Gshang (), auch gshaṅ, shang, gchang, ist eine kleine Handglocke mit Klöppel, die in magischen Ritualen der tibetischen Bön-Religion anstelle der tibetisch-buddhistischen Glocke dril-bu (Sanskrit ghanta) verwendet wird. Die gshang entspricht mit ihrer flachen Schalenform eher einem Paarbecken als der hohen tassenförmigen dril-bu und wird anders als jene mit der rechten Hand und mit dem Klöppel nach oben geschüttelt. Der Bön-Geisterbeschwörer will nach dem Selbstverständnis des Bön mit Glocke und Trommel (rnga-chung), seinen wichtigsten Ritualgeräten, in einem Besessenheitsritual Dämonen abwehren und eine Beziehung der Menschen zu den Göttern herstellen.

Herkunft mini|hochkant|Klöppellose Bronzeglocke nao aus der späten Shang-Dynastie (13.–11. Jahrhundert v. Chr.), die bei Ritualen mit der Öffnung nach oben gehalten und außen angeschlagen wurde Die ältesten rhythmisch verwendeten Klangerzeuger, die bei kultischen Ritualen in den Händen gehalten wurden, waren Klappern und Gefäßrasseln aus Pflanzenmaterialien. Die Entstehung der Klöppelglocke ist als eine Kombination beider Schlagidiophone vorstellbar.Percival Price: Bell (i). 4. History. In: Grove Music Online, 2001 Gegenüber den frühesten Glöckchen aus Fruchtschalen stellen metallene Handglocken mit einem angegossenen oder daran befestigten Handgriff eine jüngere Entwicklung dar. Gegeneinander geschlagene Paarbecken könnten aus zwei zusammengeschlagenen klöppellosen Glocken hervorgegangen sein, die tiefe runde Form der Glocken musste damit für einen lauteren Klang zwangsläufig flacher und breiter werden.Curt Sachs: Geist und Werden der Musikinstrumente. (Berlin 1928) Nachdruck: Frits A. M. Knuf, Hilversum 1965, S. 148f Im Nahen Osten sind Abbildungen von entsprechenden Paarbecken (Zimbeln) erhalten, die Trichtern ähneln oder wie bei ab dem 3. Jahrtausend v. Chr. überlieferten hethitischen ZimbelnAhmet Akkoç: The İnandık Vase: An Ancient Snapshot of Hittite Music. Indo-European Studies flache Teller mit mittigen Handgriffen sind. In der Hebräischen Bibel lautet der Name solcher Zimbeln mesiltayim.Joachim Braun: Die Musikkultur Altisraels/Palästinas: Studien zu archäologischen, schriftlichen und vergleichenden Quellen. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1999, S. 98 In der chinesischen Zhou-Dynastie (um 1122–770 v. Chr.) spielte das Militärorchester den Quellen zufolge mit Becken, deren Name jedoch zwischen den Bezeichnungen für annähernd zylindrische Stielhandglocken (nao) vorkommt.Curt Sachs, 1928, S. 149 Die instrumentenkundliche Unterscheidung richtet sich nach der Anfang des 20. Jahrhunderts eingeführten Hornbostel-Sachs-Systematik. Demnach gehören gshang, weil sie durch einen Klöppel angeschlagen werden, zu den Aufschlaggefäßen und weil sie ihr Schwingungsmaximum am Rand haben, zu den Glocken und nicht zu den Gongs. Die flachgewölbte Form entspricht dagegen Gegenschlaggefäßen (Paarbecken), wie den in der tibetisch-buddhistischen Ritualmusik waagrecht geschlagenen rol-mo, den senkrecht geschlagenen sil-snyan (silnyen) oder den kleinen Handzimbeln tingsha.

Kleine (offene) Glöckchen und (geschlossene) Schellen, die mutmaßlich als magische Abwehrmittel an der Kleidung getragen wurden, gab es bereits im 4. Jahrtausend v. Chr. in Südostasien, von wo sie sich nach China, Indien und in den Nahen Osten verbreitet haben. Bis heute besitzen Schellen (ghungru) an den Fußgelenken von Tänzern in Südasien eine magische Funktion.

Bronzeglocken wurden in der zentralchinesischen Ebene zuerst aus der Shang-Dynastie (18.–11. Jahrhundert v. Chr.) gefunden. Ab der Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr. kamen ovale Glocken in China in Gebrauch, die bis zum Ende jenes Jahrtausends immer größer geworden waren, sodass die größeren Glocken in einem Gestell aufgehängt und mit Schlägeln geschlagen wurden. Bis zur Mitte des 1. Jahrtausends v. Chr. nahmen diese Glocken eine bedeutende Funktion in den staatlichen Orchestern ein und wurden für konfuzianische Rituale verwendet. Handglocken und Schellen wurden in Indien bei vedischen Ritualen ab dem 6. Jahrhundert v. Chr. eingesetzt. Heute schlagen Gläubige in Hindutempeln aufgehängte kleine Klöppelglocken (Sanskrit ghanta) an, um mit der Gottheit in Kontakt zu treten. Handglocken und Tempelglocken wurden für buddhistische Rituale in Indien übernommen und gelangten mit der Ausbreitung des Buddhismus nach Ostasien und Südostasien.Percival Price: Bell (i). 4. History. (i) East and South Asia. In: Grove Music Online, 2001 In China verbreitete sich der Buddhismus ab dem 1. Jahrhundert n. Chr. und in Tibet in den nachfolgenden Jahrhunderten.

Bei Ritualen des tibetischen Buddhismus wird die Stielhandglocke mit Klöppel dril-bu (tibetisch, Sanskrit ghanta) stets paarweise mit dem Zepter dorje (dem Donnerkeil des Gottes Indra) verwendet. Der buddhistische Priester hält die Glocke (anders als der Bön-Priester) an ihrem Stiel in der linken Hand und das Zepter in der rechten Hand. In China werden kleine Glocken mit Klöppel ling genannt. Sie entsprechen der in Japan bei buddhistischen Ritualen gebrauchten Handglocke mit Klöppel rei.Rei. In: Grove Music Online, 25. Mai 2016 Die übrigen Glockentypen in China sind klapperlos und heißen allgemein zhong, falls sie nicht durch Namenszusätze, etwa fanzhong für große buddhistische Glocken, spezifiziert werden.Alan R. Trasher: Zhong. In: Grove Music Online, 2001; ders.: Fanzhong. In: Grove Music Online, 28. Mai 2015 Mit dem Namen zhong (oder cong) wurden auch einige große Glocken bezeichnet, die den Inschriften zufolge chinesische GlockengießerGiuseppe Tucci: The Tombs of the Tibetan Kings. Istituto Italiano per il Medio ed Estremo Oriente, Rom 1950, S. 69f Ende des 8. Jahrhunderts für buddhistische Klöster in Tibet und Bhutan anfertigten.Mireille Helffer: Cong. In: Grove Music Online, 22. September 2015

In der tibetischen Musik werden vier Instrumentenklassen unterschieden. Zu den brdung-ba („geschlagenen Instrumenten“) gehören sowohl Idiophone wie die großen Paarbecken rol-mo und die kleinen tingsha als auch Membranophone wie die großen zweifelligen Rahmentrommeln (rnga) und Stieltrommeln (lag-rnga, dhyangro, in Bön-Ritualen bon po’i rnga), aber nicht die gshang. Diese wird wie die Handglocke dril-bu und die Klappertrommel damaru zu den khrol-ba („geschwungenen Instrumenten“) gezählt.Mireille Helffer, Wolfgang Hauptfleisch: Tibelt, Bhutan, Ladakh. II. Musiktraditionen der Klöster. 3. Instrumente und instrumentale Zwischenspiele. (1998) In: MGG Online, November 2016

Mit der gshang wurden in den Bön-Klöstern und außerhalb besondere Rituale durchgeführt, die von gläubigen tibetischen Buddhisten abzulehnen sind. Unklar ist, ob die weder in Indien noch außerhalb der Bön-Tradition in Tibet bekannte ungewöhnliche Form dieser Glocke aus vorbuddhistischer Zeit stammt, bevor die buddhistische dril-bu mit Handgriff eingeführt wurde, oder ob diese Ritualglocke zu einer späteren Zeit als ein Versuch, sich von buddhistischen Praktiken abzusetzen, eingeführt wurde.Mireille Helffer, 1994, S. 230f Nach der mythischen Überlieferung ist die gshang die ältere Glocke, denn sie wird als ein Attribut des vor vielen Jahrtausenden lebenden legendären Bön-Gründers Shenrab Miwoche aufgefasst.John Vincent Bellezza: gShen-rab Myi-bo. His life and times according to Tibet’s earliest literary sources. In: Revue d’Etudes Tibétaines, Nr. 19, Oktober 2010, S. 31–118, hier S. 84

Bauform und kulturelle Bedeutung mini|hochkant|Buddhistische Stielhandglocke dril-bu, Sanskrit ghanta, aus Glockenmetall. Tibet, wohl 18. Jahrhundert Die gshang ist eine besondere Form einer Glocke mit einem sehr flachen, tellerförmigen Körper aus Glockenmetall (Bronzelegierung, tibetisch li), die nur in Bön-Ritualen verwendet und mit dem Klöppel nach oben geschüttelt wird. Nach Angaben des Bön-Meisters (slob dpon) Tenzin Namdak (1926–2025) gibt es bei dieser Definition des Aufschlagidiophons zwei Varianten: die große gshang oder gshang-chen und die kleine gshang oder gshang-chung. Im Gegensatz zu anderen Musikinstrumenten aus tibetischen Klöstern, die in europäischen Museum in ausreichender Zahl vorhanden sind, wurden gshang kaum gesammelt und teilweise falsch katalogisiert. Aus den Museumsinventaren konnte Mireille Helffer (1994) dennoch die beiden unterschiedlichen Größen bestätigen.

Die kleinen gshang messen etwa 10 Zentimeter im Durchmesser und sind ähnlich dick wie kleine tingsha. Wegen der Materialstärke klingen sie lange nach. Die großen gshang messen 16 bis 25 Zentimeter im Durchmesser und haben eine geringere Materialstärke. Beiden Größen gemeinsam ist eine mit 2 bis 3 Zentimetern Höhe sehr flache Wölbung des Klangkörpers. Im Unterschied zur tiefen Gefäßform der dril-bu, an der ein langer verzierter Handgriff befestigt ist, wird die gshang an einem am Loch in der Mitte festgebundenen Lederband oder an einer Kordel gehalten, die in einer mit Stoff gefüllten Verdickung aus Leder (chang-bzung) endet.Mireille Helffer, 1994, S. 215f Außerdem sollte ein mehr oder weniger langer bunter Seidenstreifen angebunden sein. An der Innenseite hängt der Klöppel, der aus der Hornspitze einer Ziege besteht, frei an einem ebensolchen Lederband.

Eine besondere Wertschätzung erfahren in den Klöstern gshang, die bedeutenden religiösen Lehrern gehörten. Sie werden wie Reliquien im Klosterschatz aufbewahrt. Dennoch gibt es nur wenige schriftliche Quellen, die sich mit der Geschichte und dem Gebrauch der gshang befassen. Bekannt ist die Legende vom Wettkampf zwischen dem buddhistischen Meister und Begründer der Kagyü-Schule Milarepa (1040–1123) und seinem Gegner, dem Bön-Priester Naro Bönchung, um die schnellste Besteigung des heiligen Berges Kailasch. Milarepa gelang als Erstem die Eroberung des Berges als einem Sinnbild für die seitdem gewonnene Vorherrschaft des Buddhismus in Tibet. Der auf seiner Trommel reitende und eine gshang schwenkende Naro Bönchung erschrak dadurch so sehr, dass er die Trommel fallen ließ, die beim Absturz einen Spalt an der Bergflanke hinterließ. Über die gshang teilt der maßgebliche Autor der Ende des 15. Jahrhunderts entstandenen Überlieferung Mila’i mGur ’bumVgl. Adelheid Mette: Beobachtungen zur Überlieferungsgeschichte einiger Lieder des Mi la ras pa’i mGur ’bum. In: Indo-Iranian Journal, Band 18, Nr. 3/4, November–Dezember 1976, S. 255–272 (Milarepas gesammelte Vajra-Lieder) Tsang Nyön Heruka nichts weiter mit, wohl weil er das Instrument unter seinen tibetischen Zeitgenossen als bekannt voraussetzen durfte.

Ein Text aus dem 18. Jahrhundert beschäftigt sich mit den für die Ausübung des Vajrayana benötigten Ritualgegenständen. Der buddhistischen Traditionen nahestehende Bön-Priester Kundrol Drakpa (* 1700) beschreibt detailliert Material, Form und Art der Klangerzeugung der gshang. Demnach besteht die gshang wie die dril-bu aus einem Glockenmetall, das „weißes li“ genannt wird und dessen Legierungsanteile je nach gewünschter Klangqualität verändert werden können. Ein Anteil von Gold in der Bronze ergibt eine Gelbgold-Glocke mit einem „männlichen“ kräftigen Klang, ein Anteil von Silber ergibt eine weiße silberne Glocke mit einem „weiblichen“ dünnen Klang.