Das Sas(s)anidenreich war das zweite persische Großreich des Altertums. Der Name des Reiches, dessen Eigenbezeichnung Eranschahr; neu lautete, leitet sich von der letzten vorislamischen persischen Dynastie der Sassaniden (Sāsāniden)Die an die Aussprache angepasste Schreibweise wird in der jüngeren Forschung durch die etymologisch überlieferte Schreibweise (vgl. neu) verdrängt. ab. Im mittelalterlichen Schāhnāme wird die Dynastie nach Papak bzw. Bābak, dem (eventuellen) Sohn des Stammvaters Sas(s)an, bezeichnet. Mit sehr wenigen Ausnahmen (Bahram Tschobin 590 sowie Schahrbaraz 630) gehörten bis zum Schluss sämtliche Großkönige der Familie der Sassaniden an.

Das Reich existierte zwischen dem Ende des Partherreichs und der arabischen Eroberung Persiens, also von 224 bzw. 226 bis zur Schlacht von Nehawend im Jahr 642 beziehungsweise bis zum Tod des letzten Großkönigs Yazdegerd III. im Jahr 651.

mini|hochkant=1.5|Das Sassanidenreich zum Zeitpunkt seiner größten Ausdehnung um 620 n. Chr. (heller markierte Gebiete wurden nur vorübergehend beherrscht). Das Sassanidenreich, das in der Forschung auch als Neupersisches Reich bezeichnet wird (in Abgrenzung zum Altpersischen Reich der Achämeniden und Teispiden), war über mehr als 400 Jahre hinweg eine bedeutende Großmacht und ein Rivale des Römischen beziehungsweise Oströmischen Reiches. Außer kriegerischen Auseinandersetzungen (siehe Römisch-Persische Kriege)Vgl. aktuell auch Antiquité Tardive. Band 30 (Les Sassanides en conflit: géopolitique de l’empire perse tardo-antique), 2022 (publiziert 2023). gab es aber auch zahlreiche friedliche Kontakte zwischen Römern und Sassaniden, die sich in vielerlei Hinsicht gegenseitig beeinflussten. Sassanidische Traditionen hatten zudem großen Einfluss auf die Umayyaden, Samaniden und vor allem die Abbasiden. In der neueren Forschung wird der Geschichte und Kultur des Sassanidenreichs im Rahmen des gewachsenen Interesses an der Spätantike daher verstärkt Beachtung geschenkt und auf die historische Bedeutung dieser zweiten Großmacht neben Rom hingewiesen.Vgl. auch Touraj Daryaee: The Sasanians and the Late Antique World. In: MIZAN 3 (2018).

In der modernen Geschichtswissenschaft wird der Begriff Sassaniden dabei außer auf das Herrschergeschlecht verallgemeinernd auch auf die Bevölkerung ihres Reiches angewandt. Das Sassanidenreich erstreckte sich ungefähr über die Gebiete der heutigen Staaten Iran, Irak, Aserbaidschan, Turkmenistan, Pakistan und Afghanistan sowie einige Randgebiete. Es lag damit an einem wirtschaftlich und politisch wichtigem Schnittpunkt zwischen Ost und West.

Geschichte Die Gründung des Neupersischen Reichs – Ardaschir I. und Schapur I. mini|Münze Ardaschirs I. mit Feueraltar (symbolisiert das zoroastrische heilige Feuer)

Die Sassaniden führten ihre Herkunft auf einen historisch kaum fassbaren Stammvater zurück, einen gewissen Sasan, der laut den Angaben später Quellen um 200 n. Chr. Oberpriester im Tempel bzw. Feuerheiligtum der Anahita in Istachr gewesen ist.Allgemein zur politischen Geschichte siehe als Überblick Michael R. J. Bonner: The Last Empire of Iran. Piscataway 2020 (recht ausführliche Darstellung auf Grundlage der aktuellen Forschung) sowie Touraj Daryaee: Sasanian Iran 224–651 CE. Portrait of a Late Antique Empire. Costa Mesa (Calif.) 2008. Vgl. daneben auch Richard Frye: The political history of Iran under the Sasanians. In: Ehsan Yarshater (Hrsg.): Cambridge History of Iran. Band 3, S. 116–177; Klaus Schippmann: Grundzüge der Geschichte des sasanidischen Reiches. Darmstadt 1990, S. 10–79. Einige Historiker vermuten, dass es sich ursprünglich um ein parthisches Geschlecht handelte, das vielleicht sogar mit einer Nebenlinie der Arsakiden verwandt war.Marek Jan Olbrycht: Dynastic Connections in the Arsacid Empire and the Origins of the House of Sāsān. In: Vesta S. Curtis u. a. (Hrsg.): The Parthian and Early Sasanian Empires: Adaptation and Expansion. Oxford 2016, S. 23–35. Gründer des Sassanidenreiches war jedenfalls Ardaschir I. (Regierungszeit 224–240),Josef Wiesehöfer: Ardasir I. History. In: Encyclopædia Iranica. Vgl. auch Touraj Daryaee: Ardaxšīr and the Sasanians’ Rise to Power. In: Anabasis. Studia Classica et Orientalia 1, 2010, S. 236–255. ein aufständischer Fürst aus dem Süden des Partherreichs, der Region Persis (heute Fars), wo die Sassaniden seit Ardaschirs Vater Papak als Unterkönige fungierten.Zu den Königen, Familienmitgliedern und Amtsträgern des Sassanidenreichs im 3. Jahrhundert siehe die Einträge in der Prosopographie des Sasanidenreiches im 3. Jahrhundert n. Chr. Nach dem Tod Papaks folgte ihm zunächst sein ältester Sohn Schapur nach, gegen den sich aber Ardaschir erhob und der angeblich durch einen Unfall getötet wurde. Ardaschir wurde nun neuer Kleinkönig in der Persis, konsolidierte seine Macht und erhob sich dann gegen den Partherkönig. Nachdem Ardaschir den letzten Partherkönig, den Arsakiden Artabanos IV., im Jahre 224 getötet hatte, nahm er dessen Platz ein. Er schaltete ebenso Vologaeses VI. aus, den Bruder und alten Rivalen des Artabanos, und eroberte wohl 226 die parthische Hauptstadt Ktesiphon, die in der Folgezeit prächtig ausgebaut und Hauptresidenz der Sassanidenkönige wurde.Zur Geschichte im 3. Jahrhundert und der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts vgl. Karin Mosig-Walburg: Römer und Perser vom 3. Jahrhundert bis zum Jahr 363 n. Chr. Gutenberg 2009, und Josef Wiesehöfer: Das Reich der Sāsāniden. In: Klaus-Peter Johne (Hrsg.): Die Zeit der Soldatenkaiser. Band 1. Berlin 2008, S. 531 ff. Nur in Armenien konnte sich eine Seitenlinie der Arsakiden an der Macht behaupten.

Die Gründung des spätantiken Sassanidenreiches erfolgte als militärisch erzwungener Dynastiewechsel. Der Einfluss der mächtigen Adelsfamilien, lokaler Kleinkönige und Dynasten aus arsakidischer Zeit blieb aber offenbar bestehen, auch wenn sie sich formal dem neuen König unterwarfen: Viele parthische Aristokraten arrangierten sich mit der neuen Dynastie und spielten weiterhin eine wichtige Rolle im Reich, dessen Aufbau im Wesentlichen unverändert blieb. Ardaschir behielt die meisten arsakidischen Traditionen und Strukturen bei, führte aber auch Neuerungen ein. Er inszenierte sich geschickt als Schirmherr des Zoroastrismus (auf seinen Münzen ließ er Feueraltäre abbilden) und nannte sich König der Könige von Eran, wobei unter EranD. N. MacKenzie: Ērān, Ērānšahr. In: Encyclopædia Iranica. nicht der heutige Staat Iran verstanden werden darf, sondern vielmehr die von Iraniern bewohnten beziehungsweise beanspruchten Gebiete.Vgl. auch Touraj Daryaee: Sasanian Iran 224–651 CE. Portrait of a Late Antique Empire. Costa Mesa (Calif.) 2008, S. 15 f. Damit schuf er eine ideologische Klammer, die die Unterschiede zwischen persischen und parthischen Geschlechtern verwischte. Ob sich die frühen Sassaniden bewusst in die Tradition der Achämeniden stellten, wie dies römische Autoren wie Herodian behaupten, ist in der Forschung umstritten, zumal in frühsassanidischer Zeit wohl kaum noch konkrete Kenntnisse über die altpersische Dynastie vorhanden waren.Vgl. beispielsweise Ehsan Yarshater: Were the Sasanians Heirs to the Achaemenids? In: La Persia nel medioevo. Rom 1971, S. 517–530, und Josef Wiesehöfer: Iranische Ansprüche an Rom auf ehemals achaimenidische Territorien. In: Archäologische Mitteilungen aus Iran. Band 19, 1986, S. 177–185. Eine gute Zusammenfassung der Diskussion bietet Erich Kettenhofen: Die Einforderung der achaimenidischen Territorien durch die Sāsāniden – eine Bilanz. In: S. Kurz (Hrsg.): Yādnāme-ye Iradj Khalifeh-Soltani. Festschrift Iradj Khalifeh-Soltani zum 65. Geburtstag. Aachen 2002, S. 49–75.

Ardaschir suchte seine Stellung und den Sturz der Vorgängerdynastie offensichtlich durch militärische Erfolge zu legitimieren. Dabei wandte er sich nicht nur gen Osten, wo er gegen die Kuschana kämpfte und bis nach Merw vordrang (ebenso wurden zumindest Teile der arabischen Golfküste besetzt), sondern bald auch nach Westen.Karin Mosig-Walburg: Römer und Perser vom 3. Jahrhundert bis zum Jahr 363 n. Chr. Gutenberg 2009, S. 26 ff. Die römischen Perserkriege setzten im Grunde den Machtkampf fort, der zuvor in den Partherkriegen zwischen Rom und Parthien getobt hatte. Allerdings war das persische Vorgehen im Westen zunächst insofern defensiv, als man wohl lediglich die Euphratlinie zurückgewinnen und verhindern wollte, dass Armenien als offene Flanke diente. Ein erster Schlagabtausch mit den Römern unter Kaiser Severus Alexander scheint 231/32 trotz hoher Verluste auf beiden Seiten weitgehend ergebnislos verlaufen zu sein.Für die frühen römisch-persischen Auseinandersetzungen vgl. auch Peter Edwell: Rome and Persia at War. Imperial Competition and Contact, 193–363 CE. London/New York 2021. Nach dem Tod des Kaisers 235 griff Ardaschir 238 erneut an und eroberte mehrere Städte. 240/41 konnte das strategisch wichtige Königreich Hatra nach mehrjähriger Belagerung der Hauptstadt und mit gewaltigem Aufwand erobert werden (wenn die Eroberung vielleicht auch erst unter Ardaschirs Sohn Schapur erfolgte, siehe unten). Hatra hatte sich offenbar mit den Römern verbündet und war zudem ein arsakidischer Widerstandshort gewesen. Somit war die persische Westgrenze vorerst gesichert. mini|Relief Schapurs I. (Bischapur): Vor dem berittenen Perserkönig kniet der römische Kaiser Philippus Arabs; Kaiser Valerian steht neben Schapur, der ihn zum Zeichen der Gefangenschaft am Arm gepackt hat; unter den Hufen des königlichen Pferdes liegt Kaiser Gordian III.

Ardaschirs Sohn, Großkönig (genauer wäre DMG šāhān šāh, „König der Könige“) Schapur I. (240–270/272), der bereits vor dem Tod Ardaschirs an der Regierung beteiligt war, nannte sich Šāhān šāh Ērān ud Anērān („König der Könige von Iran und Nicht-Iran“).Touraj Daryaee: Sasanian Iran 224–651 CE. Portrait of a Late Antique Empire. Costa Mesa (Calif.) 2008, S. 22 ff.; Josef Wiesehöfer: Das Reich der Sāsāniden. In: Klaus-Peter Johne (Hrsg.): Die Zeit der Soldatenkaiser. Band 1. Berlin 2008, S. 539 ff. Er gilt als einer der bedeutendsten Sassanidenherrscher und konnte neben seinen militärischen auch innenpolitische Erfolge erzielen. In seinem berühmten Tatenbericht (den sogenannten res gestae divi Saporis),Philip Huyse: Die dreisprachige Inschrift Šabuhrs I. an der Ka'ba-i Zardušt (ŠKZ). 2 Bände. London 1999. der eine wichtige und weitgehend zuverlässige Quelle darstellt, werden insgesamt drei Feldzüge des Perserkönigs gegen das Römische Reich und zahlreiche eroberte Städte erwähnt.

Der erste Feldzug diente der Abwehr der Römer, die 243/44 unter Gordian III. in Persien eingefallen waren.Erich Kettenhofen: Die römisch-persischen Kriege des 3. Jahrhunderts n. Chr. nach der Inschrift Sãhpuhrs I. an der Kabe-ye Zartost (SKZ). Wiesbaden 1982, S. 19 ff.; Karin Mosig-Walburg: Römer und Perser vom 3. Jahrhundert bis zum Jahr 363 n. Chr. Gutenberg 2009, S. 31 ff. Schapur besiegte nach anfänglichen Rückschlägen den römischen Kaiser, der in der Schlacht von Mesiche (oder kurz darauf) den Tod fand. Schapur schloss kurz darauf mit Gordians Nachfolger Philippus Arabs einen für Rom schmachvollen Frieden. Anschließend stieß er in den 250er Jahren – die damalige Schwäche des Imperiums nutzend (siehe Reichskrise des 3. Jahrhunderts) – mehrmals tief auf römisches Gebiet vor. Dieser zweite Feldzug fand wahrscheinlich im Zeitraum 252/53 bis 256/57 statt, doch ist die genaue Datierung umstritten. In diesem Zusammenhang drang der König nach Syrien vor und eroberte Antiochia (ob die Stadt 253 oder 256 erobert wurde, ist unklar). Im Jahr 256/257 führte ein kleinerer Zug die Perser bis Dura Europos, das nach einer längeren Belagerung erobert wurde.Erich Kettenhofen: Die römisch-persischen Kriege des 3. Jahrhunderts n. Chr. nach der Inschrift Sãhpuhrs I. an der Kabe-ye Zartost (SKZ). Wiesbaden 1982, S. 38 ff.; Karin Mosig-Walburg: Römer und Perser vom 3. Jahrhundert bis zum Jahr 363 n. Chr. Gutenberg 2009, S. 43 f.