Baum der Nacht und andere Erzählungen (Originaltitel A Tree of Night and Other Storie) ist ein Erzählband des US-amerikanischen Schriftstellers Truman Capote. Die Kurzgeschichten-Sammlung aus zuvor publizierten Texten erschien 1949 im Verlag Random House. Die von Liselotte Fassbinder übersetzte deutschsprachige Fassung des Erzählbandes erschien 1957 im Wiesbadener Limes-Verlag. Einige deutschsprachige Sammelbände mit diesem Titel ordnen die Kurzgeschichten anders an oder enthalten weitere Capote-Erzählungen. Kurzbeschreibung Der Band Baum der Nacht und andere Erzählungen versammelt acht aus unterschiedlicher Erzählperspektive verfasste, oft düstere Geschichten über Menschen am Rande: einsame Figuren, die von Sehnsüchten, Ängsten oder Habgier getrieben werden und dabei oft ihre Würde, ihre Träume oder gar ihr Leben verlieren.

Inhalt der einzelnen Episoden Master Misery

Die aus Ohio nach New York City gezogene junge Sylvia verachtet ihren eintönigen Job als Stenotypistin und das demonstrative Ehe- und Hausfrauenglück ihrer Kindheitsfreundin Estelle, bei der Sylvia aufgrund mangelnder finanzieller Mittel wohnt. Um von Estelle unabhängig zu werden, verkauft Sylvia die Inhaltsangaben ihrer Träume an den zufällig kennen gelernten mysteriösen Mr. Revercomb. Die Revercomb-Sitzungen schwächen sie körperlich und seelisch; außer ihren Träumen muss sie auch Hab und Gut verkaufen, um ihre Unabhängigkeit zu erhalten. Sie lernt einen anderen Revercomb-Klienten kennen, mit dem sie sich anfreundet: den Ex-Clown und Alkoholiker Oreilly. Er hat die Theorie, Revercomb verzehrte mit den Träumen die Seelen seiner Klienten. Sylvia hofft vergeblich, ihre Träume zurückzubekommen: Revercomb hat sie tatsächlich alle verbraucht. Kindergeburtstag

Lily Jane Bobbit, ein zehnjähriges, ungewöhnlich selbstsicheres Mädchen, zieht mit ihrer Mutter in eine Kleinstadt und verzaubert die Jugendlichen. Sie wird zur Anführerin und Unternehmerin, schützt die schwarze Rosalba, gewinnt den ersten Preis in einem Talentwettbewerb – Probeaufnahmen in Hollywood – der sich dann als Betrugsunternehmen erweist. Ausgestattet mit dem Geld, das für den Talentwettbewerb eingesetzt worden war, will sie nach Hollywood abreisen. Beim Abschied wird sie von einem Bus überfahren und stirbt. Schließ die letzte Tür

Walter Ranney, einsamer Neuankömmling in New York, nutzt die Freundlichkeit seines ersten Bekannten Irving, um in die Gesellschaft eingeführt zu werden, und wird bald zum Ausbeuter von Freunden und Geliebten: Dem ausgenutzten Irving folgt dessen Freundin Margaret, die Walter einen Job in der Firma besorgt, in der auch sie arbeitet. Der ausgenutzten Margaret folgt deren Chef, über den Walter die wohlhabende Rosa kennenlernt sowie deren Freundin Anna. Immer wieder entfremdet Walter sich hierbei durch Eigennutz und Lügen. Von Walter in die Welt gesetzte Gerüchte um eine Verbindung mit Rosa führen zu weiteren Konflikten, Walter verliert seine Stellung und erhält das erste Mal einen bedrohlich wirkenden anonymen Telefonanruf. Er flieht nach Saratoga, wo sich das Ausnutzen eines Mitmenschen ebenso wie der mysteriöse Anruf wiederholt, und von dort aus nach New Orleans, wo Einsamkeit und psychische Erschöpfung ihn zusammenbrechen lassen – und das Telefon erneut klingelt. Der silberne Krug

Der Einzelhändler Ed Marshall reagiert auf neu aufgetauchte Geschäfts-Konkurrenz mit einer ungewöhnlichen Verkaufsaktion: Den genauen Inhalt eines mit Münzen gefüllter Vier-Liter-Glaskrugs sollen Kunden mittels durch Einkäufe erworbene Lose erraten dürfen. Bald tauchen der rätselhafte Junge Appleseed und seine Schwester Middy auf. Appleseed behauptet, das Geld im Krug von außen zählen zu können. Trotz anfänglicher Skepsis der Mitmenschen bleibt er beharrlich bei seiner Aufgabe. Drei Tage vor Ende der Aktion verkündet Appleseed eine konkrete Summe: 77,35 Dollar seien in dem Glaskrug drin. Am Heiligabend wird der verschlossene Lösungsumschlag geöffnet – und bestätigt Appleseeds Tipp. Als Gewinner erfüllt er den Wunsch seiner Schwester nach einem schönen Gebiss. Miriam

Witwe Miriam Miller lebt einsam und begegnet eines Tages vor einem Kino einem Mädchen, das ebenfalls Miriam heißt. Das Kind bittet um eine Kinokarte. Nach dem Film verschwindet es, taucht aber eine Woche später bei Witwe Miller auf und bedrängt die Witwe mit Forderungen nach Essen, Aufmerksamkeit und einer besonderen Brosche, ein Erinnerungsstück an den toten Mr. Miller. Die Witwe ist hilflos, erschöpft und von einem drückenden Schweregefühl im Kopf überwältigt. Nach dem Besuch ist sie verstört und kauft ein. Miriam erscheint erneut, mit Gepäck. Sie will bei Witwe Miller wohnen, weswegen Witwe Miller panisch zu Nachbarn flieht. Diese finden weder das Mädchen noch das Gepäck; die Wohnung wirkt leer und unheimlich. Die Erzählung endet mit spukhaften Geräuschen und letztlich Miriams Stimme, sodass offenbleibt, ob es sich um ein übernatürliches Geschehen oder bei der Witwe um eine gespaltene Persönlichkeit handelt. Ohne Ziel

Der Kunstgalerie-Angestellte Vincent Waters trifft während er Arbeit auf eine seltsame junge Frau, D.J., die ihm ein verstörendes Bild verkaufen möchte. Sie verschwindet ohne das Bild und taucht später immer wieder in Vincents Umfeld auf. Er wird von ihrer Erscheinung besessen und nimmt sie schließlich mit in seine Wohnung. D.J. ist manchmal zeitlich desorientiert, spricht rätselhaft von einem Mann namens Mr. Destronelli, den sie als Bedrohung erlebt: Für sie erscheint er in vielen Gestalten, und sie fürchtet, er werde sie töten. Vincent verliebt sich trotz ihrer Wirrnis in D.J., die ihn mehrmals verdächtig, mit Destronelli im Bunde zu sein, doch als D.J. einen Gasableser mit einer Schere bedroht und als „Destronelli“ beschimpft, trennt Vincent sich von ihr; fieberkrank und verwirrt zerstört er das Bild und verbarrikadiert seine Tür. Nach Ende des Fiebers ist er körperlich und seelisch erschöpft. D.J. verfolgt ihn weiterhin wie ein Schatten, beide bleiben isoliert, von Schuldgefühlen gequält und dem Untergang nahe. Wie ich die Dinge sehe

Der sechzehnjährige Ich-Erzähler Mr. Sylvester heiratet die gleichaltrige Marge nach nur vier Tagen Bekanntschaft. Kurz darauf ist Marge schwanger; Sylvester gibt seine Stellung auf und zieht mit ihr zu ihren Tanten Eunice und Olivia-Ann auf eine Baumwollplantage. Dort wird er von den Tanten und teils auch von Marge verachtet: Er darf nicht im Haus schlafen, bekommt schlechtes Essen, und Marge wird gegen ihn aufgehetzt. Nach mehrmonatigem Nervenkrieg eskaliert die Situation und es kommt zu Handgreiflichkeiten, bewaffnet mit Regenschirm, Fleischermesser und Bürgerkriegs-Säbel. Marge wird ohnmächtig, Sylvester nutzt die Ohnmacht und verbarrikadiert sich im Wohnzimmer. Baum der Nacht

Die 19-jährige Kay will in einem Zug von der Beisetzung ihres Onkels heimfahren. Der Zug ist schmutzig und überfüllt. Kay findet in einem Abteil noch einen Platz bei einem grotesken Pärchen: dem taubstummen Lazarus und seiner gintrinkenden Begleiterin. Die Gintrinkerin bietet Kay Alkohol an, erzählt, Lazarus verdiene sein Geld damit, sich lebendig begraben zu lassen. Kay fühlt sich zunehmend bedrängt, kann sich gegen den Willen der Gintrinkerin nicht durchsetzen und scheitert sogar daran, einen Schaffner um Hilfe zu bitten. Lazarus’ Blick und seine Präsenz rufen in ihr eine alte, kindliche Angst hervor und erzeugen eine fast hypnotische Stimmung. Als man ihr einen angeblichen Liebeszauber-Talisman verkaufen will, flieht Kay auf eine Zug-Außenplattform, wird aber von Lazarus zurückgeholt und erklärt sich, um der Sache ein Ende zu machen, bereit, den angeblichen Liebeszauber-Talisman zu kaufen. Daraufhin wird sie mutmaßlich ohnmächtig. Die Gintrinkerin entwendet Kay deren Tasche und zieht den Regenmantel wie ein Leichentuch über Kays Kopf; das Ende bleibt offen und rätselhaft. Textanalyse Die Texte in Baum der Nacht und andere Erzählungen erzählen aus unterschiedlichen Erzählsituationen und von unterschiedlichen Orten, unter denen New York City und Gemeinden in Alabama jedoch vorherrschen. Die Berichtszeiten der Geschichten, die abwechselnd „von ängstlicher Unsicherheit und schwarzem Humor“ geprägt sind,„alternating between stories of anxious uncertainty and black comedy“ – Thomas Fahy: A Tree of Night and Other Stories. In: Thomas Fahy: Understanding Truman Capote. University of South Carolina Press, Columbia SC 2014. ISBN 978-1-61117-341-3. S. 16–42. Hier S. 42. lassen sich oft durch Details der Handlung schließen. Episodenübergreifende Figuren gibt es nicht, jedoch handelt es sich nach Meinung des Literaturwissenschaftlers Thomas Fahy (Long Island University) überwiegend um „isolierte, oft zersplitterte Charaktere“ deren „Selbsterforschung oft ein gequälter und schmerzhafter Prozess“ ist.„isolated, often fragmented characters [...] self-exploration is often a tortured and painful process“ – Fahy, A Tree of Night and Other Stories, S. 42. Zu den episodenübergreifenden Themen gehören übernatürliche Phänomene, Isolation sowie Doppelgänger-Identitäten: „Das Motiv der Begegnung des Protagonisten mit einem mysteriösen Fremden ist zentral“ zumindest für die Geschichten Baum der Nacht, Miriam und Ohne Ziel, so der Literaturwissenschaftler Hideki Fujita (Universität Toyama): „Für den Protagonisten ist diese Begegnung ein schockierendes und erschütterndes Erlebnis, das die Grundfesten seiner vertrauten Realität ins Wanken bringt. Es wird angedeutet, dass der mysteriöse Fremde eng mit etwas verbunden ist, das der Protagonist tief in sich trägt.“„the motif of the encounter of the protagonist with a mysterious stranger. For the protagonist, the encounter is a shocking and disruptive experience which shakes the foundation of his/her familiar reality. And there is a suggestion that the mysterious stranger is closely associated with something that the protagonist harbors deep within him/herself“ – Hideki Fujita: The Encounter with the Nocturnal Side of the Psyche. Truman Capote’s „A Tree of Night“. In: Journal of the Faculties of Humanities, Jg. 36, 2002, , S. 141–147. Hier S. 141.(pdf). Allgemein lasten laut Thomas Fahy „Furcht, Angst und Unsicherheit schwer auf den Hauptfiguren. Die meisten von ihnen ziehen sich in isolierte Räume zurück und teilen eine nostalgische Idealisierung der Kindheit, um unbequemen persönlichen Wahrheiten und gesellschaftlichen Schrecken zu entfliehen.“„Dread, anxiety, and uncertainty hang over the main characters. Most of them retreat into isolated spaces and share a nostalgic idealiziation of childhood in attempts to escape uncomfortable personal truths and social horrors“ – Fahy, A Tree of Night and Other Stories, S. 29. Rezeption „Erzähltechnisches Raffinement und stilistische Brillanz“ kennzeichne nach Auffassung des Anglisten Wolfgang G. Müller generell die Texte dieses Sammelbandes: „Die Erzählungen zeigen durchweg große Kunst in der Handlungsführung mit virtuos erzeugten Überraschungseffekten, Schlußpointen, Epiphanien und Übergängen vom Realen ins Irreale.“Wolfgang G. Müller: Capote, Truman. In: Bernd Engler, Kurt Müller (Hrsg.): Metzler-Lexikon amerikanischer Autoren. Metzler, Stuttgart 2000. ISBN 3-476-01654-4. S. 119–122. Hier S. 120. Laut Thomas Fahy erweist sich Baum der Nacht und andere Erzählungen als „ein vielschichtiges Bild der Ängste und Unsicherheiten, die die Nation damals beherrschten“ und „fängt den Zeitgeist der Ära ein“,„emerges as a rich portrait of the anxieties and uncertainties that consumed the nation at the time [...] it captures the zeitgeist of the era“ – Fahy, A Tree of Night and Other Stories, S. 42. wobei die Rezeption der einzelnen Bestandteile des Sammelbandes natürlich uneinheitlich ist. Literatur Thomas Fahy: A Tree of Night and Other Stories. In: Thomas Fahy: Understanding Truman Capote. University of South Carolina Press, Columbia SC 2014. ISBN 978-1-61117-341-3. S. 16–42.