mini|hochkant=1.35|Östlicher Mittelmeerraum und vorderer Orient im 13. Jahrhundert v. Chr. Der Zusammenbruch der Bronzezeit, genauer die Auflösung oder mindestens die ausgeprägten Veränderungen ihrer sozio-ökonomischen und gesellschaftlichen Integrität, war eine Übergangszeit der Kulturen im Nahen Osten, in Anatolien, in der Ägäis, in Nordafrika, im Kaukasus, auf dem Balkan und im östlichen Mittelmeerraum, die sich von der Spätbronzezeit bis zur frühen Eisenzeit erstreckte. Es war ein Übergang, der die kollektive Resilienz der einzelnen Kulturen stark herausforderte, und Historiker vermuten, dass er gewalttätig, unvorhergesehen und kulturell zerstörerisch war und für einige Zivilisationen einen gesellschaftlichen Zusammenbruch mit sich brachte.
Die Palastwirtschaftssysteme der Ägäis und Zentralanatoliens, die die Spätbronzezeit kennzeichneten, lösten sich nach Zerstörung oder Aufgabe der wichtigsten Zentren auf. Für weite Teile Kleinasiens sowie nach traditioneller Definition auch für Griechenland kennzeichnet dies den Beginn der Dunklen Jahrhunderte.Jared Diamond (2005) nennt fünf wesentliche Gründe, die zu einem Zusammenbruch von Gesellschaften führen können; siehe hierzu Jared Diamond: Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder untergehen. 2. Auflage, Fischer, Frankfurt am Main 2012, ISBN 978-3-596-19258-8.Joseph Tainter: The Collapse of Complex Societies (= New Studies in Archaeology.). Cambridge University Press, Cambridge (UP) 1990 (Erstausgabe 1988). Auswirkungen dieser Prozesse im östlichen Mittelmeerraum blieben nicht ohne Folgen für Handelsnetze (Transportkette, resiliente Lieferketten) für den mitteleuropäischen Raum, vgl. beispielsweise das archäologisch bislang beispiellose Schlachtfeld im Tollensetal.
Zeitlicher Rahmen In den Jahrzehnten zwischen ca. 1230 und ca. 1150 v. Chr. kam es zur Zerstörung bedeutender mykenischer Zentren und zum Zusammenbruch der zentral gelenkten Palastwirtschaft in Griechenland. Auch das hethitische Großreich in Anatolien brach um 1190/80 v. Chr. zusammen. Wichtige Handelsstädte in der Levante wurden im frühen 12. Jahrhundert v. Chr. zerstört.Für das syrische Gebiet siehe Mario Liverani: The Collapse of the Near Eastern Regional System at the End of the Bronze Age: The Case of Syria. In: Michael Rowlands, Mogens Trolle Larsen, Kristian Kristiansen (Hrsg.): Centre and Periphery in the Ancient World. Cambridge University Press, Cambridge (UK) 1987. Feindliche Angriffe schwächten das Neue Ägyptische Reich nach dem Tod Ramses II. (siehe u. a. Libyerkrieg). Ebenso wurde das Assyrerreich ab ca. 1200 v. Chr. schwächer. Dieser politisch-administrative Zusammenbruch bedeutete auch einen wirtschaftlichen Zusammenbruch. Die gleichzeitige kulturelle Katastrophe äußerte sich etwa im Verlust der Literalität in Griechenland und Zentralanatolien.
In dieser Periode wurden viele Palastzentren und andere bedeutende Städte zwischen Pylos und Tell Kazel gewaltsam zerstört und viele verlassen, einschließlich Ḫattuša, Pylos und Ugarit.Robert Drews: The End of the Bronze Age: Changes in Warfare and the Catastrophe ca. 1200 B.C. Princeton (N.J.) 1993. Teilweise wurde in der Literatur zum Zusammenbruch der Bronzezeit angenommen, dass innerhalb weniger Jahrzehnte an der Wende vom 13. zum 12. Jahrhundert v. Chr. fast jede bedeutende Stadt im östlichen Mittelmeerraum zerstört worden sei. Viele Städte seien nicht wieder aufgebaut worden.Robert Drews: The End of the Bronze Age: Changes in Warfare and the Catastrophe ca. 1200 B.C. Princeton (N.J.) 1993, S. 4 Die aktuelle Forschung zeichnet ein etwas differenzierteres Bild.vgl. Eric Cline: 1177 B.C.: The Year Civilization Collapsed. Princeton, Princeton (N.J.) 2014, mit vielen Belegen zu den diversen Fundorten.
Nur wenige Staaten überstanden den Zusammenbruch der Bronzezeit mehr oder weniger unbeschadet. Zu diesen Staaten gehörten insbesondere Assyrien, das – wenn auch stark geschwächte – ägyptische Neue Reich, Elam sowie Regionen in Griechenland, v. a. in der sogenannten „mykenischen Peripherie“. Gegen Ende des 12. Jahrhunderts v. Chr. wurde auch Elam deutlicher schwächer, v. a. nach seiner militärischen Niederlage gegen Nabû-kudurrī-uṣur (Nebukadnezar I.),Ernst Axel Knauf, Hermann Michael Niemann: Geschichte Israels und Judas im Altertum. De Gruyter, Berlin / Boston 2021, ISBN 978-3-11-014543-4, S. 294–301 der das Babylonische Reich kurz wiederbelebte, bevor er eine Reihe von Niederlagen durch die Assyrer erlitt. Nach dem Tod von Aššur-bel-kala im Jahr 1056 v. Chr. erlebte Assyrien im darauffolgenden Jahrhundert einen Niedergang, und das Reich schrumpfte erheblich. Bis 1020 v. Chr. scheint Assyrien nur die Gebiete in seiner unmittelbaren Umgebung kontrolliert zu haben. Das gut verteidigte Kernland war während des Zusammenbruchs nicht bedroht. Zur Zeit Wenamuns hatte Phönizien die Unabhängigkeit von Ägypten (Neues Reich) wiedererlangt.
Betroffen waren vor allem die Kulturen der Mykener, Hethiter, Assyrer, der syrisch-kanaanitischen Kleinstaaten, Zyprer und Ägypter, die vor dem Zusammenbruch auf vielfältige Weise in Handels- und Warenströmen bzw. -austausch miteinander interagierten.
Ökonomie und militärische Technologie in der Spätbronzezeit Die Bronzezeit war die Epoche der Gründung der ersten Städte und Staatsbildung sowie der Entstehung größerer Reiche unter einer zentralen Herrschaft, oft von Dynastien. Landwirtschaftliche Produktion diente nun nicht mehr nur dem Eigenbedarf (Mehrprodukt), sondern stand auch mit ihren Produkten für die Ernährung jener Menschen zur Verfügung, die in handwerklichen Tätigkeiten beschäftigt waren oder für die Metallgewinnung und -verarbeitung sowie im Warentransfer tätig wurden oder aber diese gesellschaftlichen Bereiche militärisch schützten. Die sich ausdifferenzierenden, führenden Eliten führten zu von diesen abhängigen Gemeinschaften. Die Herrscher sicherten die eigenen Machtansprüche auch durch militärische Gewalt. In der späten Bronzezeit wurde neben der Administration in den Reichen und Herrschaftsgebieten, der Politik, den Handelsbeziehungen und den Religionen auch die organisierte Kriegsführung zu dem fundamentalen Faktor, der viele damalige Gesellschaften prägte. Unter dem Einsatz von Waffengewalt trugen die Truppen eines Herrschaftsgebietes organisierte Konflikte aus, mit dem Ziel, die (konkurrierenden) Interessen der jeweiligen Eliten der beteiligten Kollektive durchzusetzen.
mini|hochkant=1.35|Metallproduzierende Regionen im östlichen Mittelmeer und Mesopotamien. Obwohl es in den meisten Regionen an eigenen Metallvorkommen mangelte, gelang es den Bewohnern, durch Handel diese Rohstoffversorgung zu kontrollierten. (Bezeichnungen in englischer Sprache.)Jean-Claude Margueron: El impulso del dominio del fuego y sus aplicaciones. Los mesopotámicos. Cátedra, Fuenlabrada 2002, ISBN 84-376-1477-5.
Nach Mull (2017)Jörg Mull: Mythen und Metalle. Der Trojanische Krieg, die Seevölker und der Kulturbruch am Ende der Bronzezeit. Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2017, ISBN 978-3-96023-106-6, S. 15–16; 23; 273–286. wurde die Entdeckung der Kupfer-Zinn-Legierungen – sie löste die zunächst gebräuchliche Arsenbronze und andere Kupferlegierungen ab – zu einem entscheidenden Schritt der kulturellen Weiterentwicklung. Durch die wachsende Nachfrage stand in der frühen Bronzezeit vor allem im östlichen Mittelmeerraum für die Beschaffung der erforderlichen Rohstoffe, deren Verarbeitung und der Verteilung bzw. Verwendung der hergestellten Gegenstände im Austausch mit anderen Gütern der Aufbau von logistischen und organisatorischen Handelsketten im Vordergrund. Hieraus entwickelten sich Wirtschaftszentren, deren wichtige Funktion es war, Handelsströme zu organisieren. Als Ergebnis kam es zur Akkumulation transportablen Reichtums, was Voraussetzung für die Entstehung einer Oberschicht war.
Eine Forschungsgruppe um Stephan Buckley et al. (2022) wies im Zahnstein einiger freigelegter Schädelskelette im bronzezeitlichen Ostmittelmeerraum (Tiryns, Chania (Kreta)) u. a. Rußpartikel aus verbrannter Braunkohle nach. Sie schließen daraus, dass in der späten Bronzezeit Braunkohle als Brennmaterial für die Keramikproduktion in Tiryns, Chania und Umgebung eingesetzt wurde.Stephen Buckley, Robert C. Macht, Maria Andreadaki-Vlazaki, Murat Akar et al.: Archaeometric evidence for the earliest exploitation of lignite from the bronze age Eastern Mediterranean. Eastern Mediterranean. Sci Rep 11, 24185 (2021).
In der Waffentechnologie waren in der späten Bronzezeit neben dem Streitwagen, Kompositbogen und der Streitaxt zum Schutz noch Helme, Schilde und Körperrüstungen (siehe Dendra-Rüstung) vorhanden. BronzeneErnst Pernicka: Die Ausbreitung der Zinnbronze im 3. Jahrtausend. In: Bernhard Hänsel (Hrsg.): Mensch und Umwelt in der Bronzezeit Europas. Oetker-Voges, Kiel 1998, ISBN 978-3-9804322-2-1, S. 135–147 (Volltext als PDF auf archiv.ub.uni-heidelberg.de). Schuppenpanzer trugen wahrscheinlich nur Eliteeinheiten wie die Streitwagenabteilungen.Jörg Mull: Mythen und Metalle. Der Trojanische Krieg, die Seevölker und der Kulturbruch am Ende der Bronzezeit. Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2017, ISBN 978-3-96023-106-6, S. 117–119.
Nach neueren Forschungen der Archäologen Reinhard Jung und Mathias Mehofer standen Gruppen in der Ägäis auch mit der appeninischen Kultur Italiens in engem Kontakt.Österreichische Akademie der Wissenschaften: vom Februar 2008. Darauf weisen Ergebnisse archäometallurgischer Untersuchungen an spätbronzezeitlichen Schwertern und Fibeln in spätmykenischen Fundkontexten hin. Die charakteristischen Hiebschwerter vom Typ Naue II wurden demnach in Italien hergestellt und verbreiteten sich von dort über die Ägäis in den östlichen Mittelmeerraum.
Mehofer und Jung (2013)Reinhard Jung, Mathias Mehofer: Mycenaean Greece and Bronze Age Italy: Cooperation, Trade or War? In: Archäologisches Korrespondenzblatt. 2013, Band 43, S. 175–193, doi:10.11588/ak.2013.2.51814; Alwin Schönberger: Das Piraten-Puzzle. In: profil. Band 13, 23. März 2009, S. 94–98 (Volltext als PDF auf vias.univie.ac.at). schließen aus ihren Untersuchungen auf eine Allianz zwischen italischen Ethnien und zerfallenden mykenischen Staaten. Um 1200 v. Chr. kollabierte die mykenische Palastkultur. Die nachfolgenden mykenischen Staaten orientierten sich u. a. an italischen Ethnien, die eine fortschrittliche Kriegstechnologie entwickelt hatten. Mehofers und Jungs Neubewertung der spätbronzezeitlichen Funde aus Griechenland, Zypern, der Levante und Ägypten zeigt, dass etwa die Waffen nicht aus den jeweiligen Regionen stammen, sondern der Urnenfelderkultur Mitteleuropas (etwa 1300–800 v. Chr.) zuzurechnen sind.Hartmut Matthäus, Gisela Schumacher-Matthäus: Ein spätbronzezeitlicher Helm von der Insel Zypern. Kulturelle Beziehungen zwischen dem Urnenfelderkreis, Mykenai und Zypern. In: Jahrbuch des Römisch-Germanischen Zentralmuseums. Band 59, 2012, S. 51–84 (Volltext online auf journals.ub.uni-heidelberg.de). So zeige sich seit dem 13. Jahrhundert v. Chr. ein nachweisbarer Funktionswandel von den reinen Stich- zu den Hiebschwertern. So waren die in Mitteleuropa und Italien produzierten Griffzungenschwerter des Typs Naue II effektivere Waffen.Sabine Pabst: Naue II-Schwerter mit Knaufzunge und die Aussenbeziehungen der mykenischen Kriegerelite in postpalatialer Zeit. (= Jahrbuch des Römisch-Germanischen Zentralmuseums. Band 60, 2013 S. 105–152 Volltext online auf journals.ub.uni-heidelberg.de); Reinhard Jung, Mathias Mehofer: A Sword of Naue II Type from Ugarit and the Historical Significance of Italian-type Weaponry in the Eastern Mediterranean. In: Aegean Archaeology. Band 8, 2005–2006 (2009), S. 111–135. Im östlichen Mittelmeer wurde bis ins 13. Jahrhundert v. Chr. hauptsächlich mit Stichschwertern gekämpft, die funktionell dem neuzeitlichen Rapier oder Degen ähnelten. Die Kriegswerkzeuge des Typs Naue II hingegen konnten sowohl als Hieb- als auch als Stichwaffen verwendet werden.