mini|Übersichtsplan über den Komplex am Fluss Gomel Das Bavian-Relief () oder auch Chinnis () ist ein assyrisches Wasserbauwerk im nordirakischem Gouvernement Duhok der Region Kurdistan. Es besteht aus einem Damm, einem Kanal und mehreren bemerkenswerten Felsreliefs mit Inschriften, die um 690 v. Chr. zur Zeit König Sanheribs (* etwa 745 – 680 v. Chr.) als Teil eines riesigen Bewässerungssystems erbaut wurden. Der archäologische Komplex ist ein wichtiger Zeuge des beeindruckenden Bauprojekts König Sanheribs.
Name Die Bezeichnung Bavian-Relief ist zwar wissenschaftlich etabliert, wirft jedoch einige Probleme auf, da sie den eigentlichen Charakter der Anlage nicht präzise widerspiegelt. Eigentlich handelt es sich hier vorrangig um ein komplexes Wasserbauwerk mit Damm und Kanal, während die Reliefs nur ein begleitendes Dekorationselement darstellen. Dieser irreführende Name entstand durch den Forschungsfokus früher Archäologen wie Austen Henry Layard, die sich besonders für die monumentalen Felsbilder interessierten. Lokal ist die Stätte unter dem Namen Chinnis nach dem benachbarten Dorf bekannt, während Bavian auf ein eigentlich weiter entferntes Dorf verweist und sich in der Wissenschaft hartnäckig hält. Noch verwirrender ist, dass die assyrischen Inschriften selbst den Kanal als Nār-Sanherib bezeichnen, dieser historisch korrekte Name aber kaum verwendet wird. Diese uneinheitliche Benennung führt zu Verwirrung in Fachpublikationen, wo teils Bavian-Reliefs, teils Khinnis auftaucht. Eigentlich wären präzisere Bezeichnungen wie Wasserbauwerk von Chinnis oder Sanherib-Kanal bei Bavian sachlich angemessener, doch wissenschaftliche Traditionen ändern sich nur langsam, sodass der problematische Name Bavian-Reliefs vorerst weiter dominieren wird, obwohl er die wahre Bedeutung der Stätte als ingenieurtechnische Meisterleistung unterschlägt.
Lage Die Stätte befindet sich am rechten Ufer des Gomel Su, der aus dem Norden kommend durch die Berge des Zagros (Chiya-e Mala Kirza) eine Schlucht gefressen hat. Direkt in der Nachbarschaft befindet sich das namensgebende Dorf Chanis, größere Orte in der Nähe sind im Südwesten Ain Sifni (16 km) und Lalisch im Westen. Der Hauptort des Gouvernements Duhok liegt etwa eineinhalb Autostunden entfernt.
Das Gestein besteht hier aus Kalkstein der Fatha-Formation des mittleren Miozäns (etwa 13.8 bis 16 mya). Die Assyrer bauten diesen Kalkstein in zwei Steinbrüchen ab und errichteten mit dessen Material auch das Aquädukt bei Jerwan.
Geschichte und Funktion mini|Chinnis im Kontext des Bewässerungssystems, welches schlussendlich genug Wasser in den Chosr einbrachte, um Ninive zu versorgen. Bereits zwei Jahre nach seiner Thronbesteigung im Jahr 705 v. Chr. gab Sanherib ein System aus vier Etappen mit Kanälen, Tunneln und Aquädukten von ca. 150 km Länge in Auftrag, deren Ausführung fünfzehn Jahre dauerte. Das Projekt diente zur Versorgung der wachsenden Hauptstadt Ninive mit ihren üppigen Palastgärten, Plantagen und Feldern und ihres Hinterlandes mit dem Wasser aus den Gebirgen im Norden.Dahlia Shehata: Babylonier, Hethiter & Co. für Dummies, Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA 2015, ISBN 3-527-70499-X Durch diese Maßnahmen wurde der Getreideanbau im Süden von Ninive erst möglich.
Die erste Stufe des Bewässerungsprogramms war der Kisiri-Kanal, der etwa 16 km flussaufwärts von Ninive durch den Schallalat-Staudamm Wasser vom Fluss Chosr abgezweigt. Die zweite Stufe des Kanalsystems startete am Berg Musri, (heute Dschabal Ba'schiqah), wo Sanherib mehrere Karstquellen vergrößerte und das Wasser in den Chosr leitete. Die dritte Etappe ist aufgrund fehlender Belege nicht gut bekannt und wird als „Nördliches System“ bezeichnet. Nach Julian Reades Interpretation bestand dieses aus fünf unterschiedliche Kanälen: Ein riesiger Kanal transportierte Wasser vom Wadi Bandawai zu einem Nebenfluss des Wadi al-Milh. Vom Unterlauf des Wadi al-Milh aus kanalisierte ein zweiter Kanalabschnitt den Fluss zumindest bis zur assyrischen Stadt Tarbiṣu (Scharif Khan) und wahrscheinlich von dort nach Ninive. Andere Bestandteile des nördlichen Systems sind ein dritter Kanal in der Nähe der modernen Stadt Faideh und zwei weitere parallel verlaufende Kanäle in der Nähe von Maltai und ein großer Kanalabschnitt in der Nähe von Tesqopa. Letzterer transportierte das Wasser aus einem kanalisierten Wadi, das vom Bandawai-Kanal gespeist wurde, zu einem Nebenfluss des Chosr. Chinnis – damals als Nār-Sanherib bezeichnet – und das Jerwan-Aquädukt waren die vierte und letzte Stufe des Megaprojektes. Das Wasser des Flusses Gomel (im Oberlauf Atrusch genannt) wurde über einen 51 km langen Kanal, der in Chinnis am Ausgang des Flusses aus einer engen Bergschlucht begann, in einen Nebenfluss des Chosr umgeleitet.Jason Ur, S. 340 Sanherib ließ an mehreren Bauwerken entlang der Routen und Kanäle Reliefs meißeln, die sein Werk preisen sollte: Beim Kisiri-Kanal (in der Nähe des Dorfes Qayin), beim Musri-Kanal (bei Baschiqa), beim Jerwan-Aquädukt und Maltai.
Aufbau
Wasserbauwerk
Das Herz der Anlage bildet das ausgeklügelte Wasserbauwerk. Der Komplex kombiniert einen bis zu 8 m hohen Damm aus behauenen Kalksteinquadern mit einem 51 km langen Kanal, der das Wasser des Gomel-Flusses durch die Schlucht von Chinnis umleitete. Besondere hydraulische Innovationen zeigen sich im Gefälle des Kanals: Durch präzise Vermessung (mit einfachen Wasserwaagen und Peilstäben) erreichten die Baumeister ein konstantes Gefälle von 0,1–0,3 % – ausreichend für einen gleichmäßigen Fluss ohne Erosion. An Engstellen wie der „Bāb Nahr“ („Kanal-Tor“) stabilisierten sie die Ufer mit tonnenschweren Basaltblöcken, die durch Eisenklammern verbunden waren. Querungen von Seitentälern lösten sie durch gemauerte Aquäduktkonstruktionen, wie vergleichende Funde in Jerwan belegen. Zur Regulierung des Wasserstands dienten seitliche Überlaufkanäle und Schleusen aus Kalkstein, deren Reste noch heute erkennbar sind.
Reliefs, Stelen und andere Bestandteile
Insgesamt besteht die Anlage von links nach rechts aus dem Reiterrelief, dem großen Relief und dem Monolithen. Komplettiert wird die Anlage aus 12 kleine Reliefs/Panels/Nischen entlang des Flusses, wobei Nr. 12 erst 2012 durch Bonacossi entdeckt wurde. Die meisten Reliefs befinden sich rechts des großen Reliefs und sind auf unterschiedlicher Höhe. Auf mehrere Reliefs verteilt befindet sich eine Inschrift, die zusammen als Bavian-Inschrift bekannt sind. Zu erwähnen wäre noch ein Brunnen mit Löwendekorationen und ein Schriftfeld oberhalb des Beginns des Kanals in den Fels (Bāb Nahr).
Das große Relief mini|Zeichnung des Großen Reliefs nach Layard 1905. Zu sehen ist in der Mitte das Gottespaar Aššur und Mullissu, eingerahmt links und rechts von König Sanherib (J.H.Wrights 1905er Book of universal history) Das große Relief ist 9 × 9 m groß und zeigt vier stehende Figuren, die alle etwa 6,5 m groß sind. Von links nach rechts sieht man Sanherib, den Gott Aššur, die Göttin Mullissu und dann wieder Sanherib. Der linke Sanherib hält sich als Zeichen der Götterverehrung die Hand in der Nähe seiner Nase, während er in der anderen Hand einen Hammer – ein herrschaftliches Symbol – trägt. Die Götter Aššur und Mullissu sehen sich an, wobei beide auf einem Mušḫuššu stehen und ihre göttlichen Attribute halten. Rechts am Rand ist wieder König Sanherib abgebildet. Das Relief ist durch vier Löcher für Gräber beschädigt worden (2. bis 4. Jahrhundert n. Chr.). Bachmann konnte oberhalb des Reliefs mehrere Postamente, die mit Löwenköpfen dekoriert waren, identifizieren, was darauf hindeutet, dass hier mehrere Statuen standen.
Das Reiterrelief
Das Reiterrelief liegt links vom großen Relief und ist 4,2 × 6,7 m groß. Dieses Relief ist insofern interessant, weil es im Original keinen Reiter darstellte, sondern mehrfach überarbeitet worden ist. Meißelarbeiten, zwei Grablöcher und die natürlicher Verwitterung haben dem Relief zugesetzt und in keinem guten Zustand gelassen. Fotos von Gertrude Bell vom Anfang des 20. Jahrhunderts zeigen Figuren, die heute nicht mehr zu erkennen sind. Am rechten Rand sind Reste einer großen, nach links gerichteten Figur vorhanden, die analog zum großen Relief wahrscheinlich Sanherib darstellt. Ein Hinweis auf ihn ist die Quaste des Königskleides, die von hinten nach vorne schräg verläuft – ein Standardmerkmal königlicher Ritualkleidung. Überreste einer zweiten großen, nach rechts gerichteten Figur auf der linken Seite des Reliefs wurden als ein weiterer König mit den gleichen Abmessungen wie der auf der rechten Seite registriert. Andere historische Fotografien zeigen, dass in der oberen linken Ecke der Tafel zwei kleine Figuren mit erhobenem rechten Arm auf Tieren stehend dargestellt waren, die sich nach links bewegten; Fragmente einer dritten derartigen Figur sind ebenfalls erkennbar. Rechts von den verarbeitenden Figuren befand sich ein Tier mit gekräuseltem Horn und etwas weiter rechts möglicherweise der erhobene Arm einer anderen menschlichen Figur.
Der zentrale namensgebende Reiter selbst ist nicht assyrischer Natur, sondern eine viel spätere Arbeit – höchstwahrscheinlich griechisch und parthisch. Der Reiter wird in einer Dreiviertelansicht mit sichtbarer linker Schulter dargestellt. Um seinen Hals trägt er einen Torques. Die Falten der Kleidung verlaufen von beiden Schultern in Richtung Taille. Der rechte Arm des Reiters fehlt, aber er könnte gebogen gewesen sein, wie es in Layards Zeichnung zu sehen ist; in diesem Fall könnte er eine Lanze gehalten haben. Ein Teil dieser vermutlichen Lanze scheint in der ungefähr horizontalen Struktur am Halsansatz des Pferdes erhalten geblieben zu sein. Das rechte Bein des Reiters scheint durch eine Bruchlinie gekennzeichnet zu sein, die sich vollständig über die Schulter des Pferdes erstreckt. Auf der rechten Seite verlaufen zwei gerade, parallele Bänder schräg nach unten und rechts über den Körper des Pferdes. Dies können die Kanten eines Riemens sein, der an einer Satteldecke befestigt ist, oder ein verziertes Brustband. Ein Teil des Pferdeauges ist zu erkennen, während das Ende seiner Schnauze durch einen Fleck einfachen Hintergrunds direkt rechts davon begrenzt wird. Das erhobene linke Vorderbein des Pferdes tritt hinter der Brust hervor. Das rechte Vorderbein ist besser erhalten. Es erstreckt sich horizontal nach vorne, bevor es am Knie zum Boden gebeugt wird. Verschiedene Forscher versuchten die vollständige Reiterfigur zu rekonstruieren, doch es gibt keine definitive Rekonstruktion. Julian Reade mutmaßt, dass sich an der Stelle des Reiters im Originalzustand eine Inschrift befand. Des Weiteren sagt er, dass der Reiter ein Denkmal für den Sieg der Makedonen 331 v. Chr. in der Schlacht von Gaugamela sei und womöglich Alexander selbst darstellen sollte. Später wurde der Reiter während der parthischen Herrschaft verändert und parthische Stil(mittel) hinzugefügt.
Der Monolith mini|Der umgestürzte Monolith (Fotografie der Gebrüder Wigram aus dem Jahr 1922)