mini|hochkant=1.6|Luftbild von Bechtolsheim, aus einem Motorschirm am 9. Juli 2005 fotografiert
Bechtolsheim ist eine Ortsgemeinde am Fuße des Petersbergs im Landkreis Alzey-Worms in Rheinland-Pfalz. Sie gehört der Verbandsgemeinde Alzey-Land an.
Geographie Geographische Lage Die Gemeinde liegt an der Selz, die sich am Petersberg entlangschlängelt. Die nächsten Städte sind Alzey mit den für den Ort zuständigen Verwaltungen (Landkreis- und Verbandsgemeinde-Verwaltung), und Wörrstadt in jeweils ca. 10 Kilometer Entfernung. Die 30 Kilometer entfernte Landeshauptstadt Mainz ist am schnellsten über die Bundesautobahn 63 zu erreichen.
Als Weinbaugemeinde liegt Bechtolsheim im größten Weinbau betreibenden Landkreis Deutschlands und mitten im Weinanbaugebiet Rheinhessen. Dort gehört es zum Anbaubereich Nierstein mit der Großlage Petersberg.
Die Gemarkungsfläche beträgt 1066 Hektar. Die Siedlungs- und Verkehrsfläche beträgt 11,3 %. Mit einem Anteil von 86,1 % nimmt die landwirtschaftlich genutzte Fläche den größten Teil ein. Die bestockte Rebfläche beträgt hiervon 241 Hektar, auf Weißweinrebsorten entfallen 72,5 % und auf Rotweinrebsorten 27,5 % (Stand: 2010). Die restlichen Flächen teilen sich die Waldflächen mit 1,6 % und die Wasserflächen 1,0 % auf (Stand: 31. Dezember 2012). Bei den Waldflächen handelt es sich hauptsächlich entlang der Selz stehende Bäume.
Nachbargemeinden Bechtolsheim grenzt an Biebelnheim (1 km), Gau-Odernheim (1,5 km). Danach folgen Gabsheim und Undenheim. Nach Weinolsheim gibt es eine gemeinsame Gemarkungsgrenze und, abgesehen von Feldwegen, keine direkte Straßenverbindung.
Geschichte Jungsteinzeit mini|Steinbeil, welches bei Bechtolsheim gefunden wurde. Die Beschriftung wurde vom Museum vorgenommen Anfang des 20. Jahrhunderts wurde an der Straßenkreuzung von Bechtolsheim nach Biebelnheim und Gabsheim ein Steinbeil aus der Jungsteinzeit gefunden. Am 7. Februar 1962 wurde ein Skelettfund in einem Hockergrab gemacht.Steinzeitliche Siedlung in Bechtolsheim? Funde aus der Jungsteinzeit.
Römerzeit Aus der römischen Zeit sind vier Villen nachgewiesen. Münzen aus den Zeiten von Mark Aurel, abgerufen: 6. April 2009. und Konstantins dem Großen mit dem Bildnis des Kaisers Licinius, eine Münze der römischen Kaiserin Faustina und ein Tonlämpchen mit dem Töpferstempel Attus-a sowie eine Wasserleitung, die aus römischer Zeit stammen könnte, wurden gefunden. Demnach ist davon auszugehen, dass zwischen 260 und 400 nach Christus eine erste Siedlung bestanden hat.Karl Oberle: Geschichte von Bechtolsheim. S. 7.
Erste urkundliche Erwähnungen Die ersten schriftlichen Dokumente über fünf Schenkungen an das Kloster Lorsch sind im Lorscher Codex aufgezeichnet und werden im Staatsarchiv Würzburg aufbewahrt unter Altbestände, Stifte und Klöster, Mainzer Bücher verschiedenen Inhalts.:Karl Josef Minst: Lorscher Codex, Deutsch, Band III, Schenkungsurkunden Wormsgau, Lorsch 1970, S. 330–331. Urkunde 1877 von zweite Hälfte Juli 767, Schenkung des Teubert, unter König Pippin der Jüngere, „um dem Seelenheil des Giselbert zu dienen“: eine Hofreite, drei Morgen Land, eine Mühle, zwei Wiesen und einen Weinberg in der „bertolfesheimer marca“. Urkunde 1873 vom 18. Mai 770, Schenkung des Wanther über drei Morgen Land und eine Wiese Urkunde 1875 von 770 oder 771, Schenkung des Guduin über eine Hofreite mit Hube und allem, was dazugehört Urkunde 1874 von 774 oder 775, Schenkung des Raning über zwei Morgen Land Urkunde 1876 von 778 oder 779, Schenkung von Halucho und Reicho über sechs Morgen Land
In dieser Zeit war Bechtolsheim ein fränkischer königlicher Wirtschaftshof.
Die regelmäßige Dorfanlage war im Mittelalter mit Wall und Graben bewehrt.Henning Kaufmann: Rheinhessische Ortsnamen. München 1976, S. 12.
Der Ortsname änderte sich im Laufe der Zeit von Bertolfesheim, in Bertolvesheim und Bertolfesheim. 793 hieß die Ortschaft Beralfesheim, 798 Beratwolfesheim und 800 Badolfesheim.Karl Oberle: Geschichte von Bechtolsheim. S. 14.
Am 25. Dezember 1250 zog König Wilhelm von Holland „mit großer Pracht“ in Bechtolsheim ein und bezog mit seinen Truppen Stellung gegen Konrad IV., dessen Heere bei Oppenheim lagen. Damals gehörte der Ort Werner IV. von Bolanden (* 1192–1196; † 1258), der auf der Seite von Wilhelm stand.Karl Oberle: Geschichte von Bechtolsheim. S. 22. Dieser wurde aber vom Staufer Konrad IV. besiegt. Der Bolander konnte der Plünderung seiner Dörfer nur dadurch entgehen, dass er Bechtolsheim und Mommenheim an die Seitenlinie von Hohenfels abtrat, seit 1270 unter Philipp III. von Hohenfels.Josef Rick: Heimat-Jahrbuch Landkreis Alzey. 1961, S. 57–62 und Die Weinbaugemeinde Bechtolsheim. In: Festschrift zum Feuerwehrfest 1972
Bechtolsheimer Freiheitsbrief und die ganerbschaftliche Zeit mini|Plan des ehemaligen Wasserschlosses Die Herren von Bolanden traten ihren Wirtschaftshof ihrer Seitenlinie Hohenfels ab. Eine weitere Erwähnung von Bechtolsheim findet sich im Bechtolsheimer Freiheitsbrief von Philipp von Hohenfels dem Älteren in der Gründungsurkunde der Ganerbschaft vom 15. November 1270.Karl Oberle: Geschichte von Bechtolsheim. S. 89 f.
Zu der Ganerbschaft gehörten durch die Jahrhunderte 17 reichsritterschaftliche Familien, die am Ende des Alten Reichs in der Regel den Freiherren-Titel führten, darunterJosef Rick: Die Ganerbschaft Bechtolsheim. In: Heimatjahrbuch des Landkreises Alzey-Worms 1971. S. 10; Matthias Schnettger: Die Territorien im Überblick. / 6. Die Reichsritterschaft. In: Kreuz – Rad – Löwe / Rheinland-Pfalz. Ein Land und seine Geschichte. Band 1, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2012, S. 571; Karl Anton Schaab: Geschichte der Stadt Mainz = Geschichte der Großherzoglich Hessischen Rheinprovinz mit den Kantonen Alzei, Bingen, Osthofen, Pfeddersheim, Wöllstein, Wörrstadt und Worms, Band 4 . Kupferberg, Mainz 1851.: Beckers zu Westerstetten (Grafentitel im 18. Jahrhundert) von Dalberg von Dienheim von Hallberg (ein Familienzweig führte ab 1790 den Grafentitel) Knebel von Katzenelnbogen von Mauchenheim genannt BechtolsheimUm 1407 erschien erstmals ein Wilhelmum de Mauchenheim d[ictum] Bechtolsheim, also ein Wilhelm von Mauchenheim genannt Bechtolsheim. Nordeck zu Nordeck (Nordeck zu St. Goar) von Partenheim Quernheim Sturmfeder von Oppenweiler von Wallbrunn von Weyers
Zur Erbauung der ersten Muttergotteskirche gaben die Päpste Nikolaus IV. im Jahr 1292, Bonifatius VIII. im Jahr 1300 und Benedikt XII. im Jahr 1341 Ablassbullen heraus,Phil. August Pauli: Die röm. und dt. Alterthümer am Rhein. Rheinhessen, Mainz 1820, S. 124; Festschrift 1977, S. 21. die sich noch im Kirchenarchiv befinden und beweisen, dass man ein halbes Jahrhundert daran gebaut hatte. Sie erhielt den Namen der großen Muttergotteskirche, Ecclesia Major, B. M. V. Sie hatte mehrere gestiftete Altäre, wozu die Edelleute das Präsentationsrecht ausübten.Stephan Alexander Würdtwein: Dioecesis Moguntina in Archidiaconatus distincta. 1767. Die einheimischen und umliegenden Adeligen wählten sie zu ihren Grabstätten.
Im Zuge der Reunionspolitik beanspruchte König Ludwig XIV. von Frankreich in den Jahren ab 1680 die Oberherrschaft über Bechtolsheim zusammen mit weiten Teilen Rheinhessens und der linksrheinischen Kurpfalz. Der französische König und seine Reunionskammern begründeten die Annexionen damit, dass die Orte in der Vergangenheit mit Gebieten verbunden gewesen wären, die im Westfälischen Frieden und dem Frieden von Nimwegen an Frankreich gefallen waren. Nach dem Pfälzischen Erbfolgekrieg musste Frankreich 1697 im Frieden von Rijswijk Bechtolsheim und alle anderen Reunionen außerhalb des Elsass an das Heilige Römische Reich zurückgeben.Altertumsvereins für Alzey und Umgebung (Hrsg.): Alzeyer Geschichtsblätter Band 22. Verlag der Rheinhessischen Druckwerkstätte, Alzey 1988, S. 62–65.
Französische Republik bis Deutsches Reich Zwischen 1798 und 1814 gehörte Bechtolsheim im Canton de Wœrstadt dem Département du Mont-Tonnerre an. Danach unterstand der Ort kurzzeitig der K.K. Österreichischen und Königlich Bayerischen Civil Administration Kreuznach. Aufgrund der 1815 auf dem Wiener Kongress getroffenen Vereinbarungen und einem 1816 zwischen Hessen-Darmstadt, Österreich und Preußen geschlossenen Staatsvertrag kam die Region und damit auch der Ort Bechtolsheim zum Großherzogtum Hessen (Hessen-Darmstadt) und wurde von diesem seiner neugeschaffenen Provinz Rheinhessen zugeordnet. Der Müller Christian Nicolaus Kopf hatte als einziger im Ort im Jahr 1834 das Recht Wahlmänner für die Zweite Kammer des Großherzoglich Hessischen Landtages zu wählen (→ Landstände des Großherzogtums Hessen). Denn Voraussetzung war die Zahlung von mindestens 25 Gulden Steuern im Jahr (→ Zensuswahlrecht).Großherzogl. Hess. Regierungsblatt für das Jahr 1834. Darmstadt, S. 106. Nach der Auflösung der rheinhessischen Kantone kam der Ort 1835 zum neu errichteten Kreis Alzey. Von 1852 bis 1938 gehörte Bechtolsheim zum Kreis Oppenheim. Am 28. September 1896 wurde der Bahnhof an der Bahnstrecke Bodenheim–Alzey eröffnet. In der Nacht zum 1. August 1904 brannte der ortseigene Glockenturm, welcher sich neben der Simultankirche befindet, durch Blitzschlag ab. Die ständige Wasserversorgung per Wasserleitung wurde 1906, mit den Nachbargemeinden gegründeten Wasserzweckverband Rhein-Selz-Gebiet, sichergestellt. 1912 erfolgte die Elektrifizierung des Ortes. Die Novemberrevolution von 1918/19 führte in der Endphase des Ersten Weltkrieges zum Sturz der Monarchie im Deutschen Reich und zu dessen Umwandlung in eine Republik. Mit dem Ende der Monarchie 1918 wurde auch aus dem Großherzogtum Hessen (Hessen-Darmstadt) der Volksstaat Hessen. Darmstadt blieb dabei Landeshauptstadt. Nun folgten die politisch unruhigen Zeiten der Weimarer Republik. 1937 wurde die Provinz Rheinhessen – wie alle hessen-darmstädtischen Provinzen – aufgehoben. 1938 wurde der Kreis Oppenheim aufgelöst und der Ort gehörte bis zur Gebietsreform 1969 zum Landkreis Alzey.Rudolf Flick: 1792 – Beginn einer neuen Zeit. In: 400 Jahre Rathaus. S. 70. Am 20. März 1945 gegen 16 Uhr besetzten amerikanische Truppen Bechtolsheim.Rudolf Flick: Die Gemeinde Bechtolsheim nach dem Zweiten Weltkrieg. In: 400 Jahre Rathaus. S. 71.
Rheinland-Pfalz und Bundesrepublik Deutschland Als Teil der französischen Besatzungszone gehörte Bechtolsheim von 1946 an zum Landkreis Alzey im Regierungsbezirk Rheinhessen im damals neu gebildeten Land Rheinland-Pfalz. Durch die Gebietsreform wurde 1969 der Landkreis Alzey aufgelöst und Bechtolsheim gelangte mit dem größten Teil des Altkreises Alzey an den neuen Landkreis Alzey-Worms. Mit Schaffung der Verbandsgemeinden in Rheinland-Pfalz gab Bechtolsheim einen Teil der Verwaltung an die am 22. April 1972 eingerichtete Verbandsgemeinde Alzey-Land ab.
Nach 1995 wurde mit dem Bau der Kanalisation begonnen, 1998 waren 5,4 km Kanalnetz vorhanden und der Anschlussgrad der Bevölkerung an biologische Kläranlagen betrug 41,6 %. 2001 gab es 6,8 km und der Anschlussgrad betrug 93,7 %. 9,0 km ein Anschlussgrad von 99,6 % wurden 2004 erreicht. Danach wurde das Kanalnetz auf 10,3 km in 2007 und bis 2010 auf 13,6 km vergrößert.Öffentliche Abwasserbeseitigung 1975 bis 2010; Stand: 31. Dezember 2012.
Bei einem regionalen „Gemeindecheck“ der Allgemeinen Zeitung (Rhein Main Presse) im Januar 2011 kam Bechtolsheim unter den 24 getesteten Gemeinden auf den fünften Platz. von Kathrin Damwitz, 20. Januar 2011. von Kathrin Damwitz, 20. Januar 2011.
Religionen, Konfessionen Die Simultankirche wird von den beiden christlichen Konfessionen gleichberechtigt benutzt. Die katholische Gemeinde gehört zum Katholischen Dekanat Alzey/Gau-Bickelheim des Bistums Mainz und die evangelische zur Landeskirche Hessen-Nassau. Das evangelische Pfarramt in Bechtolsheim betreut zusätzlich noch die Kirchengemeinden in Biebelnheim, Ensheim und Spiesheim. Die katholische Pfarrgemeinde gehört zusammen mit Biebelnheim zum Pfarramt Gau-Odernheim.