mini|Kesseltrommel pahu aus Palmenholz mit Sockelzone. Hawaii, um 1778 Pahu, regional oder veraltet auch pa’u, pasu, payu und peu, ist die in Polynesien verbreitete allgemeine Bezeichnung für Membranophone (Trommeln), deren traditionelle Form senkrecht auf dem Boden stehende Kesseltrommeln sind, die aus einem Baumstamm geschnitzt und mit einer Membran aus Haifischhaut bespannt wurden. Dieser von außen röhrenförmig aussehende Trommeltyp kommt mit wenigen Ausnahmen nur auf den ostpolynesischen Inseln vor und unterscheidet sich grundlegend von den in der Hand gehaltenen schlanken Trommeln kundu in Melanesien.

Die pahu dienten zur Begleitung von erzählenden Gesängen und Tänzen bei Ritualen der früheren polynesischen Religion und bei gesellschaftlichen Anlässen. Eine kurze Variante der Trommel wird bei einem rituellen Hula-Tanzstil (hula pahu) auf Hawaii eingesetzt. Allgemein entsprechen pahu mit ihrem tiefen dumpfen Klang bei allen Gelegenheiten in ihrer Funktion den ansonsten in Ozeanien traditionell verwendeten Schlitztrommeln und Bambusstampfrohren.

Bei den Maori in Neuseeland waren Trommeln unbekannt; sie schlugen früher pahū genannte Klanghölzer (Schlagbalken) als Signalinstrumente.

Herkunft und Verbreitung mini|hochkant|Sanduhrförmige kundu mit Handgriff am mittleren Sepik in Papua-Neuguinea. Länge 60 Zentimeter, Durchmesser 23 Zentimeter. Um 1909. Los Angeles County Museum of Art Laut Curt Sachs’ entwicklungsgeschichtlichem Modell in Geist und Werden der Musikinstrumente von 1928 gehen das Stampfen mit den Füßen auf die Erde oder auf ein über eine Grube gelegtes Brett oder dem Schlagen auf eine am Boden liegende Matte dem Schlagen einer Erdtrommel als dem in diesem Modell ältesten Membranophon voraus. Aus den durch Stampfen oder Klatschen produzierten ältesten Formen rhythmischer Äußerungen, für die Sachs auch Berichte aus Ozeanien zitiert, entwickelten sich die am weitesten in Ozeanien verbreiteten Schlitztrommeln, die ungeachtet ihres Namens zu den Idiophonen gehören. Transportable archaische Trommeln sind aus Baumstämmen gefertigte, an einem Ende mit einer Membran bespannte Zylindertrommeln, zu denen etwa die drei Meter langen heiligen Ritualtrommeln auf der indonesischen Insel Nias gehörten (Vorläufer der bis zu 140 Zentimeter langen heiligen Bechertrommeln fodrahi)Margaret J. Kartomi, Andrew C. McGraw: Fodrahi. In: Laurence Libin (Hrsg.): The Grove Dictionary of Musical Instruments. Band 2, Oxford University Press, Oxford/New York 2014, S. 339.Curt Sachs: Die Musikinstrumente Indiens und Indonesiens. Zugleich eine Einführung in die Instrumentenkunde. (Handbücher der Staatlichen Museen zu Berlin) 2. Auflage. Vereinigung wissenschaftlicher Verleger Walter de Gruyter, Berlin/Leipzig 1923; Nachdruck: Olms, Hildesheim 1983, S. 68 Dieser Trommeltyp war Curt Sachs zufolge ab einer frühen Zeit in Melanesien und auf dem amerikanischen Doppelkontinent verbreitet.Curt Sachs: Geist und Werden der Musikinstrumente. Reimer, Berlin 1928 (Nachdruck: Frits A. M. Knuf, Hilversum 1965), S. 38f, 58

Bis auf wenige Bambustrommeln sind fast alle traditionellen Trommeltypen in Ozeanien aus einem Holzstück herausgearbeitet und stets einfellig. Eine grundlegende Unterscheidung lässt sich zwischen den röhrenförmigen und sanduhrförmigen Trommeln in Neuguinea, auf den übrigen Inseln Melanesiens sowie einigen östlichen Inseln Mikronesiens im Westen und den ostpolynesischen stehenden Kesseltrommeln pahu im Osten des Pazifischen Ozeans treffen.Raymond F. Kennedy: Music of Oceania. In: Music Educators Journal, Band 59, Nr. 2 (Music in World Cultures), Oktober 1972, S. 59–72, hier S. 61 In der Hand gehaltene Sanduhrtrommeln kommen weder im Westen Mikronesiens noch in Polynesien vor, auch nicht im Süden Melanesiens, wo sie durch Schlitztrommeln ersetzt werden. Die Zylindertrommeln pahu sind in Ostpolynesien die führenden Rhythmusinstrumente, in Zentralpolynesien werden sie zusammen mit Schlitztrommeln verwendet.Mervyn Mclean: Towards the Differentiation of Music Areas in Oceania. In: Anthropos, Band 74, Heft 5/6, 1979, S. 717–736, hier S. 719

Die in der Musik Neuguineas gespielte schlanke Sanduhrtrommel kundu besitzt eine aufgeklebte (Klebspannung) oder mit einer am Rand umlaufenden Schnur (Topfspannung) befestigte Membran. Eine seltenere Methode der Membranbefestigung, die nur regional im westlichen Neuguinea vorkommt, ist, das Trommelfell durch am Rand durchgeschlaufte Schnüre mit einem etwas entfernt umlaufenden Ring zu verspannen. Dieser Ring lässt sich durch von oben eingeschlagene Keile fixieren (Keilspannung). Der stehende Spieler hält die Trommel an einem mitten am Korpus angebrachten Handgriff oder umfasst die schlanke Mitte des Korpus, falls kein Handgriff vorhanden ist, und schlägt die Membran mit der anderen Hand. Die Trommeln der ostmikronesischen Inseln sind wie diejenigen von Neuguinea sanduhrförmig, besitzen aber keinen Handgriff. Des Weiteren mit den kundu verwandt sind die langen schlanken Bechertrommeln tifa, die in den indonesischen Molukken verbreitet sind und sich scharf von den ansonsten im Malaiischen Archipel gespielten Zylindertrommeln kendang und Rahmentrommeln rebana abgrenzen.

Die einzige Ausnahme vom Trommeltyp kundu in Melanesien ist eine auf dem Boden stehende zylindrische Trommel, über die Felix Speiser Anfang des 20. Jahrhunderts von den zu Vanuatu gehörenden Banks-Inseln berichtete. Die Trommel war 165 Zentimeter lang und wurde 40 Zentimeter tief in den Boden eingegraben. Die wesentlichen Merkmale dieser damals isoliert vorkommenden Trommel deuten Hans Fischer (1958) zufolge auf ihre Herkunft aus Ostpolynesien.Hans Fischer, 1958, S. 30f, 35 Die Trommel bestand aus einem ausgehöhlten rohen Kokospalmenstamm und als Membran dienten einige Lagen Bananenblätter, die mit einer Schnur festgebunden waren. Curt Sachs (1928) vermutet in dieser Trommel nicht eine frühe Form wie auf Nias, sondern vielleicht eine Rückbildung eines ausgereifteren Trommeltyps.Curt Sachs, 1928, S. 58f

Gegenüber den melanesischen Handtrommeln stehen die ostpolynesischen Trommeln alle fest auf dem Boden. Mit ihrer Form kommen sie nur in Ostpolynesien vor. Abgesehen von den melanesischen Banks-Inseln wurde der westlichste Vertreter des Trommeltyps pahu auf der zu Polynesien gehörenden Insel Tokelau (nördlich von Samoa) gefunden. Hier heißt die Trommel tokelauisch pasu und pukapuanisch payu. Deren Kenntnis geht auf den US-amerikanischen Polarforschen Charles Wilkes (1845) zurück, der während der United States Exploring Expedition um 1839 die Insel erreichte und die Haupteigenschaften der Trommel in seinem 1845 veröffentlichten Expeditionsbericht zusammenfasste:Charles Wilkes: Narrative of the United States exploring expedition: during the years 1838, 1839, 1840, 1841, 1842. Band 5. Lea Blanchard, Philadelphia 1845, S. 16

Die erste „Trommel“ beschreibt Wilkes nur als „Trog“, vermutlich meinte er einen hölzernen Stampftrog oder eine Schlitztrommel. Eine aus einem großen Baumstamm gefertigte Schlitztrommel namens longo erwähnt der neuseeländische Anthropologe Te Rangi Hīroa (Peter Henry Buck) in seiner Beschreibung der materiellen Kultur von Samoa 1930. Hīroa beruft sich auf einheimische Informanten, wonach es früher auch auf der westpolynesischen Insel Samoa eine itulasi genannte, mit Haifischhaut bespannte Trommel fremder Herkunft gegeben habe.Te Rangi Hīroa: Samoan Material Culture. Bulletin 75, Bernice P. Bishop Museum, Honolulu (Hawaii) 1930, S. 578 Über die itulasi ist so gut wie nichts bekannt, aber sie ist auf dem Frontispiz von John B. Stairs geographisch-historischer Beschreibung Old Samoa, or, Flotsam and Jetsam from the Pacific Ocean von 1897 als kurze Form einer senkrecht stehenden Zylindertrommel abgebildet. Erkennbar sind Spannschnüre für die Membran, die parallel bis zur Unterseite verlaufen. Im Text wird die Trommel nicht behandelt, der Verfasser beobachtete nur eine waagrechte, mit zwei Stöcken geschlagene Schlitztrommel und eine ebenso geschlagene, am Boden liegende Matte.John B. Stairs: Old Samoa, or, Flotsam and Jetsam from the Pacific Ocean. Religious Tract Society, London 1897; Nachdruck: R. McMillan, Papakura (Neuseeland) 1983 (Frontispiz) Im Samoanisch-Englisch-Wörterbuch des Missionars George Pratt (1862) werden das Wort itulasi und außerdem Verben gelistet, die das Schlagen der kleinen Schlitztrommeln pate und lali sowie der Bodenmatte bezeichnen.George Pratt: A Grammar and Dictionary of the Samoan Language: with English and Samoan Vocabulary. 1. Auflage, The London Missionary Society, London 1862; 3. Auflage 1893; 4. Auflage: Malua Printing Press, Malua 1911, S. 53 Die einzige andere Trommel von Samoa heißt talipalau, sie wurde als Signalinstrument verwendet. Mit ihren zwei Membranen gilt die talipalau als Nachahmung europäischer Marschtrommeln.Richard Moyle: Samoan Musical Instruments. In: Ethnomusicology, Band 18, Nr. 1, Januar 1974, S. 57–74, hier S. 69

Auf Tonga soll es früher eine zylindrische Trommel gegeben haben, die tanofa genannt und bei gewissen religiösen Zeremonien verwendet wurde.Hans Fischer, 1958, S. 34

Ansonsten ist über Trommeln etwa in der Musik von Tuvalu und im übrigen Westpolynesien nichts bekannt. Sie fehlten früher auch in der traditionellen Musik der Maori in Neuseeland. Die Maori verwendeten zur Erzeugung von Rhythmus oder außermusikalischen lauten Schlägen lediglich einige Idiophone: neben der Kalebassenrassel hue puruwai und den Klappern tōkere den Schlagbalken pahū, dessen Name von der ostpolynesischen Trommel übernommen wurde. Der als „Kriegsglocke“ und als Signalinstrument vor Versammlungen und bei Gefahren verwendete pahū war meist ein waagrecht aufgehängtes massives Holzbrett, das mit Stöcken geschlagen über mehrere Kilometer zu hören gewesen sein soll. Ein Besucher Neuseelands, der 1846 einen solchen Schlagbalken sah, schildert, dass dieser kaum noch geschlagen wurde, außer des Nachts vom Wachposten vor einem drohenden Überfall eines Feindes auf das Dorf.Johannes C. Andersen: Maori Music with its Polynesian Background. Lieferung 6. In: The Journal of the Polynesian Society, Band 42, Nr. 2, Juni 1933, S. 197 In seiner Größe und Funktion wurde der pahū mit der samoanischen Schlitztrommel longo verglichen, das Maori-Wort dafür ist rongo, „ertönen“.Johannes C. Andersen: Maori Music with its Polynesian Background. Lieferung 5. In: The Journal of the Polynesian Society, Band 42, Nr. 1, März 1933, S. 163

Der Trommelname pahu ging in mehrere polynesische Sprachen auf entfernten Inseln für unterschiedliche Trommeln über. Er kann wie in der hawaiischen Sprache auch Alltagsgegenstände im Umfeld von Trommeln bezeichnen („Kasten, Kiste, Baumstamm, Behälter“). Ob die Maori in weit zurückliegenden Zeiten eine Trommel besaßen oder weshalb der Trommelname in Neuseeland auf ein Idiophon übertragen wurde, ist unbekannt. Allgemein anerkannt ist die Theorie, dass Neuseeland von Polynesiern besiedelt wurde. Nach neueren Erkenntnissen erfolgte diese Migration, die mit einem nachweisbaren Import materieller Kulturgüter einherging, um 1300.Migration, colonisation and Polynesian-settlement of Aotearoa. University of Otago Auch einige Inseln in Melanesien könnten unter dem Einfluss einer ursprünglich polynesischen Bevölkerung gestanden haben, wofür die vereinzelten polynesischen Standtrommeln in Melanesien sprechen würden. Nachfolgend hätten die eingewanderten Polynesier die „melanesische Kultur“ angenommen, die wiederum als eine Subkultur in Neuseeland erkannt wird.Vgl. I. W. Keyes: The Ngatimamoe: The Western Polynesian-Melanesoid sub-culture in New Zealand. In: The Journal of the Polynesian Society, Band 76, Nr. 1, März 1967, S. 47–75