mini|Stadttheater mit Straßenbahnzug der Linie Brandl–Schlag (um 1911) Die Straßenbahn Jablonec nad Nisou war ein meterspuriger Straßenbahnbetrieb im heutigen Tschechien. Das Netz erschloss die Stadt Jablonec nad Nisou (Gablonz an der Neiße) mit ihren Vororten und führte darüber hinaus bis nach Janov nad Nisou (Johannesberg), Rychnov (Reichenau) und Liberec (Reichenberg). Der Straßenbahnverkehr im Stadtnetz wurde am 31. März 1965 nach außergewöhnlich starken Schneefällen eingestellt und nachher nie wieder aufgenommen. Heute existiert lediglich noch die Überlandlinie Liberec–Jablonec nad Nisou mit ihrem peripheren Endpunkt „Tyršovy sady“.
Mit einer maximalen Neigung von 108,5 Promille befand sich im Netz der Straßenbahn Jablonec nad Nisou der steilste Streckenabschnitt einer Straßenbahn in der Tschechoslowakei und dem heutigen Tschechien.
Geschichte Vorgeschichte und Bau
Beim Bau der Süd-Norddeutschen Verbindungsbahn im Jahr 1859 blieb Gablonz aus topografischen Gründen unberücksichtigt. Der nächste Bahnhof der Strecke lag in Reichenau, etwa fünf Kilometer Luftlinie entfernt. Auch die 1893 eröffnete Lokalbahn Reichenberg–Gablonz konnte die Verkehrsverhältnisse nur unwesentlich verbessern. In jener Zeit entwickelte der Gablonzer Fabrikbesitzer Gustav Hoffmann ein Projekt zur Errichtung eines elektrisch betriebenen Kleinbahnnetzes, das am 27. November 1895 der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Vorgesehen waren zwei Linien mit einer Betriebslänge von 21,310 Kilometer.
Die Konzession „zum Baue und Betriebe einer mit elektrischer Kraft zu betreibenden schmalspurigen Kleinbahn im Gebiete der Stadt Gablonz und Umgebung“ erhielt Gustav Hoffmann am 6. September 1898. Teil der Konzession war die Verpflichtung, den Bau der Strecke nach Erhalt der Baugenehmigung sofort zu beginnen und binnen ein und einem halben Jahre fertigzustellen. Die Konzessionsdauer war auf 60 Jahre bis zum 6. September 1958 festgesetzt.Reichsgesetzblatt für die im Reichsrate vertretenen Königreiche und Länder Nr. 168 vom 30. September 1898 Noch im gleichen Jahr begannen die Bauarbeiten durch die Firma Stumm von Trauenfels. mini|In der Kubálkova im Hintergrund lag der mit über 108 Promille steilste Streckenabschnitt. (2008) Am 13. Juni 1899 wurde die Gablonzer Straßenbahn- und Elektrizitätsgesellschaft als Betreiber gegründet. Der erste Abschnitt wurde am 7. Februar 1900 feierlich eröffnet, das gesamte Netz war im September 1900 fertiggestellt. Die Strecken waren durchweg eingleisig in Straßenseitenlage mit Ausweichen ausgeführt. Das zentrale Depot befand sich in Gablonz an der Wiener Straße, eine kleinere Wagenhalle am Endpunkt Johannesberg. In der Gablonzer Gewerbegasse (heute: Kubálkova) befand sich der steilste Abschnitt des Streckennetzes. Er wies auf 60 Metern Streckenlänge eine Neigung von 108,5 Promille auf.
Eröffnungsdaten:
7. Februar 1900: Reichenau–Alter Markt (9,310 km) 4. April 1900: Lindengasse–Alter Markt–Neudorfer Straße (1,72 km) 10. Mai 1900: Brandl–Lindengasse (1,37 km) 12. Mai 1900 Alter Markt–Reinowitz (3,0 km) 5. September 1900: Reinowitz–Johannesberg (3,188 km) und Brandl–Reinowitz (2,249 km) 27. September 1900: Wiener Straße–Hauptbahnhof (0,420 km)
Am 17. August 1904 erhielt die Gablonzer Straßenbahn- und Elektrizitätsgesellschaft noch die Konzession für die Netzerweiterung von der Neudorfer Straße nach Schlag. Am 1. September 1904 wurde die Strecke eröffnet, deren Bau bereits am 12. Juni 1904 begonnen wurden war. Die Straßenbahngesellschaft firmierte nun als Gablonzer Elektrische Bahnen, kurz G.E.B.
Fortan wurden folgende Linien mit einer Gesamtlänge von 22,775 km bedient:
Reichenau–Puletschnei–Kukan–Seidenschwanz–Alter Markt–Grünwald–Reinowitz–Lautschnei–Johannesberg Brandl–Alter Markt–Schlag Hauptbahnhof–Alter Markt–Schlag
Die Strecke Brandl–Reinowitz wurde seit 1904 nur im Güterverkehr befahren.
Betrieb mini|Endstelle Johannesberg mit abfahrbereitem Zug nach Reichenau (vor 1919) Nach dem Zerfall Österreich-Ungarns infolge des Ersten Weltkrieges lag Gablonz auf dem Gebiet des neugegründeten Staates Tschechoslowakei, obwohl die Bevölkerung aufgrund des von Woodrow Wilson proklamierten Selbstbestimmungsrechtes der Völker ein Verbleib bei Österreich einforderte. Für den Bahnbetrieb bedeutete das trotz geringem tschechischem Bevölkerungsanteils im Verkehrsgebiet die Einführung konsequenter Zweisprachigkeit, wobei die tschechische Sprache an erster Stelle stehen musste. So wurden etwa die Zielschilder an den Straßenbahnzügen entsprechend ergänzt.
Die Stadtgemeinde Gablonz erwarb am 5. Dezember 1922 die Mehrheit der Aktien. Die Gesellschaft firmierte fortan als Gablonzer Verkehrsgesellschaft A.G. – Gablonzer Elektrische Bahnen (Jablonecká dopravní společnost a.s. – Jablonecké elektrické dráhy). Im Eigentum der Stadt begann am 1. August 1924 die vollständige Erneuerung der Gleise, die nun aluminothermisch lückenlos verschweißt wurden. Enge Gleisbögen wurden dabei aufgeweitet und mit Übergangsbögen versehen. Die Triebfahrzeuge wurden sukzessive mit modernen Scherenstromabnehmern ausgerüstet, nach dem bereits 1918 die Stangen- durch Bügelstromabnehmer ersetzt worden waren. In jene Zeit fielen auch erste Planungen zum Bau einer neuen Strecke nach Reichenberg, um beide in Meterspur gebauten Netze zu verbinden.
Am 28. September 1926 trat mit der Inbetriebsetzung neuer Fahrzeuge ein neuer Fahrplan mit kürzeren Fahrzeiten in Kraft. Zwischen Gablonz, Alter Markt und Reichenau gab es nun Eilfahrten mit nur einem Zwischenhalt in Kukan, die den Anschluss an den Schnellzug von und nach Prag herstellten.
Im März 1928 beschloss der Stadtrat den Neubau der Strecke zum Bahnhof, der bis September 1928 realisiert war. Die Wagen der Linie nach Schlag begannen nun stets am Bahnhof, die Endstelle Brandl wurde nur noch mit einigen wenigen Pendelfahrten im Anschluss zu den Zügen der ČSD bedient.
Liniennetz ab 1. September 1929
Linie Verlauf Takt 1 Reichenau – Puletschnei – Kukan – Wiener Straße – Alter Markt – Grünwald – Reinowitz – JohannesbergRychnov – Pulečný – Kokonín – Vídeňská – Staré náměstí – Mšeno – Rýnovice – Honsberk 20 min 2 Haupt-Bahnhof – Hauptpost – Alter Markt – SchlagHlavní nádraží – Hlavní Pošta – Staré náměstí – Paseky 10 min - Brandl – Hauptpost (Nur Pendelfahrten im Anschluss von und nach Zügen der ČSD)Brandl – Hlavní Pošta –
Ab 1. Oktober 1938 lag das Sudetenland und damit auch Gablonz infolge des Münchner Abkommens auf deutschen Staatsgebiet. Am Tag der Besetzung der Stadt durch die Wehrmacht wurde das im Deutschen Reich übliche Rechtsfahrgebot im Straßenverkehr und damit auch bei der Straßenbahn eingeführt. Die tschechischen Beschilderungen verschwanden wieder. Am 1. Juni 1940 wurde der Personenverkehr zwischen Bürgerstraße, Krankenhaus und Brandl eingestellt, für den Güterverkehr blieb die Strecke allerdings in Betrieb. Pendelwagen bedienten fortan stündlich die Linie Hauptpost–Bürgerstraße.
Am 8. Mai 1945 fiel Gablonz wieder an die Tschechoslowakei und ein großer Teil der deutschböhmischen Bewohner der Stadt wurde bis 1948 des Landes verwiesen. Es galten fortan nur noch die tschechischen Namen.
Unter tschechischer Verwaltung begannen schon bald nach Kriegsende konkrete Planungen für den Bau der Strecke nach Liberec. Dafür wurden 1947 eine erste Vorkonzession ausgestellt und 1948 die Verkehrsbetriebe beider Städte administrativ vereinigt. Die Bauarbeiten an der neuen Trasse begannen 1950 von Jablonec aus. Am 16. November 1953 wurde der Abschnitt von Jablonec bis Proseč und am 15. Februar 1954 bis Vratislavice, kostel eröffnet. Am 1. Jänner 1955 war die Strecke vollständig als Linie 11 von Jablonec, Pražská bis Liberec, Fügnerova in Betrieb. Für den Betrieb der Linie 11 wurden sechs Umläufe benötigt, die anteilig von beiden Straßenbahnbetrieben gestellt wurden.
Liniennetz ab 1. Jänner 1955
Linie Verlauf 1 Rychnov – Pulečný – Kokonín – Pražská – Mírové náměstí – Mšeno – Rýnovice – Janov 2 Hlavní nádraží – Mírové náměstí – Paseky 3 Kokonín, výhybna – Pražská – Mírové náměstí – Mšeno (Verstärkungslinie in der Hauptverkehrszeit) 11 Pražská – Brandl – Proseč – Vratislavice – Liberec, Fügnerova
1957 fanden auf der Linie 11 Versuchsfahrten mit dem Prototyp der modernen, 2,50 Meter breiten Einrichtungswagen vom Typ Tatra T2 statt. In Vorbereitung des geplanten Linieneinsatzes auf der Line 1 erhielt 1958 die Endstelle Rychnov eine Wendeschleife und 1962 die Endstelle Janov ein Gleisdreieck. 1960 trennte man die 1948 vereinigten Verkehrsbetriebe beider Städte wieder in zwei eigenständige Betriebe auf. Die Infrastrukturgrenze auf der Überlandlinie 11 lag fortan an der Ausweiche Proseč.
Niedergang und Stilllegung
Eine erste Reduzierung des Netzes gab es am 20. Februar 1959, als die Linie 2 zwischen Bahnhof und Paseky wegen verschlissener Gleise aufgegeben und durch eine städtische Autobuslinie ersetzt werden musste. Die Verstärkungslinie 3 zwischen Kokonín, výhybna und Mšeno wurde am 1. Juli 1963 eingestellt. Der Takt auf der Linie 1 zwischen Rychnov und Janov wurde nach dem Umbau einiger Ausweichen von 20 auf 30 Minuten gestreckt. Nach starken Schneefällen musste der Straßenbahnbetrieb am 31. März 1965 vollständig eingestellt werden. Als Ersatz verkehrten fortan Autobusse. In Betrieb blieb lediglich die Linie 11.
Seit dem 1. Januar 1970 werden die Fahrzeuge für den Betrieb der Überlandlinie ausschließlich von den Verkehrsbetrieben Liberec gestellt. Damit endete faktisch die Existenz der Straßenbahn Jablonec als eigenständiger Straßenbahnbetrieb. Die Verkehrsbetriebe Jablonec wurden zum 31. Dezember 1980 aufgelöst, den städtischen Busverkehr übernahm die ČSAD Ústí nad Labem.
Weiterer Betrieb der Überlandlinie nach Liberec mini|Die Endstelle Tyršovy sady wurde im Dezember 1976 in Betrieb genommen. (2005) mini|Überlandlinie bei Zelené Údolí. Der Niederflurwagen Tatra T3R.PLF der Linie 11 verkehrt in Richtung Liberec, viadukt. (2018) Die Strecke der Linie 11 war Anfang der 1970er Jahre soweit verschlissen, dass eine umfassende Erneuerung notwendig wurde. Am 27. März 1972 wurde der Straßenbahnverkehr vorübergehend eingestellt. In den Folgejahren erhielt die Strecke auf den Abschnitten mit eigenem Bahnkörper einen Querschwellen-Oberbau und durchgehend eine neue Fahrleitung mit Kettenwerk, die höhere Fahrgeschwindigkeiten zulässt. In Jablonec wurde die bisherige Blockumfahrung mit dem Endpunkt in der Pražská durch die neue Wendeschleife Tyršovy sady ersetzt. Mit dieser Streckenverkürzung verschwanden auch die letzten noch befahrenen Gleisabschnitte der alten Gablonzer Straßenbahn. Am 29. Dezember 1976 ging die erneuerte Strecke wieder in Betrieb. Befahren wird sie seitdem ausschließlich mit Tatra-Einrichtungswagen.
Seit der samtenen Revolution im Jahr 1989 gab es immer wieder Bestrebungen, die Straßenbahnlinie wieder bis ins Stadtzentrum und darüber hinaus zu verlängern. Das mittlerweile obsolete Projekt Regiotram Nisa sah sogar eine Verknüpfung neuer Straßenbahnstrecken mit der Eisenbahn nach dem Tram-Train-System vor.
Seit 1990 wurden in Liberec die Straßenbahnstrecken auf Normalspur umgebaut. Seit 1. Mai 2024 ist die Strecke nach Jablonec durchgehend normalspurig in Betrieb.
Ein aktuelles Projekt sieht eine Verlängerung um 800 Meter durch die Soukenná und über den Unteren Markt (Dolní Náměstí) bis zu einem neuen Endpunkt an der Kamenná vor, wo ein neues Umsteigeterminal zwischen Straßenbahn, Überlandbusverkehr und Eisenbahn vorgesehen ist. Die Kosten von insgesamt 1,2 Milliarden Kronen sollen zum Großteil über ein Förderprogramm der Europäischen Union finanziert werden.Jablonec vybral návrh dopravního termináluTrasa prodloužení tramvaje do centra Jablonce je schválená
Betriebshöfe Gablonz, Wiener Straße / Jablonec, Pražská