mini|Jules Henri Cellier – Porträt von Théophile Bra, 1858. Musée de la Chartreuse, DouaiThéophile François Marcel Bra (* 23. Juni 1797 in Douai; † 2. Mai 1863 ebenda) war ein französischer Bildhauer, Zeichner und kunsttheoretischer Schriftsteller. Er gilt als einer der bedeutendsten Monumentalbildhauer der französischen Romantik und zeichnete sich durch eine breit gefächerte intellektuelle Bildung aus.
Leben mini|Odysseus-Statue aus Marmor, 1822 bei Théophile Bra für das Schloss Compiègne in Auftrag gegeben Théophile Bra wurde als Sohn des Eustache M. J. Bra in Douai geboren. Ab 1807 hielt er sich gemeinsam mit seinem Vater in Paris auf, wo er zunächst in das Atelier von Pierre-Charles Bridan eintrat. Nach seiner Aufnahme in die École des Beaux-Arts im Jahr 1812 wechselte er in das Atelier des Bildhauers Jean-Baptiste Stouf. Parallel zu seiner akademischen Bildhauerausbildung absolvierte er ein achtjähriges Anatomiestudium in Pariser Krankenhäusern und schloss Bekanntschaft mit dem Anatomen Pierre-Augustin Béclard. Er ergänzte diese Studien durch eine umfassende literarische, philosophische und naturwissenschaftliche Bildung. 1818 errang Bra beim dritten Anlauf – nach erfolglosen Versuchen 1816 und 1817 – den zweiten Grand Prix de sculpture für das Relief Chélonis implorant la grâce de Cléombrotte (Musée de la Chartreuse, Douai). Auf weitere Versuche, den ersten Prix de Rome zu erringen, verzichtete er. Dies benachteiligte ihn dauerhaft bei der Vergabe bedeutender öffentlicher Aufträge.
Im Jahr 1819 erhielt Théophile Bra auf dem Pariser Salon die Medaille 2. Klasse für die Statue Aristodème au tombeau de sa fille. Die Marmorausführung wurde 1822 von der Regierung angekauft und nach Douai gestiftet. 1824 folgte eine Medaille der ersten Klasse für die Statue des Duc d’Angoulême, deren Marmorausführung aus dem Salon von 1827 in das Musée de Versailles gelangte. Mit 28 Jahren wurde er mit dem Kreuz der Ehrenlegion ausgezeichnet. Bis 1840 blieb Bra in Paris tätig und erhielt zahlreiche staatliche und private Aufträge. 1829 beteiligte er sich am bedeutenden Wettbewerb um die Gestaltung des Giebelfeldes der Église de la Madeleine. Im Rahmen des porträtplastischen Programms des Musée historique de Versailles entstanden nach 1830 die Bildnisstatuen von Jean de Joinville (1836), Philippe d’Orléans (Regent, 1837) und Édouard Mortier (1839). mini|La déesse von Théophile Bra. Lille Während seiner Pariser Jahre pflegte Théophile Bra weniger den Umgang mit Künstlern als mit Persönlichkeiten des Geisteslebens, darunter Antoine-Chrysostome Quatremère de Quincy, Victor Cousin, François Guizot, Auguste-Hilarion de Kératry, Honoré de Balzac (der ihn in den 1830er Jahren sehr bewunderte), George Sand und Marceline Desbordes-Valmore. In den Jahren 1829/30 sahen Anhänger des Saint-Simonismus in Bra den gesuchten künstlerischen Wortführer einer Erneuerung der christlichen Kunst. Sie vermochten ihn jedoch nicht für ihre Weltanschauung zu gewinnen, da er seine intellektuelle Unabhängigkeit und die Orthodoxie seines katholischen Glaubens nicht aufgeben wollte. 1826 durchlebte Bra eine schwere psychische und existenzielle Krise, über die er in mehreren autobiografischen Schriften berichtete, die er im Selbstverlag herausgab. Im Zusammenhang mit den geistigen Strömungen seiner Zeit – Magnetismus, Positivismus und der Rezeption von Emanuel Swedenborg – stellte er seinen katholischen Glauben infrage. Halluzinatorische Anfälle analysierte und kommentierte er in umfangreichen, geheim gehaltenen Notizen, die er fortlaufend ergänzte und mit abstrakten Zeichnungen versah.
Ab 1834/35 nahm Théophile Bra an den Arbeiten des Institut historique teil, zunächst als Vorsitzender, dann als Referent in der 5. Klasse (Kunstgeschichte), die sich mit Fragen der Erhaltung und Beschreibung historischer Denkmäler befasste. Zwischen 1846 und 1849 schrieb er gelegentlich für Pariser Tageszeitungen sowie für Literatur- und Kunstzeitschriften wie Le Journal des artistes und L’Artiste. Ab 1840 unterhielt Bra enge Kontakte zu den Stadtverwaltungen von Douai und Lille, wo er sich 1847 niederließ und seine Tätigkeit als Monumentalbildhauer fortsetzte. 1850 kehrte er endgültig nach Douai zurück und verbrachte die letzten Jahre seines Lebens in zunehmender geistiger Isolation. 1851/52 vermachte er dem Musée de la Chartreuse in Douai seinen gesamten Atelierbestand, darunter Manuskripte, Bücher, druckgrafische Blätter und Skulpturen. Die Stadt Douai ehrte ihn mit einem offiziellen Begräbnis und einem Gedenkstein.
Werk Monumentalplastik und öffentliche Aufträge mini|La Colonne de la Grande Armée. Wimille, Boulogne-sur-Mer Théophile Bra war maßgeblich an der bildhauerischen Ausgestaltung bedeutender Pariser Bauwerke beteiligt, darunter des Arc de Triomphe de l’Étoile (Relief L'Infanterie), der Kirche La Madeleine (Statue der heiligen Amalia, Marmorversion von 1839, sowie Statue eines Schutzengels), des Palais du Luxembourg (Marmorstatue Malesherbes') und des Louvre (Medaillonrelief La Guerre et la Victoire). Für die Colonne de la Grande Armée in Boulogne-sur-Mer schuf er ein Bronzerelief mit Napoleon, Marschall Soult und Admiral Bruix.
In Lille entstanden die Kolossalstatue der Stadt Lille auf der Place d’Armes (La Défense de Lille en 1792, 1845), das Bronzestandbild des Generals Jean-Baptiste Négrier (1849, zerstört) sowie die Kolossalstatuen der Industrie und der Kunst am Hauptgiebel des Hôtel de Ville de Lille. Ein weiteres Werk ist ein Reliefmotiv am Palais de Justice. Das Denkmal des Duc de Berry für Lille (1825 in Auftrag gegeben) wurde nach der Julirevolution von 1830 im Jahr 1831 zerstört. Über dem Hauptportal des Hôpital général in Douai befindet sich ein Caritas-Relief. Für die Siegessäule in Boulogne-sur-Mer fertigte er ein Bronzerelief. In Valenciennes schuf er ein bronzenes Kruzifix für die Kirche Saint-Nicolas.
Religiöse Plastik mini|Théophile Bra – Sainte Amélie. Église de la Madeleine, Paris In einer Zeit beginnender katholischer Glaubenserneuerung bekundete Théophile Bra durch seine religiösen Werke einen leidenschaftlichen Katholizismus mit ausgeprägtem persönlichen Charakter. Zu seinen religiösen Werken zählen Christus am Kreuz (1827, Église du Sacré-Cœur, Valenciennes), eine Torso-Fassung (Musée de la Chartreuse, Douai), Madonna mit Kind und Engeln (1830, Teile im Musée de la Chartreuse, Douai) sowie Schutzengel (1840, Église de la Madeleine, Paris). Diese Werke stießen bei kirchlichen, staatlichen oder privaten Auftraggebern auf kein größeres Interesse, da sie sich sowohl von der traditionellen Ikonografie als auch vom formalen Historismus der Zeit distanzierten.
Porträtplastik Im Bereich der Porträtbildhauerei schuf Théophile Bra Büsten und Statuen zahlreicher Zeitgenossen, darunter Karl X. (für die Pariser Deputiertenkammer), Général Foy (für das Musée de Versailles), die Ärzte François-Joseph-Victor Broussais, Béclard und Philippe Pinel (für die Pariser École de Médecine; die Bronzestatue Broussais’ befindet sich im Hôpital Val-de-Grâce in Paris) sowie Pierre de Francheville (für das Musée de Cambrai) und Vincent Leleux (für das Musée de Lille). Für das Musée historique de Versailles entstanden die Bildnisstatuen von Jean de Joinville (1836), Philippe d’Orléans als Regent (1837) und von Marschall Mortier (1839).
Mythologische und allegorische Plastik Zu den bekanntesten Werken Théophile Bras gehört die Marmorstatue des Odysseus auf der Insel der Kalypso (1822, zunächst im Jardin du Palais-Royal in Paris, dann im Schlosspark von Compiègne), die 1833 im Salon als Marmorstatue des Ulysses ausgestellt wurde. Die Deutung der Figur des Verbannten trägt nach Ansicht des AKL eine ideologische Signifikanz, die über die mythologische Thematik hinausweist.
Zeichnerisches Werk und Handschriften mini|Théophile Bra – Le dessin parle (Die Zeichnung spricht, 1829/1855?) Neben seiner Tätigkeit als Bildhauer entwickelte Théophile Bra ein umfangreiches zeichnerisches und schriftstellerisches Werk, das er zu Lebzeiten weitgehend geheim hielt. Die der Stadtbibliothek Douai übereigneten Manuskripte umfassen rund 63 Bände (Ms. 1674) sowie weitere Alben und nicht inventarisierte Kartons (Ms. 1608, 1620, 1640, 1678). Die Handschriften sind mit einer Vielzahl von Zeichnungen, Diagrammen und abstrakten Bildzeichen versehen, die Bra selbst als Hieroglyphen bezeichnete. Diese Verbindung von Text und Bild gilt in der Forschung als einzigartig innerhalb der künstlerischen Kultur der Romantik und wird mit vergleichbaren Verfahren bei William Blake und Victor Hugo in Verbindung gebracht.
Kunsttheoretisches Schreiben Théophile Bra ist einer der wenigen Bildhauer seiner Zeit, der eine eigenständige, wenngleich fragmentarisch gebliebene Ästhetik entwickelte. In seiner Schrift De la loi vitale de l’art et de l’art compatible avec les lumières au XIXe siècle, die er vor der Société des sciences, de l’agriculture et des arts de Lille vortrug, formulierte er eine sozioreligiöse Theorie der zeitgenössischen Kunst. Die Abhandlung blieb unveröffentlicht. Als Monumentalbildhauer vertrat Bra die Auffassung, dass öffentliche Skulptur nicht allein der Erinnerung diene, sondern als politisches und soziales Kommunikationsmittel zur Vermittlung neuer Wertvorstellungen eingesetzt werden könne. In dieser Auffassung stand er David d’Angers nahe, den er als einzigen anderen bedeutenden jungen französischen Bildhauer seiner Generation betrachtete und der ähnliche Reflexionen über Monumentalplastik als ideologische Raummarkierung anstellte.
Rezeption Théophile Bra blieb zu Lebzeiten eine randständige Figur in der offiziellen Kunstwelt, obwohl er eine beträchtliche Anzahl staatlicher Aufträge erhielt. Sein Verzicht auf den ersten Rompreis, seine Distanz zur anekdotischen Thematik und zum formalen Historismus seiner Zeit sowie sein unkonventioneller religiöser Zugang schränkten seinen institutionellen Einfluss ein. Das Interesse der Saint-Simonisten an seiner Person blieb ohne dauerhaften Niederschlag. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde Bras zeichnerisches und schriftstellerisches Werk, das lange Zeit geheim gehalten worden war, neu entdeckt. 1997 fand eine Ausstellung seiner Werke in der Menil Collection in Houston, im Minneapolis Institute of Art sowie in der Bibliothèque municipale in Douai statt. Ein kritischer Gesamtkatalog seines plastischen Werkes steht laut dem AKL noch aus. Ein beträchtlicher Teil seiner Skulpturen ist verschollen, vor allem durch Zerstörungen in Nordfrankreich während des Zweiten Weltkriegs.
Literatur Émile Bellier de la Chavignerie, Louis Auvray: Dictionnaire général des artistes de l'École française. Renouard, Paris 1882. Le Musée de Douai, avec une notice sur la vie et les œuvres de Théophile Bra. Douai 1867. Stanislas Lami: Dictionnaire des sculpteurs de l'École française au dix-neuvième siècle. Bd. 1, Champion, Paris 1914, S. 183–190. Archives de l'art français. 1857–1858, S. 317. Chronique des Arts. 1863, S. 221. Nouvelles Archives de l'art français. 1887, S. 351–354; 1897, S. 112–113. Revue universelle des arts. Bd. XVIII, 1864, S. 97–102. Jacques De Caso, Andre Bigotte: The Drawing Speaks: Theophile Bra, Works 1826–1855 = Le Dessin Parle : Theophile Bra, Oeuvres 1826–1855. Menil Collection 1997. Emmanuel Bénézit: Dictionary of artists. Band 2: Bedeschini – Bülow. Paris, 2006. Allgemeines Künstlerlexikon Online / Artists of the World Online. De Gruyter 2009.
Weblinks
Johannes Grave – Darstellung des Absoluten?
Einzelnachweise
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