Richard Grafton (* um 1511; † wohl April/Mai 1573) war ein englischer Buchdrucker und Chronist. Unter König Heinrich VIII. druckte er einige der ersten Bibeln in englischer Sprache, wurde dann königlicher Drucker Eduards VI. mit dem ausschließlichen Recht zum Druck der Parlamentsakten, fiel aber unter der Herrschaft Königin Marias I. in Ungnade. Er trat auch als Historiker in Erscheinung, indem er Chroniken über die englische Geschichte veröffentlichte, die allerdings historisch unzuverlässig sind.
Leben Abstammung und frühes Leben Über Richard Graftons Lebensverhältnisse sind nur spärliche Nachrichten vorhanden. Er war ein Sohn von Nicholas Grafton aus Shrewsbury, der vielleicht Kürschner war, sowie ein Enkel von Adam Grafton, der möglicherweise mit jenem gleichnamigen Mann identisch ist, der 1473 als Vikar von St. Alknund’s in Shrewsbury erwähnt wird. Aus Richard Graftons literarischen Leistungen ist zu schließen, dass er eine gute Erziehung genoss. Die erste überlieferte Nachricht von ihm stammt aus dem Jahr 1526, laut der er damals beim Londoner Kaufmann John Blage in die Lehre ging. 1534 wurde er Mitglied der Grocer’s Company, einer einflussreichen Londoner Kaufmannsgilde, die enge Beziehungen zum Protestantismus hatte. Grafton pflegte Geschäftsbeziehungen nach Antwerpen und war mit Unterstützung des Erzbischofs von Canterbury, Thomas Cranmer, im Handel tätig.Meraud Grant Ferguson: Grafton, Richard, in: Oxford Dictionary of National Biography, Bd. 23 (2004), S. 166.William Keith Hall: Grafton, Richard, in: Dictionary of Literary Biography, Bd. 170 (1996), S. 124.
Frühe Bibeldrucke in englischer Sprache Um 1534 gründeten Grafton und Edward Whitchurch – vielleicht auf Anregung von Thomas Cromwell – in London eine Buchdruckerei auf dem Gelände des 1538 von König Heinrich VIII. aufgelösten Klosters der Greyfriars (grauen Mönche). Damals gab es in England keine autorisierte volkssprachliche Übersetzung der Bibel, aber einen starken Wunsch nach einer solchen englischen Version. Cromwell plante die Übertragung der Heiligen Schrift ins Englische, um diese als politisches Instrument zur Vereinheitlichung der Glaubensrichtlinien und Ausübungspraktiken der neuen Anglikanischen Kirche zu nutzen. Grafton und Whitchurch schritten an die von ihnen finanzierte Publikation einer von William Tyndale, Miles Coverdale und John Rogers verfertigten Übersetzung der Heiligen Schrift. Weil aber Tyndale 1534 von Cromwell als Häretiker verurteilt worden und deshalb eine Zusammenarbeit mit ihm gefährlich war, ließen Grafton und Whitchurch ihre Bibel in Antwerpen, wahrscheinlich durch Jacobus van Meteren, drucken. Grafton wollte den Druck einer billigeren Bibelübersetzung durch James Nicholson von Southwark verhindern und bat daher Cromwell in einem Brief vom 28. August 1537 um eine besondere königliche Lizenz für seine Edition. Da er für den Druck von 1500 Bibelexemplaren 500 Pfund ausgegeben habe, sollten die englischen Gotteshäuser zu deren Kauf verpflichtet werden. Mit Genehmigung Heinrichs VIII. kam Graftons Ausgabe, die als Matthew-Bibel bekannt wurde, noch 1537 heraus.William Keith Hall: Grafton, Richard, in: Dictionary of Literary Biography, Bd. 170 (1996), S. 124 f.
1538 erteilte der König Thomas Cromwell durch ein Letters Patent die Erlaubnis, eine offizielle englische Bibel zu erstellen, die Grafton und Whitchurch veröffentlichen sollten. Dank seiner kaufmännischen Fähigkeiten fiel Grafton dabei die Leitung des Projekts zu, während Miles Coverdale als Redakteur fungierte. Im Mai 1538 begab sich Grafton in Begleitung Coverdales und wahrscheinlich Whitchurchs nach Paris. Dort beaufsichtigte er die Herausgabe von Coverdales korrigierter englischer Übersetzung des Neuen Testaments, die zusammen mit dem lateinischen Text und einer Widmung an Cromwell im November 1538 von François Regnault in Paris gedruckt wurde. Diese Ausgabe des Neuen Testaments war aber nur Teil der geplanten Übertragung der gesamten Bibel aus dem Griechischen und Hebräischen ins Englische (Great Bible). In Paris befanden sich zwar bessere Einrichtungen für den Druck, doch war Graftons Unternehmen gefährlich, da Frankreich ein katholisches Land war. Cromwell hatte von König Franz I. die Erlaubnis zum Druck der Bibel erhalten, doch mit der starken Einschränkung, dass darin keine aus katholischer Sicht ungesetzlichen Meinungen enthalten sein durften. Dies gab der französischen Regierung, als sich die diplomatischen Beziehungen zwischen England und Frankreich im Herbst 1538 verschlechterten, die Gelegenheit, durch einen Erlass vom 13. Dezember 1538 die bereits fast abgeschlossene Arbeit an der Bibel zu stoppen, nachdem die Inquisition die Anklage der Häresie erhoben hatte. Der französische Großinquisitor lud Regnault und seine Partner am 17. Dezember 1538 für den nächsten Tag vor, doch Grafton gelang die Flucht nach London.Meraud Grant Ferguson: Grafton, Richard, in: Oxford Dictionary of National Biography, Bd. 23 (2004), S. 166 f.William Keith Hall: Grafton, Richard, in: Dictionary of Literary Biography, Bd. 170 (1996), S. 125.
Im Juli 1539 versuchte Cromwell den König Franz I. zu überzeugen, die noch nicht von den französischen Behörden vernichteten Bibeln zurückzugeben. Mit Hilfe des englischen Botschafters in Frankreich, Edmund Bonner, erreichte Grafton, dass die für die Great Bible benutzten Pressen und Typen im November 1539 von Paris nach London transportiert werden konnten.Meraud Grant Ferguson: Grafton, Richard, in: Oxford Dictionary of National Biography, Bd. 23 (2004), S. 167. Das Werk wurde vollendet und noch 1539 gedruckt. Grafton und Whitchurch erscheinen als Drucker, doch ist kein Erscheinungsort angegeben. Der Preis betrug 10 Shillings für ein ungebundenes und 12 Shillings für ein gebundenes Exemplar. Laut königlicher Proklamation hatte jeder Pfarrbezirk jeweils eine Kopie vor Allerheiligen 1540 zu erwerben. Eine zweite von Grafton und Whitchurch gedruckte Auflage der Great Bible erschien im April 1540 und enthielt ein Vorwort von Thomas Cranmer. In rascher Folge kamen weitere Ausgaben heraus, so im Dezember 1541 die siebte Auflage.Sidney Lee: Grafton, Richard, in: Dictionary of National Biography, Bd. 22 (1890), S. 311. Grafton wohnte nach 1539 bis an sein Lebensende in Greyfriars.
Drucke von Gebets- und Andachtsbüchern; Inhaftierungen Mit der Hinrichtung Thomas Cromwells am 28. Juli 1540 verlor Grafton seinen Schirmherrn. Im gleichen Jahr druckte er viele Andachtsbücher, so The Gospels and Epistles of All the Sundays and Saints Days That Are Read in the Church All the Whole Year und The Primer Both in English and Latin. Ein ebenfalls 1540 in englischer Sprache erschienenes Neues Testament nach dem Text des Erasmus von Rotterdam nennt im Impressum Grafton und Whitchurch.William Keith Hall: Grafton, Richard, in: Dictionary of Literary Biography, Bd. 170 (1996), S. 126.
Im Januar 1541 wurde Grafton unter dem Vorwurf verhaftet, dass er Balladen, die den hingerichteten Cromwell verteidigten, sowie eine Übersetzung von Philipp Melanchthons Angriff auf die 1539 verabschiedeten sechs Artikeln zur Etablierung der Grundsätze der Anglikanischen Kirche veröffentlicht hatte. Außerdem hatte er die Balladen unter dem Namen eines Geschäftsrivalen, Richard Bankes, herausgegeben. In der Folge musste er sechs Wochen im Fleet-Gefängnis einsitzen. Im Verlauf des Jahres 1541 hatten sich Grafton und Whitchurch laut John Foxes Acts and Monuments dann auch vor den Behörden wegen Fehlverhaltens in der Ausübung der religiösen Praxis zu verantworten, doch ist kein Urteil bekannt.
1542 druckte Grafton auch säkulare Werke, so einen Bericht über den Feldzug Karls V. in der Berberei, The Order of the Great Turckes Court und Erasmus’ von Rotterdam Apophthegms. Im nächsten Jahr 1543 publizierte seine Buchdruckerei die von John Hales übersetzten Precepts of Plutarch for the Preservation of Good Health sowie 1545 Erasmus’ A Very Pleasant and Fruitful Dialogue Called the Epicure.
Am 28. Januar 1543 erteilte der König Grafton und Whitchurch auf sieben Jahre das alleinige Privileg, Gebetbücher herauszubringen. Dennoch mussten sie achtgeben, dass die von ihnen publizierten Werke nicht die Grenzen der akzeptierten Kirchendoktrin überschritten. Anfang April 1543 wurde Grafton laut Charles C. Butterworth wegen des Drucks von für ungesetzlich gehaltenen Büchern, wohl Übersetzungen „häretischer“ Texte von verbotenen Autoren wie Tyndale, kurzzeitig erneut inhaftiert. Im Mai 1545 erhielt Grafton das Recht, den von Heinrich VIII. autorisierten Primer auf Englisch und Latein zu edieren. Dieses Buch sollte überall in Großbritannien gelesen und dadurch nach Meinung des Königs die Verwendung der englischen Sprache in den Gottesdiensten erleichtert sowie der Jugend die anglikanische Religion, ihre Pflichten und Gehorsam gelehrt werden. 1545 wurden Grafton und Whitchurch auch zu Buchdrucken des Kronprinzen Eduard VI. ernannt.
Heiraten und Nachkommen Um 1546 heiratete Grafton Anne Crome, eine Verwandte von Dr. Edward Crome, und hatte mit ihr mindestens vier Söhne, Robert, Edward, Richard (der ein erfolgreicher Anwalt wurde und 1584 die Bestätigung seines Wappenbriefs bekam) und Gregory, sowie eine Tochter, Joan, die sich später mit dem Buchhändler Richard Tottel vermählte. Letzterer gab 1557 die berühmte Tottel’s Miscellany heraus. Nach dem 1560 erfolgten Tod seiner ersten Gattin, die mit viel Feierlichkeit beigesetzt wurde, ehelichte Grafton im Januar 1562 Alice Aylyffe, die ihm zwei Söhne gebar.
Buchdrucker Eduards VI.; Verlust an Einfluss unter Maria I. Als Heinrich VIII. im Januar 1547 starb und Eduard VI. ihm auf den Thron folgte, wurde Grafton erster Buchdrucker des neuen Königs während dessen gesamter Regierungsperiode und erhielt damit das ausschließliche Recht zum Druck der Parlamentsakten und königlichen Proklamationen. Er behielt auch sein Privileg, allein zur Herausgabe von Gebetbüchern berechtigt zu sein. An säkularen Büchern veröffentlichte er 1547 u. a. James Harrisons Exhortation to the Scots und Arthur Keltons Chronicle With a Genealogy Declaring that the Britons and Welshmen Are Descended from Brute.William Keith Hall: Grafton, Richard, in: Dictionary of Literary Biography, Bd. 170 (1996), S. 127. Nachdem er aus zunehmend historischem Interesse bereits früher John Hardyngs Chronik publiziert hatte, gab er 1548 Edward Halls Chronik heraus (s. u.).
1547–1548 erwarb die Stadt London größtenteils die Gebäude des Greyfriars Klosters, die nun das Christ’s Hospital bildeten, und bestätigte Grafton in seinem auf ihrem Gelände gelegenen Besitz. 1551 wurde Grafton einer der Vorsitzenden sowie der stellvertretende Schatzmeister des von London akquirierten St Thomas’ Hospital. Im damaligen Zeitraum druckte er u. a. William Pattens Expedicion into Scotlade (1548), die erste Ausgabe des Book of Common Prayer von 1549 sowie dessen Auflage von 1552, John Marbecks Concordance of the Bible (1550) sowie Thomas Wilsons The Rule of Reason (1551) und The Arte of Rhetorique (1553).