Lothar Gürich (* 15. Februar 1872 in Ragnit bei Tilsit (heute: Russland); † 1947) war ein deutscher Arzt. Er befasste sich insbesondere mit den ätiologischen Zusammenhängen zwischen Tonsillenerkrankungen und Rheumatismus (Herdlehre) und war einer der ersten deutschen Ärzte, der diese Kausalität beschrieb.
Leben Gürich besuchte das Königliche Friedrichsgymnasium zu Gumbinnen, das Königliche Friedrichsgymnasium zu Breslau sowie die Königliche Ritterakademie zu Liegnitz.vgl. Oster-Programm der Königlichen Ritterakademie zu Liegnitz 1883, S. 35 (Link). Sein Reifezeugnis erhielt er 1891 und studierte im Anschluss Medizin an der Königlichen Universität zu Breslauvgl. Personalbestand der Königlichen Universität zu Breslau im Wintersemester 1892/1893, S. 28 (Link)., wo er Mitglied des Corps Lugia Breslau (heute Corps Silingia Breslau zu Köln) wurde.Erwin Willmann (Hrsg.): Verzeichnis der Alten Rudolstädter Corpsstudenten. (AH Liste des RSC), Ausgabe 1928, S. 320 1896 legte er sein Staatsexamen ab und wurde Volontärarzt sowie ab dem 1. Oktober desselben Jahres praktizierender (Assistenz-)Arzt an der Hebammenlehranstalt zu Breslau unter Paul Baumm (Corps Silesia Breslau). In seiner Studentenzeit besuchte er die Vorlesungen u. a. von Medizinalrat Otto Küstner (Corps Lusatia Leipzig) und Medizinalrat Emil Ponfick.Deutsche Zentralbibliotek Medizin (Link); abgerufen am 4. September 2025
Gürich wurde am 20. März 1897 mit seiner Arbeit Der Wert des Morphins bei der Behandlung der puerperalen Eklampsie: Eine kritische Studie nebst einem casuistischen Beitrag, die in diversen internationalen Zeitschriften aufgegriffen wurdeBspw. in der Monatsschrift für Geburtshilfe und Gynäkologie, Band 12, 1900 (Hrsg. Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie) oder im International Monthly Review of Obstetrics and Gynaecology., zum Dr. med. promoviert (Gutachter: Otto Küstner). Seine Opponenten waren Richard Latta und Alfons Brehmer (letzter war sein Corpsbruder).
Er war bis mindestens 1940 als Arzt (u. a. in Oberpeilau, Beuthen, Parchwitz) und zuletzt als Knappschaftsarzt in Merseburg tätig.
Wirken Gürich fokussierte sich auf das Krankheitsbild rheumatischer Erkrankungen insbesondere den Zusammenhang von Tonsillenerkrankungen und Rheumatismus auf dem Gebiet der Herdlehre (siehe auch Herdinfektion).Gustav Killian: Die Therapie der lacunaren Gaumenmandelentzündungen und ihrer Folgezustände. In: Karl Bettelheim (Hrsg.): Medizinisch-chirurgische Rundschau: Monatsschrift für die gesamte praktische Heilkunde. 60 Jg. Braumüller, Wien 1919, S. 41. Als einer der Ersten und noch vor dem anerkannten deutschen Internisten Hans Julius Wilhelm Pässler (1868–1938) vertrat er die These"Vom „anginösen Gelenkrheumatismus“ spricht auch der eifrigste Streiter für diese Ätiologie vor Pässler, der praktische Arzt Lothar Gürich in Parchwitz in Schlesien, später Merseburg." zitiert nach Hans Tichy (vgl. Infektion und Herdinfektion in der Rheumatologie (1967), S. 2)."Gürich hat [...] wohl als erster auf Grund seiner Beobachtungen am Krankenbett auf die klassischen Zusammenhänge mit dem Gelenkrheumatismus aufmerksam gemacht" zitiert nach K. Gutzeit und G. W. Parade (vgl. Ergebnisse der Inneren Medizin und Kinderheilkunde (1939), S. 708)., dass bei Rheumatismus der Gelenke ein Zusammenhang mit chronischen Entzündungen der Mandeln vorliege (Angina fossularis oder fossuläre Angina). Hierbei schloss Gürich auch Erkrankung der Zähne oder des Zahnfleischs als Ursache in seine Überlegungen ein.
Es sei angemerkt, dass bereits vor Gürich erste Forschungen zur Kausalität von Tonsillenerkrankungen und Rheumatismus unternommen wurden, beispielsweise durch den deutschen Dermatologen Ernst Delbanco (1869–1935), den französischen Internisten Armand Trousseau (1801–1867), den amerikanischen Bakteriologen Edward C. Rosenow (1875–1966) oder den britisch-amerikanischen Arzt Benjamin Rush (1746–1813), der wesentliche Grundlagenforschung auf diesem Gebiet anstellte.
Nach über vierjähriger Forschung kam Gürich zu der Ansicht, dass der Rheumatismus latent, aber virulent in den Mandelgruben erhalten bleibe. Eine Metastasenbildung in den Gelenken sei durch eine Verschleppung rheumatogener Mikroorganismen eitriger Tonsillen zu erklären (Arthritis deformans). Somit sei Rheumatismus als Folge einer Erkrankung der Tonsillen (Primärherd) anzusehen. Die Schlitzung und anschließende Ätzung der Mandeln sei eine wirksame Behandlung. Gürich stellte fest, dass es zwei bis drei Tage nach dem Eingriff manchmal zu einem vorübergehenden Rückfall kommt, der jedoch bei einem typischen Heilungsverlauf auftreten kann. Zur Überprüfung seiner Annahmen führte Gürich eine klinische Studie mit 140 Patienten durch: 98 (70 %) wurden geheilt, 23 Patienten (16 %) gaben keine Rückmeldung, 15 (11 %) waren nicht zu ermitteln und nur 4 von 140 (3 %) Patienten blieben von der Behandlung unbeeinflusst. Gürich selbst spricht von verblüffenden Erfolgen seiner Behandlungsmethodik.
Der Arzt Paul Schichhold replizierte 1910 die Forschung Gürichs zur Behandlung der Tonsillen (tonsilläre Radikaltherapie; Gürich schloss auch gesund wirkende Tonsillen in die Behandlung mit ein) mit 70 Patienten und konnte die Ergebnisse Gürichs bestätigen.
Gürich sammelte seine Erkenntnisse in seinen 1904 (Über die Beziehung zwischen Mandelerkrankungen und dem akuten Gelenkrheumatismus) und 1905 (Der Gelenkrheumatismus, sein tonsillarer Ursprung und seine tonsillare Heilung) erschienen Werken und stellte seine Erkenntnisse auf dem Kongress der inneren Medizin (1905) einem Fachpublikum vor. Allerdings fanden seine Ausführungen und seine Forschung zuerst keinen Widerhall. Dass die Entdeckung und Erkenntnisse von Gürich auf dem Kongress keine Diskussion unter den Teilnehmern entstehen ließ, verwunderte beispielsweise den HNO-Arzt Carl Zarniko (1863–1933).
Mögliche Gründe für ein ausbleibendes Echo sind zum einen die fehlende Trennschärfe der von Gürich benutzten Begrifflichkeiten und die Skepsis der deutschen Internisten gegenüber den hohen Heilungsraten, die Gürich in seinen Studien vorweisen konnte. Zusätzlich nahm Gürich an, dass die Ärzte den Eingriff an den Tonsillen für zu schwer hielten. Diese Annahme scheint zumindest nicht gänzlich unbegründet. In einem Artikel in der Münchener Medizinischen Wochenschrift des Genfer Privatdozenten Paul Roethlisberger (1912) wies dieser bei der Behandlung von Polyarthritis kausal verknüpfter Tonsillen (Zusammenhang rheumatischer Erkrankung und Tonsilities) darauf hin, dass die Besichtigung der Mandeln und das Einsetzen der Gürichschen Hohlsonde (eine sichelförmig gebogene Hohlsonde) für den praktischen Arzt ohne vorherige Schulung und Übung nur schwer durchzuführen sei.
Erst durch die Kongressvorträge des Internisten Pässler (1909, 1914) und durch die Ausführungen von William Hunter (1910), einem britischen Arzt (1861–1937), der den Begriff „orale Sepsis“ prägte, änderten sich die Ansichten im medizinischen Fachpublikum zu Gürichs Forschung. Der Kinderarzt Friedrich Göppert wies beispielsweise darauf hin, dass die „Lehre zum Teil ohne Hervorhebung der Verdienste Gürichs erheblich erweitert“ wurde (Enzyklopädie der klinischen Medizin: 1. Auflage, 1914, S. 77).
Pässler selbst bezog sich 1912 auf Gürich, als er in einer Sitzung der Gesellschaft für Natur- und Heilkunde ausführte, dass ein Infektionsherd im Organismus, eine andauernde Quelle für neue Infektion darstelle.vgl. Münchener Medizinische Wochenschrift (1912), Jg. 59, J. F. Lehmann, München, S. 614–615. Die Herdlehre von Gürich und Pässler zeigte, dass die Ausbildung der rheumatischen Reaktionslage in Verbindung mit Streptokokken in der Pathogenese steht.
Für seine wissenschaftlichen Beiträge erhielt Gürich von der Rathenau-Stiftung einen monetären Preis in Höhe von 1.000 Mark.
Rezension Die Bedeutung der Beiträge Gürichs zum Verständnis über ätiologische Vorgänge und Herdlehre wird durch zeitgenössische Rezensionen sichtbar.
Der Rechtshistoriker Wolfgang Kunkel, ebenso wie der österreichischer Zahnarzt Joseph Koch-Langentreu, zählen insbesondere Gürich (u. a. neben Pässler) zu den erwähnenswerten Ärzten in der Erforschung der Kausalität von Rheumatismus und fokaler Infektionen (Fokalinfektion) im Mund- und Rachenraum. Nach Rudolf Schoen und Walter Tischendorf (1954) stamme der Begriff Fokalinfektion sogar ursprünglich von Gürich (und von Pässler).
Der Mediziner Gustav Killian misst der Arbeit Gürichs änliche hohe Bedeutung bei.
Zusätzlich führt Richard Mittermaier 1951 aus, dass die von Gürich herausgearbeiteten Beobachtungen, dass Rheumatismus nach einer Angina auftreten kann, und dass dieser Rheumatismus nicht heilt, falls die Mandeln nicht entfernt werden, weiterhin ihre volle Gültigkeit besitzen.
Die Ansichten zu den Beiträgen Gürichs – ebenso wie der Begriff Fokalinfektion – wurden in der medizinischen Fachwelt allerdings auch differenziert wahrgenommen und teils hitzig diskutiert (bspw. auf den Wiesbadener Internistenkongressen 1931 und 1939). Dabei schwanken die Ansichten zwischen ablehnend (vgl. George White Pickering) und zustimmend (vgl. Dietrich Brück, Wolfgang Veil („biopathologisches Naturgesetz“)).
So schrieb Paul Schichhold (1910) zu den von Gürich 1904 und 1905 hervorgebrachten Thesen, dass dieser „einen entscheidenden Schritt [weitergeht], hierauf seine neue Theorie, die tonsillare Behandlung des Gelenkrheumatismus aufbauend, von 125 Fällen 98 endgültig geheilt [hat]“ (Münchener Medizinische Wochenschrift: 57. Jg., 1910). Friedrich Proell sprach davon, dass sich die Allgemeinheit in Deutschland vor den Erkenntnissen Gürichs und weiteren Wissenschaftlern zur Herdlehre verschloss und zum Teil aktiv gegen diese agitierte (einer der größten Skeptiker war u. a. der Internist und Bakteriologe Hugo Schottmüller).
Der Internist Heinrich Curschmann plädierte für eine differenziertere Sicht auf den Zusammenhang von Polyarthritis und Tonsillenerkrankungen als Gürich sie dargelegt hatte. Ähnlich äußerte sich Georg Finder, Professor und Laryngologe in Berlin, der von „über das Ziel hinausschießen“ sprach, wenn man „alle Fälle von Polyarthritis rheumatica auf die Tonsillen“ zurückführen würde (Medizinische Klinik: Wochenschrift für praktische Ärzte: 7. Jg., 1911).
Auch international griffen Forscher die Gedanken Gürichs zu Herdinfektionen und dem Zusammenspiel von Infektionsherden und Rheumatismus auf (u. a Laryngoscope (1907), Annals of Otology, Rhinology & Laryngology (1908) , American Journal of Clinical Medicine (1910), Il Policlinico: Periodico di Medicina, Chirurgia e Igiene (1910), Medical Review of Reviews (1913) oder Journal of Laboratory and Clinical Medicine (1916)).
Familie Gürich, war der Sohn von Artur Julius Gürich (1839–1912) und Franziska (1841–1914), geborene Nepomuk. Sein Urgroßvater mütterlicherseits, war der Chirurg und Leiter der Charité Johann Nepomuk Rust (1755–1840), der ebenfalls bedeutsame Forschung auf dem Gebiet der (chirurgischen) Medizin unternommen hatte. Gürich war verheiratet mit Lucia, geborene Sterz. Das Paar hatte zwei Kinder, einen Sohn, Helmut (1908–1989), und eine Tochter, Hildegard (1914–2009).myheritage (Link).
Werke Gürichs wichtigstes Werk, welches als grundlegend für die damalige (Infekt)herdlehre beschrieben wird, ist sein 1905 erschienenes Werk Der Gelenkrheumatismus, sein tonsillarer Ursprung und seine tonsillare Heilung.vgl. Münchener Medizinische Wochenschrift, Band 88, Ausgaben 27–52. 1941, S. 802, und Deutsche Zahnärztliche Wochenschrift, Band 44, S. 459. Ein Auszug seiner Werke absteigend nach Veröffentlichungsjahr: u. a. enthalten in der University of Michigan Library, der Bibliothek der University of Chicago und der National Library of Medicine
s. auch die Präfekturbibliothek in Osaka (Link ), die National Library of Medicine (Link), die Digitalbibliothek HathiTrust (Link) oder die Deutsche Zentralbibliotek Medizin (Link)
Literatur
Einzelnachweise
Kategorie:Mediziner (19. Jahrhundert)