mini|Der leblose Schatten auf dem leblosen Grabmal im leblosen Bild: Mise en abyme als Stilmittel des Horrorfilms.
Der Horrorfilm (auch Gruselfilm) ist ein klassisches Filmgenre, das sich auf Horrorfiktion stützt und somit darauf abzielt, seine Zuschauer durch die Erzeugung von Angstlust zu unterhalten. Gefühle der Angst, des Schreckens, der Verstörung und des Ekels versucht der Horrorfilm in der Regel dadurch auszulösen, dass er seine Protagonisten mit dem Unheimlichen, Unerklärlichen oder Übernatürlichen, mit extremer Gewalt oder dem Bösen an sich konfrontiert, mit Phänomenen und Akteuren – insbesondere Monstern – die sein Leben bedrohen oder auf andere Weise traumatisch wirken. Verbreitete Stilmittel sind eine suggestive Bildsprache und eine Filmmusik, die eine düstere Atmosphäre, Spannung und ein Gefühl der Bedrohung erschaffen. Der Horrorfilm war seit seiner Entstehung Anfang des 20. Jahrhunderts stets ein Spiegel der Ängste seiner Zeit und hat eine Vielzahl von Subgenres und Ikonen der modernen Popkultur hervorgebracht.
Merkmale und Techniken Zwar kann es auch bei anderen Filmen zu Reaktionen wie Angst, Schrecken oder Verstörung kommen – etwa bei einem Dokumentarfilm über medizinische Operationen. Doch erst, wenn die Erzeugung derartiger Affekte zum eigentlichen Ziel des Films wird, handelt es sich um einen Horrorfilm.
Ein häufig anzutreffendes Merkmal des Horrorfilms ist eine übernatürliche oder nicht wissenschaftlich erklärbare Bedrohung der Protagonisten. Dadurch kann sich der Horrorfilm vom verwandten Genre des Thrillers unterscheiden. Übernatürliche Gegenspieler im Horrorfilm sind Vampire, Werwölfe, Gespenster, Zombies, Außerirdische, Ungeheuer, Mutanten oder außer Kontrolle geratene Geschöpfe (zum Beispiel Golems). Es existieren allerdings zahlreiche Horrorfilme, die ohne übernatürliche Akteure und Phänomene auskommen, zum Beispiel die Filmreihe Saw, bei dem die Bedrohung zumeist von menschlichen Mördern oder von Fallen ausgeht.
Trotz ihrer größtenteils unrealistischen Bösewichterpalette gelten für die im Horrorfilm kreierten fiktiven Welten dennoch die Gesetze und der Rationalismus unseres Alltags. So sind, anders als in Märchen- und Fantasyfilmen, die Dämonen im Horrorfilm kein normaler, selbstverständlicher Bestandteil der Handlung, kommen aber trotzdem darin vor.
Damit der Effekt des Grauens entstehen kann, versucht der Horrorfilm meist, eine starke emotionale Identifikation des Zuschauers mit den bedrohten Protagonisten zu erzeugen. Noch stärker als andere Filmgenres ist der Horrorfilm darauf angewiesen, dass der Zuschauer das Filmgeschehen mit den Augen der Filmpersonen betrachtet. Dies kann, muss sich aber nicht zwangsläufig in entsprechender Kameraführung – etwa in Form von Point-of-View-Shots – widerspiegeln.
Dramaturgisch lebt der Horrorfilm von der paradoxen Gegenüberstellung von Ausnahme und Regel. Wenn die Regel erwartet wird, regiert die Ausnahme, und umgekehrt: Das Sicherheit verheißende Naturgesetz wird vom grauenvollen Wunder unterbrochen, oder das unbarmherzige Naturgesetz stellt sich gegen das erhoffte Wunder. In der getäuschten Erwartung, dass etwas „mit rechten Dingen“ vor sich geht, überschneiden sich die Vorstellungen von Naturgesetzlichkeit und sozialer Normalität.
Eine Spielart des Horrorfilms ist der Psycho-Horror. Im Gegensatz zum klassischen Horrorfilm, in dem die Schreckwirkung mit der beschriebenen, vor allem übernatürlichen Rollenpalette erzielt wird, arbeitet der Psycho-Horror mit einer allgegenwärtigen, eher diffusen, unsichtbaren Bedrohung. Diese äußert sich immer wieder durch unerwartete Gefahrensituationen, deren Ursache jedoch vorerst oder gar dauerhaft im Dunkeln bleibt (Beispiel: Blair Witch Project, 1999). Das Entsetzen basiert hier, wie allgemein im Horrorfilm, auf der Angst vor dem Unbekannten. Zum Beispiel fühlt sich der Zuschauer ausgeliefert, wenn die meisten Einstellungen so subjektiv gehalten sind, dass ihm der objektive, distanzierte Überblick verweigert wird.
Die Erwartung des Unheimlichen wird durch verschiedene filmische Stilmittel bedient. Nicht in jedem erfolgreichen Horrorfilm müssen Blutfontänen spritzen und Menschenfresser wüten. Viel eher fürchten sich die Zuschauer, wenn Drehbuch und Interpretation, Bildgestaltung, Kameraführung und Filmschnitt, Klangeffekte und Musikuntermalung, Gezeigtes und Weggelassenes derart im Einklang zueinander stehen, dass selbst Alltägliches unheimlich wirkt.
Ursprung und Symbolik mini|Ein Horror-Melodram im Adelphi Theatre (London), 1816
Historisch stammt der Horrorfilm vom Bühnen-Melodrama des 19. Jahrhunderts ab, das sich oft an Schauerromanen orientierte. Das Londoner Adelphi Theatre führte seit Beginn des 19. Jahrhunderts Schauerstücke auf, und das Pariser Théâtre du Grand Guignol war seit 1897 auf Horrorstücke spezialisiert. Eine deutschsprachige Variante war das Schicksalsdrama der Romantik, zum Beispiel Der vierundzwanzigste Februar (1808) von Zacharias Werner. An frühen Verfilmungen solcher Stücke wie Der Müller und sein Kind (1911) oder Jacob Flecks Verfilmung von Grillparzers Die Ahnfrau (1910) lässt sich dies belegen. Diese Herkunft zeigt sich in traditionellen Vanitas-Symbolen (wie Schädeln, Schatten, alten Büchern, verstaubten Gebrauchsgegenständen oder der Parallelsetzung von Leichen mit „toten“ Bildern und Schriften), in stereotypen Rollen und nicht zuletzt in der unheimlichen Begleitmusik. Typischerweise gibt es im Horrorfilm ähnlich wie im Bühnenmelodram die klassischen Figuren der „jungfräulichen Braut“, des „Helden und Bräutigams“, dazu meist eine vaterähnliche Figur sowie den bösartigen Antagonisten. Für das Horror-Genre charakteristisch ist etwa der Wissenschaftler, der die Übertretung physikalischer Gesetze bestätigt, wodurch das volle Ausmaß der Bedrohung erst deutlich wird. Am Beispiel der Dracula-Verfilmungen zeigt sich dieses Muster deutlich: Minna wird von Jonathan Harker, ihrem Verlobten, mit Hilfe von Dr. van Helsing, einem Gelehrten, aus den Klauen des Vampirs Dracula befreit.
Aufgrund der Kontinuität des gotischen Baustils im angelsächsischen Raum vom 13. bis zum 19. Jahrhundert sind dort Häuser dieser Bauart überall anzutreffen und konnten zum Sinnbild des Uralten werden. Zahlreiche Horrorfilme spielen in einem gotischen Haus, das mit seinen vertikalen Linien, Treppenfluchten und Fluren schaurige Attraktivität ausstrahlt, wie bereits Sigmund Freud in seinem Aufsatz Über das Unheimliche (1919) feststellte. Im Rahmen der Vanitas-Symbole gehört das Haus ebenso wie das (verlassene) Zimmer zum Typus der „leeren Form“. Es überdauert seine Bewohner. Beispiele für Filme, in denen das Haus eine wichtige Rolle spielt, sind Das Haus auf dem Geisterhügel (House On Haunted Hill, 1958), Psycho (1960), Bis das Blut gefriert (The Haunting, 1963) The Shining (1980) und Stephen Kings Haus der Verdammnis (2002).
Geschichtliche Entwicklung In der dreiteiligen BBC-Dokumentation „A History of Horror“ von 2010 stellt der britische Schauspieler und Autor Mark Gatiss fest, das Kino sei geradezu für den Horrorfilm geschaffen worden: „Kein anderes Filmgenre bietet die gleiche geheimnisvolle Vorfreude, wenn man einen dunklen Kinosaal betritt. Kein anderes setzt Ton und Bild so kraftvoll ein. Das Kino ist der Ort, an dem wir einen kollektiven Traum teilen, und Horrorfilme sind die traumhaftesten von allen, vielleicht weil sie sich um unsere Albträume drehen.“ Die Geschichte des Horrorfilms reicht daher fast so weit zurück wie die Geschichte des Spielfilms überhaupt.
Klassischer Horrorfilm: Von den Ursprüngen bis in die 1940er mini|Gedenktafel in Wismar, dem Drehort von Nosferatu mini|Lon Chaney senior, hier in einer Szene aus Phantom der Oper, war ein großer Star des frühen Horrorfilms. mini|Lon Chaney sen. als Erik
Bereits kurz nach seiner Erfindung in den Jahren vor 1900 wurde der Film als erzählendes, nicht nur als darstellendes Medium begriffen, und schon die ersten, nur wenige Minuten dauernden „Spielfilme“ nutzen die neuen, technischen Möglichkeiten dieses Mediums, um phantastische und gruselige Effekte zu erzeugen. Der erste Gruselfilm (mit Elementen wie auftauchenden Fledermäusen und ähnlichem), Le Manoir du Diable, war ein Werk von Georges Méliès und wurde bereits im Jahr 1896 gezeigt. Die Technik der Überblendung war hierbei ein wichtiges und wegweisendes Gestaltungsmittel. Bei den nachfolgenden Horrorfilmen der ersten Generation handelte es sich dann weitgehend um Verfilmungen der Horrorliteratur. Mary Shelleys Roman Frankenstein etwa wurde bereits 1910 als Stummfilm das erste Mal verfilmt.
Die erste Blütezeit des Horrorfilms waren jedoch die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg. Im Jahr 1922 schuf Friedrich Wilhelm Murnau mit Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens eine filmische Adaption von Bram Stokers Roman Dracula. Allerdings musste der berühmte Vampir wegen Streitigkeiten über die Urheberrechte an dem Stoff in Graf Orlok umbenannt werden. Murnaus Nosferatu gilt nicht zuletzt aufgrund seiner expressionistischen Atmosphäre als Meilenstein und Meisterwerk des Horrorgenres. Andere wichtige und stilbildende Horrorfilme der Stummfilmzeit waren der von Robert Wiene gedrehte Das Cabinet des Dr. Caligari (1920) und Der Golem, wie er in die Welt kam (1920) von Paul Wegener und Carl Boese. Auch Das Phantom der Oper (1925) gilt als wichtiger Film des Genres. Als erster erhaltener Werwolffilm aus der Stummfilmzeit gilt Wolf Blood: A Tale of the Forest von 1925.
Der Tonfilm, der sich in den 1930er-Jahren rasch durchsetzte, ermöglichte es, Horrorfilme noch realistischer zu inszenieren. Als wichtige Werke dieser Zeit gelten Dracula (1931) mit Bela Lugosi in der Rolle des Blutsaugers sowie Frankenstein (1931) mit Boris Karloff als Monster – beide Interpretationen wurden fortan zum klassischen Bild, das man mit den Figuren „Dracula“ und „Frankenstein“ verband (obwohl Frankenstein eigentlich nur der Wissenschaftler war, nicht das Monster selbst). Insbesondere letzterer Film galt damals, obwohl er nach heutigen Maßstäben keine Gewaltdarstellungen beinhaltet, beim Publikum als außerordentlich brutal und verstörend. Nicht weniger gelungen als die Inszenierung von 1931 erscheint den meisten Kritikern der 1935 erschienene Nachfolgefilm Frankensteins Braut (The Bride of Frankenstein), ebenfalls unter Regie von James Whale und mit Boris Karloff in der Hauptrolle.
Einen anderen, letztlich nicht weniger einflussreichen Strang des Horrorfilms initiierte der 1932 erschienene White Zombie von Victor Halperin, der erstmals die durch Voodoo-Zauber behexten Zombies als Akteure inszenierte. Auch dieser Film regte, von den späteren Zombiefilmen der 1970er- und 1980er-Jahre ganz abgesehen, bereits in den 1930er- und 1940er-Jahren zu einer ganzen Reihe von Fortsetzungen mit Titeln wie Revolt of the Zombies (1936, ebenfalls von Halperin), King of the Zombies (1941), I Walked With a Zombie (1942) oder Dead Men Walk (1943) an. Diese Filme konnten jedoch weder dem Stoff noch dem Genre – und noch weniger dem Gruselbedürfnis des Publikums – Neues hinzufügen.
Sowohl im Fall des meist in Haiti oder ähnlichen Gebieten situierten Zombiefilms wie auch im Fall Draculas, der sein Schloss im rumänischen Transsilvanien hatte, oder im Fall der in den 30ern ebenfalls populären Mumien-Filme, die meist in Ägypten spielten (etwa Die Mumie, 1932) – die Bedrohung, das „Andere“, kam im klassischen Horrorfilm meist aus exotischen Ländern. Nicht selten bedrohte dieses Böse nicht so sehr den Helden selbst, sondern seine Braut, die darum mit allen Mitteln gerettet werden musste. Fast immer musste das Böse dabei restlos zerstört werden, damit die Ordnung der Gesellschaft mit ihren klassischen, konservativen Rollen- und Moralvorstellungen wiederhergestellt werden konnte.