Victor Adler (* 24. Juni 1852 in Prag, Kaisertum Österreich; † 11. November 1918 in Wien) war Arzt, Journalist und österreichischer Politiker sowie Begründer der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei. mini|Victor Adler (um 1900)

Obwohl großbürgerlicher Herkunft und zuvor im Lager der Deutschnationalen aktiv gewesen, anfänglich liberaler Denkhaltung, entwickelte er sich durch die Erfahrungen mit der Arbeiterschaft, durch seine Beschäftigung mit dem Marxismus und sozialdemokratischen Anschauungen zu einem angesehenen Führer der österreichischen Sozialdemokratie. Durch sein Charisma und die Fähigkeit, Menschen von Kompromissen zu überzeugen, war er in der Lage, die unterschiedlichen Strömungen der österreichischen Arbeiterbewegung 1889 zu vereinen.

Durch personelle Einbindung sowohl der „Radikalen“ als auch der „Reformisten“, die sich auch in Adlers geschickten theoretischen Formulierungen in Parteiprogrammen wiederfinden konnten, gelang es ihm, zeit seines Lebens und darüber hinaus die Einheit der österreichischen Sozialdemokratie zu wahren. Im Rahmen des Einigungsparteitags in Hainfeld gelang es Victor Adler, die Sozialdemokratie zu einer staats- und kaisertreuen und damit mehrheitsfähigen Partei umzugestalten.

Leben Frühe Jahre mini|Adler (rechts) mit Engelbert Pernerstorfer (um 1870) mini|Jugendbildnis (um 1870) mini|Victor und Emma Adler (um 1880)

Victor wurde als ältestes von fünf Kindern des jüdischen Kaufmanns Salomon Markus Adler und seiner Frau Johanna (geb. Herzl) in Prag geboren. 1855 übersiedelte die Familie, die erst 1851 aus dem mährischen Leipník nach Prag gekommen war, nach Wien-Leopoldstadt, seit 1850 2. Bezirk der wachsenden Hauptstadt.Eintrag des Vaters in Wien 2., Czerningasse 6. In Lehmanns Adressbuch. 1864. Hier gelang es dem Vater, durch Realitätengeschäfte beträchtliches Vermögen zu erwerben.

Victor war ein schmächtiges, kleines Kind, das stotterte. Er absolvierte das Schottengymnasium, eine der besten Schulen Wiens. Heinrich Friedjung war einer seiner wenigen jüdischen Mitschüler in der katholischen Schule.Julius Braunthal: Victor und Friedrich Adler zwei Generationen Arbeiterbewegung. Verlag der Wiener Volksbuchhandlung, Wien 1965, S. 13 ff. Adler studierte an der Universität Wien zunächst Chemie, anschließend 1872 bis 1881 Medizin und wurde auf Initiative seines ehemaligen Mitschülers Engelbert Pernerstorfer Mitglied der deutschnationalen Burschenschaft Arminia Wien (aufgrund ihrer Mützenfarbe als „braune Arminia“ bezeichnet, in Abgrenzung zur „blauen Arminia“Hans-Georg Balder: Die Deutschen Burschenschaften. Ihre Darstellung in Einzelchroniken. WJK-Verlag, Hilden 2005, ISBN 3-933892-97-X, S. 391.). Das Medizinstudium schloss er 1881 mit der Promotion zum Dr. med. ab. Anschließend praktizierte er als Assistenzarzt von Theodor Meynert (1833–1892) an der Psychiatrischen Klinik des Allgemeinen Krankenhauses.

1878 lernte er Emma Braun (1858–1935) kennen, am 3. September 1878 heirateten die beiden, Sohn Friedrich kam am 9. Juli 1879 zur Welt, seine Tochter Maria Paulina Johanna am 2. November 1880 und sein Sohn Carl am 8. Juni 1885. Victor Adler trat am 9. Juni 1885 zum Luthertum über, seine drei Kinder wurden am 21. Juli 1885 getauft. Die Konversion entsprang nicht religiösen Motiven, sondern seiner deutsch-nationalen Gesinnung. Er wollte eins werden mit der europäischen Kultur und den Antisemitismus, dem er bereits während seiner Schulzeit im katholischen Schottengymnasium begegnet war, abschütteln.

Adler arbeitete ab 1882 in seiner Privatpraxis als Armenarzt und seit 1883 auch als Nervenarzt, ehe er sich journalistisch betätigte. 1882–1889 wohnte und praktizierte er im 9. Wiener Bezirk im geerbten Haus in der Berggasse 19.Julius Braunthal: Victor und Friedrich Adler – zwei Generationen Arbeiterbewegung. Verlag der Wiener Volksbuchhandlung, Wien 1965, S. 29 ff. Sowie In: alsergrund.spoe.at. 1891 ließ sich Sigmund Freud in einem an dieser Adresse neu errichteten Haus nieder. Sigmund Freud Museum.

Vom Deutschnationalismus zur Sozialdemokratie Schon seit 1870 trafen sich Victor, sein Bruder Siegmund, der später Rechtshistoriker wurde, Friedjung und Pernerstorfer zu sonntäglichen Diskussionsrunden über die soziale und nationale Frage in der Adlerschen Villa in Wien-Döbling.Wolfgang Fritz, Gertraude Mikl-Horke: Rudolf Goldscheid – Finanzsoziologie und ethische Sozialwissenschaft. Verlag Lit, Wien 2007, ISBN 978-3-7000-0521-6, S. 17 f. Politisch stand Adler zunächst der deutschnationalen Bewegung um Georg von Schönerer nahe und war, wie sein Freund Friedjung, Mitautor ihres 1882 veröffentlichten Linzer Programms. Nach dem Scheitern des Programms und weil er seine sozialen Forderungen in der deutschnationalen Bewegung kaum noch berücksichtigt sah, schloss sich Victor Adler einem sozialdemokratisch geprägten Arbeiterbildungsverein an. Vor allem der rasch wachsende Antisemitismus der Deutschnationalen hatte ihn von dieser Gruppierung Abstand nehmen lassen.

Während einer 1883 unternommenen Reise nach Deutschland, in die Schweiz und nach England als Vorbereitung auf eine (erfolglose) Bewerbung als Gewerbeinspektor traf er sich unter anderem mit Friedrich Engels, August Bebel und Wilhelm Liebknecht. Mit Engels und Bebel verbanden ihn seitdem lebenslange enge Freundschaften. Ergebnis dieser Reise war aber auch, dass er sich in diesen Ländern ein realistisches Bild von der Lage der dortigen Arbeiterbewegung machen konnte. Und er wurde angeregt, sich intensiver mit dem Marxismus, sozialdemokratischen Ideen und Erfahrungen sowie den Rechten und sozialen Existenzbedingungen der Arbeiter auseinanderzusetzen. Adlers politische Tätigkeit brachte ihm zwischen 1887 und 1900 17 Anklagen vor Gericht und insgesamt neun Monate Arrest ein.Karl R. Stadler: Victor Adler. In: Walter Pollak (Hrsg.): Tausend Jahre Österreich. Eine Biographische Chronik. Band 3: Der Parlamentarismus und die beiden Republiken. Verlag Jugend und Volk, Wien 1974, ISBN 3-7141-6523-1, S. 50–60, hier S. 57.

1886 gründete Adler in Wien mit dem Erbe seines Vaters die Wochenzeitung „Gleichheit“, in der er in einer Reihe von aufsehenerregenden Artikeln das Elend der Wienerberger Ziegelarbeiter schilderte.Karl R. Stadler: Victor Adler. In: Walter Pollak (Hrsg.): Tausend Jahre Österreich. Eine Biographische Chronik. Band 3: Der Parlamentarismus und die beiden Republiken. Verlag Jugend und Volk, Wien 1974, ISBN 3-7141-6523-1, S. 50–60, hier S. 57.ÖGB – Gewerkschaftsgeschichte: Victor Adler und die ZiegelarbeiterInnen. In: SPÖ Favoriten, 5. April 2019, abgerufen am 29. September 2022. Dabei schlich sich Adler in die Ziegelfabriken am Wienerberg ein und beschrieb die brutale Ausbeutung der meist tschechischen Arbeiter und ihrer Familien im Sinne einer investigativen Sozialreportage. Den Ziegelarbeitern brachte seine Kampagne zunächst die Abschaffung des seit 1885 ohnehin ungesetzlichen TrucksystemsGewerbeordnung 1859 – Gewerbliches Hilfspersonal: § 78 Lohnzahlungen, Inkrafttretensdatum 8. Juni 1885, Österreichische Nationalbibliothek: ALEX – Historische Rechts- und Gesetzestexte. in den Lehmgruben im Süden Wiens und nach dem Ziegelarbeiterstreik des Jahres 1895 weitere soziale Reformen. Nachdem in Folge seines Artikels „Die Lage der Ziegelarbeiter“ und die Zeitung „Gleichheit“ verboten wurde,Vgl. gründete Adler 1889 die „Arbeiter-Zeitung“ die zunächst zweimal im Monat, ab 18. Oktober 1889 wöchentlich erschien. Mit 1. Jänner 1895 brachte er das Blatt, für das er den größten Teil seines Vermögens opferte, als Tageszeitung heraus und gewann Friedrich Austerlitz zu seinem Nachfolger als Chefredakteur..Peter Kurth: Im Schatten Victor Adlers. Die österreichische Sozialdemokratie zwischen Wahlrechtskampf und Revisionismusstreit (1889–1907). Matthiesen, Husum 1998, ISBN 3-7868-1454-6, S. 19.

Gründer der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Im k.k. Österreich führten die verspätete Modernisierung und die Konzentration der Industrie auf den deutschösterreichisch-böhmischen Raum zu einer kompakten Arbeiterbewegung mit straffer Organisationsstruktur und dem Übergewicht der zentralen Führungsfigur Victor Adler. Er überwand, obwohl er als Intellektueller und wegen seiner bürgerlichen Herkunft anfangs als Außenseiter betrachtet wurde, die Richtungskämpfe der frühen Arbeiterorganisationen.Karl R. Stadler: Victor Adler. In: Walter Pollak (Hrsg.): Tausend Jahre Österreich. Eine Biographische Chronik. Band 3: Der Parlamentarismus und die beiden Republiken. Verlag Jugend und Volk, Wien 1974, ISBN 3-7141-6523-1, S. 50–60, hier S. 50 f.

Der Durchbruch gelang Adler 1885 bei einer Versammlung gegen die von Ministerpräsident Eduard Taaffe geplanten Sozialistengesetze, an der zum ersten Mal seit langer Zeit wieder alle Richtungen der Arbeiterbewegung teilnahmen. Durch sein ausgleichendes Wirken kam es zu einer Resolution, die „Radikale“ und „Gemäßigte“ akzeptierten. Adlers Formel, der Kampf der Arbeiterklasse sei „mit allen zweckdienlichen und dem natürlichen Rechtsbewußtsein des Volkes entsprechenden Mitteln“ zu führen, überbrückte die Gegensätze erfolgreich.Karl R. Stadler: Victor Adler. In: Walter Pollak (Hrsg.): Tausend Jahre Österreich. Eine Biographische Chronik. Band 3: Der Parlamentarismus und die beiden Republiken. Verlag Jugend und Volk, Wien 1974, ISBN 3-7141-6523-1, S. 50–60, hier S. 52.

Auf dem Hainfelder Parteitag vom 30. Dezember 1888 bis 1. Jänner 1889 vereinigte Victor Adler die verschiedenen sozialdemokratischen Gruppen – Gewerksvereine, Gewerkschaften und Genossenschaften, die „Radikalen“ und die „Gemäßigten“ im kaiserlichen Österreich und gilt damit als Begründer der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, SDAP, aus der die heutige Sozialdemokratische Partei Österreichs, SPÖ, hervorging. Adler wurde zum ersten Vorsitzenden der neuen Partei gewählt. „Das Charisma Adlers […] festigte die Partei und hielt sie zusammen. Jedenfalls ist die Geschichte dieses Mannes die Geschichte seiner Partei, und den Mann zu verstehen, heißt: die gesellschaftlichen Kräfte begreifen, die er personifizierte“.Allan Janik, Stephen Toulmin: Wittgensteins Wien. Verlag Hanser, München 1984, ISBN 3-446-13790-4, S. 63 (Originalausgabe: Simon and Schuster, New York 1973).

Adler, der sich selbst als „Hofrat der Nation“ bezeichnete, verstand es meisterhaft, einen Ausgleich zwischen den Flügeln der Partei, zwischen „Theorie“ und „Praxis“, zu finden.Walter Goldinger, Dieter A. Binder: Geschichte der Republik Österreich. 1918–1938. Verlag für Geschichte und Politik, Wien 1992, ISBN 3-7028-0315-7, S. 15.

Hermann Bahr beschrieb das Charisma Adlers:

Adler gehörte zum liberalen, gemäßigten Flügel der Partei, der die Rechte der Arbeiter mit demokratischen Mitteln durchsetzen wollte. Besonders setzte er sich für die Zusammenarbeit mit der ungarischen und südslawischen Arbeiterbewegung in der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn ein.

Wahl zum Reichsratsabgeordneten, Reformbestrebungen und das allgemeine Männerwahlrecht 1899 war Adler maßgeblich an der Erstellung des Brünner Programms beteiligt, in dem zur Lösung des Nationalitäten- und Sprachproblems des k.k. Österreich die Bildung eines demokratischen Nationalitätenbundesstaates gefordert wurde. (Das Programm bezog sich nicht auf Altungarn, das so genannte Transleithanien.)