mini|Martha Beatriz Roque Martha Beatriz Roque Cabello (* 16. Mai 1945 in Havanna) ist eine spanisch-kubanische Wirtschaftswissenschaftlerin und Menschenrechtsaktivistin sowie eine ehemalige (von Amnesty International anerkannte) politische Gefangene.
Frühes Leben Roque ist Tochter spanischer Einwanderer von den kanarischen Inseln.Luisa del Rosario: in: Canarias7 vom 23. Juni 2007, abgerufen am 18. November 2011 (spanisch) Neben der kubanischen besitzt sie seit 2011 auch die spanische Staatsangehörigkeit. Eine 1960 in die USA ausgewanderte und inzwischen 82-jährige Schwester sah sie im März 2016 erstmals nach 55 Jahren wieder.Paroled Cuban dissidents get special permission to travel, in: The San Diego Union-Tribune vom 23. Februar 2016, abgerufen am 10. Januar 2017 (spanisch)Martha Beatriz Roque Believes That The US Should “Straighten Out” The Normalization With Cuba (EFE/14ymedio), in: Translating Cuba vom 4. März 2016, abgerufen am 10. Januar 2017 (spanisch)
Sie studierte Wirtschaftswissenschaften an der Universität Havanna, wo sie 1976 ihren ersten Abschluss erreichte und später als Mitarbeiterin der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät aufgenommen wurde.Biografie von Martha Beatriz Roque in: Carta de Cuba o. D., abgerufen am 18. November 2011 (spanisch)
Politische Aktivitäten Roque verlor 1989 ihre Arbeitsstelle als Universitätsprofessorin, kurz nachdem sie in einer Vorlesung die kontroverse Erschießung des Helden der Revolution und populären Generals Arnaldo Ochoa kritisiert hatte, der zuvor wegen Hochverrats und Drogenhandels in einem Schauprozess verurteilt worden war.Adriano Farano: in: Café Babel vom 23. August 2006, abgerufen am 18. November 2011
Instituto Cubano de Economistas Independientes „Manuel Sánchez Herrero“ (ICEI) Als Reaktion auf die mangelnde Transparenz der Regierung im Umgang mit der Wirtschaftskrise, die nach dem Ende der jahrzehntelangen internationalen Unterstützung Kubas vor allem durch die Sowjetunion einsetzte (siehe Artikel Sonderperiode in Kuba), gründete sie 1994 das Instituto Cubano de Economistas Independientes „Manuel Sánchez Herrero“ (ICEI, deutsch: Kubanisches Institut Unabhängiger Wirtschaftswissenschaftler) um „die wahre Situation in Kuba zu zeigen und die Desinformation zu bekämpfen.“
Im Dezember 2001 startete das ICEI eine eigene Webseite – die erste von Kuba aus mit Informationen bestückte Internet-Seite einer Dissidentenorganisation.Vanessa Bauza: in: Sun Sentinel vom 9. Dezember 2001, abgerufen am 18. November 2011 (englisch) in: Cubanet vom 10. Dezember 2001, abgerufen am 18. November 2011 (englisch) Bereits eine Woche später wurde der Zugang zur Seite von den kubanischen Behörden dauerhaft blockiert.Reporters without Borders: Government forbids the sale of personal computers Pressemitteilung vom 29. März 2002, abgerufen am 18. November 2011 (englisch)
Dokument „La Patria es de Todos“ und erste Haftstrafe 1997 bildete sie gemeinsam mit drei weiteren Regierungskritikern die „Arbeitsgruppe der internen Opposition zur Analyse der sozioökonomischen Lage in Kuba“, die sich mit der Diskussion um den V. Parteitag der Kommunistischen Partei Kubas befasste und schließlich im Juni das Dokument „La Patria es de Todos“ (deutsch: Das Vaterland gehört allen) veröffentlichte.La Patria es de Todos vom 27. Juni 1997 in: Carta de Cuba, abgerufen am 18. November 2011 (spanisch) Wegen „Verschwörung gegen die Souveränität Kubas“ wurden die vier Unterzeichner drei Wochen später verhaftet, über ein Jahr ohne Anklage in Untersuchungshaft festgehalten und schließlich im März 1999 wegen „Handlungen gegen die Sicherheit des Staates“ und „Aufwiegelung/Volksverhetzung“ (spanisch: „sedición“) zu Gefängnisstrafen zwischen dreieinhalb (Roque) und fünf Jahren verurteilt. Amnesty International untersuchte den Fall und erkannte die vier als gewaltlose politische Gefangene an, für deren Freilassung sich die Organisation einsetzte.Amnesty International: Cuba: Briefing on the trial of 4 prisoners of conscience vom 3. März 1999, abgerufen am 18. November 2011 (englisch) mit weiteren dort angegebenen DokumentenAmnesty International: Further information Prisoners of conscience/Arbitrary arrests/Legal concern vom 16. März 1999, abgerufen am 18. November 2011 (englisch) Im Mai 2000 wurden die vier unter Auflagen aus der Haft entlassen.Amnesty International: abgerufen am 18. November 2011
2002 wandte sie sich in einem offenen Brief an den ehemaligen Präsidenten der USA, Jimmy Carter, in dem sie ihn für seinen bevorstehenden Besuch in Kuba um Gespräche mit prominenten politischen Gefangenen und nicht von der Regierung ausgesuchten Kubanern sowie um Fürsprache gegenüber Castro für eine Verfassunggebende Versammlung zur Demokratisierung des Landes bat.Carta de opositora Roque Cabello a ex Presidente de EE UU Jimmy Carter in: CubaEncuentro vom 26. April 2002, abgerufen am 18. November 2011 (spanisch)
Verurteilung im „Schwarzen Frühling“ 2003 Im März 2003 schloss sie sich einem Hungerstreik zur Forderung der Freilassung des inhaftierten Arztes und Menschenrechtsaktivisten Oscar Elías Biscet an. Eine Woche darauf wurde sie Opfer einer internationale Bestürzung erregenden Verhaftungswelle gegen Menschenrechts- und Demokratieaktivisten sowie unabhängige Journalisten und Bibliothekare, die anschließend in Eilverfahren zu langjährigen Haftstrafen verurteilt wurden. Roque war die einzige Frau in der „Gruppe der 75“ und wurde wegen „Handlungen gegen die Unabhängigkeit und territoriale Integrität des Landes“ zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt (siehe Artikel Schwarzer Frühling (Kuba)).Amnesty International: Cuba: „Essential measures“? Human rights crackdown in the name of security ausführliche Darstellung vom 2. Juni 2003, abgerufen am 18. November 2011 (englisch) Dabei wurden ihr insbesondere Kontakte zu Diplomaten der US-Interessenvertretung in Havanna negativ ausgelegt. Ein weiterer Hauptgegenstand der Anklage war die Verbreitung von Informationen über die ICEI-Internetseite. vom 4. April 2003, abgerufen am 18. November 2011 (in englischer Übersetzung) Nach internationalen Protesten sowie nach Monaten ohne medizinische Versorgung wurde sie zunächst in ein Militärhospital verlegt und am 22. Juli 2004 nach einem überstandenen Herzinfarkt aus gesundheitlichen Gründen auf Bewährung entlassen.
Asamblea Para Promover la Sociedad Civil (APSC) Im Oktober 2002 wurde sie zur Präsidentin der neu gegründeten „Versammlung zur Förderung der kubanischen Zivilgesellschaft“ gewählt, einer Dachorganisation von 365 Dissidentenvereinen des ganzen Landes.Amnesty International: , abgerufen am 25. November 2011
Im Mai 2005 wurde unter ihrem Vorsitz am Stadtrand von Havanna die erste und einzige Vollversammlung der APSC abgehalten, an der rund 200 Oppositionelle und einige diplomatische Vertreter westlicher Länder teilnahmen, während andere Beobachter von der Regierung abgewiesen sowie mehrere Delegierte durch Verhaftungen an der Teilnahme gehindert wurden.Kuba verweist europäische Parlamentarier des Landes in: Neue Zürcher Zeitung vom 21. Mai 2005, abgerufen am 18. November 2011Asamblea para Promover la Sociedad Civil: Acta de la Primera Reunión General, Dokument der 1. Generalversammlung, unterzeichnet am 7. Juli 2005, abgerufen am 18. November 2011 (spanisch) Dieses erste mit Duldung der Behörden abgehaltene Oppositionstreffen war zugleich das größte seiner Art seit der Revolution 1959. Der Versuch einer ähnlichen Versammlung war im Jahr 1996 durch die vorübergehende Festnahme der meisten führenden Dissidenten verhindert worden. Die Veranstaltung, bei der auch eine Video-Botschaft von US-Präsident George W. Bush abgespielt sowie die verstorbenen Exilkubaner Jorge Mas Canosa und Rafael Diaz-Balart mit jeweils einer Schweigeminute geehrt wurden, erntete insbesondere wegen der engen Zusammenarbeit mit in den USA angesiedelten Gruppierungen wie der Kubanisch-Amerikanischen Nationalstiftung, dem Veteranenverband der Sturmbrigade 2506 sowie der US-Regierung deutliche Kritik von weiten Teilen der kubanischen Opposition, die dem Treffen fernblieben. So erklärte der damals prominenteste kubanische Dissident, der Christdemokrat Oswaldo Payá: "Diese Versammlung vertritt nicht die Mehrheit der Opposition." in: Epoch Times Deutschland vom 21. Mai 2005 Vier Monate später konfiszierte die Regierung das Privatgrundstück, auf dem das Treffen abgehalten worden war, um eine Wiederholung zu verhindern.Vanessa Arrington (AP): Cuba Confiscates Land Where Dissidents Met in: Newsday vom 19. August 2005, abgerufen über Cuba Verdad am 18. November 2011 (englisch) Die APSC ist seit etwa 2007 nicht mehr als funktionierende Organisation in Erscheinung getreten und heute bedeutungslos.
Weitere Aktionen seit 2005 Am 14. Juli 2005, dem französischen Nationalfeiertag, organisierte Roque eine Protestdemonstration vor der französischen Botschaft in Havanna gegen die politische Annäherung Frankreichs an Kuba, bei der sie gemeinsam mit rund 30 Demonstranten festgenommen wurde, im Gegensatz zu anderen Teilnehmern jedoch schon nach einem Tag frei gelassen wurde.David Rennie: ‘Two-faced French sell out Cuban dissidents’ in: Daily Telegraph vom 26. Juli 2005, abgerufen am 18. November 2011 (englisch)
Nachdem im Oktober 2009 Geheimdienstmitarbeiter das Haus des Oppositionellen Vladimiro Roca umstellt und die dort zu einem geplanten Treffen versammelten Dissidenten, darunter Roque, von der Außenwelt abgeschottet hatten, trat die Gruppe in einen Hungerstreik, der mehrere Wochen anhielt.Keine Öffnung auf Kuba in: DW World vom 18. November 2009, abgerufen am 18. November 2011 Die unter Herzschwäche und Diabetes leidende Roque schloss sich an und hielt die Protestaktion für 40 Tage aufrecht, angesichts derer sich mehrere Exilkubaner in einem offenen Brief an Papst Benedikt XVI. mit der Bitte um Schutz für Roca und Roque vor weiteren Repressalien wandten. in: Liborius.de vom 18. November 2009, abgerufen am 18. November 2011
Im August 2011 unterstrich sie mit einem gemeinsam mit anderen Oppositionellen begonnenen Hungerstreik außerhalb eines Gefängnisses am Stadtrand von Havanna ihre Forderung nach Wiedererlangung ihrer vollen bürgerlichen Rechte und nach Freilassung von zwei wenig bekannten politischen Häftlingen. in: Misceláneas de Cuba vom 9. August 2011, abgerufen am 18. November 2011 (spanisch)