mini|Blauzungenkrankheit beim Yak (man beachte die geschwollene, bläulich verfärbte und heraushängende Zunge) Die Blauzungenkrankheit (englisch Bluetongue) ist eine durch Gnitzen übertragene virale Infektionskrankheit von Wiederkäuern wie Schafen, Rindern und Ziegen. Zu ihren Leitsymptomen gehört eine durch Zyanose blaugefärbte Zunge bei Krankheitsausbruch. Die Erkrankung ist eine anzeigepflichtige Tierseuche. Für den Menschen besteht keine Ansteckungsgefahr, weshalb Fleisch- und Milchprodukte ohne Bedenken verzehrt werden können.

Krankheitserreger mini|Blauzungenvirus Der krankheitsauslösende Erreger ist das Blauzungenvirus (engl. Bluetongue virus, kurz BTV), ein Orbivirus aus der Familie der Reoviridae. Es gehört somit zu den unbehüllten doppelsträngigen RNA-Viren. Von diesem Virus sind bislang mindestens 24 verschiedene Serotypen bekannt, die jeweils eine unterschiedliche Virulenz aufweisen.P. Roy: Molecular Dissection of Bluetongue Virus. In: T. C. Mettenleiter, F. Sobrino (Hrsg.): Animal Viruses Molecular Biology. Caister Academic Press UK, Kapitel 7. Bei dem seit dem Jahr 2006 im mittleren und nördlichen Europa vorkommenden Erreger handelt es sich um den Serotyp 8, kurz BTV-8. Seit 2008 breitet sich auch der Serotyp 1, kurz BTV-1, in Südwestfrankreich in Richtung Norden aus. Im Oktober 2008 wurde BTV-6 in den Niederlanden festgestellt.

Übertragung Das Blauzungenvirus wird durch Mücken der Gattung Culicoides aus der Familie der Gnitzen übertragen. Von den mehr als 5000 Arten werden in Mitteleuropa etwa ein Dutzend als Vektoren, vor allem Insekten der Culicoides-obsoletus-Gruppe sowie Culicoides dewulfiWeltorganisation für Tiergesundheit entdeckt Überträger der Blauzungenkrankheit – CordisNachrichten vom 25. Oktober 2006, zuletzt geprüft am 15. Juni 2008 verantwortlich gemacht. Weiterhin sind die Arten C. actoni, C. brevitarsis, C. fulvus, C. imicola, C. insignis, C. nubeculosus und C. variipennis als Krankheitsüberträger nachgewiesen worden.

Die Gnitze nimmt das im Blut eines infizierten Tieres zirkulierende Virus während des Saugaktes auf. Nach einem Vermehrungszyklus im Insekt, bei dem das Virus auch in die Speicheldrüse gelangt, überträgt es dieses beim nächsten Saugen auf ein anderes Tier. Der Vermehrungszyklus im Insekt findet bei einer Temperatur von 25 °C in 10 bis 15 Tagen statt.Mellor, P. S., 1990, The replication of bluetongue virus in Culicoides vectors, CurrentTopics in Microbiology and Immunology, 162 Dieser Zeitraum wird auch „extrinsic incubation period“ (EIP) genannt.Wittmann, E. J., Baylis, M., 2000, Climate Change: Effects on Culicoides-TransmittedViruses and Implications for the UK, The Veterinary Journal, 160 (2) Eine einmal infizierte Gnitze bleibt ihr restliches Leben lang mit dem Virus infiziert. Eine rein mechanische Übertragung ist auch durch andere blutsaugende Arthropoden (z. B. Stechmücken, Zecken oder Schaflausfliege) möglich, allerdings ist über die Häufigkeit und Effizienz dieses Übertragungsweges bisher wenig bekannt. Weitere Möglichkeiten sind die Übertragung über das Sperma infizierter Bullen, welches während der Virämie das Virus enthält, sowie durch kontaminierte Spritzen im Rahmen tierärztlicher Tätigkeiten. Eine Übertragung durch Schmierinfektion unter Tieren sowie eine Übertragbarkeit auf den Menschen ist nicht bekannt.

Die Empfänglichkeit für diese Infektionskrankheit ist beim Schaf, besonders bei den Lämmern am größten, bei den verschiedenen Schafrassen jedoch ungleich verteilt. Ziegen und andere Haustiere erkranken weniger häufig und schwer. Als Erregerwirte bzw. Reservoirwirte gelten hauptsächlich Rinder, die selbst ebenfalls nur selten schwer erkranken, sowie Wildwiederkäuer (Antilopen, Hirsche) und afrikanische Wildnager.

Beim Einsetzen winterlicher Witterung sind keine Neuinfektionen zu erwarten, da die Gnitzen als Überträger dann nicht mehr aktiv sind.

Symptome und Krankheitsverlauf Schaf mini|Blauzungenkrankheit bei einem Schaf

Nach einer Inkubationszeit von 7–8 Tagen kommt es zu ersten Krankheitszeichen. Die Tiere zeigen eine erhöhte Körpertemperatur, Apathie und Absonderung von der Herde. Kurz nach dem Einsetzen des Fiebers schwellen die Mundschleimhäute an und zeigen eine Rötung. Damit einher geht vermehrter Speichelfluss und Schaumbildung vor dem Maul. Die namensgebende Blaufärbung der Zunge ist sehr selten und nur bei gewissen Schafrassen zu erwarten. Am Klauensaum kommt es zu einer Entzündung, die auch zu Lahmheit führen kann.Steckbrief – Blauzungenkrankheit, Friedrich-Loeffler-Institut, Stand 18. November 2014; zuletzt abgerufen am 9. Mai 2024

Bei tragenden Tieren kommt es mitunter zu Aborten oder zur Geburt missgebildeter Lämmer. Lämmer, bei denen die Infektion des Mutterschafes um den Tag 55 bis 60 der Trächtigkeit erfolgt, weisen Gehirnschäden und Blindheit auf. Um den Tag 70 bis 80 stattfindende Infektionen führen zu Gehirnschäden ohne Missbildung der Augen. Um den Tag 100 nach der Geburt können die Lämmer eine Meningoenzephalitis entwickeln.Thomas Passler, Paul H. Walz: Disease of the Neurologic System. in David G. Pugh, A.N. Baird, Misty A. Edmondson, Thomas Passler: Sheep Goat and Cervid Medicine. 3. Auflage, Edinburgh, 2021, S. 339

Rind mini|Blauzungenkrankheit bei einem Rind Nach einer Inkubationszeit von fünf bis zwölf Tagen kommt es je nach Virustyp zu unterschiedlich stark verlaufenden Erkrankungen. Die häufigeren leichten Formen gehen mit vorübergehendem Fieber, vermindertem Appetit, vermehrtem Speicheln und evtl. einem klammen Gang einher. Betroffene Tiere erholen sich relativ schnell, aber auch ohne sichtbare Erkrankungszeichen kann es zu Aborten, Fruchtbarkeitsstörungen, fetalen Missbildungen sowie erhöhter Kälbersterblichkeit kommen. Die selteneren schweren Erkrankungen sind anfangs gekennzeichnet durch hohes Fieber, Apathie, Tachypnoe, vermehrtes Speicheln sowie Hyperämie der Kopfschleimhäute. An der Maulschleimhaut, den Lippen und vor allem der Zunge kommt es zunächst zu Zyanose und Schwellungen, später dann zu Erosionen und Ulzerationen. Es treten entzündliche Veränderungen an Kronsaum und Zitzen, vor allem in unpigmentierten Bereichen auf. Entzündungen in Muskeln und an den Klauen führen zu Bewegungsunlust und Lahmheiten.

Diagnose und Differenzialdiagnosen Zur Absicherung der Verdachtsdiagnose ist der serologische Nachweis von BTV-Antikörpern mit einem kompetitiven ELISA möglich. Weiterhin kann eine virologische Untersuchung über die Virusanzucht und den Virusnachweis durch einen Immunfluoreszenztest erfolgen. Der Genomnachweis wird mittels RT-PCR durchgeführt. Als Probenmaterial werden Blut oder Plasma, sowie vom toten Tier Milz, Lymphknoten oder Herzblut verwendet.

Das Erbmaterial des Virus kann bis zu 200 Tage nach der Infektion nachgewiesen werden. Infektiöses Virus ist rund zwei Monate nachweisbar. Je nach Tierart kommen differenzialdiagnostisch u. a. Maul- und Klauenseuche, Stomatitis vesicularis, BVD/MD, Bösartiges Katarrhalfieber, Lippengrind, Moderhinke, Pockenseuche der Schafe und Ziegen und akute Haemonchose infrage.

Therapie und Vorbeugung Bei einem milden Krankheitsverlauf ist besonders bei Rindern auch eine selbstständige Heilung möglich. Neben Maßnahmen, die zur Linderung lokaler Krankheitserscheinungen führen, wird empfohlen, erkrankte Tiere nicht der Sonnenstrahlung, die die Symptome verschlimmern kann, auszusetzen.International Society for Infectious Diseases Promed Mailing List:

Zur Krankheitsvorbeugung gehören planmäßige Insektenbekämpfung, Stallhaltung gefährdeter Tierbestände während der Nacht sowie Impfungen (aktive Immunisierung) in verseuchten oder seuchenverdächtigen Ländern. Um den Befall mit Gnitzen zu verringern, können Pyrethroide wie Deltamethrin oder Cyfluthrin eingesetzt werden.FLI: Blauzungenkrankheit – Empfehlungen zum Schutz von Wiederkäuern vor dem Befall mit Gnitzen. Sept. 2007 (pdf)

Durch Transportrestriktionen, z. B. virologische und serologische Tests bei Transport von Tieren aus der 150-km-Zone (Beobachtungsgebiet) in das „freie“ Gebiet, soll die Ausbreitung der Krankheit unterbunden werden.

Für Deutschland wurden 2008 durch die Länder unter Federführung Hessens 20.989.550 Impfdosen mit einem Gesamtbestellwert von rund 16.900.000 Euro bei drei Herstellern bestellt. Der Bundesrat hatte zudem am 25. April 2008 einer Verordnung des BMELV zugestimmt, die eine verpflichtende Impfung für Schafe, Ziegen und Rinder mit bestimmten Ausnahmen vorsah. Die EU übernahm die Kofinanzierung der Impfung 2008 als Notfallmaßnahme.Pressemitteilung der Landesregierung Hessens vom 31. März 2008: Darüber hinaus genehmigte die Europäische Kommission im November 2008 ein Impf- und Überwachungsprogramm für 2009 und stellte mehr als 61 Millionen Euro für den Erwerb von Impfstoffen sowie für die Kostendeckung diagnostischer Tests zur Verfügung.Pressemitteilung: „Kommission bewilligt zusätzliche Mittel zur Bekämpfung der Blauzungen- und Traberkrankheit“ vom 22. Juli 2009 Bei den etwa 18 Millionen Impfungen bis 1. November 2008 wurden 650 unerwünschte Nebenwirkungen gemeldet. In seltenen Fällen kam es zu Todesfällen oder Fehlgeburten. Allerdings wurde in den meisten Fällen kein direkter Zusammenhang zwischen Impfstoff und Nebenwirkung nachgewiesen, ein nicht unerheblicher Teil könnte durch den mit einer Massenimpfung verbundenen Stress bedingt gewesen sein. Schätzungen gehen davon aus, dass es maximal in einem Fall pro 30.000 Impfungen zu einer unerwünschten Nebenwirkung kam, was auf eine sehr gute Verträglichkeit der verwendeten Impfstoffe hinweist.Andreas Hoffmann: Impfkampagne zur Bekämpfung der Blauzungenkrankheit. In: Dt. TÄBl. 57 (2009), S. 166–186.

Vorkommen und Ausbreitung Die Krankheit wurde 1905 erstmals für Südafrika beschrieben und von dort mit Merinoschafen in andere Teile Afrikas verschleppt. Auch ist sie aus Afrika über den Mittelmeer-Bereich nach Südeuropa vorgedrungen. Die Blauzungenkrankheit ist auch im Nahen Osten, auf dem Indischen Subkontinent, in China, den USA und Mexiko, wo die Mücken als Überträger ganzjährig aktiv sind, klinisch präsent. Virusstämme ohne typisches Krankheitsbild sind in Südostasien, im nördlichen Südamerika, in Nordaustralien und in Papua-Neuguinea nachgewiesen worden.

Im August 2006 ist die Krankheit erstmals auch bei Schafen in der niederländischen Provinz Limburg, in der belgischen Provinz Lüttich sowie in acht Rinderbeständen und einer Schafherde im grenznahen Raum Aachen in Nordrhein-Westfalen aufgetreten. Anschließend wurden im Jahr 2006 bundesweit insgesamt 885 Fälle, im Jahr 2007 ca. 20.500 Fälle und im Jahr 2008 5.125 Fälle amtlich nachgewiesen, wobei Nordrhein-Westfalen und seit 2008 bei Neuausbrüchen Niedersachsen am stärksten betroffen sind. Aktuelle Zahlen zum Auftreten der Blauzungenkrankheit in Deutschland liefert das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV).

Bis zum Ende des Jahres 2007 waren die europäischen Staaten Belgien, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Luxemburg, Niederlande, Schweiz, Tschechien und Vereinigtes Königreich vom Serotyp BTV-8 betroffen.ProMED-mail: Bluetongue – Europe (61): BTV-8, Czech Republic, OIE. ProMED-mail 2007; 29 Nov: 20071129.3856, . Im Jahr 2008 wurde BTV-8 erstmals auch in Italien und Spanien nachgewiesen – dort kamen bis dahin andere Serotypen vor.ProMED-mail: Bluetongue – Europe (03): BTV-8, Spain, OIE. ProMED-mail 2008; 19 Jan: 20080119.0233, Zuletzt wurden Fälle in den Balkanländern bekannt.

Durch Winde können infizierte Mücken bis zu 200 Kilometer weit versetzt werden und anschließend am neuen Ort den Erreger weiterverbreiten. Durch Tierbewegungen, über das Sperma und den Handel infizierter Tiere einerseits, die Verschleppung von Insekten durch Flugzeuge und starke Winde andererseits kann der Erreger jederzeit in weitere freie Regionen eingeschleppt werden. Dort ist ihm ein Überleben jedoch nur möglich, wenn geeignete Vektoren und eine empfängliche Wirtspopulation vorhanden sind.