waren.
Südzentrale Anden
mini|Goldenes mit Türkis-Elementen verziertes Zeremonialmesser (Tumi) der Chimú-Kultur (1100–1470 n. Chr.), welches an der Nordküste Perus gefunden wurde und im Art Institute of Chicago ausgestellt ist Trepanationen traten in den südzentralen Anden im großen Stil erstmals ca. 200–600 n. Chr. auf In: ScienceDaily. 2013; abgerufen am 30. März 2017. und wurden später von der Chimú-Kultur, die für ihre goldenen und metallenen Erzeugnisse berühmt ist, perfektioniert. Bei einer ersten Untersuchung von chirurgisch geöffneten Schädeln kam der Anthropologe Paul Broca (1824–1880) zu dem Schluss, dass im alten Peru „fortgeschrittene Chirurgie“ praktiziert wurde.Stanley Finger: Origins of Neuroscience: A History of Explorations Into Brain Function. 1994, S. 6. Die untersuchten Schädel wiesen Anzeichen von Heilungsprozessen an den Knochenrändern auf, womit belegt war, dass „erfolgreiche“Verano (1997), zitiert in Tiesler (2003a). In diesem Kontext bedeutet, „Erfolgreich“ wie die Überlebensquote von Wissenschaftlern bei dem untersuchten Individuum eingestuft wurde und nicht unbedingt die Wirksamkeit der Trepanation als Heilung einer bereits vorhandenen Krankheit. Im Allgemeinen ist aus den osteologischen Daten schwer zu ermitteln, ob die Behandlung bei einem bestimmten Individuum erfolgreich war oder nicht und ob die Symptome der medizinischen Beschwerden des Patienten gelindert werden konnten oder nicht. Schädelöffnungen durchgeführt wurden, bei denen die Patienten überlebten. Diese Art von Schädelöffnungen wurde durchgeführt, um physiologische Störungen oder Schädelfrakturen zu beseitigen. Die Medizinmänner, die die Schädelöffnungen durchführten, bedienten sich dabei eines Tumi, eines metallenen Zeremonialmessers. Der Medizinmann präparierte den Schädel mit dem Tumi, ließ ihn bluten, um die Störung zu beseitigen und bedeckte die Stelle anschließend mit einer Goldplatte. Nicht nur das Tumi kam bei den Operationen zum Einsatz, sondern auch Bronzewerkzeuge sowie feine Kupfernadeln. Jeder sechste Schädel, den die Forscher untersuchten, wies mindestens ein Trepanationsloch auf. Im extremsten Fall wurden bis zu sieben Löcher in einem Schädel gefunden, wobei viele Löcher eine nahezu perfekte Kreisform aufweisen.John Bonifield: Were mystery holes in skulls an ancient aspirin? In: CNN. Laut John Verano gebe es eine Grabstätte, bei der 50 % aller Männer, 30 % aller Frauen und 30 % aller Jugendlichen Trepanationslöcher in den Schädeln hätten. Sehr häufig weisen gefundene Schädel zusätzlich zu Schädelöffnungen einen hohen Grad an Deformität auf. Der älteste gefundene Schädel mit einem Trepanationsloch stammt aus der Zeit um 400 v. Chr.Angelika Franz: Inka waren Weltmeister der Schädel-Chirurgie. Spiegel online, 15. Mai 2008. Im alten Peru wurde die chirurgische Schädelöffnung sehr viel häufiger als im alten Europa praktiziert und wurde von „peruanischen Medizinmännern“ perfektioniert, was sich anhand einer signifikant hohen Überlebensquote der Operierten belegen lässt. Zur Zeit der Expansion des Inka-Imperiums überlebten mehr als 90 % der Patienten.Incan skull surgery. Science News; abgerufen am 30. März 2017.Raul Marino: Archäologen fanden Schädel, bei denen bis zu fünf Trepanationen vollständig verheilt waren. Eine im Jahr 2018 veröffentlichte Studie berichtet von – in archäologischen Stätten der Inka gefunden – Schädeln, bei denen bis zu sieben Trepanationen erfolgreich durchgeführt wurden.Kushner, David S., John W. Verano, Anne R. Titelbaum: Trepanation Procedures/Outcomes: Comparison of Prehistoric Peru with Other Ancient, Medieval, and American Civil War Cranial Surgery. World neurosurgery, (2018). Durch den Einsatz verschiedener Substanzen zur Desinfektion wie Saponin, Zimtsäure und Corilagin entzündete sich die Wunde nur in 4,5 Prozent der Fälle (siehe auch Medizin der Inka). Heutzutage lassen sich viele trepanierte Schädel im Museo Regional De Ica in Ica betrachten.Museo Regional De Ica: Die Schädeloperationen und Langschädel der Paracas-Kultur.
Mesoamerika
Die Prävalenz unter den mesoamerikanischen Zivilisationen ist viel niedriger als die in den südzentralen Anden, zumindest wurden verhältnismäßig wenig trepanierte Schädel gefunden.Vera Tiesler: New Approaches to Head Shaping and its Meanings in Pre-Columbian Mesoamerica and Beyond. Aber auch in Mesoamerika traf man einige Schädel an, bei denen die Individuen den Eingriff überlebt haben müssen. Die archäologische Analyse gestaltet sich schwierig, da viele Schädel nach dem Tod der Person künstlich verändert wurden. Beispielsweise wurden in einigen Fällen nach dem Tod zusätzlich Löcher in den Schädel gebohrt und Schädel von Gefangenen und Feinden wurden als sogenannte „Trophäenschädel“ genutzt. Die Verwendung als Trophäenschädel war eine weit verbreitete Tradition, die sich ebenfalls in der präkolumbianischen Kunst niederschlug. In künstlerischen oder rituellen Darstellungen werden Herrscher gelegentlich mit den modifizierten Schädeln ihrer besiegten Feinde oder Opfer dargestellt. Einige mesoamerikanische Kulturen nutzten auch Tzompantli, bei denen Schädel in Reihen oder Säulen auf Holzpfählen aufgespießt wurden.
Zentralmexiko und Oaxaca mini|Zapoteken-Schädel mit Trepanationslöchern; gefunden in einer Nekropole in Monte Albán in Oaxaca, Mexiko Der früheste archäologische Bericht war ein in der Zeitschrift American Anthropologist publizierter Bericht von trepanierten Schädeln von mehreren Exemplaren, die in den Tarahumara-Bergen durch den norwegischen Ethnologen Carl Sofus Lumholtz entdeckt wurden (Lumholtz & Hrdlička 1897). Spätere Studien dokumentierten Fälle von Trepanation in Oaxaca und Zentralmexiko sowie in den Exemplaren der Zapoteken-Zivilisation.
Eine 1999 veröffentlichte Studie von sieben trepanierten Schädeln vom Monte Albán zeigte eine Kombination von einfachen, multiplen und elliptischen Trepanationslöchern, die in die Schädeldecke, genauer in die oberen Parietal-Knochen, gebohrt wurden. Die Schädelstichproben waren sowohl von männlichen als auch von weiblichen Erwachsenen und der Nachweis der Heilung zeigte, dass etwa die Hälfte die Operation überlebt hatten. Die meisten Schädel in der Studie zeigten Anzeichen von früheren Schädigungen, die (wie bei den Andenbeispielen) darauf hindeuteten, dass diese Operationen Versuche waren, das bereits vorliegende Kopftrauma zu reparieren oder zu lindern.Vera Tiesler: (PDF) In: Proceedings of the 64th Meeting of the Society of American Archaeology. 1999. Aus diesen Analysen geht hervor, dass in den frühesten Funden eine Technik des direkten Abriebs verwendet wurde, die später mit Bohr- und Inzisionstechniken kombiniert wurde.Rodríguez (1972), zitiert in Tiesler (2003a).
Maya-Region und Halbinsel Yucatán
Die von der Maya-Zivilisation Region Süd-Mexiko, Guatemala und der Halbinsel Yucatan identifizierten Proben zeigen keine Hinweise auf die Bohr- oder Schneidetechniken in Zentral- und Hochland-Mexiko. Stattdessen schienen die präkolumbianischen Maya eine abrasive Technik benutzt zu haben, die den hinteren Teil des Schädels entfernte, den Knochen ausdünnte und ihn manchmal zusätzlich perforierte. Viele der Schädel aus der Maya-Region stammen aus der postklassischen Periode (ca. 950–1400) und enthalten Exemplare, die bei Palenque in Chiapas gefunden wurden.
Schädeldeformationen bei indigenen Völkern Lateinamerikas
Erklärungsansätze Moderne Erklärungsansätze legen nahe, dass diese Art der Schädeldeformation einer lebenslangen Bekundung, einem bestimmten Volksstamm anzugehören, dienen sollte.Rolf Seeler: Peru und Bolivien. Indianerkulturen, Inka-Ruinen und barocke Kolonialpracht der Andenstaaten. DuMont, Köln 2001, ISBN 3-7701-4786-3, S. 161, (einsehbar bei Google.Books).