mini|265px|Schematischer Aufbau eines Virions der Adenoviridae
Preplasmiviricota ist die Bezeichnung eines Phylums von DNA-Viren in der Domäne Varidnaviria und des Reichs Bamfordvirae. Zu ihnen gehören die Virophagen, Adenoviren sowie einige weitere Familien prokaryotischer Viren. Letztere spielten nach phylogenetischen Analysen der DNA-Polymerase eine Rolle bei der Entwicklung der Superfamilie der Polinton genannten DNA-Transposons und von durch virale Infektionen herrührenden mitochondrialen und zytoplasmatischen Plasmiden. Auf die Ähnlichkeit mit Polintons verweist auch die frühere Bezeichnung des Subphylums Polisuviricotina , und das Akronym PLV.
Das Genom dieser Viren ist eine Doppelstreng-DNA (dsDNA), mit Ausnahme der Klasse Ainoaviricetes (mit den Finnlakeviridae), die eine zirkuläre Einzelstrang-DNA besitzen (ssDNA).
Die vom offiziell bestätigten Virophagen gehören ursprünglich (Stand 30. April 2024) alle der Klasse Maveriviricetes an. Es gibt aber offenbar auch andere PLVs, die als Virophagen ein Helfervirus für die Co-Infektion von Riesenviren benötigen. Ein Beispiel ist Gezel-14T (alias ), das zusammen mit dem Phaeocystis-globosa-Virus PgV-14 (PgV-14T, Spezies Tethysvirus hollandense, Mesomimiviridae) die Alge Phaeocystis globosa infiziert. Die Co-Infektion mit Gezel-14T verringert die Fitness des viralen Wirts PgV-14T, aber nicht so stark, dass die zelluläre Wirtspopulation von P. globosa völlig verschont bliebe.. Das ICTV hat Anfang März 2025 dem Rechnung getragen, indem es das neue Subphylum Polisuviricotina, das jetzt alle Virophagen und Polinton-artige Viren umfassen sollte.
Integration ins Genom des zellulären Wirts Spezl (Spezies Mavirus cafeteriae, Lavidavirales) ist ein Virophage, der sich in das Genom seines zellulären Wirts von der Gattung Cafeteria (C. roenbergensis bzw. C. burkhardae) integrieren kann. Dieses Mavirus benötigt als Helfervirus das Cafeteria-roenbergensis-Virus (CroV, Spezies Rheavirus sinusmexicani, Mimiviridae). Da das Mavirus die Entwicklung und Vermehrung seines Helfervirus beeinträchtigt, ist es ein Virophage. Es kann sich Polinton-artig in das Genom der Zellen von Cafeteria integrieren, und so dessen Populationen zur Immunität gegen CroV verhelfen.
Wie Christopher Bellas und Ruben Sommaruga im Januar 2021 berichteten, sind in der Wassersäule des Gossenköllesees in Nordtirol Polinton-artigen Gensequenzen reichlich vertreten. Das Virom (die Gesamtheit der Virus-Gensequenzen) des Sees hat Bezüge zu Polintons, PLVs und Virophagen. Dabei integrieren sich 16 der gefundenen Genome in die Genome ihrer eukaryotischen Wirte als sog. endogene virale Elemente (). Zu diesen Wirten gehören Eipilze und Chrysophyceae, offenbar auch der Bodenpilz Spizellomyces punctatus. Offenbar sind auch Gezel-14T-ähnliche PLVs in Phaeocystis-Genome integriert.
Das könnte bedeuten, dass die Möglichkeit zur Integration ins Wirtsgenom unter den Preplasmiviricota buw. PLVs weit verbreitet ist.
Evolution Vermutlich haben sich aus den kleineren Viren dieses Phylums die Riesenviren im Phylum Nucleocytoviricota entwickelt (in diesem Fall wäre das Phylum Preplasmiviricota paraphyletisch). Nach dieser Annahme haben die Riesenviren ihr Virion- und Genom-Größe immer weiter vergrößert: durch Genduplikation und -deletion, durch den Einbau mobiler genetischer Elemente (MGEs) und durch den massiven Erwerb von Genen aus dem Wirt – Horizontaler Gentransfer (HGT) vom Wirt zum Virus (, HtoV oder H2V) und auch von seinen endosymbiotischen Bakterien. Zu den von Riesenviren erworbenen Genen gehören u. a. Gene für die Translation und solche, die gewöhnlich als sehr resistent und widerstandsfähig gegen Horizontalen Gentransfer gelten.
Auch wenn es sich bei den Preplasmiviricota tatsächlich um ein paraphyletisches Taxon handeln sollte, wird es für die Taxonomie der Viren verwendet, da die zugehörigen Taxa miteinander verwandt sind und charakteristische Merkmale aufweisen, die sie von Riesenviren unterscheiden.
Systematik mini|Finnlakevirus, Finnlakeviridae Die Preplasmiviricota bilden innerhalb des Reichs der Bamfordvirae die Schwestergruppe des Phylums Nucleocytoviricota (, NCLDVs), das die Eukaryoten infizierenden Riesenviren enthält.
Ihre innere Systematik ist gemäß – ergänzt um Vorschläge (in Anführungszeichen) entsprechend der Taxonomie des – mit Stand 20. März 2026 wie folgt:
mini|hochkant=0.5|Sputnik, LavidaviridaePhylum Preplasmiviricota Subphylum Polisuviricotina (provisorisch Polinton-artige Viren, engl. , PLVs) Klasse Aquintoviricetes Ordnung Archintovirales Familie Phypoliviridae Gattung Tetrivirus mit Spezies Tetrivirus crimaeaense (Tetraselmis striata virus alias Tetraselmis viridis virus S1, TvV-S1)marin, (PLV) Virophage Klasse Pharingeaviricetes mini|hochkant=0.5|Virion der AdenoviridaeOrdnung Rowavirales Familie Adenoviridae Klasse Polintoviricetes Ordnung Amphintovirales (früher Orthopolintovirales) Familie Eupolintoviridae (früher Adintoviridae) Klasse Virophaviricetes (früher Maveriviricetes) Ordnung Divpevirales Familie Ruviroviridae Ordnung Lavidavirales Familie Maviroviridae Ordnung Mividavirales Familie Sputniviroviridae Ordnung Priklausovirales Familie Burtonviroviridae Familie Dishuiviroviridae Familie Gulliviroviridae Familie Omnilimnoviroviridae Subphylum Prepoliviricotina Klasse Tectiliviricetes mini|hochkant=0.5|Phage PRD1, TectiviridaeOrdnung Kalamavirales Familie Tectiviridae
Spezies ohne nähere Zuweisung (vermutlich Subphylum Polisuviricotina): Spezies „Preplasmiviricota sp. Gezel-14T“ (PLV ‘Gezel-14T) alias „Phaeocystis globosa virus virophage“ (PgVV)Gezel-14T parasitiert Phaeocystis-globosa-Virus PgV-14 und 16 (PgV-14T und PgV-16T, beide Spezies Tethysvirus hollandense) Spezies „Adoxophyes honmai entomopoxvirus 'L' virophage 1“AHEV 'L' Virophage 1 und 2 parasitieren Adoxophyes honmai entomopoxvirus Stamm 'L', (AHEV oder AdhoEPV, Gattung Betaentomopoxvirus), Fundort: Japan Spezies „Adoxophyes honmai entomopoxvirus 'L' virophage 2“ Spezies „Choristoneura biennis entomopoxvirus 'L' virophage“Der CBEV 'L' Virophage parasitiert Choristoneura biennis entomopoxvirus Stamm 'L' (CBEV oder CbEPV, Gattung Betaentomopoxvirus) Spezies „Platanovirus saccamoebae virophage“ (syn. „Comedo Virophage“ bzw. „Comedo virus“)Der „Comedo Virophage“ parasitiert „Platanovirus saccamoebae“ KSL5
Die Familie Yaraviridae wurde mit Stand 3. März 2025 dem Schwesterphylum Nucleocytoviricota untergeordnet.
Mit Stand 3. März 2025 (MSL #40v1) wurden ins Schwester-Reich Abadenavirae, Phylum Produgelaviricota verschoben: Klasse Ainoaviricetes Ordnung Lautamovirales mit Familie Finnlakeviridae Klasse Belvinaviricetes (früher Tectiliviricetes) Ordnung Atroposvirales mit Familie Skuldviridae – beinhaltet Asgardviren,Die Viren der Familie Skuldviridae infizieren als Asgardviren Archaeen, darunter Promethearchaeia (früher „Lokiarchaeia“) Ordnung mini|hochkant=0.5|STIV1, TurriviridaeBelfryvirales mit Familie Turriviridae Ordnung Coyopavirales mit Familie Chaacviridae mini|hochkant=0.5|Phage PM2, Corticoviridaemini|hochkant=0.5|Autolykiviridae-Partikel (Schema)Ordnung Vinavirales mit Familien Asemoviridae, Autolykiviridae, Corticoviridae, Mestraviridae, Parnassusviridae
Etymologie Preplasmiviricota ist ein Kofferwort (Portmanteau) aus „Precursor“ (Präkursor, Vorläufer) und „Plasmide“, versehen mit dem Suffix -viricota für Phyla von Viren.
Gezel-14T Wie Sheila Roitman et al. im Januar 2023 berichteten, wird Phaeocystis-globosa-Virus PgV-14 (PgV-14T, offiziell Tethysvirus hollandense) parasitiert von „Preplasmiviricota sp. Gezel-14T“ (PLV ‘Gezel-14T), einem nahen Verwandten oder Alias von „Phaeocystis globosa virus-virophage“ (PgVV). Gezel-14T ist jedoch wahrscheinlich kein Mitglied der Preplasmiviricota-Klasse Virophaviricetes [alias Maveriviricetes] (jedenfalls nicht der früheren Familie Lavidaviridae, aus der die Maveriviricetes hervorgingen) mit den anderen bekannten Virophagen. Die Koinfektion mit Gezel-14T verringert die Fitness des viralen Wirts, indem sie die Menge der erzeugten PgV-14T-Virionen zum Zeitpunkt der Freisetzung reduziert, jedoch nicht so stark, dass die Population der Wirtszelluläre Wirtspopulation völlig verschont bleibt. Die Ergebnisse zeigen, dass Gezel-14T-ähnliche PLVs (Polinton-artige Viren, alias Preplasmiviricota) sich ins Phaeocystis-Genome integrierten, was auch bei der Virophagen-Gattung Mavirus beobachtet wurde. Dies legt nahe, dass diese weit verbreiteten Viren zur Integration in zelluläre Wirtsgenome fähig sind.
Ein bereits vom ICTV bestätigtes Beispiel für einen Virophagen außerhalb der Klasse Virophaviricetes ist Tetrivirus crimaeaense (Tetraselmis viridis virus S1, TvV-S1; Klasse Virophaviricetes).
Weitere Gezel-artige PLVs sind nach Sheila Roitman et al. PLV-YSL1 bis PLV-YSL6, Phaglo-B1, Phaglo-B2, Phaglo-Y, Phaglo-R, Phaglo-P u. a. m.
Anmerkungen
Weblinks Julien Thézé, Jun Takatsuka, Madoka Nakai, Basil Arif, Elisabeth A. Herniou: Gene Acquisition Convergence between Entomopoxviruses and Baculoviruses. In: MDPI: Viruses, Band 7, Nr. 4, 13. April 2015, S. 1960–1974; doi:10.3390/v7041960 (). Emily E. Chase, Christelle Desnues, Guillaume Blanc: Integrated viral elements suggest the dual lifestyle of Tetraselmis spp. Polinton-like viruses. In: Virus Evolution, Band 8, Nr. 2, 27. Juli 2022, veac068; doi:10.1093/ve/veac068, ResearchGate (). Christopher Bellas, Thomas Hackl, Marie-Sophie Plakolb, Anna Koslová, Matthias G. Fischer, Ruben Sommaruga: Large-scale invasion of unicellular eukaryotic genomes by integrating DNA viruses. In: PNAS, Band 120, Nr. 16, 18. April 2023, e2300465120; doi:10.1073/pnas.2300465120, PMID 37036967, , Epub 10. April 2023 ().
Einzelnachweise ICTV: ICTV Master Species List 2019.v1, New MSL including all taxa updates since the 2018b release, March 2020 (MSL #35, ) ICTV: ICTV Master Species List 2020.v1, New MSL including all taxa updates since the 2019 release, March 2021 (MSL #36, ) ICTV: MSL #40.v1, 3. März 2025. NCBI Taxonomy Browser: Preplasmiviricota, Details: Preplasmiviricota (phylum). NCBI Taxonomy Browser: Phaeocystis globosa virus virophage, syn. Preplasmiviricota sp. Gezel-14T (species), Nucleotide: txid1335638[Organism:noexp], Preplasmiviricota sp. Gezel-14T. NCBI Nucleotide: txid1335638[Organism:noexp] AND PgV-16T. NCBI Taxonomy Browser: Spizellomyces punctatus (W.J. Koch) D.J.S. Barr, 1980 (spezies) [Phlyctochytrium punctatum W.J. Koch, 1957]. NCBI Taxonomy Browser: Tetraselmis viridis virus S1 (species), Nucleotide: NC_020869.1 Tetraselmis viridis virus S1 genomic sequence. NCBI Taxonomy Browser: Chaacviridae. NCBI Taxonomy Browser: unclassified virophages.
Meriem Bekliz, Philippe Colson, Bernard La Scola: The Expanding Family of Virophages. In: MDPI Viruses. Band 8, Nr. 11 (Special Issue Viruses of Protozoa), 23. November 2016, S. 317, doi:10.3390/v8110317. Christopher M. Bellas, Ruben Sommaruga: Polinton-like viruses are abundant in aquatic ecosystems. In: BMC: Microbiome, Band 9, Nr. 13, 12. Januar 2021; doi:10.1186/s40168-020-00956-0. Dazu Korrektur vom 27. Januar 2021; doi:10.1186/s40168-020-00956-0. Neue Virengruppe im Süßwasser entdeckt. Pressemitteilung der Universität Innsbruck vom 20. Januar 2021. New Group of Viruses Discovered in Freshwater (Biology). Auf: The Uncover Reality (UR) vom 24. Januar 2021 (mit Übersetzungsoption). Jonathan Filée: Route of NCLDV evolution: the genomic accordion. In: Current Opinion in Virology, Band 3, Nr. 5, Oktober 2013, S. 595–599; doi:10.1016/j.coviro.2013.07.003 ().
Bärbel Hauröder, Liane Junglas, Silke Loch, Rolf Michel, Karl-Dieter Müller, Claudia Wylezich: Experimental co-infection of Saccamoeba lacustris with Mimivirus-like Giant virus and a small Satellite virus. In: Endocytobiosis and Cell Research, Band 29, 15. Mai 2018; OpenAgrar, ResearchGate, Uni Jena.