mini|hochkant|Ostfriesische Mäßigkeits-Zeitung. Titelblatt der Erstausgabe von 1842 Die Geschichte des Alkoholkonsums in Ostfriesland ist über Jahrhunderte hinweg von zeitgenössischen Berichten über übermäßigen Konsum geprägt. Im 18. und 19. Jahrhundert führte die weite Verbreitung des Branntweins, die von Beobachtern als „Branntweinpest“ bezeichnet wurde, zur Entstehung zahlreicher Brennereien und zugleich zu ersten Abstinenzbewegungen. Parallel dazu entwickelte sich die ausgeprägte ostfriesische Teekultur, die als kulturelles Gegenmodell gilt und bis heute ein charakteristisches Merkmal der Region darstellt. Trotzdem liegen die Fälle von Alkoholmissbrauch auch gegenwärtig (Stand: 2023) in den Landkreisen Aurich (+31 %), Wittmund (+19 %) sowie der Kreisfreien Stadt Emden (+60 %) weit über dem Bundesdurchschnitt. Lediglich im Landkreis Leer liegen sie etwas darunter.
Geschichte Alkohol war bis in das Mittelalter in Ostfriesland zwar weit verbreitet, aber nicht dauerhaft verfügbar und zudem schwer lagerfähig. Die für die Herstellung von Alkohol benötigten Rohstoffe wurden in erster Linie zur direkten Nahrungsversorgung verwendet. Daher entwickelte sich im Altertum und im frühen Mittelalter keine nennenswerte Abhängigkeit. Quellen zum Alkoholkonsum sind rar. Während Plinius der Ältere, der im Jahr 47 n. Chr. unter Domitius Corbulo in das Gebiet der Chauken kam, in seiner um 80 n. Chr. erschienenen Naturalis historia über die damals im Gebiet des heutigen Ostfrieslands lebenden Chauken schreibt: „Zum Trinken dient ihnen nur Regenwasser, das im Vorhof des Hauses in Gruben gesammelt wird …“Plinius: Naturalis historia XVI 1, 2–4., nennt der römische Schriftsteller Tacitus, der selbst nie in Germanien war, in seinem vermutlich 98 n. Chr. erschienenen Werk Germania ganz allgemein Bier als das Hauptgetränk der Germanen: „Als Getränk dient eine Flüssigkeit aus Gerste oder Weizen, in eine gewisse Ähnlichkeit mit Wein umgefälscht […].“Tacitus’ Germania 23
Tatsächlich war wohl Met zunächst das bedeutendste Rauschgetränk, verlor jedoch im Mittelalter seine Stellung an das Bier. Dieses blieb bis zur Verbreitung des Tees im 17. und 18. Jahrhundert das wichtigste Alltagsgetränk.Gerhard D. Ohlig: Der Rahmen der Kultur. III. Speis und Trank. In: Entwässerungsverband Emden, Jannes Ohling, Gerhard Steffens (Hrsg.): Die Acht und ihre sieben Siele. Kulturelle, wasser- und landwirtschaftliche Entwicklung einer ostfriesischen Küstenlandschaft. 2., erweiterte Auflage. Leer 1987, S. 182–196.
Vormoderne und frühe Neuzeit Bier als Alltagsgetränk im Mittelalter Für das Mittelalter sind in Ostfriesland zwar Hinweise auf den weitverbreiteten Konsum alkoholischer Getränke überliefert, Berichte über Abhängigkeiten oder exzessiven Missbrauch finden sich jedoch nicht.
Der Konsum von Wein und Bier in Ostfriesland wird erstmals in den Heberegistern des Klosters Werden aus dem 9. Jahrhundert genannt. Beide sind über die Römer in den Norden gekommen. Später sorgten die Klöster und Kommenden für eine Veredelung und Verbreitung des Bieres in der Region.
Wie aus einer im Kloster Reepsholt ausgestellten Urkunde des 12. Jahrhunderts hervorgeht, spielte Met seinerzeit neben dem Bier vor allem an Feiertagen noch eine wichtige Rolle als Festgetränk. So erhielten die Mönche neben anderen Naturalien alltäglich vier Becher Bier und zu den kirchlichen Festtagen zusätzlich drei Becher Met.
Die breite Bevölkerung trank hauptsächlich Bier. In vielen Moor- und Marschgegenden war das Grundwasser wegen seines hohen Gehalts an organischen Stoffen, Eisen oder Salz kaum genießbar. Regenwasser musste deshalb in Gruben, Tonnen oder Zisternen gesammelt werden, war aber ebenfalls oft verunreinigt und muffig. Da sich selbst Regenwasser meist nur abgekocht oder „verarbeitet“ genießen ließ, wurde es in Form von Bier – und später Tee – konsumiert. Das Bier war nicht nur Genuss-, sondern auch Nahrungsmittel. Es galt als „flüssiges Brot“ und war unentbehrliche Zugabe oder Hauptbestandteil vieler Mahlzeiten. So war es Grundlage für verschiedene Speisen und Getränke wie Biersuppe, Warmbier mit Honig, Eierbier oder Ingwerbier.Hanne Klöver: Ostfriesland kocht: Van Pottjekiekers un Pottjeslikkers. Verlag Soltau Kurier, Norden 2008, ISBN 978-3-928327-53-4, S. 138.
Der Bierkonsum war dementsprechend hoch: Eine sechsköpfige Familie verbrauchte jährlich etwa 2000 Liter Bier. Meist handelte es sich um Dünnbier mit schwachem Hopfen-, Alkohol- und Kohlensäuregehalt. Bei Feldarbeiten tranken Mäher und Sichter pro Person rund fünf Liter täglich.
Zunehmender Alkoholkonsum und Entwicklung des Brauwesens (15.–17. Jahrhundert) Ab dem 15. Jahrhundert finden sich vermehrt Hinweise auf übermäßigen Alkoholkonsum in Ostfriesland. So berichtet das Ostfriesische Urkundenbuch aus der Kommende Jemgum „von den St. Stephans-Trinkgelagen, die die Einwohner dort alljährlich zu begehen pflegten, zur Verwirrung der Menschheit und zum Schaden der Seele“. Ein ähnlicher Bericht liegt von der Kalandbrüderschaft im Kloster Marienkamp bei Esens vor. In jener Zeit war es zudem üblich, Dienstpflichten mit Bier zu bezahlen, was zu Unmut führte. So beschwert sich beispielsweise der Propst von Kloster Barthe im Jahre 1490 darüber, dass die Nortmoorer Bauern immer anspruchsvoller in ihren Forderungen an das Kloster würden und zum Bier auch noch mit Schinken regaliert werden müssten.
Auch das Strafrecht, mit dem kleinere Vergehen bis zur Einführung des Preußischen Landrechts mit Bierstrafen als Buße geahndet wurden, förderte den Alkoholkonsum. Wer beispielsweise der Einladung zur Gerichtsversammlung nicht folgte, musste eine Tonne Bier spendieren, die von den Versammelten sofort konsumiert wurde.Franz Poppe: Zwischen Ems und Weser: Land und Leute in Oldenburg und Ostfriesland. Schulzesche Hof-Buchhandlung und Hof-Buchdruckerei, Oldenburg. Zweite (2.) Auflage 1902. S. 229 Deichrichter übten die einfache Gerichtsbarkeit aus. Zur Buße konnten sie Geld- oder Bierstrafen verhängen.Onko Buss: Die geschichtliche Entwicklung und Bedeutung des ostfriesischen Deichwesens. Weener 1932. S. 41 Wer seine Deichpflicht vernachlässigte, konnte mit der Abgabe von einer Tonne Bier bestraft werden.Johannes Friedrich de Vries, Th Focken: Ostfriesland. Land und Volk in Wort und Bild,. Emden 1881. S. 46
mini|Zunftzeichen der Brauer in Norden Für die ärmeren Bevölkerungsschichten garantierte das Grafen- und Fürstenhaus seit der Regierungszeit der Gräfin Anna dafür, dass jederzeit ein günstiges Bier erhältlich war. Dieses wurde zunächst aus Bremen (erstmals wird eine solche Einfuhr um 1272 genannt), dann aus Hamburg importiert, ehe einheimische Brauereien es zunehmend in Ostfriesland herstellten. Das teurere Importbier wurde bei Festschmäusen der Gilden und Zünfte sowie von der Oberschicht getrunken, während das billigere einheimische Bier, das in Emden, Norden, Leer, Esens, Wittmund, Marienhafe und Oldersum gebraut wurde, das Hauptgetränk der mittleren und unteren Schichten der Bevölkerung wurde. In der Folge entstanden immer mehr Brauereien, die sich bei zunehmender Konkurrenz zu Gilden zusammenschlossen (so in Norden 1669).
Oldersum und Emden stehen stellvertretend für eine Entwicklung, die sich in vielen Orten Ostfrieslands beobachten lässt. So gab es im 16. Jahrhundert in Oldersum mit seinen wenigen hundert Einwohnern über 72 Brauer, die in Emden jährlich rund 8000 Tonnen Bier umsetzten. Darüber hinaus wurde mehr als die vierfache Menge Bier aus Hamburg über den Hafen importiert. Auch in Emden selbst wurde Bier gebraut, allerdings erschwerte das salzhaltige Wasser den 26 ansässigen Brauern die Produktion. Außerdem musste der Hopfen eingeführt werden, nachdem lokale Anbauversuche fehlgeschlagen waren.
Ausbreitung des Alkoholismus und erste Gegenmaßnahmen Ab dem 16. Jahrhundert entstanden in der Region die ersten Schnapsbrennereien, die Branntwein in größeren Mengen produzierten. So werden beispielsweise im 17. Jahrhundert erstmals zwei Bürger in den städtischen Akten als Destillateure genannt. Dadurch wurde Alkohol leichter zugänglich, was das Alkoholproblem in der Region verstärkte und zu einem erhöhten Konsum in der Bevölkerung beitrug. Ab dieser Zeit mehren sich die Anzeichen für einen um sich greifenden Alkoholismus in Ostfriesland.
So schrieb der ostfriesische Gelehrte Henricus Ubbius im 16. Jahrhundert, dass seine Landsleute dem Trunk sehr ergeben seien und im Rausch leicht streitsüchtig würden. Dafür machte er vor allem den hohen Konsum des importierten Bieres verantwortlich. Dies sei „zum Vorteil der Stadt Hamburg und der Steuereinkünfte der Grafen von Ostfriesland, aber zum größten Nachteil der Friesen selber, die ein gut Teil ihres Vermögens darin vertun und sich dabei im Rausch noch gegenseitig totschlagen“. Selbst die Frauen könnten dem Hamburger Bier nicht widerstehen. Sie „sind schön, zum Teil aber dem Trunk ergeben und oft sogar schwer berauscht von dem Hamburger Bier, einem Getränk, das wie kein zweites in Deutschland durch seine süße Schwere die Sinne umnebeln kann“.
Auch der ostfriesische Chronist Eggerik Beninga klagte über „eyn grote Misbrueck yn düssem Lande“. Der hohe Konsum der Hamburger Tappen (=frisch gezapftes Hamburger Bier) habe zum wirtschaftlichen Ruin so mancher Pächter geführt.
1729 musste sich beispielsweise der Pfarrer von Leerhafe wegen seiner „Exzesse und des Branntweingenusses vor dem Altar“ einer Untersuchung stellen. Von staatlicher Seite aus wurde versucht, das Problem rechtlich einzudämmen. So wurde schließlich die Höhe der zulässigen Bierschulden festgelegt. Zudem nahm sich die Kirche des Problems an und sagte dem Alkoholismus in Predigten und Gebeten den Kampf an.
Im Friesensport war der Alkoholismus spätestens im 18. Jahrhundert ein immer größer werdendes Problem. Übermäßiger Alkoholkonsum führte häufig zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, die nicht selten mit schweren Verletzungen endeten. Mitte des 16. Jahrhunderts kritisierten vor allem die reformierte Kirchen das Klootschießen und den damit einhergehenden Sittenverfall und versuchten, es zu unterbinden. Die lutherischen Kirchen hingegen zeigten sich weitaus toleranter, sodass sich die Sportart insbesondere in lutherisch geprägten Regionen etablieren konnte.
1711 erließ Fürst Georg Albrecht ein Verbot gegen das Klootschießen, das um „Geld/Bier oder ander Getränke/angestellt wird/oder auch wozu die Nachbarschaften/jawohl ganze Gemeinen und Dörffer sich gegen einander ausfordern und aufbieten/vielerley Unordnungen/mit Saufen/Fressen/Schelten/greulichen Fluchen und Schweren/schlagen und verwunden/und groben zum Aergerniß frommer Leute/und der Jugend zum bösen dienenden Excessen/im Schwange gehen/die Zeit liederlich dabey zugebracht …Problem“. Georg Albrecht erklärte, er wolle „diesem ärgerlichen Unwesen sowohl aus eigener Bewegung als auch auf Veranlassung einiger rechtschaffener darüber seufzende Prediger“ nicht länger tatenlos zuschauen und ließ das Klootschießen faktisch verbieten.
Bier blieb zunächst ein Grundnahrungsmittel. Noch 1848 existierten in Ostfriesland und Papenburg 183 Brauereien, davon 25 in Städten und 158 auf dem Land. Gebräuchlich waren schwaches Dünnbier und stärkeres Vollbier.
Mit dem zunehmenden Gebrauch von Tee ab dem 17. Jahrhundert entstand eine Konkurrenz zum Bier. Es gibt Berichte, nach denen der Teegenuss den Ostfriesen von staatlicher Seite ursprünglich als Ersatz für den zuvor stark verbreiteten Alkoholkonsum nahegelegt wurde. Ab dem 18. Jahrhundert etablierte sich Tee zunehmend als Alltagsgetränk, besonders in reformierten und pietistischen Kreisen, die ihn als „gottgefälligen Ersatz“ für Alkohol propagierten.