Kastell Sa’neh, Sa’aneh oder Sa‛ne beziehungsweise Sounva/Sountha/Sounoa, , ist eine römische Grenzbefestigung, einen halben Kilometer östlich der neuzeitlichen Siedlung Sa’neh im Gouvernement as-Suwaida im Süden Syriens. Der Ort befindet sich in der semiariden Wüstenzone des Hauran. Die Stadt Bostra, in römischer Zeit Heimatstandort der Legio III Cyrenaica,Legionslager Bostra bei . liegt fast 48 Kilometer südwestlich.Reinhold Merkelbach, Josef Staubner: Steinepigramme aus dem griechischen Osten. Die Südküste Kleinasiens, Syrien und Palaestina. Band 4, Saur, München/Leipzig 2002, ISBN 3-598-73007-1, S. 414. Die guterhaltene Anlage von Sa’neh mit der angrenzenden Zivilsiedlung (Vicus) ist bis heute nur geringfügig erforscht.David L. Kennedy, Derrick Riley: Rome's Desert Frontier from the Air. Batsford, London 1990, ISBN 0-7134-6262-0, S. 189. Ausgrabungen fanden bisher keine statt. Bei Sa’neh handelt es sich wahrscheinlich um den aus einer griechischen Inschrift als Σουνοα bekannten Ort. Der antike Name könnte sich daher in dem arabischen Ortsnamen erhalten haben.Charles Clermont-Ganneau: Recueil d'archéologie orientale 5, 1903, S. 368.René Dussaud: Topographie historique de la Syrie antique et médiévale. Geuthner, Paris 1927, S. 367. Das Kastell gehörte zunächst zur Provinz Arabia Petraea und wurde im Zuge der Verwaltungsreformen während der Regierungszeit des Kaisers Diokletian (284–305) am Ende des 3. Jahrhunderts der neuerrichteten Provinz Arabia in der Diözese Oriens zugeordnet.
Lage Die Fortifikation befindet sich auf über 1365 Höhenmetern, rund 13 Kilometer östlich des 1803 Meter hohen Vulkanberges Jebel el-Druze. In prähistorischer Zeit hinterließen die durch intensiven basaltischen Vulkanismus entstandenen mächtigen Lavafelder im weiten Umfeld des Jebel eine ausgeprägte Basaltwüste, die sich durch den südsyrischen Hauran bis nach Jordanien hinzieht.Alison V. G. Betts: The prehistory of the basalt desert, Transjordan. An analysis. London University, Institute of Archaeology, London 1986, S. 15–16, Abb. 1.4. (Dissertation)Samuel Thomas Parker, Paul M. McDermott: A Military Building Inscription from Roman Arabia. In: Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik 28 (1978), S. 61–66; hier: S. 61. Das Wetter kann auf dem hochgelegenen Basaltplateau des Hauran empfindlich kalt werden. Auf einer Länge von gut 50 Kilometern im Nord-Süd-Verlauf hält das Bergmassiv des Jebel el-Druze die aus dem Mittelmeerraum im Westen heranziehenden Wolken ab. Dies führt zu starken Niederschlägen im Winter. Dadurch werden die Gipfelzonen des Hauran mit einer dicken Schneedecke überzogen und die Hänge bis in eine Höhe von etwa 1000 Metern weiß gefärbt. Die Risse in den Basalten der Region sind nicht homogen. Die Infiltration durch das Wasser ist daher regional unterschiedlich. Es gibt Hohlräume in der Felslandschaft, die einen Großteil der Niederschläge speichern und erst nach und nach wieder abgeben. Der Jebel el-Druze ist daher ein mächtiges Reservoir, das den Niederschlag reguliert. Die grünen Westhänge mit ihren Kermeseichenwäldern und Anbauflächen sind ab dem Herbst feucht, während die Osthänge nur wenig Niederschlag erhalten.François Villeneuve, Serge Sadler: Occupation du sol et vestiges architecturaux sur les marges arides de Syrie du Sud. L’exemple de Diyatheh. In: Bernard Geyer (Hrsg.): Conquête de la steppe et appropriation des terres sur les marges arides du Croissant fertile (= Travaux de la Maison de l’Orient 36), Maison de l’Orient Méditerranéen-Jean Pouilloux, Lyon 2001, ISBN 2-903264-78-3, S. 159–187; hier: S. 161. Die Ruinen des Kastells wurden nicht durch spätere Windablagerungen verdeckt und heben sich daher deutlich von der kahlen Oberfläche der Basaltwüste ab. Archäologische Luftbilder zeigen, dass das Land am Kastell in der Antike für den Anbau von Feldfrüchten genutzt worden ist, denn es bilden sich auf der Oberfläche Steinwälle und Schutthaufen ab, die während der landwirtschaftlichen Kultivierung entstanden. Ähnliche Wälle und Steinhaufen prägen auch in anderen Teilen Syriens und Jordaniens den Grundriss antiker Felder.
Vom Kastell aus bot sich den Soldaten ein weiter Blick über die wüstenartige Steppe, der nach Westen jedoch von den Bergen begrenzt wurde.Maurice Lenoir: Sa’neh ou le désert des tartares: un camp oublié du limes Arabicus. In: Syria 80, 2003, S. 139-150; hier: S. 142. Die Fortifikation wurde auf dem Basaltplateau in einer nach Süden hin um rund zehn Meter abfallenden Lage errichtet, denn unmittelbar südlich bricht das Land in die tief eingeschnittene Schlucht des Wadi Bouisan ab. Nur unweit dieser Stelle befindet sich noch etwas südlicher das Wadi Sam. Die beiden ungefähr westöstlich verlaufenden Trockentäler vereinigen sich knapp 3,5 Kilometer östlich des Kastells. Die Wadis bilden den Anfang einer westöstlichen Zugangsstraße vom Hauran über das vorgeschobene Kleinkastell Namara ins östliche Landesinnere. Zudem konnte von Sa’neh aus die Provinzmetropole Bostra erreicht werden. Das Kastell wurde daher an dieser Stelle errichtet, um einen der Zugangswege nach Bostra zu kontrollieren. Bedeutender blieb aber die südlich gelegene Trasse durch das Wadi Sirhan, dessen Sicherung das Grenzkastell Qasr al-Azraq übernahm.Henry Innes MacAdam: Geography, Urbanisation and Settlement Patterns in the Roman Near East (Variorum collected studies series CS735), Routledge, Oxon, New York 2018, ISBN 978-1-138-74056-3, S. 59 und 62. Von dort aus verlief die Limesstraße über Deir el-Kahf und das Kastell Mothana hierher. Nur rund 10 Kilometer nördlich befindet sich das anschließende Grenzkastell Diyatheh.
Im Nordosten des Kastells Sa’neh ist auf Luftbildern die relativ große Zivilsiedlung zu erkennen. Es scheint, dass diese Siedlung eine Ummauerung besaß. Ohne Ausgrabungen gibt es jedoch keine Hinweise darauf, ob die Garnison später oder früher als das Dorf errichtet wurde. Die nach Süden verlaufende Strata Diocletiana kam von Norden über das Kleinkastell Tell Asfar und den Kastellort Diyatheh hierher.Pat Southern, Karen R. Dixon: The Late Roman Army. Batsford, Yale University Press, Guildford 1996, ISBN 0-300-06843-3, S. 28.
Forschungsgeschichte Den frühesten Kurzbericht über das Kastell lieferte der deutsche Diplomat und Orientalist Johann Gottfried Wetzstein (1815–1905), als er im Frühjahr 1858 nach Sa‘ne kam. Wetzstein glaubte beim Anblick der Ruinen jedoch, es würde sich um das herrschaftliche Schloss eines unbekannten Geschlechts und Reiches handeln, das zu Verteidigungszwecken errichtet worden war und am Ende gewaltsam zerstört wurde. Er besuchte die Garnison von der Ortschaft Sa’neh aus, kam an der Nordseite der Umfassungsmauer vorbei und betrat das Innere über das Osttor.Johann Gottfried Wetzstein: Reisebericht über Hauran und die Trachonen nebst einem Anhange über die sabäischen Denkmäler in Ostsyrien. Reimer, Berlin 1860, S. 65–66. Der neuzeitliche Ort Sa‘ne war nach Wetzsteins Angaben verödet. An einem Gebäude neben der Moschee entdeckte er zwei sekundär vermauerte antike Inschriften in griechischer Sprache. Eine der Inschriften stammte vom Grabbau eines Soldaten.Johann Gottfried Wetzstein: Ausgewählte griechische und lateinische Inschriften, gesammelt auf den Reisen in den Trachonen und um das Haurângebirge. Königliche Akademie der Wissenschaften, Berlin 1864, S. 273–274.
Im Jahr 1901 besuchten der französische Altorientalist René Dussaud (1868–1958) und der orientalische Sprachexperte Frédéric Macler (1869–1938) die neuzeitliche Siedlung Sa’neh, jedoch nicht das Kastell und verließen den Ort daher ohne nennenswerte Entdeckungen.René Dussaud, Frédéric Macler: Voyage archéologique au Ṣafâ et dans le Djebel ed-Drûz. Leroux, Paris 1901. S. 156–157. Dussaud schlug 1902 vor, die Fundstätte mit Sountha zu identifizieren, einem Ort, der auf einer Inschrift erwähnt wird, die in dem 2,70 Kilometer südlich gelegenen Dorf Rushaydah entdeckt wurde.René Dussaud, Frédéric Macler: Rapport sur une mission scientifique dans les regions desertiques de la Syrie moyenne (= Nouvelles Archives des Missions Scientifiques et Littéraires 10), Paris 1902, S. 430. Der französische Archäologe Maurice Dunand (1898–1987) war der 1931 der Erste, der vorschlug, die Ruinen von Sa’neh als römisches Kastell zu identifizieren.Maurice Dunand: La Strata Diocletiana. In: Revue Biblique, Band 40, Nr. 2, 1931, S. 227–248.
Den wichtigsten Auftakt zur Erforschung der Fundstätte im 20. Jahrhundert bildete das 1934 erschienene Buch des französischen Jesuitenpaters und archäologischen Luftbildpioniers Antoine Poidebard (1878–1955), der zwei Aufnahmen des Garnisonsorts veröffentlichte.Antoine Poidebard: La trace de Rome dans le desert de Syrie. Le ›limes‹ de Trajan à la conquête arabe. Recherches aériennes (1925–1932), (= Bibliothèque archéologique et historique du Haut Commissariat de la République française en Syrie et au Liban 18), Paris 1934. Poidebard hinterließ jedoch weder eine Beschreibung oder einen Interpretationsplan noch scheint er eine Feldbegehung durchgeführt zu haben. Möglicherweise blieb die Fortifikation aufgrund aller fehlenden Informationen und ihrer abseitigen Lage daher von der Wissenschaft lange Zeit unbeachtet.Maurice Lenoir: Sa’neh ou le désert des tartares: un camp oublié du limes Arabicus. In: Syria 80, 2003, S. 139-150; hier: S. 140. Daher lieferte erst der französische Archäologe Maurice Lenoir (1946–2010) den bisher gründlichsten Bericht über das unausgegrabene Kastell. Bereits im Zuge seiner DissertationMaurice Lenoir: Pseudo-Hygin. Des Fortifications du Camp. (= Collection des Universités de France 70), Les Belles Lettres, Paris 1979. ISBN 2-251-01101-3. wurde er durch die exzellente Qualität der historischen Luftaufnahmen Poidebards und die fast allgemeine Unkenntnis über den Fundplatz fasziniert. Auf seinen Vorschlag hin machten der Archäologe und Historiker Thomas Bauzou, damals am Institut français du Proche-Orient (IFAPO), und der archäologische Bauforscher Henri Brois von der École française de Rome zunächst den Standort des Kastells ausfindig und nahmen im Oktober 1989 eine erste Besichtigung vor. In Begleitung von Bauzou besuchte dann auch Lenoir selbst im Juni 1990 erstmals die Garnison. Er erstellte einen Interpretationsplan auf Grundlage der Luftaufnahmen und der Beobachtungen vor Ort. Dieser Plan wurde im Oktober desselben Jahres durch Broise sowie durch die Archäologen Vincent Jolivet und Frank Braemer vom Centre national de la recherche scientifique überprüft und verbessert. Lenoir selbst hatte 1997 in Begleitung des Orientalisten und Althistorikers Jean-Marie Dentzer (1935–2020), des damaligen Direktors des IFAPO, noch einmal die Gelegenheit, dem Kastell einen Kurzbesuch abzustatten.
Baugeschichte mini|320px|Das Kastell in einer digitalen Umsetzung der von Lenoir vorgegebenen Bemaßungen unter Mitverwendung eines historischen Luftbildes von Poidebard