Der Ausdruck Vertreibung von Lama bezieht sich auf die Proteste, die die Studentenbewegung, insbesondere die Mailänder Stadtindianer und die Militanten der Autonomia Operaia am 17. Februar 1977 gegen den Sekretär der Gewerkschaft CGIL, Luciano Lama, während einer Gewerkschaftsversammlung an der Universität „La Sapienza“ in Rom richteten. Es war eines der repräsentativsten Ereignisse der politischen Unruhen, die später als Bewegung von '77 in die Geschichte eingingen.
Vorgeschichte
Besetzung der Fakultät für Geisteswissenschaften Am 26. Januar 1977 stürmte eine Gruppe von etwa siebzig rechtsextremen FUAN-Anhängern die Fakultäten für Statistik, Rechtswissenschaften, Politikwissenschaft und Literaturwissenschaft (in letzterer hatte sich ein Komitee zum Kampf gegen die von Bildungsminister Malfatti verordneten Einschränkungen versammelt, das den autonomen Kollektiven nahestand) und warfen Molotowcocktails und gaben zahlreiche Pistolenschüsse ab. Unter den linken Aktivisten, die eingriffen, um die neofaschistische Aktion zu bekämpfen, wurde der 22-jährige Student Guido Bellachioma von einer Kugel der Angreifer in den Hinterkopf getroffen und lebensgefährlich verletzt in die Poliklinik Umberto I eingeliefert. Ein weiterer Student, Paolo Mangone, wurde ebenfalls bei den Zusammenstößen verletzt. Als Reaktion auf diese Ereignisse besetzten am Nachmittag etwa tausend Studenten nach einem Demonstrationszug durch die Stadt die Fakultät für Literaturwissenschaften, an der Bellachioma eingeschrieben war.
Zusammenstöße auf der Piazza dell'Indipendenza Am 2. Februar veröffentlichte die Zeitung L’Unità einen Artikel des Senators der Kommunistischen Partei Italiens (PCI) Ugo Pecchioli, in dem er die Autonomen als „Schlägertrupps“ bezeichnete und die Ordnungskräfte aufforderte, ihre „Verstecke“ zu räumen. Die Comitati Autonomi Operai di Roma (Autonome Arbeiterkomitees von Rom) antworteten ihm mit einem offenen Brief, in dem sie seine Anschuldigungen als diffamierend bezeichneten und sie mit denen verglichen, die sie normalerweise von der neofaschistischen Movimento Sociale Italiano (MSI) und der rechtskonservativen Democrazia Cristiana erhielten. Die Studentenproteste gegen das Malfatti-Gesetz nahmen in den folgenden Tagen tatsächlich zu und gipfelten in der Besetzung der Universitäten von Turin, Pisa, Cagliari, Sassari, Bologna, Mailand, Padua und FlorenzSiehe Giulia Pacifici, S. 8.
Am selben Tag griff in Rom eine Gruppe von Demonstranten die Sektion der Jugendfront in der Via Sommacampagna an. Unmittelbar danach schloss sich auf der nahe gelegenen Piazza dell'Indipendenza ein weißer Fiat 127 dem Zug an, der sich in Richtung der Pädagogischen Fakultät bewegte. Aus dem Auto stiegen zwei Polizisten in Zivil, die auf die Demonstranten schossen. Von der Piazza aus wurde das Feuer erwidert, wobei der Polizist Domenico Arboletti schwer am Kopf verletzt wurde. Die ebenfalls verletzten Studenten Paolo Tomassini und Leonardo „Daddo“ Fortuna wurden später wegen versuchten Totschlags an dem Polizisten angeklagt. Bei der Auseinandersetzung wurden auch ein Verkehrspolizist und der Fahrer eines Reisebusses leichter verletzt.
Am Nachmittag kam es zu weiteren Zusammenstößen vor dem Sitz der MSI in der Via Assarotti im Gebiet um den Monte Mario, wo gegen eine Kundgebung von Giorgio Almirante in der Nähe protestiert wurde, und im Stadtteil Garbatella wurde eine weitere Zentrale dieser Partei in Brand gesetzt.
Die Kundgebung und die „Vertreibung“ Die Kundgebung von Lama innerhalb der Universität wurde von der Führungsspitze der PCI zusammen mit der CGIL beschlossen, begründet mit der Notwendigkeit, die gewerkschaftlichen und politischen Freiheiten innerhalb der Universität ohne Rückgriff auf die Polizei wiederherzustellen, aber auch mit der Absicht, die Sympathisanten der Autonomia Operaia von der Universität zu vertreiben und sie von den anderen Studenten zu isolieren.
Um Lamas Zugang zur Universität zu gewährleisten, wurde ab 7:30 Uhr auf dem Campus der Ordnungsdienst der Gewerkschaft CGIL eingesetzt, der zum großen Teil aus Aktivisten der PCI bestand, sowie aus nahegelegenen Fabriken Gewerkschafter mobilisiert, von denen 3–4000 auf dem Campus eintrafen, die aber zum großen Teil gar nicht wussten, worum es ging.Siehe Altberto Benini et al., S. 80 Im Innenhof der Universität wurde eine Rednerbühne auf einem kleinen Lastwagen zwischen der juristischen Fakultät und dem Minerva-Brunnen aufgebaut. In der Zwischenzeit füllte sich der Hof nach und nach auch mit Studenten, von denen einige symbolisch eine Puppe, die den Gewerkschaftsführer Luciano Lama darstellte, an einen Galgen hängten.
Die Kundgebung begann damit, dass die Stadtindianer aus der Stadt den Gewerkschaftsführer mit Slogans verspotteten, die sie an die Melodie von Guantanamera angepasst hatten. Dann eskalierte die Auseinandersetzung zwischen Studenten und Arbeitern, bis sie in Steinwürfen auf die Bühne und einer Massenschlägerei gipfelte. Lama verließ die Universität unversehrt, geschützt vom Ordnungsdienst der Gewerkschaft CGIL, während die Studenten skandierten: „Weg mit der neuen Polizei!“ Unmittelbar danach überwältigten einige von ihnen den Ordnungsdienst, stürmten die Bühne und zerstörten den Lastwagen.
Die Reaktionen Am 25. Februar kommentierte Enrico Berlinguer die Ereignisse und gab eine politische Bewertung ab, wobei er der Studentenbewegung ein Verhalten aus dem „Neunzehnten Jahrhundert“ vorwarf. Allgemeiner gesagt vertrat die PCI eine Linie der Kriminalisierung der gesamten Bewegung, während einige Intellektuelle versuchten, andere Aspekte zu erfassen: Umberto Eco beispielsweise schrieb, er wolle sich „an die Frontlinie stellen“, um zu versuchen, zu verstehen.
Am 26. und 27. Februar berief die Studentenbewegung, die bis dahin in verschiedene Gruppen unterteilt war, die häufig in Konflikt miteinander standen, wie die Stadtindianer, Feministinnen und Autonome, eine erste nationale Versammlung in der besetzten Universität ein. Am späten Abend wurde in Aula 1 ein Antrag angenommen, der von Teilen der römischen und mailändischen «Autonomiebewegung» eingebracht worden war und in dem die Ausschreitungen auf der Piazza Indipendenza vom 2. Februar und die „Vertreibung Lamas“ verteidigt und eine nationale Demonstration für den 12. März angekündigt wurden.
Analyse der Episode Im Laufe der Zeit wurde die „Vertreibung von Lama“ in ihrem historischen Kontext aus verschiedenen Blickwinkeln bewertet und betrachtet.
Laut Literaturkritiker und PCI-Politiker Alberto Asor Rosa, einem der Organisatoren der Kundgebung von Lama, war diese «ein kolossaler politischer Fehler, vielleicht der gravierendste, den ich in meinem Leben begangen habe. [...] Es entstand eine Kluft. Und die Möglichkeit, dass die extremsten Gruppen einen gewaltsamen Kampf gegen das System führen könnten, wurde betont». Der Konflikt hatte die alten marxistischen Kategorisierungen, die Asor Rosa kannte, überholt gemacht: «Auf der einen Seite standen die „Gesicherten“, Arbeiter, Betriebsräte, Lehrer, Angestellte im Dienstleistungssektor, kurz gesagt, die erste Gesellschaft. Auf der anderen Seite standen die Studenten, die prekär Beschäftigten, die Ausgegrenzten, die zweite Gesellschaft der „Nicht-Garantierten“, die die PCI nicht hatte auffangen und vertreten können». Asor Rosa veröffentlichte seine politische Analyse Ende 1977 in dem Buch Le due società – ipotesi sulla crisi italiana (Die zwei Gesellschaften – Hypothesen zur italienischen Krise).
Der genuesische Liedermacher Fabrizio De André spielte in seinem Lied Coda di Lupo (deutsch: Wolfsschwanz) aus dem im Mai 1978 veröffentlichten Album Rimini auf die Vertreibung Lamas an:
Die Rückkehr von Lama an die Universität La Sapienza Am 13. Februar 1980 kehrte Lama an den Ort der heftigen Proteste zurück, denen er drei Jahre zuvor ausgesetzt gewesen war, um an der Veranstaltung teilzunehmen, die lokale und nationale Institutionen – zusammen mit verschiedenen Gewerkschaften und Studentenorganisationen – an der Universität „La Sapienza“ organisiert hatten, um dem Vizepräsidenten des Oberster Rat für das Gerichtswesen Vittorio Bachelet zu gedenken, der am Tag zuvor von den Roten Brigaden in der Fakultät für Politikwissenschaften ermordet worden war, und um ganz allgemein den Roten Terrorismus entschieden zu verurteilen. Der Gewerkschafter teilte sich die Bühne mit anderen Rednern, darunter der damalige Sekretär der CISL Pierre Carniti, der Richter Marco Ramat, Mitbegründer von Magistratura democratica,Artikel È morto Marco Ramat fondatore di 'MD' (deutsch: Marco Ramat, Gründer von 'MD', ist verstorben) aus La Repubblica vom 10.12.1985, siehe Archiv von la Repubblica.it ricerca.repubblica.it. sowie Antonio Ruberti und Luigi Petroselli, damals Rektor der Universität „La Sapienza“ bzw. Bürgermeister von Rom.
Einzelnachweise
Literatur
Weblinks
Bilder: Da aus lizenzrechtlichen Gründen die im Italienischen Wikipedia verwendeten und (nur) in Italien als gemeinfrei verwendbaren historischen Bilder zu diesen Ereignissen hier nicht verwendet werden dürfen, sei ergänzend auf die Artikelversion im italienischen Wikipedia verweisen: Cacciata di Lama
Kategorie:Politik (Italien) Kategorie:Italien im Kalten Krieg Kategorie:Ereignis 1977