mini|Waldelefant von Schöningen in Fundlage, 2018 Beim Waldelefanten von Schöningen, genannt Nelly, handelt es sich um die fossilen Überreste eines Europäischen Waldelefanten, der vor rund 300.000 bis 200.000 Jahren lebte. Das nahezu vollständige Skelett des Tieres wurde im Jahr 2017 in Schöningen in Niedersachsen entdeckt. Es fand sich bei archäologischen Untersuchungen in einer Ausgrabungsstätte im Tagebau Schöningen.

Allgemeines mini|Lebendrekonstruktion eines Europäischen Waldelefanten (Zeichnung) Generell war der Europäische Waldelefant ein großer Vertreter der Elefanten, der bei einer Schulterhöhe von über vier Metern ein Gewicht von mehr als zehn Tonnen erreichen konnte. Während der letzten Warmzeiten des Pleistozäns erreichte diese Art Gebiete nördlich der Alpen und ist auch in Mitteleuropa fassbar. Besonders weit im Norden gelegene Funde sind neben einzelnen Resten aus Mecklenburg-VorpommernStefan Meng: Nachweis des Europäischen Waldelefanten Elephas antiquus (Falconer & Cautley, 1847) bei Neubrandenburg in Mecklenburg-Vorpommern (NE-Deutschland) - Fundbericht. Neubrandenburger Geologische Beiträge 11, 2011, S. 3–8 auch aus Niedersachsen belegt.

Durch die seit 1983 anhaltenden Ausgrabungen im Tagebau Schöningen ist bekannt, dass es dort vor rund 300.000 bis 200.000 Jahren während der Reinsdorf-Warmzeit (eine besondere Ausprägung der Holstein-Warmzeit oder aber einer jüngeren Wärmephase vor der Eem-Warmzeit)Jarod M. Hutson, Felix Bittmann, Peter Fischer, Alejandro García-Moreno, Sabine Gaudzinski-Windheuser, Ellie Nelson, José E. Ortiz, Kirsty E. H. Penkman, Zoran M. Perić, Daniel Richter, Trinidad Torres, Elaine Turner, Aritza Villaluenga, Dustin White und Olaf Jöris: Revised age for Schöningen hunting spears indicates intensification of Neanderthal cooperative behavior around 200,000 years ago. Science Advances 11, 2025, S. eadv0752, doi:10.1126/sciadv.adv0752 eine große Vielfalt an Tieren gab. Im Umfeld eines früheren Flachwassersees lebten dort rund 20 Arten von Großsäugern, darunter Löwen, Bären, Säbelzahnkatzen, Nashörner, Riesenhirsche, Auerochsen, Steppenbisons, Wildpferde und weitere Huftiere. Etwa 100 Meter von der Fundstelle des Waldelefanten entfernt wurden in den Sedimenten des früheren Sees Trittsiegel einer Elefantenherde mit erwachsenen und jüngeren Tieren entdeckt, was in Deutschland einmalig ist. Die Elefanten liefen parallel zum Seeufer und hinterließen kreisförmige Abdrücke von bis zu 60 cm Durchmesser.

Beschreibung mini|Unterkiefer des Waldelefanten von Schöningen mit Zähnen mini|Feuersteinabschläge aus der Umgebung des Waldelefantenskelettes

Bei dem Individuum aus Schöningen handelt es sich wahrscheinlich um ein weibliches Tier, dessen Schulterhöhe auf etwa 3,2 Meter und Gewicht auf etwa 6,8 Tonnen geschätzt werden. Bei der Ausgrabung wurden 300 Knochen und insgesamt 700 Knochenteile geborgen, verteilt auf einer Fläche von rund 64 m². Zu den Funden gehören die 2,3 Meter langen Stoßzähne, der Unterkiefer, Wirbel und Rippen sowie Knochen von drei Beinen und das vollständige Zungenbein.Markus Brich: Schöninger Forscher taufen Skelett-Fund auf den Namen Nelly in Helmstedter Nachrichten vom 19. Mai 2020 Die Skelettteile lagen weitestgehend in einer anatomisch korrekten Anordnung. Verschiedene Teile fehlten, wie das Becken, das linke Vorderbein mit dem Schulterblatt und die Fußknochen von zwei Beinen. Die Erhaltung der Knochen ist überwiegend sehr gut, nur der mehr als einen Meter hohe Schädel des Individuums war in hunderte kleine Teile zerfallen. Verursacht wurde dies durch den vergleichsweise leichten Bau des Schädels, der wie bei allen Elefanten aus zahlreichen luftgefüllten und bienenwabenartig angeordneten Hohlkammern besteht. Insgesamt lag das Tier parallel zum ehemaligen Seeufer mit dem Kopf im Norden und dem Hinterteil im Süden. Das Alter des Tieres wird aufgrund der abgenutzten Zähne und Arthrose an den Knochen auf etwa 50 Jahre geschätzt.Jordi Serangeli, Ivo Verheijen, Bárbara Rodríguez Álvarez, Flavio Altamura, Jens Lehmann, Nicholas J. Conard: Elefanten in Schöningen in: Archäologie in Deutschland 3/2020, S. 8–13

Bissspuren an den Knochen belegen, dass Raubtiere das Aas des Waldelefanten gefressen haben. Obwohl sich an den Knochen keine Spuren menschlicher Bearbeitung fanden, gibt es Belege auf die Anwesenheit von Menschen am Elefantenkadaver. So fanden sich rund um das Skelett 57 Abschläge von Feuersteinen, die beim Nachschärfen von Steingeräten entstehen. Während die Menschen ihre Steingeräte wieder mitgenommen haben, blieben die Abschläge liegen. 15 Abschläge, an denen noch mikroskopisch kleine Holzreste hafteten, wiesen Nutzungsspuren auf, wie sie bei der Bearbeitung von frischem Holz entstehen. Bei einem Feuersteinfragment ließ sich die Bearbeitung von frischem Tiergewebe nachweisen, so dass die Forscher davon ausgehen, dass es beim Zerteilen des Waldelefanten genutzt wurde.Archäologie aus dem Abfall: kleine Splitter erzählen vom Werkzeuggebrauch vor 300.000 Jahren, Pressemitteilung der Universität Tübingen vom 15. Dezember 2022

Darüber hinaus fanden sich drei Knochenartefakte, die Menschen als Werkzeuge dienten und Schlagspuren aufwiesen. Es handelt sich hierbei um den Fußknochen eines Rothirschs und ein weiteres, etwa 12 cm langes Knochenstück einer nicht näher bestimmbaren Tierart.

Fundstelle mini|Grabungsleiter Jordi Serangeli und der Leiter der Forschungsstation Schöningen, Nicholas J. Conard, präsentieren dem niedersächsischen Wissenschaftsminister Björn Thümler die Fundstelle auf dem Speersockel mini|Fundschicht Schöningen 13 II Verlandungsfolge 3, in der der Waldelefant gefunden wurde Die Fundstelle des Waldelefanten (Schöningen 13 II Verlandungsfolge 3) liegt innerhalb des Tagebaus Schöningen in etwa 12,5 Meter Tiefe unter der ursprünglichen Geländeoberfläche und etwa 2,5 Meter unterhalb des Fundhorizonts der Schöninger Speere (Schöningen 13 II Verlandungsfolge 4). Sie befindet sich an der Tagebaukante auf einem 50 × 60 Meter großen Geländesockel, der vom Abbau durch die Braunschweigische Kohlen-Bergwerke AG ausgespart wurde. Der Sockel ragt an drei Seiten in das Tagebauloch hinein. Die auch als Speersockel bezeichnete Fläche ist eine von mehreren altsteinzeitlichen Fundplätzen im Braunkohlentagebau Schöningen Süd, die im Zuge der Prospektion der quartären Deckschichten ab 1992 ausgegraben wurde. Der rund 3900 m² große Grabungssockel repräsentiert einen kleinen Ausschnitt der Uferzone eines ehemaligen Flachwassersees, die über Jahrtausende während der Reinsdorf-Warmzeit (ca. 320.000 bis ca. 300.000 Jahre vor heute) von Menschen sowie Tieren aufgesucht wurde. Der Sockel weist fünf mächtige Schichtpakete (Verlandungszonen) auf, die durch schwankende Wasserstände des Sees und Verlandungsprozesse entstanden sind.

Erhaltungsbedingungen Wie die bisherigen archäologischen Funde in den pleistozänen Ablagerungen innerhalb des Tagebaulochs in Schöningen waren die Knochen, eingebettet in Muddeschichten des verlandeten Sees, erhalten geblieben. Für die gute Fundkonservierung sorgten das vom nahe gelegenen Elm durch Bäche herangeführte kalkhaltige Wasser des Sees, die luftdichte Bedeckung der Fundschicht durch Mudden sowie die dauerhafte Lage unter dem Grundwasserspiegel, der erst durch den ab 1979 betriebenen Tagebau Schöningen künstlich gesenkt wurde. Dadurch bestanden günstige Erhaltungsbedingungen für organisches Material.

Interpretation Laut dem Grabungsleiter Jordi Serangeli von der Senckenberg-Forschungsstation Schöningen gibt es keine Hinweise darauf, dass der damals lebende Frühmensch Homo heidelbergensis den Waldelefanten im Zuge einer Jagd tötete. Zwar seien Menschen in der Altsteinzeit (wie die rund 300.000 Jahre alten Schöninger Speere vom selben Fundort belegen) erfolgreiche Jäger gewesen. Dennoch habe für sie kein zwingender Grund bestanden, ausgewachsene Elefanten zu jagen und sich dabei in Gefahr zu bringen. Vermutlich starb das Tier aus Altersgründen. Die Fundstelle befindet sich am Ufer eines früheren Sees. Von heutigen Elefanten ist bekannt, dass sich alte oder kranke Tiere oft am Wasser aufhalten.300.000 Jahre alter Elefant aus Schöningen fast vollständig erhalten, Presseinformation des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur vom 19. Mai 2020

Die Fundvergesellschaftung von Feuersteinabschlägen und Knochenwerkzeugen mit den Elefantenknochen werten die Archäologen als Beleg dafür, dass sich Menschen damals direkt am Kadaver aufgehalten haben. Mit ihren Werkzeugen dürften sie Fleisch, Sehnen und Fettgewebe des toten Tieres herausgeschnitten habenHubert Filser: Die Giganten vom See in Süddeutsche Zeitung vom 21. Mai 2020, um es als Nahrungs- und Materialquelle zu nutzen.

Forschungsgeschichte mini|Beinknochen des Waldelefanten von Schöningen mit Elle und Speiche mini|Restaurierung eines Backenzahns des Waldelefanten im Forschungsmuseum Schöningen Nach der Entdeckung des Waldelefanten von Schöningen, im September 2017, erstreckte sich die Freilegung über fast zwei Jahre. Sie wurde von Archäologen des Senckenberg-Zentrums für menschliche Evolution und Paläoumwelt an der Universität Tübingen in Kooperation mit dem Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege vorgenommen. Die Wissenschaftler gaben die Entdeckung im Mai 2020 bei einer Pressekonferenz mit dem niedersächsischen Wissenschaftsminister Björn Thümler in Schöningen öffentlich bekannt. Zu dem Zeitpunkt waren die Untersuchungen und Restaurierungen der Knochen noch nicht abgeschlossen. Sie erfolgen im Forschungsmuseum Schöningen, das den Grabungen direkt angeschlossen ist und sich in etwa 300 Meter Entfernung von der Fundstelle befindet. Dort ist bereits während des Restaurierungsprozesses eine Besichtigung der Fundstücke möglich, die später in dem Museum ausgestellt werden. Die Wissenschaftler gaben dem Waldelefanten den Spitznamen „Nelly“ in Anlehnung an den Ausgräber, der den Vornamen Neil trägt.

Im Tagebau Schöningen fanden sich seit Beginn der Ausgrabungen in den 1980er Jahren die Fossilien von mindestens zehn Waldelefanten. Dies waren jeweils Einzelfunde von Rippen, Stoßzähnen oder Wirbeln, die bei Rettungsgrabungen eilig vor dem herannahenden Schaufelradbagger geborgen werden mussten. Der 2017 entdeckte Waldelefant von Schöningen ist das einzige nahezu vollständig erhaltene Skelett. Da die Fundstelle im Tagebaugebiet auf dem erhalten gebliebenen Speersockel liegt, fand die Bergung ohne Zeitdruck in enger Absprache mit der Restaurierungswerkstatt des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege statt. Weitere Analysen zu den Umwelt- und Klimabedingungen zum Todeszeitpunkt des Tieres, sowie zu Sedimentationsprozessen des früheren Sees, erfolgen durch die Technische Universität Braunschweig, die Universität Lüneburg und die Universität Leiden in den Niederlanden. Dazu wurden Sedimentproben im Hinblick auf Mikrofauna, Mikromorphologie, Limnologie und Paläobotanik genommen.

mini|Nachbildung eines Europäischen Waldelefanten am Waldrand des Elms oberhalb von Schöningen

Aufgrund der Funde von Elefantenknochen im Tagebau wurde 2018 oberhalb von Schöningen die lebensgroße Nachbildung eines Europäischen Waldelefanten aufgestellt. Sie steht am Waldrand des Elms neben einer Ausflugsgaststätte und dient auch touristischen Zwecken.Markus Brich: Waldelefant kehrt an den Elmrand zurück in Helmstedter Nachrichten vom 27. Januar 2018Markus Brich: Wie Tourismus gefördert wird in Helmstedter Nachrichten vom 3. Dezember 2018 Die Rekonstruktion wurde auf Grundlage eines an der Fundstelle Neumark-Nord im Geiseltal in Sachsen-Anhalt gefundenen Skeletts gefertigt.Waldelefanten in Schöningen bei elmhaus.de