Die Große Kugelkaryatide N.Y. (WVZ Sk 416, auch bekannt als The Sphere, Koenig Sphere und Sphere for Plaza Fountain) ist eine monumentale Großplastik und Hauptwerk des international renommierten deutschen Bildhauers Fritz Koenig (1924–2017).

Die einst als weltgrößte Bronzeplastik der Neuzeit geltende Skulptur stand von 1972 bis zu den Terroranschlägen am 11. September 2001 zwischen den Zwillingstürmen auf dem Vorplatz des World Trade Centers in New York City. Die mehr als 20 Tonnen schwere Plastik konnte nach den Anschlägen als einziges noch erhaltenes Kunstwerk beschädigt, jedoch weitgehend intakt, aus den Trümmern der eingestürzten Twin Towers geborgen werden. Seither veränderte sich die Rezeption der Plastik zu einem bedeutenden symbolischen Mahnmal des 9/11-Gedenkens. Durch die Transformation vom Kunstwerk zum Mahnmal erhielt Koenigs Bronzekugel eine zeitgeschichtliche Bedeutungserweiterung, die jenseits ihrer Rolle in der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts von außergewöhnlichem Wert ist.

Nachdem die nahezu unrestaurierte Bronzeplastik zwischen 2002 und 2017 einen vorläufigen Standort im New Yorker Battery Park gefunden hatte, wurde sie nach Initiativen Hinterbliebener der Anschlagsopfer auf Veranlassung der New Yorker Hafenbehörde wieder in die unmittelbare Nähe ihres ursprünglichen Standorts versetzt. Am 29. November 2017 wurde die Große Kugelkaryatide N.Y. als Teil des 9/11 Memorials im Liberty Park am Rande des neu erbauten World Trade Centers schließlich wiedereingeweiht.

Beschreibung mini|280px|Koenigs Große Kugelkaryatide N.Y. Der Bildhauer sah seine Figur als „David“, der dem „Goliath“ in Form der Twin Towers trotzen sollte mini|280px|Koenigs Große Kugelkaryatide N.Y.World Trade Center, 1976 mini|280px|thumbtime=00| Video der Großen Kugelkaryatide N.Y. Im Frühjahr 1967 erhielt der international renommierte deutsche Bildhauer Fritz Koenig den Auftrag, eine Plastik für die Brunnenanlage auf dem Vorplatz des sich noch im Bau befindlichen World Trade Centers in New York City zu entwerfen. Daraufhin schuf Koenig zwischen 1967 und 1971 die figurative und dennoch abstrakt komponierte Bronzeplastik Große Kugelkaryatide N.Y. (Sk 416).

Koenig entwickelte die Großplastik aus Ideen, mit denen er sich bereits seit den frühen 1960er Jahren in einer Vielzahl von Plastiken im größeren und kleineren Maßstab auseinandergesetzt hatte. 1965 wurde Koenig durch eine existentielle Augenerkrankung zu Experimenten mit dem Motiv eines einzelnen Auges inspiriert, das er in größere geometrische Kompositionen integrierte.Stefan Trinks: Der Meister vom Ganslberg. FAZ (online), 26. Juni 2018; abgerufen am 23. März 2024 Als Beispielplastik dient hier insbesondere Augenvotiv II (1967, Sk 408),Augenvotiv II. 1967., auf artory.com bei der ein kugelrunder Augapfel umgeben von einer Würfelform zu einem neuen dynamischen Ganzen verschmilzt.Holger A. Klein: Von Ganslberg nach Manhattan. In: The Sphere – Kunstwerk und Mahnmal. Hrsg. Freundeskreis Fritz Koenig, Landshut 2021, S. 103

Die Große Kugelkaryatide N.Y. fällt in Koenigs architektonische Schaffensphase, in der er sich in einer Werkgruppe dem Thema der Karyatide widmete. Eine Karyatide bezeichnet in der antiken Architektur eine Frauenplastik, die für die Gebäudestatik eine wichtige tragende Funktion hat und gleichzeitig als gestalterisches Element dient. Bereits im antiken Griechenland wurden Portale und Fassadendächer von künstlerisch veredelten Säulen in Form von Karyatiden gestützt. Dass Koenig diesen Begriff als Bezeichnung für seine Kunstwerke wählte, wirkt vor diesem Hintergrund schwer nachvollziehbar, da bei den Plastiken aus dieser Werkgruppe keine eindeutig weiblich-figürlichen Darstellungen mit einer tragenden Funktion zu erkennen sind.Alexander Glas: Kunst am Campus 1981–2008. Die Sammlung der Universität Passau. Passau 2008, S. 82–83. Unabhängig vom allgemeinen Begriffsverständnis inszenierte Koenig seine Karyatiden in höchst abstrakter Form. Er zeigte ein Ringen mit beengenden oder lastenden geometrisierenden Massen, bei der tragende Elemente als Säule in die Höhe verlängert und so selbst zu wichtigen Teilen der Plastik werden. Aus dieser Werkgruppe entstammen die Große Säulenkaryatide B (1966/1967, Sk 383),Große Säulenkaryatide B, auf freunde-fritz-koenig.de die Große Säulenkaryatide R (1966/1968, Sk 386)Große Säulenkaryatide R, auf bavarikon.de und die Kleine Säulenkaryatide B (1968, Sk 426)Kleine Säulenkaryatide B, auf bavarikon.de. Für die Plastik der Brunnenanlage auf dem Vorplatz des World Trade Centers in New York entschied Koenig, dass er mit seinen nach oben weisenden Säulenkaryatiden nicht mit den Zwillingstürmen des World-Trade-Center-Architekten Minoru Yamasaki konkurrieren will. Stattdessen wählte Koenig eine niedrige, mechanisch rotierende Kugelkaryatide als bewussten Gegenpol zur unbeweglichen Masse der beiden Wolkenkratzer.Holger A. Klein: Von Ganslberg nach Manhattan. In: The Sphere – Kunstwerk und Mahnmal. Hrsg. Freundeskreis Fritz Koenig, Landshut 2021, S. 105,107 Die Kugelform war für den Künstler die Urform schlechthin und das Symbol für Kraft, Energie und Leben.

Letztlich wollte Koenig mit seiner Plastik ein formales Gegengewicht zu den beiden Bürohochhäusern markieren, die ihm wie eine „David-Goliath-Situation“ erschienen.The Sphere – Kunstwerk und Mahnmal. Hrsg. Freundeskreis Fritz Koenig, Landshut 2021, S. 45 Allerdings sagte er einschränkend, dass seine Plastik gegen die Zwillingstürme keine Siegchancen, sondern lediglich Überlebenschancen habe. Basierend auf der Idee einer Kugelform entschied sich Koenig für einen stilisierten Kopf mit einem Zyklopenauge, der aus einem Sockel mit Schaft erwächst. Dabei erinnert die obere Hälfte der Plastik an einen menschlichen Schädel, einen Helm bzw. Footballhelm. Entfernt deuten sich zudem Gesichtszüge an.The Sphere – Kunstwerk und Mahnmal. Hrsg. Freundeskreis Fritz Koenig, Landshut 2021, S. 7Kurt Martin: Die Kugelkaryatide N.Y. In: The Sphere – Kunstwerk und Mahnmal. Hrsg. Freundeskreis Fritz Koenig, Landshut 2021, S. 65Holger A. Klein: Von Ganslberg nach Manhattan. In: The Sphere – Kunstwerk und Mahnmal. Hrsg. Freundeskreis Fritz Koenig, Landshut 2021, S. 107

Die Maße der mehr als 20 Tonnen schweren, bronze- und goldschimmernden Großplastik wurden mit einer Höhe von 7,64 m und einem Durchmesser von 5,20 m angegeben. Damit galt Koenigs Hauptwerk zum Zeitpunkt der Aufstellung vor dem World Trade Center als die weltgrößte Bronzeplastik der NeuzeitMichaela Schabel: In Florenz geheiligt, in Landshut verschachert. Augsburger Allgemeine, 22. Juni 2018; abgerufen am 23. März 2024 und war laut Koenig „sicherlich die größte Bronze, die nach dem Krieg in einem Stück in Europa gegossen worden ist“. Ergänzend merkte Koenig an, dass es sich zudem um einen äußerst anspruchsvoll anzufertigenden Bronzeguss handelte.

Entstehungshistorie Auftragsanfrage (1967) mini|Fritz Koenig (2015) Seit August 1966 ließ die New Yorker Hafenbehörde als Grundstücksbesitzer und Bauherr das World Trade Center mit den markanten, mehr als 400 Meter hohen Zwillingstürmen an der Südspitze Manhattans errichten. Im Frühjahr 1967 erhielt Fritz Koenig von der Hafenbehörde die Anfrage, ob er bereit sei, den Auftrag für eine Brunnenplastik für die Brunnenanlage des World-Trade-Center-Vorplatzes anzunehmen.Holger A. Klein: Von Ganslberg nach Manhattan. In: The Sphere – Kunstwerk und Mahnmal. Hrsg. Freundeskreis Fritz Koenig, Landshut 2021, S. 99.

Zu dieser Zeit galt Koenig bereits als international etablierter Künstler. Koenig stellte seit den späten 1950er Jahren seine Plastiken u. a. bei den weltweit bedeutendsten Kunstausstellungen Biennale und der documenta aus. 1967 wurden Koenigs Werke auf der Weltausstellung im Deutschen Pavillon der Expo 67 im kanadischen Montréal gezeigt. Koenigs Durchbruch in den USA und folglich die Auftragserteilung für die Schaffung der WTC-Brunnenplastik ist eng mit dem New Yorker Galeristen und Kunsthändler George William Staempfli verknüpft. 1961 organisierte Staempfli in seiner an der Upper East Side gelegenen Staempfli Gallery Koenigs erste Einzelausstellung auf amerikanischem Boden. Staempfli ließ zwei weitere Koenig-Einzelausstellungen 1963/64 und Ende 1966 folgen.Holger A. Klein: Von Ganslberg nach Manhattan. In: The Sphere – Kunstwerk und Mahnmal. Hrsg. Freundeskreis Fritz Koenig, Landshut 2021, S. 101.

Nachdem der mit Staempfli befreundete Minoru Yamasaki die Arbeiten Koenigs in der Staempfli Gallery gesehen hatte, bat er den Bildhauer, einen Vorentwurf für eine Plastik für die von Yamasaki entworfene Brunnenanlage auf dem zentralen Vorplatz zwischen den beiden geplanten Zwillingstürmen des World Trade Centers vorzulegen. Yamasaki, amerikanischer Architekt japanischer Abstammung, war davon überzeugt, dass Koenig besonders geeignet und fähig sei, in dem gigantischen Ausmaß der Architektur des World Trade Centers den entscheidenden plastischen Akzent zu setzen. Als das erste Gespräch zwischen Yamasaki und Koenig stattfand, wurde noch in der gewaltigen Baugrube an den Fundamenten und sonstigen nötigen Versorgungsstellen für die Zwillingstürme und Nebengebäude des World Trade Centers gearbeitet. Dementsprechend konnte sich Koenig für seine Entwürfe lediglich auf die Pläne und ein Modell des World Trade Centers stützen.Kurt Martin: Die Kugetektur lkaryatide N.Y. In: The Sphere – Kunstwerk und Mahnmal. Hrsg. Freundeskreis Fritz Koenig, Landshut, 2021, S.. 59Holger A. Klein: Von Ganslberg nach Manhattan. In: The Sphere – Kunstwerk und Mahnmal. Hrsg. Freundeskreis Fritz Koenig, Landshut 2021, S. 101

Entwurf und Schaffensprozess (1967–1971) mini|Modell im Maßstab 1:12 in der Lobby des National September 11 Memorial and Museum Die Entwurfsphase wurde von einem sich entwickelnden Schaffensprozess begleitet. Koenig begann mit einem ersten, etwa 50 cm großen Modell (Kleine Kugelkaryatide I, 1967). Es folgten eine Reihe von Modellen in kleinem Maßstab (Kleine Kugelkaryatide II bis IV, 1967, Sk 409 bis 412), die Kleine Kugelkaryatide V (1968, Sk 413)Kleine Kugelkaryatide V, auf bavarikon.de sowie zahlreiche konzeptionelle Begleitzeichnungen (Kugelkaryatide N.Y., 1967,Kugelkaryatide, auf bavarikon.de Hz 938 bis 962). Als definitive Entwurfs- und Präsentationsversion im Maßstab 1:12 diente schließlich die Kleine Kugelkaryatide V, N.Y. (1968, Sk 413)Kugelkaryatide V, N.Y., auf bavarikon.de, die in New York begutachtet wurde und Koenig schließlich im Jahr 1968 den offiziellen Auftrag der Hafenbehörde für die Plastik im großen Maßstab einbrachte.Holger A. Klein: Von Ganslberg nach Manhattan. In: The Sphere – Kunstwerk und Mahnmal. Hrsg. Freundeskreis Fritz Koenig, Landshut 2021, S. 103 Es wurde der größte Auftrag, den je ein deutscher Bildhauer für die USA erhalten hat. Ein Modell der Großen Kugelkaryatide N.Y. befindet sich heute im Eingangsbereich des neu erbauten One World Trade Centers. Weiterhin ist ein von Koenig an die Stadt New York gespendetes Bronzemodell der Plastik im Maßstab 1:12 als einziges Ausstellungsstück im unterirdisch gelegenen Eingangsbereich der Lobby im National September 11 Memorial and Museum zu sehen.The Sphere – Kunstwerk und Mahnmal. Hrsg. Freundeskreis Fritz Koenig, Landshut 2021, S. 7Jan Seidler Ramirez: Koenigs Sphere nach der Katastrophe des World Trade Centers. In: The Sphere – Kunstwerk und Mahnmal. Hrsg. Freundeskreis Fritz Koenig, Landshut 2021, S. 161