Andere Tage ist der Titel des 1968im Verlag Jakob Hegner, Köln veröffentlichten zweiten Teils der Eugen-Rapp-Roman-Serie von Hermann Lenz mit autobiographischem Bezug. Erzählt wird vor dem Hintergrund der endenden Weimarer Republik und der beginnenden nationalsozialistischen Herrschaft die politische und berufliche Orientierung des Protagonisten während seiner Gymnasial- und Studienzeit.
Inhalt Überblick Eugens jüngere Schwester Margret erzählt die Geschichte ihres 1913 geborenen Bruders. In der Phase ihrer, am Königin-Katharina-Stift, und seiner, am Reformrealgymnasium am Stöckach, Gymnasialzeit ist sie meist selbst Augenzeugin des Familienlebens. Sie beschreibt den Alltag in Stuttgart, die jährlichen Sommerferien am Bodensee, die Besuche der Großeltern, ihres früheren Wohnortes Künzelsau und befreundeter Familien, z. B. bei Oberst Ruß im alten Schloss oder in der großbürgerlichen Villa der Fabrikantenfamilie Roth. Die Männer sind, wie der Reserveoffizier-Vater, meist konservativ-patriotisch eingestellte Teilnehmer am Ersten Weltkrieg und skeptisch gegenüber dem demokratischen parlamentarischen System. Familiengeschichte Eugens und Margrets Großeltern entstammen dem Kleinbürgertum: Vater Herrmann ist ca. 1883 als Sohn des Webers und Weißzeughändlers Gottlieb Rapp in Dürrmenz an der Enz geboren, Mutter Irene kommt aus einer musikalischen Stuttgarter Gastwirtsfamilie. Großvater Julius Krumm war Feinmechaniker, Büchsenmacher und Wirt „Zum goldenen Hasen“ in Gablenberg. Hermann und Irene leben bescheiden und haben Aufstiegsambitionen. Er arbeitet als Lehrer und Kunstmaler, später wird er Studienrat in Stuttgart, sie ist Hausfrau und Pianistin. Ihre Kinder sollen diesen Weg fortsetzen, Eugen durch ein Studium, die Violine und Akkordeon spielende Margret durch eine gute Heirat. Die Verbindungen des Vaters können dafür nützlich sein. Vater – Sohn In der Familie Rapp wird in Gegenwart der Jugendlichen, die sich eher für ihre Freundschaften und Kleidung interessieren, kaum über Politik gesprochen, aber die Gegensätze werden deutlich: Eugen ist „Schwarz-Rot-Gold-Demokrat“, dem Vater gefällt „Schwarz-Weiß-Rot“. Hitler wird erwähnt und in Verbindung mit dem „Vaterland“ der „Schandvertrag von Versailles“, die „wachsweiche Demokratie“, die ergebnislos debattierenden Reichstagsabgeordneten, die Unzuverlässigkeit der Sozialdemokraten, die mit den Kommunisten paktieren würden.
Eugen entspricht nicht den Erwartungen des Vaters. Bereits als Kind ist er ein Einzelgänger: still, höflich zurückhaltend und diskutiert nicht gern: „Warum muss man sich alleweil mit jemand streiten, wenn es doch nichts nutzt? […] Immer wieder musst du dich krummlegen, und das Schöne gibt’s nur in der Einbildung, oder wenn du dich erinnerst.“Hermann Lenz: Andere Tage. Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S. 41. Im Männerbild der Zeit ist er ein Außenseiter. Die harten Typen sind ihm ekelhaft und er besucht lieber als verträumter ästhetisch rückwärtsgewandter Mörike-Fan in dessen Pfarrort Cleversulzbach die Gräber von Mörikes und Schillers Mutter. Wie sein Idol will er Landpfarrer werden in einer vertrauten Mittelgebirgslandschaft. Die hohen Alpenberge gefallen ihm nicht, denn er mag nichts Geniales, das sei ihm grausig, auch das Protzige lehnt er ab.
Rapp wünscht sich den Sohn als „ganzer Kerle“, der den Körper durch abhärtende Gepäckmärsche und Wehrerziehung bei Jung-Deutschland trainiert. Anschließend soll der Lehrersohn Karriere machen und in der Gesellschaft eine höhere Stufe als der Vater erreichen: „Es muss halt aufwärts gehen!“Hermann Lenz: Andere Tage. Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S. 95. Er erhofft sich für ihn eine Führungsposition: Regierungsrat oder Kaufmann. Dafür könnten seine Beziehungen z. B. zum Fabrikanten Dr. Eduard Martz oder innerhalb der NSDAP von Nutzen sein. Aus diesen Gründen ist er unzufrieden mit Eugens mangelndem Ehrgeiz und seiner politischen Einstellung und spottet über den Demokraten-Sohn. Doch Eugen will nur so viel verdienen, wie er zum Leben braucht und „freie Zeit für sich selbst haben, darauf [kommt’s] ihm an.“Hermann Lenz: Andere Tage. Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S. 97. Schließlich resigniert der Vater und hofft auf eine Entwicklung: „Den muss man halt lassen“.Hermann Lenz: Andere Tage. Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S. 66.
Seinen strategischen Parteieintritt hält er vor dem Sohn geheim, auch äußert er sich öffentlich über die Nazi-Propaganda ausweichend: „Ach, halt so a jongs domms G’schrei“.Hermann Lenz: Andere Tage. Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S. 78. und distanziert sich auch vom Appell, nichts mehr bei den Juden zu kaufen und sie auszugrenzen.Hermann Lenz: Andere Tage. Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S. 83. Eugen kommentiert den Hinweis seiner Schwester, dass der Vater in die Partei eingetreten ist, „weil er für uns [Schulmeisterkinder] sorgen muss“: „[G]anz schlecht […] dass man im Leben halt mitmachen müsse; lieber würde er bloß nebendraußen stehen und zuschauen. […] auch wenn du nicht dabeisein willst, dazugerechnet wirst du trotzdem. […] wahrscheinlich sollen wir’s auch nicht gemütlich haben. Es sieht so aus, als seien wir nicht dafür da.“Hermann Lenz: Andere Tage. Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S. 94. Margret Emotional steht Margret zwischen ihrem demokratisch eingestellten Bruder und den Familieninteressen ihres Vaters und versucht die Spannungen auszugleichen. Sie orientiert sich auch an Eugens Meinung über die Menschen und fragt ihn um Rat. Sie ist beeindruckt von ihrer selbstbewussten Freundin Eva Maurer. Deren wohlhabenden Eltern sind Nationalsozialisten, die Tochter dagegen lehnt dies ab und versteht sich mit Juden. Nach Margrets Meinung würde sie gut zu Eugen passen: „[W]arum müsse man arbeiten, es sei haufengenug, dass man überhaupt leben müsse.“Hermann Lenz: Andere Tage. Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S. 40..
Während ihr Bruder studiert, wartet Margret traditionell auf einen Ehemann. Sie verlobt sich mit dem Ingenieur Abele, den sie als Bratschisten bei Triospielen in der Wohnung des Obersekretärs vom österreichischen Konsulat Seitz kennengelernt hat und der nach seinem Studium eine Anstellung bei MAN findet. Sie ist unsicher, ob ihr „trockener“ Bräutigam, der als SS-Mitglied ihren Hinterkopf nach arischen Merkmalen untersucht hat, der richtige Mann für sie ist. Sie fragt ihren Bruder um Rat und ist gefühlsmäßig erleichtert, als Abele die Verlobung auflöst. Für ihre Existenzsicherung ist dies allerdings ein Rückschritt und sie nimmt als Überbrückung die Stelle eines Dienstmädchens bei der befreundeten Schriftstellerfamilie Bitter an. Theologie- und Kunststudium Rapp stimmt schließlich dem Wunsch seines Sohnes zu, nach dem Abitur in Tübingen Theologie zu studieren, besteht aber darauf, dass er für die Knüpfung von Kontakten einer Studentenverbindung beitritt. Nach einem ersten Versuch bei der „Normannia“ wechselt er zur „Freilandia“, einer nicht uniformierten (Schwarzen Verbindung), aber auch hier gefallen ihm die Kneipe-Rituale nicht.
Nachdem Eugen die Prüfungen zum Hebraicum und Graecum nicht bestanden hat und das Studium in Tübingen abbricht, stellt sich erneut die Berufsfrage. Der Vater droht mit einer Buchhändlerlehre, ist aber mit einem Kunstgeschichte-Studium in München (1933/1934) und dann in Heidelberg einverstanden: Der Sohn habe mit einer Dissertation die Chance auf eine Beamtenstelle im Kultusministerium oder in einem Museum. Mit dem langen Verlauf ist er allerdings unzufrieden, aber er finanziert weiterhin das Studium. Sein Rückzug aus Parteiaktivitäten beruhigt weiterhin das Vater-Sohn-Verhältnis: „[M]ein Vater lässt doch jeden gelten; sogar seinen missratenen Sohn.“Hermann Lenz: Andere Tage. Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S. 215.
Nachdem sich seine Hoffnung in Brünings Regierung nicht erfüllt haben, fürchtet Eugen eine zum Krieg führende Herrschaft der Nationalsozialisten. Die Eltern sind durch seine Kritik an Hitlers „grollendem Schreien“ aus dem Radioapparat, „als ob ihm jemand einen Abfalleimer über den Kopf schütte“Hermann Lenz: Andere Tage. Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S. 101. und der SA mit ihren „abortartigen Uniformen“ beunruhigt und auch die Mutter ermahnt ihn, an seine Zukunft zu denken, sich Karrieremöglichkeiten nicht zu verschließen und das Kunststudium für eine Anstellung bei einer staatlichen Kulturbehörde zu nutzen. Durch diesen Druck und den seiner Kommilitonen tritt er in München der „Studentenbunds-SA“ bei.
Nach seiner Tuberkel-Erkrankung schreibt ihm der Arzt eine „Beurlaubung vom SA-Dienst“ und im Sommer 1934 tritt er, wie auch sein Freund Wieland, aus dem Studentenbund aus. Einerseits ist er von einer Last befreit, doch Margret hat weiterhin das Gefühl, ihr Bruder sei „letzthin eine zugeschweißte Kapsel“ und verstecke seine Angst.Hermann Lenz: Andere Tage. Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S. 77.
Universität als Warteraum In seiner Unsicherheit über seine berufliche Zukunft, da er sich nicht für eine Karriere im Kultusministerium, sondern zunehmend für die Schriftstellerei interessiert, fasst er auch die Universität als „Warteraum“ auf und „wünsch[t] sich eine Rente auf Lebenszeit“.Hermann Lenz: Andere Tage. Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S. 150. Dazu kommt seine Angst vor einem kommenden Krieg. Aber auch im privaten Bereich ist er unentschlossen und zögerlich. Obwohl er als zurückhaltender attraktiver junger Mann mit politisch unangepasster Einstellung bei gleichgesinnten Frauen nicht ohne Chancen ist, bemüht er sich nicht um Beziehungen, z. B. zur unkonventionellen Motorradfahrerin July Lion Geldmacher.
Nach seinem Wechsel nach Heidelberg und seinem Kontakt mit dem Schriftsteller BitterHermann Lenz: Andere Tage. Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S. 146, 148, 163 ff, 183. Ähnlichkeiten mit dem Schriftsteller Georg von der Vring, der ab 1930 in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung wohnte. fürchten die Eltern, obwohl sie nicht wissen, dass er Gedichte schreibt, dass er als Dichter „ein Seiltänzer und Lustigmacher“ wird und sich nicht zu einem „angesehenen Mann“ entwickelt.Hermann Lenz: Andere Tage. Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S. 162.
In Heidelberg findet er einen Kreis Gleichgesinnter, Albert Knaus, Herbert Wieland und einige Professoren. Aber „[m]ühsam musste er nach einem Menschen suchen, der ihm ähnlich war“.Hermann Lenz: Andere Tage. Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S. 209. Wieland erzählt von seinen Vorlesungen bei Karl Jaspers und empfiehlt ihm, dessen Theorie, nur in „kommunikativem Ineinanderschmelzen“ kläre sich die Existenz, auszuprobieren, aber für Eugen ist „jeder Mensch arg weit weg. Man [kann] doch nur Floskeln austauschen, mehr [gelingt] nicht mehr.“Hermann Lenz: Andere Tage. Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S. 209.. Zudem muss er, da die Studentenversammlungen und politische Äußerungen zunehmend überwacht werden, vorsichtig sein und hält sich noch mehr mit Kommentaren über die Nationalsozialisten zurück: „Wie das Gras sein, wenn der Wind kommt: […] Er duckte sich wie Gras; wenn der Wind vorbei war, richtete sich das Gras wieder auf: Adieu Wind…ich bin immer noch da; es hat mit gar nichts ausgemacht. […] Hinter deiner Haut liegt ein Bezirk, der dir allein gehört.“Hermann Lenz: Andere Tage. Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S. 166, 188.