mini|hochkant=1.35|Schilderung des Sieges über die Seevölker im Totentempel Ramses’ III. in Medinet Habu, dem altägyptischen Tahut

Der Begriff Seevölker wird seit dem späten 19. Jahrhundert als Sammelbezeichnung für die in ägyptischen Quellen des Neuen Reiches erwähnten „Fremdvölker“ verwendet, die gegen Ende des 13. Jahrhunderts v. Chr.der späten Bronzezeit im östlichen Mittelmeer Raum. unter Merenptah, vor allem aber zu Beginn des 12. Jahrhunderts v. Chr. nach Berichten von Ramses III. (20. Dynastie, Neues Reich) zur ernsten Bedrohung für Ägypten wurden. Möglicherweise handelt es sich um die gleichen Kräfte, die zwischen 1194 und 1186 v. Chr. Ugarit angriffen und zerstörten. Auch für eine Reihe weiterer Zerstörungen und Umwälzungen im östlichen Mittelmeergebiet werden diese Völker verantwortlich gemacht.Jared Diamond (2005) nennt fünf wesentliche Gründe die zu einem Zusammenbruch von Gesellschaften führen können; siehe hierzu Jared Diamond: Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder untergehen. 2. Auflage, Fischer, Frankfurt am Main 2012, ISBN 978-3-596-19258-8.Joseph Tainter: The Collapse of Complex Societies (= New Studies in Archaeology.). Cambridge University Press, Cambridge (UP) 1990 (Erstausgabe 1988).

In der neueren Forschung werden die Seevölkerbewegungen zunehmend nicht als alleinige Ursache, sondern als Teil einer umfassenderen Krisendynamik am Ende der Bronzezeit verstanden. Sie können dabei eher als Symptom bereits bestehender politischer, wirtschaftlicher und sozialer Umbrüche im östlichen Mittelmeerraum betrachtet werden (siehe auch: Zusammenbruch der Bronzezeit).

Hypothesen zur Herkunft Woher ursprünglich die einzelnen Gruppen der als „Seevölker“ bezeichneten EthnienFrederik Christiaan Woudhuizen: The ethnicity of the sea peoples. Promotionsschrift, Erasmus Universiteit, Rotterdam 2006 (Volltext). kamen, ist bisher unklar.Nach Eric H. Cline: Der erste Untergang der Zivilisation. Darmstadt 2015, sind folgende Orte beschrieben worden: Sizilien, Sardinien, Apennin, möglicherweise aber auch aus dem ägäischen Raum, Westanatolien, Zypern. So wird, neben anderen Positionen, angenommen, dass die „Seevölker“ unterschiedlichen Gruppen verschiedener mediterraner Regionen und unterschiedlichen Kulturen entstammten, die in Wellen und über einen längeren Zeitraum hinweg in die bestehenden politischen und kulturellen Ordnungen der einzelnen Staaten des östlichen Mittelmeers eindrangen.Eric H. Cline: Der erste Untergang der Zivilisation. Wbg Theiss, Darmstadt 2015, ISBN 978-3-8062-3782-5, S. 24 f. Die Ursachen dieser Migrationsdynamik werden, obgleich kontrovers diskutiert, unter anderem etwa in den späteren Folgen der Thera-EruptionHarald Meller, François Bertemes, Hans-Rudolf Bork, Roberto Risc (Hrsg.): 1600 – Kultureller Umbruch im Schatten des Thera-Ausbruchs? 1600 – Cultural change in the shadow of the Thera-Eruption? 4. Mitteldeutscher Archäologentag vom 14. bis 16. Oktober 2011 in Halle (Saale) (= Tagungen des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle. Band 9). Berlin 2013, ISBN 978-3-944507-00-2 (online.Die von Spyridon Marinatos publizierte Auffassung des Untergangs der minoischen Kultur durch den Vulkanausbruch (siehe The Volcanic Destruction of Minoan Crete. In: Antiquity. Band 13, 1939, S. 425–439) erwies sich in aktuellen Forschungsergebnissen als haltlos (siehe Walter L. Friedrich: Feuer im Meer. Der Santorin-Vulkan, seine Naturgeschichte und die Atlantis-Legende. 2. Auflage. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 2004, ISBN 3-8274-1582-9). Ebenso konnte der Zeitpunkt des Ausbruchs genauer datiert werden, mit erweiterten Methoden wird er auf etwa 1650 ± 30 v. Chr. bestimmt. In einem Netzwerkmodell des bronzezeitlichen Seehandels der Ägäis zeigte sich, dass die Vernichtung des Stützpunktes Akrotiri zu einem kurzfristig verstärkten Ausbau alternativer Handelsrouten führte. Dennoch wurde langfristig durch den erhöhten Aufwand der bronzezeitliche Fernhandel erheblich eingeschränkt, so dass der Niedergang der Minoer indirekt durch den Vulkanausbruch gefördert worden sein kann (siehe Carl Knappelt, Ray Rivers, Tim Evans: The Theran eruption and Minoan palatian collaps – new interpretations gained from modelling the maritime network. In: Antiquity. Band 85, Nr. 329, S. 1008–1023. vermutet, eines spätbronzezeitlichen Ausbruchs der ägäischen Vulkaninsel Thera (heute Santorin), die sich im 17. oder 16. Jahrhundert v. Chr. zutrug, oder in Kombination mit einer späteren Eruption des Hekla-Vulkans auf Island oder des Ätnas auf SizilienFrank Falkenstein: Eine Katastrophen-Theorie zum Beginn der Urnenfelderkultur. In: Chronos. Beiträge zur prähistorischen Archäologie zwischen Nord- und Südosteuropa. Festschrift für Bernhard Hänsel. (Herausgegeben von Cornelia Becker, Marie-Luise Dunkelmann, Carola Metzner-Nebelsick, Heidi Peter-Röcher, Manfred Roeder und Biba Teržan) Leidorf, Espelkamp 1997, S. 551 (). und deren Auswirkungen.Gustav Adolf Lehmann: Umbrüche und Zäsuren im östlichen Mittelmeerraum und Vorderasien zur Zeit der „Seevölker“-Invasionen um und nach 1200 v. Chr. Neue Quellenzeugnisse und Befunde. In: Historische Zeitschrift. Nr. 262, 1996, S. 1–38.Klaus Georg Sommer: Der 21. Januar 1192 v. Chr.: der Untergang Ugarits? Dissertationsschrift, Ludwig-Maximilians-Universität, München 2015 (Volltext als PDF).Eberhard Zangger: Naturkatastrophen in der ägäischen Bronzezeit – Forschungsgeschichte, Signifikanz und Beurteilungskriterien. In: Geographica Historica. Band 10; Stuttgarter Kolloquium zur historischen Geographie des Altertums, Naturkatastrophen in der antiken Welt, herausgegeben von Eckart Olshausen und Holger Sonnabend. Band 6, 1996, S. 211–241 (online) Laut Zangger waren es die Luwier, die als „Seevölker“ zu betrachten sind und von denen die ägyptischen Pharaonen Ramses III. (1184–1153 v. Chr.) sowie Merenptah (1213–1204 v. Chr.) berichteten. Solche Hypothesen leiten aus den Eruptionen dann Auswirkungen wie Sonnenverfinsterung, Absenkung der Temperatur, was sich in der Klimageschichte zu jener Zeit in einem allgemeinen Temperatursturz äußerte, und Subsistenzkrisen ab. Andere Szenarien sehen in einer Kette von Erdbeben,Dirk Husemann: Das große Beben. In: Bild der Wissenschaft. Nr. 12/2014, Konradin, Leinfelden-Echterdingen Dezember 2014, S. 58–65. verursacht durch die Drift entlang der Berührungs- und Verwerfungszonen der Afrikanischen, Eurasischen und Arabischen Platten, eine Erklärungsmöglichkeit.

Auch Dürren, deren Ursachen unklar sind, kommen als Erklärung in Frage. So konnte durch Kaniewski (2008/2010)D. Kaniewski, E. Paulissen, E. Van Campo, M. Al-Maqdissi, J. Bretschneider, K. Van Lerberghe: Middle East coastal ecosystem response to middle-to-late Holocene abrupt climate changes. In: PNAS. 16. September 2008, Band 105, Nr. 37, S. 13941–13946.D. Kaniewski, E. Paulissen, E. Van Campo, M. Al-Maqdissi, J. Bretschneider, K. Van Lerberghe: Late second–early first millennium BC abrupt climate changes in coastal Syria and their possible significance for the history of the Eastern Mediterranean. In: Quaternary Research. September 2010, Band 74, Nr. 2, S. 207–215, hier S. 208, doi:10.1016/j.yqres.2010.07.010 (Volltext auf researchgate.net). anhand von Pollenanalysen in Tell Tweini (Syrien) nachgewiesen werden, dass das Klima vom frühen 12. bis 9. Jahrhundert v. Chr. trockener wurde. In einer weiteren Untersuchung bei einer Pollenanalyse auf Zypern, in Hala Sultan Tekke, kam man zu den gleichen Ergebnissen. Eine andere Metastudie von Drake (2012)Brandon Lee Drake: The Influence of Climatic Change on the Late Bronze Age Collapse and the Greek Dark Ages. In: Journal of Archaeological Science. Band 39, Nr. 6, Juni 2012, S. 1862–1870 (Volltext). für die Ägäis ergab, dass es damals zu einer Abkühlung der Meeresoberfläche im östlichen Mittelmeer kam, was wiederum weniger Niederschläge mit sich brachte und vermutlich zwischen 1250 und 1197 v. Chr. zu einer Dürre in der Region führte.

Dass allein die Raubzüge und Plünderungen der „Seevölker“ zu einem Zusammenbrechen der spätbronzezeitlichen Handelswege geführt hätten, was das fragile System der eng miteinander vernetzten Kulturen kollabieren ließ, gilt als unwahrscheinlich. Vielmehr scheinen die Seevölker nicht nur Auslöser, sondern auch Betroffene eines weitaus komplexeren Geschehens gewesen zu sein.Hakan Baykal: Stürmische Zeiten. In: epoc. Ausgabe 01/2010 (Volltext).Jesse Millek: Seevölker: Sturm im Wasserglas. In: Spektrum der Wissenschaft. Spezial Archäologie – Geschichte – Kultur Band 4/2016.

Begriff und Wissenschaftsgeschichte Die Bezeichnung geht auf den Ausdruck in einem Text des Ägyptologen Emmanuel de Rougé (1811–1872) zurück, der sie in seiner Beschreibung (1855) der Überreste des zweiten Pylons des Tempels von Medînet Hâbu verwendete.Neil A. Silberman, Seymour Gitin, Amichai Mazar, Ephraim Stern (Hrsg.): The Sea Peoples, the Victorians, and Us (= Mediterranean Peoples in Transition: Essays in Honor of Trude Dothan. 1998). Israel Exploration Society, S. 269. Der Ägyptologe Gaston Maspero, Emmanuel de Rougés Nachfolger am Collège de France, popularisierte die Bezeichnung und assoziierte sie mit der Theorie ihrer Migration. Maspero hat diese Hypothese 1873 in der Revue critique d’histoire et de littérature erwähnt und 1895 in seiner Histoire ancienne des peuples de l’Orient classique weiter entwickelt.

Der Ausdruck Seevölker wurde also von Maspero in der akademischen Welt verbreitet; er fand den Begriff verwandt mit Bezeichnungen in altägyptischen Texten, in denen von den „Leuten von (den Inseln) inmitten des Meeres“ (iww ḥr jw-ib w3ḏ-wr) die Rede ist. Obwohl die Bezeichnung suggeriert, dass es sich hier um Seekrieger handelt, sprechen die Texte aber davon, dass sie zu See und an Land kämpften.

In den ägyptischen Texten werden sie als thr oder im Plural thr.w geschrieben. Gewöhnlich wird das mit „Krieger“ oder „Truppe“ übersetzt. Vermutlich handelt es sich um ein semitisches Lehnwort aus Ugarit.Issam K Halayqa: A Comparative Lexicon of Ugaritic and Canaanite (= Alter Orient und Altes Testament. Band 340). Ugarit-Verlag, Münster 2008, ISBN 978-3-934628-95-3, S. 341. Dort wird es in Tafeln zweimal im Zusammenhang mit einem Sieg der Tarwu (thr) gegen die Stadt Emar benutzt, wobei es sich hierbei wohl um die Stadt Mittani handelte.Daniel Arnaud, Hatice Gonnet: Textes syriens de l’âge du Bronze récent (= Aula orientalis-supplementa. Band 1). Editorial AUSA, Barcelona 1991, S. 58: Abbildung Nr. 25; S. 83: Nr. 44. Im Relief der Schlacht bei Kadesch 1274 v. Chr. werden thr jedoch auch als Truppen vor oder hinter der Armee der Hethiter in Funktionen als Spähtrupp bzw. rückwärtiger Schutz dargestellt, die wohl ebenfalls Mittani aus Naharina in Diensten hethitischer Herrscher darstellen. Verschiedene Wissenschaftler betrachten sie daher als schnelle „Eingreiftruppe“ oder als „Elitekrieger“.

Die früheste ägyptische Quelle für das Wort thr stammt aus der Zeit Thutmosis III. und hängt wohl ebenfalls mit den Mittani und der Schlacht bei Megiddo von 1457 v. Chr. zusammen. Alan Gardiner glaubte daher, dass es sich um ein mittanisches Wort handelte.Alan Henderson Gardiner: The Kadesh inscription of Ramesses II. Griffith Institute at the University Press, Oxford 1960, S. 40. Einen weiteren Hinweis bietet die Heirats-Stele von Ramses II., der die Tochter des Königs von Ḫatti heiratete. Diese wurde von ihrem Hofstaat und den thr begleitet. In der 20. Dynastie von Ägypten werden thr in hohen Militärpositionen, aber auch als Landeigner in Mittelägypten erwähnt. Zwei Privatstelen aus dem Tempel von Ehnasya bezeichnen sich als thr-Anführer der Šardana-Hochburg bzw. als thr-Soldat der Sherden. Eine Militärkolonie ist aus der Zeit Ramses III. bekannt, die in dessen Armee diente. Eine klare Zuordnung dieser Seevölker ist daher auch hier nicht zu erkennen.

Aus ägyptischer Perspektive benannte Ethnien und „Seevölker“