Unter der Bezeichnung Schloss Ambras Innsbruck wird Schloss Ambras bei Innsbruck als Kunstmuseum vermarktet. Es ist das einzige außerhalb der Bundeshauptstadt Wien befindliche Bundesmuseum der Republik Österreich. Verwaltungsmäßig ist es dem Kunsthistorischen Museum Wien (KHM) zugeordnet und gehört zum KHM-Museumsverband.

Schloss Ambras ist eine dreiteilige Renaissance-Schlossanlage, bestehend aus dem Ambraser Unterschloss, dem Ambraser Hochschloss sowie dem Spanischen Saal. Im Kern beinhaltet es die Sammlungen eines der bedeutendsten Sammler der Habsburgerdynastie: Erzherzog Ferdinand II. (1529–1595).

Bedeutung Das „erste Museum der Welt“ alternativtext=Das älteste Museum der Welt mit „Kornschütt“ (links) und drei Rüstkammern..|mini|Das Ambraser Unterschloss Erzherzog Ferdinand II. ließ eigens für seine bereits zu Lebzeiten berühmten Sammlungen ab 1570 das sogenannte Unterschloss von Schloss Ambras errichten: eine als unregelmäßiges Fünfeck konzipierte selbständige Anlage.Elisabeth Scheicher: Schloss Ambras. In: Felmayer, Oettinger, Scheicher u. a. (Bearb.): Österreichische Kunsttopographie, Band 47. Wien 1986, S. 508–623. Es war damals einer der frühesten Bauten überhaupt, der explizit für den Verwendungszweck als Museum gedacht war. Bereits zu Ferdinands II. Lebzeiten wurde dafür der Begriff „Museum“ verwendet, wie eine Federzeichnung des Hofmalers Joris Hoefnagel belegt.„Ansicht der Stadt Innsbruck von Osten mit Schloss Ambras“, Joris Hoefnagel (1542–1600) nach einer Vorlage von Alexander Colin (1527/29–1612), ca. 1580. Lavierte Federzeichnung auf Papier, Wien, Kunsthistorisches Museum, Kunstkammer, Inv.-Nr. KK 5351.

Zwar bestehen noch ältere Sammlungen, etwa die Kapitolinischen Museen, bereits 1471 von Papst Sixtus IV. gestiftet, oder die Vatikanischen Museen, präsentiert ab 1506 unter Papst Julius II., für die aber anfänglich keine eigenen Gebäude errichtet wurden. Als erster Museumsbau nördlich der Alpen gilt die von Ferdinands II. Vater, König Ferdinand I. zwischen 1558 und 1563 errichtete Kunstkammer der Wiener Hofburg, von der aber nur mehr Fundamente erhalten sind. Herzog Albrecht V. von Bayern errichtete zwischen 1563 und 1567 in München ein eigenes Marstall- und Kunstkammergebäude (Alte Münze) und 1568 das Antiquarium in der Residenz zur separaten Aufnahme der Antikensammlung. Das Ambraser Museum war zwar anfänglich nicht für die Öffentlichkeit, sondern für die fürstliche Repräsentation bestimmt, wohl aber kam es bereits zu Lebzeiten Ferdinands II. zu entgeltlichen Führungen durch die Sammlungen.

Das Ambraser Unterschloss ist das einzige noch erhaltene Museumsgebäude der Renaissance, in dem sich bis heute ein Teil der Sammlungen Ferdinands II. an ihrem ursprünglichen Bestimmungsort erhalten haben und immer noch dort ausgestellt sind: Schloss Ambras ist in dieser Hinsicht das erste Museum der Welt und das Unterschloss auf diese Weise bis in unsere Zeit selbst zum Exponat geworden.

Der Beginn des modernen Museumswesens mini|Erste Rüstkammer im Unterschloss mit den originalen Schaukästen aus Zirbenholz der „Heldenrüstkammer“. Erzherzog Ferdinands II. Museumsidee war gänzlich neu: Er wollte von berühmten Persönlichkeiten seiner Zeit Rüstungen, die diese tatsächlich getragen hatten, sammeln. Diese Harnische präsentierte er „zum ewigen Gedächtnis“ der Feldherren in der sogenannten Heldenrüstkammer. Damit verbunden entstand das sogenannte Armamentarium Heroicum: Dieses Prachtbuch zeigt auf der einen Seite eine Darstellung des jeweiligen „Helden“ und führt auf der anderen dessen Biographie an. Zudem legte er eine enorme Sammlung an Porträts in den unterschiedlichsten Formaten von Miniatur bis Lebensgröße an. Mit dieser neuartigen Museums-Idee der Heldenrüstkammer kann Ferdinand II. als der Begründer des systematischen Sammlungswesens gelten.

Auch seine Kunst- und Wunderkammer war systematisch angeordnet, und zwar großteils nach Materialien – z. B. Bergkristall, Gold, Silber, Bronze, Glas, Holz, Koralle, Perlmutt oder Stein – aber auch nach inhaltlichen Gesichtspunkten – z. B. Bücher, Musikinstrumente, Automaten und Messinstrumente oder »Varia«. Das überlieferte Inventar von 1596 bezeugt die Idee einer »idealen Sammlung«, die sich an der damals neuesten Museumstheorie orientierte. Sie ist als einzige im ursprünglichen Museumskomplex erhaltene Kunstkammer der Renaissance ein unvergleichliches Kulturdenkmal.

Sammlungen und kulturhistorische Denkmäler von Schloss Ambras Rüstkammern mini|Unterschloss, Zweite Rüstkammer Den Kern der Sammlungen Erzherzog Ferdinands II. bildete die Heldenrüstkammer.Thomas Kuster: ‘dises heroische theatrum‘: Die Heldenrüstkammer von Schloss Ambras. In: Sabine Haag, Veronika Sandbichler (Hrsg.): Ferdinand II. 450 Jahre Tiroler Landesfürst. Innsbruck 2017, S. 82–87. Ferdinand II. stellte darin die Harnische und Porträts von mehr als 120 Feldherren aus, um auf deren Ruhm und Ehre zu verweisen. Acht der hohen Holzschränke, in denen heute noch die ursprünglichen Rüstungen ein Zeugnis der Geschichte ablegen, haben sich original erhalten. Dem Erzherzog gelang es, rund 100 originale Harnische berühmter Feldherren für sein Museum zu bekommen. Ferdinand selbst reihte sich unter den „Helden“ ein und zwar mit einem Reiterharnisch, den er im Jahr 1566 im Feldzug nach Ungarn zur Verteidigung des Christentums gegen das Osmanische Reich getragen hatte. Den historiographischen Gesichtspunkt vertiefte Ferdinand II. noch dadurch, dass er Harnische und Turnierwaffen aus dem Erbe seiner Vorfahren Erzherzog Sigmund (1427–1496) und Kaiser Maximilian I. (1459–1519) präsentierte: Mit Renn- und Stechzeugen stellt er die mittelalterliche Form des ritterlichen Turniers dar. Ein weiterer Schwerpunkt seiner Rüstkammern bilden Turnierharnische für das Plankengestech, das Freiturnier und das Fußturnier, die für Ferdinand II. und seinen Hofstaat angefertigt wurden. Großteils stammen sie von der Innsbrucker Plattnerei, die seit der Zeit Kaiser Maximilians I. zu den berühmtesten Europas gehörte. Ab 1580 ließ Erzherzog Ferdinand II. einen Großteil der Harnische von seinem Hofplattner Jakob Topf treiben. Eine Besonderheit bildet eine 24-teilige Serie an Harnischen, wovon sich zwanzig noch komplett erhalten haben; von den restlichen vier konnten Einzelteile bewahrt werden. Die ausgestellten neunzehn Fußturnierharnische stellt damit eines der größten Ensembles europäischer Plattnerkunst der Neuzeit dar, die erhalten geblieben sind.

Ferdinands Sammlung an Harnischen gehört zu den bedeutendsten ihrer Art, weshalb heute viele seiner Punkrüstungen ihren Weg nach Wien gefunden haben, wo sie in einer anderen bedeutenden Sammlung des Kunsthistorischen Museums ausgestellt sind: der Hofjagd- und Rüstkammer in der Neuen Burg.

Die einzigartige Sammlung an rund tausend Miniaturporträts von Fürsten des 15. und 16. Jahrhunderts, Öl auf Papier gemalt und auf dünne Täfelchen aus Fichtenholz aufgezogen,Friedrich Kenner: Die Porträtsammlung des Erzherzogs Ferdinand von Tirol. In: Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses 14, 1893, S. 37–186 (Digitalisat). befindet sich heute im Münzkabinett des Kunsthistorischen Museums in Wien.

Türkenkammer Am Ende des Raumes der heutigen Zweiten Rüstkammer befand sich, ursprünglich durch eine hohe Holzwand abgetrennt, die sogenannte Türkenkammer. Die Sammlung an „Turcica“, die Erzherzog Ferdinand II. zusammentrug, entsprach einer im 16. Jahrhundert allseits beliebten „Türkenmode“. Es war das Wechselspiel von Furcht und Bewunderung, die europäische Fürsten dazu bewogen, orientalische bzw. orientalisierende Gegenstände zu sammeln. Bei den Objekten in Form von osmanischen Ausrüstungs- und Luxusgegenständen wie Sättel, Pfeil und Bogen, Säbel, Schilde und Helme handelt es sich um Beutestücke vom Schlachtfeld. Zugleich waren diese Trophäen aber auch Erinnerungen an die kriegerischen Auseinandersetzungen mit den damals gefürchteten Osmanen, die ihr Reich bis an die habsburgischen Grenzen ausweiteten.

1556 führte Ferdinand II. sogar selbst eine militärische Expansion gegen die Türken in Ungarn. Es gelang unter seinem Kommando, die Festung Szigetvár mit dem nötigen Proviant zu versorgen und die Belagerer zurückzudrängen.Michael Forcher: Erzherzog Ferdinand II. Landesfürst von Tirol. Sein Leben. Seine Herrschaft. Sein Land. Innsbruck 2017, S. 78ff. Die Faszination für die orientalische Kunst und Kultur zeigte sich auch in den höfischen Festen und Turnieren. Die getriebenen, farbig gefassten und mit Haaren besetzten Eisenmasken aus der Zeit der Statthalterschaft Ferdinands II. in Böhmen (1547–1564) tragen die Züge von Husaren und Mauren. Sie wurden zusammen mit den hölzernen und bemalten Schilden (Tartschen) bei den propagandistischen „Husarischen Turnieren“ verwendet. Die Husaren verkörperten dabei als christliche Ritter das Abendland und fochten gegen die „Mohren“, welche die zu unterliegende Partei der Osmanen und somit das Morgenland symbolisierten.

Die Ambraser Türkenkammer birgt eine der größten Sammlungen an „Turcica“ der Zeit überhaupt.Veronika Sandbichler: Türkische Kostbarkeiten aus dem Kunsthistorischen Museum. Wien 1997.

Kunst- und Wunderkammer mini|Das Tödlein als Highlight der Sammlung Erzherzog Ferdinands II. in der heutigen Präsentation der Ambraser Kunst- und Wunderkammer Erzherzog Ferdinands II. Kunst- und Wunderkammer bestand aus einem Raum, in dessen Mitte zwei bis an die fünf Meter hohe Decke reichende, bis auf die Eckkästen den Fensterseiten zugewandte Schrankreihen von 20 Kästen standen, von denen sich nur mehr die zwei Eckkästen original erhalten haben. Aus dem Nachlassinventar von 1596 geht hervor, dass Ferdinands Sammlung aus einer Fülle von weit mehr als 3.300 verzeichneten Gegenständen bestand. In der Kunst- und Wunderkammer waren das kostbare Kunstwerke (Artificialia), seltene Naturalien (Naturalia), wissenschaftliche Instrumente (Scientifica), Objekte aus fremden Welten (Exotica) und Wunder der Natur (Mirabilia). An den Wänden drängten sich Gemälde, von der Decke hingen präparierte Tiere herab.

Auf zahlreichen Regalböden und an den Türen hängend befanden sich Objekte aus Kristall, Silber und Gold, Bronze, Glas, Holzdrechselarbeiten, Harnische und Waffen, Gemälde, neueste wissenschaftliche Instrumente sowie Musikinstrumente, Spielautomaten, rare, exotische und außergewöhnliche Gegenstände aus Naturmaterialien, Luxusartikel aus den neu entdeckten Ländern aus Übersee und vieles mehr, wie auch Porträts von Menschen oder Tieren, die als „Wunder der Natur“ galten. Die Objekte wurden zur einzelnen Betrachtung nach Bedarf aus dem jeweiligen Kasten herausgeholt. Die Kunst- und Wunderkammer war demzufolge kein Ort der musealen Präsentation, wie es Ferdinands Heldenrüstkammer war,Veronika Sandbichler: ‘Innata omnium pulcherrimarum rerum inquisitio‘. Der Sammler Erzherzog Ferdinand II. In: Sabine Haag, Veronika Sandbichler (Hrsg.): Ferdinand II. 450 Jahre Tiroler Landesfürst. Innsbruck 2017, S. 77–81. und wie sie es heute durch die Schaukästen geworden ist.

Samuel Quiccheberg,Harriet Roth: Der Anfang der Museumslehre in Deutschland. Das Traktat „Inscriptiones vel Tituli Theatri Amplissimi“ von Samuel Quiccheberg. Lateinisch-Deutsch. Akademie Verlag, Berlin 2001, ISBN 978-3-05-003490-4. dem berühmten Museumstheoretiker der Zeit zufolge war die Kunstkammer als Ort gedacht, an dem sich „leicht und sicher eine einzigartige, neue Kenntnis der Dinge sowie bewundernswerte Klugheit erlangen“ lässt.Paulus Rainer: Über Kunst und Wunder im außermoralischen Sinne. In: Sabine Haag, Veronika Sandbichler (Hrsg.): Ferdinand II. 450 Jahre Tiroler Landesfürst. Innsbruck 2017, S. 89–97.