mini|Pro-Israel-Kundgebung in Kapstadt: Wer Israel segnet, wird von Gott gesegnet werden (2014) Kirchliche Stellungnahmen zum Staat Israel gibt es seit der Unabhängigkeitserklärung Israels am 14. Mai 1948 und dem folgenden Palästinakrieg.

Das Spektrum reicht von Positionierungen zu politischen Fragen im Sinne christlicher Ethik über Stimmen, die in der Staatsgründung ein für Christen theologisch bedeutsames Ereignis erkennen bis hin zu Entwürfen eines Christlichen Zionismus, die dem Staat Israel eine entscheidende Rolle in der Heilsgeschichte zuweisen. Die Diskussion wird vor allem im Raum der Kirchen mit evangelisch-reformierter Tradition lebhaft geführt.

Für den Vatikan und noch mehr für das griechisch-orthodoxe Patriarchat von Jerusalem hat die Regelung von Grundbesitz- und Finanzfragen wie auch die Visagewährung großes Gewicht, da die jeweilige kirchliche Arbeit im Staat Israel und in den von Israel besetzten Gebieten davon abhängt.

Ökumenischer Rat der Kirchen mini|Einzug der Delegierten beim Eröffnungsgottesdienst der ÖRK-Vollversammlung in Amsterdam 1948

Während des Palästinakriegs fand vom 22. August bis 4. September 1948 in Amsterdam die erste Vollversammlung des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRK) statt. Im Rahmen des Themas Judenmission befassten sich die Delegierten mit der Gründung des Staates Israel. Die Staatengemeinschaft wurde aufgerufen, darin jenseits politischer Überlegungen eine „sittliche und geistige Frage“ zu erkennen, „die das religiöse Leben der Welt im Innersten berührt. Welche Stellung man auch zu der Schaffung eines jüdischen Staates und zu dem hier in Frage stehenden ‚Recht‘ und ‚Unrecht‘ von Juden und Arabern, Judenchristen und arabischen Christen einnehmen mag, − die Kirchen haben die strenge Pflicht, für eine Ordnung in Palästina zu beten und zu arbeiten, die so gerecht ist, wie das inmitten unserer menschlichen Unordnung nur sein kann; sie müssen nach Kräften unterschiedslos Hilfe für die Opfer dieses Krieges bereitstellen“ und sich für Displaced Persons einsetzen.Rolf Rendtorff, Hans Hermann Henrix (Hrsg.): Die Kirchen und das Judentum. Dokumente von 1945–1985. Gütersloh 2001, S. 328 (E.I.2)Willem Adolf Visser ’t Hooft (Hrsg.): The First Assembly of the World Council of Churches. SCM Press, London 1949, S. 163. (Digitalisat) Das Bestreben des ÖRK, sich im Nahostkonflikt nicht auf die Seite einer Partei zu schlagen, zeigt für Walter Kickel ansatzweise den „Grund für die spätere Lähmung des Ökumenischen Rates in der Israelfrage.“Walter Kickel: Das gelobte Land, München 1984, S. 152.

Beauftragt von der vierten Weltkonferenz der ÖRK-Kommission für Glauben und Kirchenverfassung in Montreal 1963, wurde der sogenannte Bristol Report erstellt. Daran beteiligten sich auch Vertreter orthodoxer und arabischer Kirchen. Es war kurz nach dem Sechstagekrieg nicht möglich, den Text bei der ÖRK-Vollversammlung in Uppsala 1968 einzubringen.Rolf Rendtorff: Hat denn Gott sein Volk verstoßen? München 1989, S. 48–51; Walter Kickel: Das gelobte Land, München 1984, S. 154. Zur Gründung des Staates Israel hieß es, dieses Ereignis sei „für die große Mehrzahl der Juden von ungeheurer Bedeutung; sie hat ihnen ein neues Gefühl von Selbstbewußtheit und Sicherheit gegeben. Aber dieses gleiche Ereignis hat auch über arabische Menschen Leiden und Unrecht gebracht. Wir finden es unmöglich, der Staatsgründung und allem, was damit zusammenhängt, eine einmütige Bewertung zuteil werden zu lassen […]“Rolf Rendtorff, Hans Hermann Henrix (Hrsg.): Die Kirchen und das Judentum. Dokumente von 1945–1985. Gütersloh 2001, S. 350 und 354 (E.I.19)

Am 4. Juli 1967 verabschiedete der Arbeitsausschuss der Christlichen Friedenskonferenz bei seiner Zusammenkunft in Zagorsk eine Erklärung, die davor warnte, die militärischen Erfolge des Staates Israel im Sechstagekrieg religiös zu verklären. Der Nahostkonflikt stehe im Kontext anderer imperialistischer Kriege wie dem Vietnamkrieg.Rolf Rendtorff: Hat denn Gott sein Volk verstoßen? München 1989, S. 52 f. „Es ist nicht zu übersehen, daß die in den Vereinten Nationen zusammengeschlossene Gemeinschaft der Völker eine Mitverantwortung dafür trägt, daß den arabischen Staaten im Nahen Osten die Existenz des Staates Israel aufgezwungen wurde.“ Deshalb, so der Arbeitsausschuss, trügen die Vereinten Nationen auch Verantwortung für eine „zukünftige Friedensregelung“; es sei bedauerlich, dass Israel UN-Beschlüsse mehrfach ignoriert habe.Rolf Rendtorff, Hans Hermann Henrix (Hrsg.): Die Kirchen und das Judentum. Dokumente von 1945–1985. Gütersloh 2001, S. 347 (E.I.8) Sechs deutsche Mitglieder der Konferenz (darunter Helmut Gollwitzer und Ernst Wolf) veröffentlichten am 9. August 1967 eine Gegenerklärung: „Es genügt nicht, zu sagen, daß der Staat Israel ein moderner, säkularer Staat wie jeder andere ist. Die Christenheit muß bezeugen, daß Gottes Treue auch heute über dem Volke Israel in Kraft geblieben ist. Auch das israelitische Volk im säkularen Staat Israel steht unter dieser Verheißung und kann darum mit anderen Völkern nicht ohne weiteres auf eine Stufe gestellt werden. […] Wir Deutsche, die wir in schrecklicher Weise an Israel schuldig geworden sind, haben eine Mitverantwortung für den Staat Israel als die letzte Heimat vieler Menschen, die aus unserem Land stammen und dem von uns Deutschen ins Werk gesetzten Völkermord an den europäischen Juden entronnen sind.“ Man habe die Aufgabe, alles dafür zu tun, „das Elend der arabischen Flüchtlinge zu lindern und ihnen zu einer neuen Existenz zu verhelfen.“Rolf Rendtorff, Hans Hermann Henrix (Hrsg.): Die Kirchen und das Judentum. Dokumente von 1945–1985. Gütersloh 2001, S. 348–350. (E.I.9)

Im Jahr 1969 befragte der ÖRK-Zentralausschuss seine Mitgliedskirchen, ob das jüdische Volk das Recht auf einen eigenen Staat habe und falls ja, ob Christen aus theologischen Gründen den Staat Israel unterstützen sollten. Die arabischen Kirchen verneinten beides, da der Bund Gottes in Christus erfüllt sei und die weitere Geschichte des Christus ablehnenden Judentums deshalb ohne Bedeutung sei. Die orthodoxen Kirchen lehnten ab, was ihnen als eine „Theologie des Irdischen“ erschien. Der Staat Israel vermische archaische und moderne Elemente, er sei „religiöser Imperialismus.“ Viele afrikanische und asiatische Kirchen zeigten sich an dem Thema desinteressiert. Innerhalb des ÖRK waren es, so Walter Kickel, „nur die protestantischen westlichen Christen, die versuchten, zu Israel eine neue und positive Beziehung zu finden.“Walter Kickel: Das gelobte Land, München 1984, S. 155.

Der ÖRK-Zentralausschuss bekräftigte 1995 seine Erklärung aus dem Jahr 1980, die israelische Annexion Ost-Jerusalems nicht anzuerkennen und nicht zu akzeptieren, dass Israel „die vereinigte Stadt ‚auf ewig‘ zur Hauptstadt Israels unter seiner alleinigen Souveränität“ erklärt hatte. Er äußerte tiefe Besorgnis über den politischen und wirtschaftlichen Druck, der auf die christliche Bevölkerung Jerusalems ausgeübt werde; die dadurch ausgelöste Auswanderung verringere die christliche Präsenz in Jerusalem immer weiter. Er appellierte an Israel, von seiner Politik der systematischen Enteignung von Gebäuden und Land, von der restriktiven Vergabe von Baugenehmigungen an arabische Bürger und der Einschränkung ihres Zugangs nach Jerusalem abzugehen und den demographischen Status quo nicht vor einer Verhandlungslösung in seinem Sinne zu ändern.Hans Hermann Henrix, Wolfgang Kraus (Hrsg.): Die Kirchen und das Judentum. Dokumente von 1986–2000, Gütersloh 2001, S. 462 (E.I.8)

Als Antwort auf eine Bitte von Mitgliedskirchen in Israel/Palästina um eine internationale Präsenz vor Ort richtete der ÖRK 2002 das Ökumenische Begleitprogramm in Palästina und Israel (Ecumenical Accompaniment Programme in Palestine and Israel, EAPPI) ein.Das Ökumenische Begleitprogramm in Palästina und Israel (EAPPI)

Der ÖRK veröffentlichte 2009 das von einer Gruppe palästinensischer Christen erarbeitete Kairos-Palästina-Dokument; die Hauptautoren waren der Anglikaner Naʿīm ʿAtīq, der Lutheraner Mitri Raheb und der evangelikale Theologe Yohanna Katanacho. Das Dokument beklagt das Leben der palästinensischen Bevölkerung unter israelischer Besatzung und vertritt eine Universalisierung der biblischen Landverheißungen.Kairos-Palästina-Dokument

Auf der 11. ÖRK-Vollversammlung in Karlsruhe bekräftigten die Delegierten 2022 „den rechtmäßigen Platz des Staates Israel in der internationalen Staatengemeinschaft“. Einerseits erkannten sie Israels legitime Sicherheitsbedürfnisse an, andererseits bekräftigten sie das palästinensische Selbstbestimmungsrecht. Die auf Dauer angelegte Besetzung der von Israel 1967 eroberten palästinensischen Gebiete sei ebenso wie der Siedlungsbau völkerrechtswidrig. Einigen Mitgliedskirchen und Delegierten zufolge lief die Politik des Staates Israel auf ein System der Apartheid hinaus, während andere diese Bezeichnung als „unangemessen, nicht dienlich und schmerzhaft“ ablehnten.Streben nach Gerechtigkeit und Frieden für alle im Nahen Osten

Bei seiner Tagung in Johannesburg (Juni 2025) erklärte der ÖRK-Zentralausschuss mit Bezug auf den Krieg in Israel und Gaza seit 2023 und die sich gleichzeitig verschlechternden Lebensbedingungen für Palästinenser in Ost-Jerusalem und dem Westjordanland: „Wir anerkennen und verurteilen das System der Apartheid, das Israel dem palästinensischen Volk auferlegt und damit das Völkerrecht und das moralische Gewissen verletzt.“ Als Vorsitzender des Zentralausschusses erläuterte Heinrich Bedford-Strohm, warum jetzt doch von Apartheid die Rede war: „Das liegt in dem Erschrecken über das unermessliche Leid begründet, das die Bombardements der israelischen Armee im Gazastreifen angerichtet haben und das durch keine noch so legitime Selbstverteidigung mehr zu rechtfertigen ist.“

Kirchen der Anglikanischen Gemeinschaft Lambeth-Konferenzen mini|Naʿīm ʿAtīq (2011)

In Vorbereitung der 12. Lambeth-Konferenz (1988) war ein Beschluss zum Thema Palästina/Israel im Gespräch. Die dazu eingereichten Texte einerseits des Anglikanischen Netzwerks für Frieden und Gerechtigkeit, andererseits des Komitees für christlich-jüdische Beziehungen lagen in ihrer Sicht auf die Staatsgründung Israels und die Politik Israels gegenüber der palästinensischen Bevölkerung weit auseinander. Der Text des Netzwerks für Frieden und Gerechtigkeit trug die Handschrift des palästinensischen Befreiungstheologen Naʿīm ʿAtīq. Mitglieder der amerikanischen Episkopalkirche überlegten, ihre Zustimmung zu verweigern, da der Text unausgewogen sei. Die Anwesenheit vieler Bischöfe aus dem Globalen Süden in Lambeth sprach allerdings dafür, dass der Text trotzdem angenommen werden würde. Der Beschluss zu Palästina/Israel lautete: Die Konferenz, „betrübt durch das Leiden im Westjordanland und im Gazastreifen, […] bekräftigt die Existenz des Staates Israel und sein Recht auf anerkannte und sichere Grenzen, sowie die Bürger- und Menschenrechte aller, die innerhalb dieser Grenzen leben. Sie bekräftigt das Selbstbestimmungsrecht der Palästinenser, inbegriffen das Recht, ihre eigenen Repräsentanten zu wählen und ihren eigenen Staat zu errichten.“

Die 13. Lambeth-Konferenz (1998) befasste sich mit der Situation im Heiligen Land und besonders in Jerusalem. Jerusalem solle künftig Hauptstadt zweier souveräner Staaten Israel und Palästina sein. Ost-Jerusalem sei ein integraler Teil der besetzten Gebiete und solle in alle Regelungen, diese Gebiete betreffend, einbezogen werden. Der gravierende Schwund der christlichen Bevölkerung bedrohe den Charakter Jerusalems als einer Stadt, die drei Religionen heilig ist. Der fortgesetzte jüdische Siedlungsbau in Ost-Jerusalem und den besetzten Gebieten bleibe ein ernstes Hindernis für jeden dauerhaften und gerechten Frieden. Vereinigte Staaten