mini|Wahlplakat der Partei der Sozialrevolutionäre aus dem Jahr 1917. Auf dem roten Banner steht übersetzt: „Im Kampf erringst du dein Recht“, auf der Erdkugel heißt es: „Land und Freiheit“ Die Partei der Sozialrevolutionäre (; kurz: Sozialrevolutionäre/SR) war eine agrarsozialistische Partei in Russland, die Ende 1901/Anfang 1902 durch die Vereinigung von verschiedenen Gruppen der Narodniki (russ. Volkstümler) entstand. Zu ihren Führern zählten u. a. Wiktor Michailowitsch Tschernow als Parteiführer, Nikolai Dmitrijewitsch Awksentjew, Abram Rafailowitsch Goz, Jekaterina Konstantinowna Breschko-Breschkowskaja, Boris Wiktorowitsch Sawinkow, Jewno Fischelewitsch Asef, Chaim Schitlowsky und Marija Alexandrowna Spiridonowa. Das Organ der Partei war die Zeitung Delo Naroda (dt. etwa: „Sache des Volkes“).
Zarenreich mini|hochkant|Wiktor Michailowitsch Tschernow, der Parteivorsitzende der Sozialrevolutionäre (Aufnahme aus dem Jahr 1917) mini|hochkant|Jewno Asef, der Chef der Kampforganisation der Sozialrevolutionäre mini|hochkant|Alexander Fjodorowitsch Kerenski (Aufnahme aus dem Jahr 1917)
Nach der Revolution von 1905, in der sie keine große Rolle gespielt hatten, waren die Sozialrevolutionäre in den Jahren 1906/07 in der 1. und 2. Staatsduma vertreten. In den Jahren davor und danach war die Partei illegal. Der Zusammensetzung nach kamen die Angehörigen hauptsächlich aus der Intelligenzija, der Gruppe der kleinen Angestellten, dem Industrieproletariat und nur zum Teil auch aus der Bauernschaft. Obwohl sie in der Landbevölkerung das revolutionäre Subjekt einer kommenden Umwälzung erblickten, hatten sie deutliche Schwierigkeiten, bei ihrer Zielgruppe – den Kleinbauern und der verarmten Landbevölkerung – Fuß zu fassen. In dieser Zeit kam es zu ersten Spaltungen der Sozialrevolutionäre: 1906 traten die Trudowiki und die Sozialrevolutionäre-Maximalisten aus der Partei aus. In diesem Jahr erreichte die Mitgliederzahl der Partei 42.000 und betrug damit nur etwas mehr als die Hälfte der Mitgliederzahl der marxistisch ausgerichteten Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (SDAPR). Die Zahl ihrer unorganisierten Anhänger wird von dem Osteuropahistoriker Manfred Hildermeier für deutlich größer gehalten.Manfred Hildermeier: Die Russische Revolution 1905–1921. Suhrkamp, Frankfurt 1989, S. 63 f.
Wenn die Sozialrevolutionäre auch im Prinzip die Bedeutung von Massenbewegungen anerkannten, so bevorzugten sie doch den individuellen Terror als grundlegendes taktisches Mittel im Kampf gegen die zaristische Autokratie. Hierzu bildeten sie 1902 die Sozialrevolutionäre Kampforganisation unter Führung von Grigori Gerschuni und Jewno Asef, die zahlreiche Attentate auf zaristische Beamte verübte, darunter auf die Innenminister Sipjagin und von Plehwe sowie den Großfürsten Sergei Alexandrowitsch Romanow. Im Jahr 1908 wurde Asef als Polizeispitzel entlarvt und die Kampforganisation zerschlagen.
Das Programm der Sozialrevolutionäre forderte in erster Linie eine „Sozialisierung des Landes“: Durch eine Bodenreform oder durch wilde Enteignungen sollte der Großgrundbesitz in Gemeinbesitz der Kleinbauern überführt werden. Daneben traten sie ein für die Errichtung einer demokratischen Republik nach föderativen Grundsätzen, die Einführung des allgemeinen Wahlrechts, die Rede-, Presse-, Gewissens-, Versammlungs- und Korporationsfreiheit, die Trennung von Kirche und Staat, die allgemeine unentgeltliche Bildung und die Abschaffung des stehenden Heeres. In der Arbeiterfrage waren die Sozialrevolutionäre Anhänger des Achtstundentages, der Sozialversicherung auf Kosten des Staates und der Fabrikbesitzer sowie der Organisierung von Gewerkschaften. Sie verneinten die Gegensätze innerhalb der Bauernschaft, lehnten die von der SDAPR postulierte führende Rolle der Arbeiterschaft in der Revolution und die Diktatur des Proletariats ab.
Februarrevolution und Doppelherrschaft Nach der Februarrevolution 1917 wurde die Partei wieder zugelassen und aktivierte ihre Agitation. Viele ihrer Führer, darunter auch Tschernow, kehrten aus dem Exil zurück. Sie besaß Organisationen in 63 Gouvernements, in den Flotten und an den Fronten der kämpfenden Armee. Zusammen mit den Menschewiki spielte sie von Juli bis August 1917 die führende Rolle bei den meisten Sowjets. Im März 1917 trat Alexander Kerenski, der kurz zuvor von den Trudowiki zu den Sozialrevolutionären übergetreten war, in die bürgerliche Koalitionsregierung unter Fürst Lwow ein. Damit waren die Sozialrevolutionäre Regierungspartei. Als solche unterstützten sie die unpopuläre Kriegspolitik, für die vor allem der Außenminister Pawel Miljukow von der bürgerlichen Kadettenpartei stand. Dessen ungeschickte Note an die Alliierten, in der er versprach, den Krieg bis zum Sieg über die Mittelmächte fortzusetzen, löste die so genannte Aprilkrise und eine Umbildung der Regierung aus. Tschernow wurde Landwirtschaftsminister, Kerenski übernahm das Kriegsministerium. Die Partei schien auf dem Höhepunkt ihrer Macht: Mitte Mai 1917 betrachteten sich eine Million Menschen als Sozialrevolutionäre, damit waren sie die größte Partei in Russland. Bei den Kommunalwahlen im Mai und Juni 1917 wurden sie mit durchschnittlich 16,6 % der Mandate stärkste Partei, in Moskau errangen sie mit 58 % der Stimmen sogar die absolute Mehrheit, während sie in Petrograd nach Kadetten und Bolschewiki nur auf den dritten Platz kamen. Auch auf der Konferenz der Bauernräte und dem Allrussischen Kongress der Arbeiter- und Soldatendeputierten, die im Mai und Juni 1917 in Petrograd zusammenkamen, stellten die Sozialrevolutionäre die stärksten Fraktionen.Manfred Hildermeier: Die Russische Revolution 1905-1921. Suhrkamp, Frankfurt 1989, S. 166 und 174.
Diese äußeren Erfolge verdeckten nur scheinbar die inneren Probleme der Partei, die in der Frage der Fortsetzung des Krieges außerordentlich stark zerstritten war. Auf einem Parteitag Ende Mai konnte eine Spaltung mit knapper Not vermieden werden, indem Parteichef Tschernow eine Resolution formulierte, die sich sowohl für eine internationale Friedenskonferenz zur Beendigung des Krieges als auch für eine Fortsetzung des Verteidigungskrieges bis zum Sieg aussprach. Der linke Flügel der Partei um Maria Spiridonowa begann in der Folge offen mit den Bolschewiki, die seit Lenins Aprilthesen klar für eine sofortige Beendigung des Krieges und für eine Enteignung der Großgrundbesitzer eintraten, gegen die Regierung zusammenzuarbeiten.Manfred Hildermeier: Die Russische Revolution 1905–1921. Suhrkamp, Frankfurt 1989, S. 168 f.
Die beiden sozialrevolutionären Regierungsmitglieder machten sich in der Folge durch ihre Politik unbeliebt: Parteiführer Tschernow gelang es nicht, die Bodenreform in die Wege zu leiten, die doch im Mittelpunkt des Parteiprogramms stand. Da sie mit erheblichen sozialen Umwälzungen einhergehen würde, wollte er sie erst nach Beendigung des Krieges beginnen lassen. Kerenski aber betrieb mit der Kerenski-Offensive energisch dessen Fortsetzung. Die Verstaatlichung der Güter der kaiserlichen Familie und der so genannten Kabinettsländereien konnten die Enttäuschung der Landbevölkerung nicht lindern, die sich zunehmend von der Regierung ab- und den Linken Sozialrevolutionären zuwandte.Manfred Hildermeier: Die Russische Revolution 1905–1921. Suhrkamp, Frankfurt 1989, S. 194 f. und 204.
Im Juli 1917 versuchten die Bolschewiki, die immer unbeliebtere Regierung durch einen Putsch abzusetzen, der aber niedergeschlagen wurde. Die Sozialrevolutionäre ergriffen nicht die Chance, über ihre starke Stellung in den Räten die Macht für sich zu ergreifen und die Doppelherrschaft sowie die Zusammenarbeit mit den bürgerlichen Kadetten zu beenden: Ein Matrose soll Tschernow wütend angeschrien haben: „Ergreife die Macht, du Hurensohn, wenn man sie dir gibt!“Manfred Hildermeier: Die Russische Revolution 1905–1921. Suhrkamp, Frankfurt 1989, S. 178. Stattdessen setzte die Partei auf einen legalistischen Kurs und eine Fortsetzung der Koalition mit den Kadetten. Die provisorische Regierung wurde erneut umgebildet: Kerenski übernahm zusätzlich den Posten des Ministerpräsidenten, Boris Wiktorowitsch Sawinkow wurde sein Stellvertreter im Kriegsministerium, und mit Nikolai Awksentjew als Innenminister kam ein vierter Sozialrevolutionär in die Regierung. Wenige Wochen später trat Tschernow zurück, dem keine Fortschritte bei der Bodenreform gelangen, bei der ihm sein Parteifreund Awksentjew vom Innenministerium immer neue Steine in den Weg legte. Neuer Landwirtschaftsminister wurde Semjon Leontjewitsch Maslow (), der noch zögerlicher agierte als sein Vorgänger.
Die erfolgreiche Niederschlagung des Putschversuchs von General Lawr Georgijewitsch Kornilow im August 1917 stärkte die Sozialrevolutionäre nicht. Der stellvertretende Kriegsminister Sawinkow, der mit Kornilow sympathisiert hatte, wurde aus der Partei ausgeschlossen. Parteichef Tschernow, der so lange für eine Zusammenarbeit mit den Kadetten gestritten hatte, wehrte sich nun gegen eine Neuauflage der Koalition, weshalb die Regierung vorübergehend in die Hand eines fünfköpfigen Direktoriums überging, dem außer Kerenski gar kein Sozialrevolutionär mehr angehörte. Der linke Parteiflügel setzte sich nun immer deutlicher vom Regierungskurs der übrigen Partei ab: Er forderte eine sofortige Beendigung des Kriegs und eine sofortige Enteignung der Großgrundbesitzer zugunsten der Kleinbauern und der Landlosen. Die Bodenreform dürfe nicht mehr aus Rücksicht auf den liberalen Koalitionspartner verschoben werden.
Auf einer demokratischen Konferenz, die im September tagte, um die Wahl einer Verfassungsgebenden Versammlung vorzubereiten, zeigte sich noch einmal scheinbar die Stärke der Partei: Von den 1.200 Delegierten stellte sie 532, von denen sich 71 zum linken Parteiflügel bekannten.Manfred Hildermeier: Die Russische Revolution 1905–1921. Suhrkamp, Frankfurt 1989, S. 178. Diese Stärke spiegelte sich nicht in dem Kabinett wider, das Kerenski im Oktober zusammengebracht hatte: Hier waren nur zwei Sozialrevolutionäre gegenüber drei Kadetten, vier Menschewiken und sieben Ministern, die keiner Partei angehörten, deutlich in der Unterzahl. Der Bedeutungsverlust der Partei zeigte sich bei den Wahlen zu den Moskauer Stadtbezirkspräsidenten, bei denen die Sozialrevolutionäre mit nur mehr 14,4 % abgeschlagen hinter den Bolschewiki auf Rang zwei landeten.Manfred Hildermeier: Die Russische Revolution 1905–1921. Suhrkamp, Frankfurt 1989, S. 224–227.
Oktoberrevolution und Sowjetherrschaft Am 24. Oktober 1917 begannen die Bolschewiki in Petrograd die Oktoberrevolution und stürzten die provisorische Regierung. Dies verkündete Lenin am Folgetag auf dem II. Allrussischen Sowjetkongress, bei dem die Sozialrevolutionäre mit 193 von 649 Delegierten deutlich in der Minderheit waren. Gemeinsam mit den Menschewiki verließ etwa die Hälfte der Sozialrevolutionäre unter Protest den Saal, die linken Parteimitglieder blieben. Sie wurden am 27. Oktober 1917 aus der Sozialrevolutionären Partei ausgeschlossen. Damit war die Partei auch organisatorisch gespalten. Im Dezember 1917 traten die Linken Sozialrevolutionäre als Koalitionspartner in die neue Regierung ein, den Rat der Volkskommissare. Andrej Kolegajew wurde Volkskommissar für Landwirtschaft, Isaac Nachman Steinberg für Justiz und Prosch Pertschewitsch Proschjan übernahm das Post- und Telegraphenressort. Die Regierungsbeteiligung blieb Episode, denn die Linken Sozialrevolutionäre verließen aus Protest gegen den Frieden von Brest-Litowsk, in dem Trotzki auf große Teile des Territoriums des Zarenreichs verzichtet hatte, im März 1918 die Koalition.Natalija Gerulajtis: Einführung. Zu: Deklaration der Fraktion der Linken Sozialrevolutionäre im VCIK anläßlich der Ratifizierung des Friedensvertrages durch den 4. Außerordentlichen Sowjetkongreß, 15. März 1918. In: 100(0) Schlüsseldokumente zur russischen und sowjetischen Geschichte. 1000dokumente.de; abgerufen am 26. Juli 2011.