mini|Alain Badiou (2010)
Alain Badiou (* 17. Januar 1937 in Rabat) ist ein französischer, marxistisch bzw. kommunistisch orientierter Philosoph, Mathematiker und Autor von Dramen und Romanen.
Badiou war von 1969 bis 1999 Professor an der Universität Paris VIII, danach Direktor des Institutes für Philosophie an der École normale supérieure (ENS) in Paris. Auch nach seiner Emeritierung arbeitet er noch am Collège international de philosophie. Seine politischen Aktivitäten drücken sich in der von ihm 1985 mitbegründeten, aus Teilen der Union des communistes de France marxiste-léniniste (UCFml) hervorgegangenen Organisation politique aus, einer Bürgerrechtsorganisation, die sich insbesondere mit Themen wie Einwanderungspolitik, Asylrecht, Arbeit und Gewerkschaften beschäftigt. Badiou war lange einer der führenden Köpfe des französischen Maoismus.
Biografie Badious Vater, Raymond Badiou (1905–1996), war Mathematiklehrer an Schulen in Rochefort-sur-Mer, Rabat, Casablanca und Toulouse. Während des Zweiten Weltkriegs nahm er am aktiven Widerstand teil. Von 1944 bis 1958 war er Bürgermeister von Toulouse. Er war bis 1958 Mitglied der Section française de l’Internationale ouvrière (SFIO) und Mitbegründer der PSU (Parti socialiste unifié), nachdem er wegen der Algerienpolitik aus seiner Partei ausgetreten und alle Ämter niedergelegt hatte. Alain Badiou nennt als die drei wichtigsten Einflüsse seines Vaters auf seine Entwicklung daher die Treue gegenüber seinen Überzeugungen, die Kompromisslosigkeit und das Interesse an der Mathematik. Sein Interesse an der Philosophie entwickelte sich aus der Lektüre von Werken Jean-Paul Sartres.http://www.franceculture.fr/emission-hors-champs-13-14-alain-badiou-15-2015-09-04
Badiou war Student am Lycée Louis-le-Grand, danach an der École normale supérieure (1956–1961). Er unterrichtete am Lycee in Reims ab 1963. Dort begann seine enge Freundschaft mit dem Dramatiker und Philosophen François Regnault. Er veröffentlichte mehrere Romane, bis er 1969 an die Universität Paris VIII ging. Badiou war schon sehr früh politisch aktiv, er war einer der Begründer der Parti socialiste unifié (PSU). Die PSU trat besonders im Kampf um die Dekolonisierung Algeriens hervor. 1964 schrieb er seinen ersten Roman, Almagestes. 1967 trat er einer Studiengruppe bei, die von Louis Althusser geleitet wurde, außerdem wurde er zunehmend von Jacques Lacan beeinflusst und wurde Mitglied der Redaktion von Cahiers pour l’Analyse. Zu dieser Zeit hatte er schon solide Grundkenntnisse in Mathematik und Logik erworben, die er mit der Theorie Lacans verband. Seine beiden Beiträge zu den Cahiers nehmen wichtige Themen seiner späteren Werke vorweg.
Die Studentenrevolte 1968 führte zu einer noch stärkeren Bindung an die Linke, er nahm dabei an militanten Gruppen teil, wie der Union des communistes de France marxiste-léniniste (UCFml). Er selbst sagte, die UCFml sei die maoistische Organisation, die 1969 von Natacha Michel, Sylvain Lazarus, von ihm selbst und einer kleinen Gruppe junger Leute gegründet worden sei. In dieser Zeit trat Badiou der neugegründeten University of Paris VIII/Vincennes-Saint Denis bei, einer Bastion gegenkulturellen Denkens. Dort beteiligte er sich an heftigen intellektuellen Debatten mit anderen Professoren wie Gilles Deleuze und Jean-François Lyotard, deren philosophische Werke er als ungesunde Abweichungen von Althussers Programm eines wissenschaftlichen Marxismus betrachtete.
In den 1980er Jahren, als Althussers und Lacans Einfluss abnahm (Lacan starb und Althusser wurde in die Psychiatrie eingewiesen), veröffentlichte Badiou speziellere und abstraktere Werke wie Théorie du sujet (1982) und sein opus magnum, L'Être et l'Événement (1988). Trotzdem distanzierte er sich nie von Althusser oder Lacan, und zustimmende Verweise auf Marxismus und Psychoanalyse sind auch in seinen jüngsten Werken nicht ungewöhnlich (insbesondere in seinem Werk Petit panthéon portatif / Pocket Pantheon).Badiou, Alain. "Jacques Lacan." Pocket Pantheon. Trans. David Macey. London: Verso, 2009Badiou, Alain. "Louis Althusser." Pocket Pantheon. Trans. David Macey. London: Verso, 2009
1999 übernahm er seine gegenwärtige Position in der ENS. Er ist auch mit anderen Institutionen verbunden, zum Beispiel dem Collège international de philosophie. Er war Mitglied der Organisation politique, die er 1985 gründete, zusammen mit Kameraden der UCFml. Diese Organisation löste sich 2007 auf. Badiou war außerdem ein erfolgreicher Dramatiker; eines seiner bekanntesten Stücke ist Ahmed le Subtil.
Seit 1999 werden seine Werke zunehmend ins Englische übersetzt, Ethics, Deleuze, Manifesto for Philosophy, Metapolitics, and Being and Event. Aufsätze erschienen in Zeitschriften wie Lacanian Ink, New Left Review, Radical Philosophy, Cosmos and History und Parrhesia. In besonderem Maße wird sein Werk von militanten Kräften in Indien, der Demokratischen Republik Kongo und Südafrika rezipiert, was ungewöhnlich für einen europäischen Philosophen ist. 2010 war er in dem Film Film Socialisme zu sehen.
Eine scharfe Auseinandersetzung begann Badiou mit Pariser Intellektuellen, nachdem 2005 Circonstances 3: Portées du mot 'juif' – The Uses of the Word "Jew" veröffentlicht wurde. Die Auseinandersetzungen wurden in Le Monde und Les Temps Modernes ausgetragen. Linguist und Lacanist Jean-Claude Milner, früherer Präsident von Jacques Derridas Collège international de philosophie, warf Badiou Antisemitismus vor.Siehe dazu Artikel gegen Badiou: Roger-Pol Droit ("Le Monde des livres", 25. November 2005) und Frédéric Nef ("Le Monde des livres", 23. Dezember 2005), zur Verteidigung von Badiou: Daniel Bensaid ("Le Monde des Livres", 26. Januar 2006); gegen Badiou: Claude Lanzmann, Jean-Claude Milner und Eric Marty ("Les Temps modernes", Nov.–Dezember 2005/Januar 2006); Meir Waintrater "L’Arche" Februar 2006: "Alain Badiou et les Juifs: Une violence insoutenable", Entgegnungen von Alain Badiou und Cécile Winter mit Repliken von Claude Lanzmann und Eric Marty ("Les Temps modernes", March–June 2006). Siehe auch Badious Antwort an Eric Marty
Philosophisches Werk Theorie des Subjekts (Théorie du sujet) 1982 1982 veröffentlichte Badiou Théorie du sujet. In dem Buch suchte er nach Verbindungen zwischen Politik und Philosophie. Er konstatierte aber später, dass dem Buch „kein öffentliche[r] Erfolg“ beschieden war. Es war jedoch Anlass für Philippe Lacoue-Labarthe und Jean-Luc Nancy, ihn zu zwei Sitzungen in einem Seminar an der École normale supérieure einzuladen, was Badiou als „Beginn des sehr langen Weges, der zwanzig Jahre dauern sollte, um mich aus der einsamen Anonymität herauszuführen“ empfand. Außer ihm referierten in dem Seminar Jean-François Lyotard, Jacques Derrida sowie Sarah Kofman. Das Seminarthema war Der Rückzug des Politischen.Alain Badiou, Ist Politik denkbar?, Berlin 2010, S. 12. Auf Grundlage der Seminarsitzungen erschien das Buch Ist Politik denkbar?, das jedoch nach Aussage Badious „nicht viel mehr Erfolg“ als Théorie du sujet hatte. Das Buch sei eines des Übergangs gewesen, „zwischen der philosophischen Bilanz des Maoismus der siebziger Jahre und der neuen Synthese, die 1988 Das Sein und das Ereignis vorschlagen wird“.Alain Badiou, Ist Politik denkbar?, Berlin 2010, S. 13.
Circonstances 3: Portées du mot "juif", Paris: Leo Schéer, 2005 Nach Meinung Badious wird die Bezeichnung „Jude“ im politischen Gebrauch sakralisiert. Dabei spielt die Opfer-Ideologie eine entscheidende Rolle: Der Holocaust als unvergleichliches, einzigartiges Ereignis werde zur Begründung einer Ausnahmestellung. Eine weitere Begründung liege in einer geschichtlichen Konstruktion: Die Geschichte Europas und das Selbstverständnis Europas wurzele im Problem der Emanzipation des Judentums in der Aufklärungsepoche. Die „Endlösung“ sei als letzter Schritt Europas in seinem aufklärerischen Selbstverständnis zu erklären. Eine Fortsetzung dieser Geschichte sei die Kritik an Israel als Staat und die Unterstützung der Palästinenser durch Europa. Daraus werde abgeleitet, man müsse, wenn man nicht Antisemit sein wolle, Kritik an der Politik Israels zurückweisen.
Wie schon in seiner Monographie Ethik lehnt Badiou die Opfer-Ideologie zur Identitätsbegründung ab. Der Holocaust könne kein vererbbares Sonderstellungsprädikat rechtfertigen – der rassistisch begründete „Juden“-Begriff der Nazis und ihre aus ihm folgenden Handlungen können nicht Grundlage des jüdischen Selbstverständnisses sein. Echtes Mitleid mit den Opfern könne nicht dazu führen, dass ihnen eine Sonderidentität zugesprochen wird, die in den Augen der Nazis gerade die Rechtfertigung für ihre Leiden war. Mitleid ist universell, es gilt jedem Menschen. Die Zuschreibung besonderer Eigenschaften, seien es negative oder positive, führe gerade zu den schlimmsten Katastrophen.
Die Existenz eines privilegierten jüdischen Staates sei archaisch und widerspreche dem Charakter moderner demokratischer Staaten, in denen jeder Bürger gleichwertig sei, unabhängig von Abstammung und Religionszugehörigkeit. Der Nahostkonflikt sei nur durch einen säkularen demokratischen Staat zu lösen, in dem die Gruppenidentitäten gleichwertig sind.
Lob der Liebe (L'éloge de l'amour) 2008 Das Gespräch zwischen Alain Badiou und Nicolas Truong, das 2008 im Rahmen des Theaterfestivals Avignon stattfand, wurde in nachbearbeiteter Form unter dem Titel Eloge de l'amour (Jean-Luc Godard) veröffentlicht. In sechs Kapiteln diskutiert Badiou die Bedrohung der Liebe, die Vorstellungen von Philosophen, die Liebeskonstruktion, die Wahrheit der Liebe und ihren Bezug zu Kunst und Politik.
Badiou will mit Arthur Rimbaud in der Liebe das Risiko und das Abenteuer wiedererfinden, gegen Sicherheitsdenken und Komfortbedürfnisse. Ohne Liebe sei auch die Philosophie nicht zu verstehen. Gelehrter, Künstler, Aktivist und Liebender zu sein, das sind die vier Bedingungen der Philosophie. Die Liebe sieht er bedroht durch die Suche nach dem idealen Partner aufgrund besonderer uns ähnlichen oder ergänzenden Eigenschaften seines Persönlichkeitsprofils: Man möchte Leid vermeiden, das Risiko des Scheiterns verringern und das Glück durch Berechnung erzwingen. So verliere das Leben seine zufälligen Begegnungen, seine Möglichkeiten und damit seine Poesie. Es bleibe immer ein Risiko, sich zu verlieben, aber gerade das Risiko, Fehler zu machen, zu leiden, zu enttäuschen, gibt dem Leben einen Sinn und Intensität. Man müsse die Welt vom Unterschied aus erfahren, nicht nur von der Identität aus. Der Austausch der Partner gehe über das wechselseitige Genießen hinaus, er entwickele sich zu einer „Bühne der Zwei“, in der ein unendlich anderer „mit seinem Sein bewaffnet in mein Leben getreten ist und es damit zerbrochen und neu zusammengesetzt hat“.
Badiou findet in der Philosophiegeschichte verschiedene Konzeptionen der Liebe, zum Beispiel Schopenhauers Ablehnung der Liebe, da sie nur eine Erfindung der Natur zur Sicherung der Fortpflanzung sei. Er stimmt Jacques Lacan zu, dass es keine sexuelle Beziehung gebe, weil dabei jeder narzisstisch und hedonistisch an seinen eigenen Genuss denkt, wenn auch vermittelt durch den anderen. „Der andere dient [...] dazu, das Reale des Genießens zu entdecken“. Die Beziehung bleibt imaginär. In der Liebe versucht das Subjekt hingegen, das Sein des anderen zu erreichen. Liebe ist mehr als die Maskierung sexuellen Interesses. Es ist aber auch mehr als das „Ewig-Weibliche“ Goethes, das „uns hinanzieht“, es ist „die Konstruktion einer Welt unter einem Gesichtspunkt, der abseits meines bloßen Selbsterhaltungstriebes oder meines wohlverstandenen Interesses liegt“
„Die Liebe beginnt immer mit einer Begegnung. Und dieser Begegnung verleihe ich in gewisser Weise den metaphysischen Status eines Ereignisses, das heißt, den Status von etwas, das nicht ins unmittelbare Gesetz der Dinge hineinpasst.“