mini|505x505px|Plan von Beçin südlich von Milas (Türkei) Beçin ist eine in Ruinen erhaltene mittelalterliche Festungsstadt in Südwest-Anatolien am Nordostrand eines größeren Felsplateaus, etwa 200 m hoch über dem modernen Ort Beçin (früher Mutluca, seit der türkischen Verwaltungsreform 2013/2014 Stadtteil von Milas) in der türkischen Provinz Muğla 4,5 km südlich der Kreisstadt Milas (in der Antike Mylasa) am südlichen Rand des gleichnamigen Beckens (türkisch: Milas Ovası).
Die aufgelassene Stadt Beçin, die zumeist fälschlicherweise als „Beçin Kalesi“ (Burg Beçin) bezeichnet wird, war in der Zeit der türkischen Fürstentümer (Beyliks) vom Ende des 13. Jahrhunderts bis zum 15. Jahrhundert Hauptstadt des Beyliks Menteşe. Dieses Fürstentum der Menteşeoğulları bestand in Anatolien zwischen 1261 und 1425. In der Antike wurde diese Region Karien genannt.
In Beçin, dem einstigen Verwaltungszentrum des Fürstentums Menteşe, befinden sich etwa 20 historische Gebäude in teilweise intaktem Zustand. Die dortigen archäologischen Ausgrabungen werden seit den 1970er Jahren von der Philosophischen Fakultät der Istanbuler Medeniyet-Universität durchgeführt. Nach intensiven Restaurierungsarbeiten steht der Ort seit 2012 auf der temporären Liste des Weltkulturerbes (Welterbe-Tentativ-Liste der UNESCO).
Historische Hintergründe, Lage und Bedeutung Nicht die befestigte Burgstadt Beçin, sondern das nur wenige Kilometer nördlich gelegene Mylasa (Milas) mit dem Tempel des Zeus Karios (karischer Zeus) war in der Antike das eigentliche Zentrum Kariens und in spätbyzantinischer Zeit Bischofssitz in einer eigenen Kirchenprovinz Karia, auch wenn anfangs damals die christliche Gemeinde in Mylasa noch klein war. Mylasa war der Mittelpunkt Kariens, von dem Handels- und verkehrspolitische Straßen in alle Regionen ausgingen. Umso merkwürdiger ist zunächst, dass Mylasa als einzige der großen Städte Kariens keine Stadtmauer besaß. Allerdings wurde Mylasa andererseits ringsum von Festungen geschützt, die eine zusätzliche Stadtmauer entbehrlich machten: So z. B. auf dem Sodra Dağı und dem Hıdırlık Tepesi im Westen der Stadt, im Osten die Festungen Kuyruklu Kalesi am Rand der Ebene von Mylasa und auf dem Beşiktaş Tepesi sowie im Süden Beçin Kalesi. Sie boten zugleich auch eine Kontrolle über die Routen aus der Ebene von Mylasa nach Hydai (bei Damlıboğaz), Iasos (Kıyıkışlacık), Passala (ehemaliger Hafen von Mylasa, heute Flughafen Milas–Bodrum), Milet (bei Balat), Labraunda (Labranda), Stratonikeia (Eskihisar) und Halikarnassos (Bodrum). Über die römischen und byzantinischen historischen „Zwischenspiele“ Beçins, einem offenbar sehr alten, aber in antiker und byzantinischer Zeit wenig bedeutenden Ort namens Pezona 5 km südlich von Milas, ist bislang erst sehr wenig bekannt. Die weithin sichtbare, auf einem markanten Felsstock in etwa 200 m Höhe gelegene Festung Beçin Kalesi beherrschte vor allem die Engstelle von Mylasa in Richtung Halikarnassos, war dauernd besiedelt und reicht den Funden nach bis in archaische Zeit zurück, war also gleich alt wie Mylasa. Auf ihren antiken Fundamenten war in byzantinischer Zeit eine reduzierte Burg entstanden. links|mini|Blick aus der Ebene von Milas auf die Burg Beçin Kalesi Erst als sich während der Schwächeperiode der Rum-Seldschuken der Niedergang ihres Reiches in Inneranatolien abzeichnete, trat Beçin historisch in den Vordergrund. Damals etablierten sich bereits seit der zweiten Hälfte des 13. Jhs. bis zu Beginn des 16. Jahrhunderts in den westanatolischen Grenzregionen zwischen Seldschukenreich und Byzanz – u. a. durch Eroberung von byzantinischem Rest-Territorium – überall lokale Fürstentümer (Beyliks), darunter auch das Beylik Menteşe. Sein Gründer und Namensgeber Menteşe Bey war Vasall des Germiyan-Beyliks (Kütahya) gewesen und zählte zu den Afşar, einem bedeutenden Oghusen-Stamm, der im Gefolge der Seldschuken hauptsächlich auf dem Gebiet der heutigen Türkei, in Aserbaidschan, im Nordirak, in Nordsyrien und im Iran, später auch auf der Balkanhalbinsel siedelte. Regierungssitz des jungen Emirats der Menteşeoğulları war zunächst Mylasa. Damals konnten die Beys von Menteşe ihre Macht von der Küste bis ins Hinterland von Karien und etwa bis nach Milet ausdehnen. Orte, wie Beçin, Milas, Balat (Milet), Finike, Elmalı, Kaş, Mağrı (heute Fethiye), Muğla, Çameli, Acıpayam, Tavas, Bozdoğan, Çine, Tralleis (heute Aydın), und die Insel Rhodos befanden sich unter der Herrschaft der Menteşe, was also in etwa der heutigen Provinz Muğla entsprach. Anfang des 14. Jahrhunderts wurde der Regierungssitz – wohl aus verteidigungs-technischen Erwägungen – von Milas nach Beçin (auch Pecin) verlegt.
Zum Namen von Beçin Funde aus griechischer und römischer Zeit in Beçin können nicht durch schriftliche Quellen gestützt werden, da der Name Beçin bis ins 14. Jahrhundert in keiner Quelle oder Inschrift auftaucht. Nach bisherigem Kenntnisstand kommt der Name erstmals im Reisebuch von Ibn Batuta mit der Schreibweise برجين, Barcîn, Barçın, Bercîn vor. Dieselbe Schreibweise findet sich auch auf einem Grabstein in Balat (Milet) und ebenfalls bei Mahmud el Barcînî (Barçın/Bercin), der für Mahmud Bey, einen Sohn von Menteşe Bey, ein Jagdbuch ins Türkische übersetzte. Paul Wittek behauptete, der Name Bercin entspräche Perzona im Neugriechischen, und es handele sich um einen alten Ortsnamen, der in venezianischen Quellen als Pezona bezeichnet wird. Nach Aydoğan Demir hat sich die Schreibweise von Biçin/Pinç/Beçin/Peçin, die man in Dokumenten des 16. Jahrhunderts findet, allmählich in Beçin gewandelt. Er führt den Namen Beçin eher auf eine Fluchtwelle oghuzischer Stämme aus ihren Siedlungsgebieten am unteren Syrdarja zurück, speziell aus der dortigen Stadt Barçin im heutigen Kasachstan, die dort Mitte des 12. und Anfang des 13. Jahrhunderts unter der muslimischen Dynastie der „Khwarezmshahs“ (Choresm-Schah = Anuschteginiden) eine der am häufigsten genannten und wichtigsten Städte im westlichen Mittelasien (Choresmien, Choresm) war. Massaker durch Mongolen sollen Teile der Bevölkerung aus Barçın zur Flucht veranlasst haben, in deren Gefolge Turkmenen der Syrdarja-Stämme und Bürger von Transoxanien in Wellen nach Khorasan auf der Suche nach einer neuen Heimat waren. Sie sahen als sicherstes Ziel Anatolien. Faruk Sümer stellt in diesem Zusammenhang hinsichtlich alter Oghuzenstädte am Oxus (Amudarja) eine Verbindung zwischen den Namen Barçınlığkent (Barçın?) und Barçın Derya, einem trockenen Nebenfluss des Syrdarja, her.
Der damals vor den Mongolen geflohene oghuzische Turkmene Celaleddin Harezmşah (Choresmşah, 1220–1231) etablierte eine Art Staatswesen eine Zeit lang im Westiran, im Kaukasus und auch in Ostanatolien, wo er bei erbitterten Auseinandersetzungen mit dem anatolischen Seldschukenstaat 1231 ums Leben kam. Der anatolische Seldschuken-Sultan Alaeddin Keykubad (1220–1237) nahm einige der choresmischen Flüchtlinge in den Staatsdienst und platzierte die verbliebenen Stämme in verschiedenen Regionen, wo sie unter dem Namen Horzum noch zu identifizieren sind. Darunter sind zehn Horzum-Stämme, von denen neun zu Beçin und einer zu Muğla gehörten, die im Katasterregister Nummer 61 von 1517 im osmanischen Archiv des Premierministers registriert sind. Unter den in Beçin genannten Stämmen befanden sich auch solche aus İzmir, Ayasuluk (Ephesos/Efes) und Çeşme. Die Spuren dieser Einwohner von Horzum (Kharezm, Choresm) in rezenten Dorfnamen und in Archivdokumenten gehören möglicherweise zu jenen Flüchtlingen, die zur Gründung der Beyliks Menteşe und Saruhan in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts beigetragen haben. Auch Baba Şüşteri (Şeyh Mehmet Şüşteri, gilt als Schöpfer der Schattenspielfiguren Hacivat und Karagöz, die auf der UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes stehen), den Ibn Batuta in Milas traf, war einer derjenigen, die über Khorasan nach Anatolien kamen und von dem Evliya Çelebi schreibt, dass Şüşteris Grab in Milas, den er als Scheich bezeichnet, ein Wallfahrtsort sei. Der antike Name von Beçin war wahrscheinlich Omba, Zentrum der „Ombianischen Ebene“ (Ombianon Pedion), die im Süden von Mylasa in Pachturkunden aus Mylasa aus dem 2. Jh. n. Chr. erwähnt wird. Der Name der Stadt wird in mittelalterlichen italienischen Quellen als „Pezona“, in türkischen und islamischen Texten als „Barçın“ und in neueren als „Peçin“ bezeichnet. Er wird heute in der endgültigen Form als „Beçin“ geschrieben und gesprochen. Im lateinischen Text des Handelsabkommens, das 1414 mit den Venezianern im Palast von İlyas Bey in Beçin unterzeichnet wurde, wurde der Name der Stadt als Pezona (in la citade Pezona) geschrieben.
Geschichte Antike Zur Vorgeschichte und Antike Beçins gab es bis in die späten 1990er Jahre keine wirklich systematischen Ausgrabungen. Erst danach setzten Zufallsfunde am Burgbrunnen gezieltere Grabungskampagnen der İstanbul Medeniyet Üniversitesi unter Rahmi Hüseyin Ünal 1995 bis 2009 und seit 2010 unter Kadir Pektaş in Gang und brachten mittlerweile mehr Licht in die antike Vergangenheit des Ortes. Forschungen und Studien 1987 und 1971 in der Burg von Beçin und an ihren Rändern hatten allerdings bereits Funde aus archaischer Zeit ans Licht gebracht. Oberflächen-Untersuchungen, begrenzte Studien von Aşkıdil Akarca und freigelegte Gräber, u. a. ein Kindergrab aus der Altbronzezeit (3. Jahrtausend v. Chr.), hatten gezeigt, dass es hier in archaischer Zeit eine Besiedlung gegeben hatte. Der Pithos-Grabfund im April 2007 im Rahmen von Arbeiten zum Aufstellen eines Fahnenmastes in der Burg dokumentierte zumindest vor Ort die Bronzezeit, und Fundamentreste aus hellenistischer Zeit (4. Jh. v. Chr.) und eines monumentalen Zeus-Tempels in der südöstlichen Ecke der Mauern und die alten Stadtmauern unter den Mauern der Burg von Beçin verwiesen in die Antike. Bei Ausgrabungen in der Burg Beçin (Beçin Kalesi) Ende der 2010er Jahre wurde das Stück eines Marmorblocks mit einer Namensliste aus hellenistischer Zeit gefunden, die als Liste von Priestern oder Herrschern interpretiert und jetzt im Milas Museum aufbewahrt wird, dessen Oberseite allerdings beschädigt ist, so dass nicht festgestellt werden kann, ob die Liste folgenden Inhalts vollständig ist: „Menippos, Sohn des Theoxenos, Proteas, Sohn des Apollonides, Hippokrates, Sohn des Dionysos, Polites, Sohn des Polykritos, Antiochus, Sohn des Leon, Melantas, Sohn des Leon, Zenon, Sohn des Moas, Sohn des Leon, Sohn des Lysimachus, Phaedros, Sohn des Jatrokles, Eirenaios, Sohn des Jatrokles.“ Reste von Tempelfundamenten sind im Torweg der byzantinischen Burg erhalten, und unterhalb südlich der Burg war wohl eine Stadt mit Stadtmauern entstanden.
Byzantinische Zeit Über die Geschichte des Ortes Beçin unter byzantinischer Herrschaft ist bislang nur wenig bekannt. Im Stadtgelände Beçins gibt es eine Kapelle, die zusammen mit der Burg von Beçin in byzantinischer Zeit gebaut worden sein soll. Weil die Siedlungsflächen aus Sicherheits- und Verteidigungsgründen auf das Innere der Burg beschränkt waren und auch die Kapelle äußerst kleinformatig ist, geht man davon aus, dass die Stadt Beçin in byzantinischer Zeit ein nur kleines Siedlungsgebiet umfasste. Als im 14. Jahrhundert Türken in Anatolien nach und nach die Siedlungsgebiete des byzantinischen Staates eroberten und dabei insbesondere in diesen eroberten Gebieten die bestehenden Burgen besiedelten, dürfte auch die Stadt Beçin nur als kleines Verteidigungszentrum für militärische Zwecke genutzt worden sein. Die byzantinische Zeit der Stadt Beçin endete mit der Eroberung durch das Beylik der Menteşeoğulları, das sich in der Burg von Beçin etablierte. Die Stadt Beçin entwickelte sich danach sehr rasch.
Zeit des Beyliks Menteşe