Das Galeriegrab Niedertiefenbach ist eine nur in Resten erhaltene megalithische Grabanlage der jungsteinzeitlichen Wartbergkultur bei Niedertiefenbach, einem Ortsteil von Beselich im Landkreis Limburg-Weilburg (Hessen). Das Grab wurde wahrscheinlich im frühen oder mittleren 33. Jahrhundert v. Chr. errichtet und bis ins frühe 32. Jahrhundert v. Chr. für Bestattungen genutzt. Im Zeitraum von nur wenigen Generationen wurden hier mehrere hundert Individuen beigesetzt, die wohl aus mehreren benachbarten Gemeinschaften stammten. Nach seiner Entdeckung und ersten Beschreibung Mitte des 19. Jahrhunderts galt es lange als zerstört. Im Jahr 1961 wurden die Reste der Anlage wiederentdeckt und archäologisch untersucht. Ab 2016 fanden umfangreiche Neuauswertungen des Fundmaterials statt.
Lage Die Anlage befindet sich südlich von Niedertiefenbach im Flurstück „In der Hofgewann“ (früher „Am Hengstein“). Zusammen mit dem Galeriegrab Oberzeuzheim I, dem möglichen Galeriegrab Oberzeuzheim II, dem Galeriegrab Niederzeuzheim, dem Galeriegrab Schadeck und dem Galeriegrab Mensfelden gehört es zur sogenannten Lahn-Gruppe im Limburger Becken.
Forschungsgeschichte Das Grab wurde erstmals 1859 von Karl Rossel erwähnt. Ihm zufolge wurde 1847 durch den neuen Pächter des Feldes ein Deckstein gesprengt, der für einen einfachen Felsblock gehalten wurde. Nach einer Fundmeldung wurde dem Bauern von den Behörden die weitere Abtragung des Grabes gestattet. Ein Großteil der Steine des Grabes wurde daraufhin als Baumaterial verwendet. Viele aufgefundene Knochen aus dem Grab wurden von armen Leuten gesammelt und an die Knochenmühle in Limburg verkauft. Rossel hielt das Grab aufgrund dieser Berichte für restlos zerstört.Karl Rossel: Das Steingrab von Nieder-Tiefenbach. 1859.
Auf der Grundlage von Rossels Bericht gelang Karl Wurm im April 1961 die Wiederentdeckung der Anlage.Helmut Schoppa: Niedertiefenbach. 1962. Ihre Überreste wurden daraufhin im Oktober und November des gleichen Jahres archäologisch ausgegraben. Die Ausgräber konzentrierten sich dabei auf den besser erhaltenen Nordteil der Anlage. Die untersuchte Fläche betrug 7 m².Christoph Rinne et al.: Niedertiefenbach. Ein Galeriegrab der spätneolithischen Wartberggruppe südwestlich von Niedertiefenbach (Landkreis Limburg-Weilburg, Hessen). 2016, S. 288 Diese Grabung wurde bereits im Jahr 1963 abschließend publiziert.Karl Wurm et al.: Die westeuropäische Steinkiste von Niedertiefenbach, Oberlahnkreis. 1963. Hierbei beschrieb Wurm die Auffindung des Grabes, Helmut Schoppa den Grabungsbefund, Cornelius Ankel die Funde und Alfred Czarnetzki die menschlichen Knochen. Die gefundenen Kupferspiralen wurden einer Materialanalyse unterzogen. Die Funde aus der Grabung befinden sich heute im Museum Wiesbaden.
Peter Breunig konnte 1987 erstmals drei unkalibrierte 14C-Daten aus dem Galeriegrab Niedertiefenbach vorlegen.Peter Breunig: 14C-Chronologie des vorderasiatischen, südost- und mitteleuropäischen Neolithikums. 1987, S. 187. Johannes Müller publizierte hierzu 1998 kalibrierte Werte.Johannes Müller: Zur absolutchronologischen Datierung der europäischen Megalithik. In: Barbara Fritsch et al. (Hrsg.): Tradition und Innovation. Prähistorische Archäologie als historische Wissenschaft. Festschrift für Christian Strahm (= Internationale Archäologie. Studia honoraria. Band 3). Leidorf, Rahden/Westf. 1998, ISBN 3-89646-383-7, S. 96 (Online).
Kerstin Schierhold publizierte in ihrer 2012 erschienenen Dissertation zur Megalithik in Hessen und Westfalen eine vollständige Zusammenstellung der aus dem Grab stammenden Funde im stratigrafischen Kontext.Kerstin Schierhold: Studien zur Hessisch-Westfälischen Megalithik. 2012, S. 296–298.
Im Jahr 2016 veröffentlichte eine Forschergruppe um Christoph Rinne eine umfangreiche Neuauswertung des Fundmaterials.Christoph Rinne et al.: Niedertiefenbach. Ein Galeriegrab der spätneolithischen Wartberggruppe südwestlich von Niedertiefenbach (Landkreis Limburg-Weilburg, Hessen). 2016. Neue 14C-Daten ermöglichten nun eine genauere Datierung der Anlage. Weiterhin wurden die Knochen auf Krankheitsanzeichen hin untersucht. Ebenso wurden DNA-Analysen vorgenommen. Zwischen 2019 und 2021 erschienen vertiefende Studien zum Zahn- und Kiefermaterial der BestattetenJuliane Muhlack: Morphologische Untersuchungen zum Zahn- und Kiefermaterial aus dem spätneolithischen Galeriegrab von Niedertiefenbach. 2019., zur RadiokarbondatierungJohn Meadows et al.: High-precision Bayesian chronological modeling on a calibration plateau: The Niedertiefenbach gallery grave. 2020. und zur Genetik.Alexander Immel et al.: Genome-wide study of a Neolithic Wartberg grave community reveals distinct HLA variation and hunter-gatherer ancestry. 2021.
Beschreibung Architektur Das Galeriegrab ist nord-südlich orientiert und hat eine Länge von 10 m und eine Breite von 3,2 m. Seine Höhe beträgt 1,4 m. Die Grabkammer war aus Wandplatten aus Massenkalk gefertigt. Sie hatte eine lichte Länge von 8,6 m, eine lichte Weite zwischen 2 m und 2,2 m und eine lichte Höhe zwischen 0,8 m und 0,9 m.Kerstin Schierhold: Studien zur Hessisch-Westfälischen Megalithik. 2012, S. 296.
Das Baumaterial für die Kammer stammte aus der näheren Umgebung. Die nächsten Massenkalkvorkommen befinden sich in 200–300 m Entfernung.Kerstin Schierhold: Studien zur Hessisch-Westfälischen Megalithik. 2012, S. 297.
Bestattungen Anzahl der bestatteten Individuen Bei der Grabung von 1961 wurden insgesamt 541 menschliche Knochen geborgen, darunter 173 Wirbel, 85 Rippen, 78 Mittelhand- und Mittelfußknochen, 34 Oberschenkelknochen, 40 Schienbeine, 20 Wadenbeine, 12 Kniescheiben, 6 Oberarmknochen, 6 Ellen und 7 Speichen. Die Knochen bildeten 76 anatomische Verbände, die aber größtenteils nur aus geringen Stückzahlen bestanden. Der größte anatomische Verband bestand aus 33 Knochen.
Czarnetzki ordnete die geborgenen Knochen aufgrund der Zählung der Langknochen sowie der Altersverteilung einer Mindestanzahl von 177 Individuen zu.Christoph Rinne et al.: Niedertiefenbach. Ein Galeriegrab der spätneolithischen Wartberggruppe südwestlich von Niedertiefenbach (Landkreis Limburg-Weilburg, Hessen). 2016, S. 296. Rechnet man dies von der untersuchten Fläche mit 7 m² auf die gesamte Bestattungsfläche mit 18 m² hoch, ergibt sich eine mögliche Gesamtzahl von 455 bestatteten Individuen. Geht man von einer abfallenden Mächtigkeit der Schichten vom Kammerende zum Eingang hin aus, so verringert sich die Zahl auf 312–404 Individuen.Christoph Rinne et al.: Niedertiefenbach. Ein Galeriegrab der spätneolithischen Wartberggruppe südwestlich von Niedertiefenbach (Landkreis Limburg-Weilburg, Hessen). 2016, S. 295.
Alter und Geschlecht Bei der Neuaufnahme des Fundmaterials wurden für die Alters- und Geschlechtsbestimmung 157 Schädelfragmente ausgewertet, die sich 42 Individuen zuordnen ließen, bei denen der Schädel noch zu mindestens 50 Prozent erhalten war. Von diesen gehörten zwei der Altersklasse infans Ia (0–3 Jahre), vier der Altersklasse infans Ib (4–6 Jahre), vier der Altersklasse infans II (7–13 Jahre), eines der Altersklasse juvenil (14–19 Jahre), zwei der Altersklasse juvenil–frühadult (18–22 Jahre), 16 der Altersklasse adult (20–40 Jahre), sieben der Altersklasse adult+ (>20 Jahre), fünf der Altersklasse matur (40–60 Jahre) und eines der Altersklasse matur+ (>40 Jahre)an.Christoph Rinne et al.: Niedertiefenbach. Ein Galeriegrab der spätneolithischen Wartberggruppe südwestlich von Niedertiefenbach (Landkreis Limburg-Weilburg, Hessen). 2016, S. 296–297.
Bei der Geschlechtsverteilung lag ein deutlicher Frauenüberschuss vor. Sieben Individuen wurden als weiblich und elf als eher weiblich identifiziert, zwei als männlich und acht als eher männlich. Bei einem erwachsenen Individuum war keine Geschlechtsbestimmung möglich, bei 13 weiteren war keine Bestimmung möglich, da es sich um subadulte Individuen handelte.
Krankheiten und Verletzungen Untersuchungen zu Krankheiten und Verletzungen konnten an 72 Individuen durchgeführt werden, deren Schädel noch zu mindestens 25 Prozent erhalten waren.Christoph Rinne et al.: Niedertiefenbach. Ein Galeriegrab der spätneolithischen Wartberggruppe südwestlich von Niedertiefenbach (Landkreis Limburg-Weilburg, Hessen). 2016, S. 297.
Sehr häufig wurden entzündliche Prozesse als Folge von Infektionen festgestellt. 44 Individuen hatten Entzündungen der Schädelaußenseite, wobei Erwachsene häufiger und stärker betroffen waren als Kinder und Jugendliche. Veränderungen an den Hirn- und Rückenmarkshäuten hinterließen Spuren an den Schädelinnenseiten von mindestens 61 Individuen, davon 22 mit starken bis sehr starken Ausprägungen. Die Verteilung über die verschiedenen Altersklassen ist hier deutlich gleichmäßiger. Entzündungen des Atemtrakts konnten aufgrund des schlechten Erhaltungszustands der Schädel deutlich seltener erfasst werden. Dabei wurden in wenigen Fällen schwerwiegende Nasennebenhöhlenentzündungen festgestellt.Christoph Rinne et al.: Niedertiefenbach. Ein Galeriegrab der spätneolithischen Wartberggruppe südwestlich von Niedertiefenbach (Landkreis Limburg-Weilburg, Hessen). 2016, S. 297–298.
Ebenfalls sehr häufig wurden Cribia orbitalia (poröse Durchbrechungen bis trabekulär auswachsende Neubildungen am Dach der Augenhöhle) und porotische Hyperostose (poröse Bereiche und Verdickungen an der Schädelaußenseite) festgestellt. Beides sind Symptome von erhöhter Blutbildungsaktivität infolge von Blutarmut. Cribia orbitalia konnte in unterschiedlichen Schweregraden bei 47 Individuen nachgewiesen werden. Sie trat bei Kindern und Jugendlichen häufiger auf als bei Erwachsenen und bei Frauen häufiger als bei Männern. Porotische Hyperostosen wurden bei neun Individuen festgestellt, darunter sechs Kinder und Jugendliche sowie drei junge Erwachsene der Altersstufe adult. Fünf Individuen wiesen beide Symptome auf.Christoph Rinne et al.: Niedertiefenbach. Ein Galeriegrab der spätneolithischen Wartberggruppe südwestlich von Niedertiefenbach (Landkreis Limburg-Weilburg, Hessen). 2016, S. 298.
Bei einem eher weiblichen Individuum wurde eine verheilte Fraktur im linken Seitenbereich des Stirnbeins festgestellt. Die von Czarnetzki festgestellten perimortalen (unmittelbar vor dem Tod erfolgten) Schädeltraumata konnten bei der Neuauswertung nicht bestätigt werden (da Czarnetzki hierfür keine Schädelnummern vermerkte ist unklar, ob sie bei der Neuauswertung nicht erfasst oder nicht erkannt wurden).Christoph Rinne et al.: Niedertiefenbach. Ein Galeriegrab der spätneolithischen Wartberggruppe südwestlich von Niedertiefenbach (Landkreis Limburg-Weilburg, Hessen). 2016, S. 300.
Am rechten Scheitelbein eines 9–11 Jahre alten Kindes befindet sich eine Läsion, bei der es sich möglicherweise um eine verheilte Trepanation handelt. Es wäre neben einer Bestattung aus dem Großsteingrab Kruckow 1 (Landkreis Vorpommern-Greifswald, Mecklenburg-Vorpommern) erst die zweite neolithische Trepanation an einem Kinderschädel, die aus Deutschland bekannt ist.Christoph Rinne et al.: Niedertiefenbach. Ein Galeriegrab der spätneolithischen Wartberggruppe südwestlich von Niedertiefenbach (Landkreis Limburg-Weilburg, Hessen). 2016, S. 300–302.