mini|Darstellung des Wiener Judenmeisters Lesir im Judenbuch der Scheffstraße (1389-1420)

Die Geschichte der Juden in Wien beginnt im 12. Jahrhundert, was Wien zu einer der ältesten jüdischen Besiedlungen und zur ältesten jüdischen Gemeinde im ehemaligen Ostarrichi, dem heutigen Österreich macht.

Hintergrund Das jüdische Leben war hier sehr starken Schwankungen unterworfen, unter denen der Holocaust des nationalsozialistischen Regimes (1938 bis 1945) negativ herausragt. Die Entwicklung wird hier vorerst chronologisch dargestellt.

Von vereinzelten Erwähnungen kam es im 13. Jahrhundert zur Entstehung einer blühenden Gemeinde mit einem eigenen Judenviertel mit einer Synagoge, einem Spital, einem Friedhof und weiteren Funktionsgebäuden. In der Gemeinde wirkten wichtige und berühmte Gelehrte als Rabbiner und somit strahlte das jüdische Wien auf überregionaler Weise seine Wichtigkeit aus und spielte eine nicht zu unterschätzende Rolle im kulturellen, geistigen und wirtschaftlichen Leben der mittelalterlichen Stadt. Nichtsdestoweniger ist die Geschichte der Juden Wiens durch Verfolgungen und Ausweisungen geprägt. So kam es 1420/21 auf Befehl von Albrecht V. zur Wiener Gesera und später durch Leopold I. zur Vertreibung der Wiener Juden 1670. Bis dahin gab es zwei Judenviertel in Wien, ein mittelalterliches im heutigen 1. Bezirk (am Judenplatz) und ein größeres aus dem 17. Jahrhundert am Unteren Werd in der Leopoldstadt.

Es kam im 17. und 18. Jahrhundert wieder zur vereinzelten Ansiedlung von privilegierten Juden. Bekannte Hofjuden wie Samuel Oppenheimer oder Samson Wertheimer waren während des Zeitalters des Absolutismus in Wien tätig und finanzierten zahlreiche Unterfangen und Projekte der Herrscher. Mit dem Geist der Aufklärung und der Haskala begann die rechtliche und gesellschaftliche Gleichstellung der Juden. Die Emanzipation der Juden in die Mitte der Gesellschaft in Österreich fing 1782 mit einem Toleranzedikt von Joseph II. an und erreichte ihren Höhepunkt mit der Dezemberverfassung von 1867 unter Kaiser Franz Joseph I. Damit war die komplette Gleichstellung der Juden erreicht, und schon bald fing eine Blütezeit der jüdischen Gemeinden in der ganzen Monarchie an.

mini|Reste der Gettomauer in der Leopoldstadt (Tandelmarktgasse) Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts stellte Wien eines der großen Zentren jüdischer Kultur und jüdischen Lebens in Europa dar. So wurde auch die kulturelle Glanzzeit der Stadt während des Fin de siècle ganz wesentlich von den Juden der Stadt beeinflusst. Jüdische Intellektuelle wie Victor Adler, Otto Bauer, Hugo Breitner, Robert Danneberg, Julius Deutsch und Julius Tandler engagierten sich in der Sozialdemokratie für eine egalitäre Gesellschaft, in der auch kein Platz für antisemitische Vorurteile sein sollte.

Wissenschaftler und Ärzte jüdischer Herkunft brachten den Medizinischen Schulen und Universitäten viel Anerkennung, unter ihnen waren Emil Zuckerkandl, Josef Breuer, Carl Sternberg, Adam Politzer, Viktor Frankl, Alfred Adler und Sigmund Freud. Zahlreiche Nobelpreisträger tauchen aus der Gemeinde auf (Wolfgang Pauli, Max Perutz, Otto Loewi oder Robert Bárány), aber auch in der Musik (Gustav Mahler, Arnold Schönberg, Erich Korngold und Alexander Zemlinsky …), der Presse und in literarischen Kreisen leisteten die Juden Wiens einen Beitrag. Bekannte Autoren sind Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal, Richard Beer-Hofmann, Karl Kraus, Franz Werfel, Stefan Zweig, Franz Kafka und Friedrich Torberg.

Zur Zeit des Nationalsozialismus in Österreich wurden alle Synagogen und Beträume, außer dem Stadttempel, zerstört und die jüdische Bevölkerung der Stadt Wien beinahe vollständig vertrieben oder in der Schoah ermordet. Die fast gänzliche Zerstörung der Gemeinde bedeutete den Niedergang der kulturellen Hochzeit des jüdischen Wiens. Fast 200.000 Juden lebten 1938 in Wien, heute sind es weniger als 10.000.

Nach 1945 kam es zu einem zarten Wiederaufleben von jüdischer Kultur und Existenz in Wien, und noch heute findet man genügend Indizien dafür, inwieweit die jüdische Gemeinde das Stadtbild geprägt hat und inwiefern sie für die Entwicklung der Stadt ausschlaggebend war. Die orthodoxe Gemeinde hat für ihre relative Kleinheit ein großes Gemeindeleben aufgebaut. Neben den Dutzenden Synagogen und Beträumen gab es koschere Restaurants, Geschäfte, Fleischereien, jüdische Schulen und Kindergärten sowie Sportclubs, ein Hilfezentrum und ein Altersheim. In Wien existieren auch eine Reformgemeinde, Or Chadasch, die eine eigene Synagoge betreibt, sowie ultra-orthodoxe Juden die im 2. Bezirk wohnen. Wie auch im 19. und 20. Jahrhundert findet sich der größte Teil jüdischen Lebens in der Leopoldstadt wieder.

Geschichte Mittelalter Unklare Anfänge

Über die Anwesenheit von Juden im Frühmittelalter ist nur wenig bekannt, außer von Sagen über märchenhafte Judenreiche, welche von Juden gegründet wurden und über Städte wie Tulln, Wien, Korneuburg oder Stockerau herrschten, existieren keine aussagekräftigen Quellen oder Dokumente.Gerson Wolf: Geschichte der Juden in Wien (1156–1876). Alfred Hölder, Wien 1876, S. 1–2. Die erste urkundliche Erwähnung von Juden im Gebiet des heutigen Österreich stammt aus dem Jahr 903 und 906. Eine Zollordnung aus Raffelstetten regelte eine Reihe von Bestimmungen über Abgaben für den Warenverkehr und eine der letzten Bestimmungen besagte, dass Juden gewisse Zölle für Sklaven oder andere Güter zahlen müssten. Juden waren also schon im 10. Jahrhundert als Händler tätig, wahrscheinlich auch schon unter karolingischer Herrschaft, und kamen durch heutige österreichische Gebiete. Leider gibt die Zollordnung keine anderen Informationen preis, weder ob Juden schon seit einiger Zeit in Österreich ansässig waren, noch wer genau sie gewesen sind. Im Privilegium Maius, der Fälschung einer Urkunde Friedrichs I. Barbarossa für die Herzöge von Österreich vom 17. September 1156, werden wieder Juden erwähnt:„ .., et potest in terris suis omnibus tenere judaeos et usurarios publicos quod vulgus vocat Gawertschin sine imperii molestia et offensa.“zitiert nach Karl Friedrich Eichhorn: Deutsche Staats- und Rechtsgeschichte. Zweiter Theil. 5. Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1843, S. 131.Auf Deutsch:„ ... Und kann er, der Herzog von Österreich, in all seinen Ländern Juden und öffentliche Wucherer, welche das Volk Gawertschin nennt, halten, ohne dadurch das Reich zu schädigen oder zu kränken."Das Privilegium wurde inhaltlich von vielen Herrschern (auch Kaisern) wiederverwendet und bestätigt. Es galt also als ein Vorbild und Beispiel für die frühen Gesetzgebungen im mittelalterlichen deutschsprachigen Raum.

Erste Erwähnungen in Wien Die Existenz von Juden in Wien ist mit dem ersten namentlich bekannten Juden, Schlom oder Schlomo, seit 1194 nachweisbar.zu Schlom siehe In einem Streit um die Besitzrechte an einem Weingarten zwischen ihm und dem bayrischen Kloster Formbach (vermutlich das heutige Vornbach) tauchte sein Name auf. Die Uneinigkeit zwischen ihm und dem Kloster dauerte mehrere Jahre an, bis zu Leopolds V. Tod, da der Nachfolger, Friedrich I., den Garten dem Kloster zusprach, falls letzteres sich zu Entschädigungszahlungen an Schlomo verpflichtete. Jedoch machte Schlomo sich nicht nur als erster nachweislicher Jude in Wien einen Namen, sondern auch durch seine außergewöhnliche rechtliche Stellung. Er durfte Grund und Boden besitzen sowie Christen unter seinen Dienst stellen, - Rechte, die gewöhnlichen Juden damals verweigert wurden. Er aber war herzoglicher Münzmeister und gehörte wegen seiner hohen sozialen Stellung zum engen Umkreis des Hofes der beiden Herzöge Friedrich I. und Leopold V.

Schlomo wohnte wohl auf seinen vier Grundstücken im Gebiet der heutigen Seitenstettengasse (heute befindet sich in der Gasse eine Synagoge). Er und seine Familie dürften während dieses Zeitraums die Gesamtheit der Juden Wiens ausgemacht haben. Obgleich er und sein Haushalt unter herzoglichem Schutz standen, befanden sie sich in einer gefährdeten Lage, was nicht zuletzt das Jahr 1196 bezeugt. In diesem Jahr wurde ein Diener Schlomos ins Gefängnis gebracht. Er habe Diebstahl begangen und würde somit seine Strafe als Dieb absitzen. Der Diener schloss sich jedoch vor den Ereignissen dem Kreuzzug an. Die Verhaftung des vermeintlichen Kreuzfahrers durch einen Juden führte zu einer gewaltvollen Antwort der Kreuzfahrer. So wurden er und 15 weitere Angehörige seines Haushalts von einer Kreuzfahrergruppe erschlagen. Eine solche Gewalttat ließ Herzog Friedrich erzürnen; er ließ zwei Kreuzfahrer hinrichten. Eine solche Strafe war für damalige Verhältnisse hart. In anderen Teilen des Reiches kam es zu ähnlichen Massakern und Gewaltausschreitungen gegen Juden, die Täter jedoch kamen meist ohne strafrechtliche Verfolgung davon.

Der Jude Ephraim bar Jakob berichtet in seinem Memorbuch über die Ermordung des ehemaligen herzoglichen Münzmeisters Schlomo und 15 anderer Juden. Die Übersetzung lautet so:„Im Lande Österreich lebte ein Mann namens Schlomo; er war untadelig, aufrecht und gottesfürchtig, jederzeit wohltätig und liebevoll gegen die Armen. Der Herzog [Leopold V.] bestellte ihn für die Zölle und seine [finanziellen] Bedürfnisse, und er hatte Knechte und Mägde, nichtjüdische und auch jüdische. Und es geschah im Tammus des Jahres 956, im 256. Mondzyklus, in dem wir Jubel und Freude erhofften, die sich aber in Trauer verwandelten; denn auch in diesem Jahre bezeichneten sich unzählige Haarige (Christen) als Verabscheuungswürdige (Kreuzfahrer), um nach Jerusalem zu ziehen und gegen die Wilden zu kämpfen. Da kam einer von seinen Dienern, der sich ebenfalls zur Abscheu bezeichnet hatte, und stahl ihm von seinem Geld 24 Mark, und Schlomo ließ ihn deshalb ins Gefängnis setzen. Da ging die Frau des eingekerkerten Verabscheuungswürdigen an einem ihrer üblen Festtage hastig [?] in das Haus ihres Götzendienstes (Kirche) und beklagte sich über die Tatsache, daß ihr Mann durch die Hand eines Juden eingesperrt war. Da erhoben sich die Verabscheuungswürdigen, die in der Stadt waren, und gingen in heftigem Zorn hinaus und kamen zum Haus des Gerechten und töteten ihn und etwa 15 Juden mit ihm. Später erfuhr der Herzog [Friedrich I.] das Geschehene und befahl, zwei der Anführer jener Mörder gefangen zu nehmen und zu köpfen; mehr von ihnen wollte er nicht töten, weil sie Verabscheuungswürdige waren. – Siehe, Herr, unser Elend und übe Rache für Israel”Eveline Brugger, Birgit Wiedl: Regesten zur Geschichte der Juden in Österreich im Mittelalter. Band 1: Von den Anfängen bis 1338. Hg. vom Institut für Geschichte der Juden in Österreich. Innsbruck / Wien / Bozen 2005.Der nächste Jude erschien 1225 in einer Urkunde und war als „Teka“ bekannt. Sein Name taucht beim Friedensvertrag zwischen Leopold VI. und König Andreas von Ungarn als Bürge des letzteren auf. Er besaß ein Haus in Wien und genoss nicht nur beim österreichischen Hof Ansehen, sondern auch im ungarischen Reich. Schlomo und Teka sind beide prominente Ausnahmefälle, da in diesen Zeiträumen keine anderen Juden namentlich erwähnt werden.

Im Privilegium von 1238 regelte Friedrich II. die rechtliche Stellung der Juden Wiens. Inhaltlich glich das Privilegium dem von 1236, welches Kaiser Friedrich den Glaubensgenossen im ganzen Reich verliehen hatte. Die Bestimmungen gliedern sich in solche öffentlich-rechtlicher, privatrechtlicher und strafrechtlicher sowie prozessualer Natur. So wurden die Juden vor Zwangstaufe geschützt und erhielten Rechte für den freien Handel, und Christen mussten im Falle der Tötung eines Juden 12 Pfund Gold an die kaiserliche Kammer zahlen, falls sie beteiligt waren. Nur trat das Privilegium nie wirklich in Kraft.