mini|Abrasionsgebiss: Die Schneidezähne des Unter- und Oberkiefers sind abgenutzt mini|Normales Gebiss: Die Schneidezähne des Unter- und Oberkiefers überlappen sich Der Bruxismus (abgeleitet von , „das Zähneknirschen“, mit lateinischer Endung) ist das unbewusst ausgeführte Zähneknirschen oder Aufeinanderpressen der Zähne, sowohl im Schlaf als auch im wachen Zustand. Als Folge verschleißt der Zahnhalteapparat (Parodontium) aufgrund von Überlastung, und zusätzlich können das Kiefergelenk, die Kaumuskulatur sowie andere Muskelgruppen, die zur Stabilisierung des Kopfes angespannt werden, geschädigt werden.Die Zeit: Das Lexikon in 20 Bänden. Zeitverlag, 2. Band, Hamburg 2005, ISBN 3-411-17562-1, S. 437.Brockhaus Enzyklopädie. 19. Auflage. 4. Band, Verlag Friedrich Arnold Brockhaus, Mannheim 1987, ISBN 3-7653-1104-9, S. 70.

Hierdurch kann es zu Schmerzsyndromen und Ohrgeräuschen (Tinnitus) kommen. Weitere häufige Erscheinungen sind Schwindel, Sehstörungen und Übelkeit. Schmerzsyndrome, die das Kiefergelenk betreffen, werden in der Literatur als craniomandibuläre Dysfunktion (CMD) geführt, für die strukturelle, funktionelle, biochemische und psychische Fehlregulationen der Muskel- oder Gelenkfunktion verantwortlich sind.

Definitionen Amerikanisches Schrifttum Gelegentlich wird fachsprachlich (besonders im amerikanischen Schrifttum) unterschieden zwischen Bruxismus und Bruxomanie. Bruxismus bezeichnet das nächtliche Zähneknirschen, während das „Zähneknirschen am Tage als neurotisches Symptom“ Bruxomanie heißt.Maxim Zetkin, Herbert Schaldach: Lexikon der Medizin, 16. Auflage, Ullstein Medical, Wiesbaden 1999, ISBN 978-3-86126-126-1, S. 298. Man unterscheidet also Schlafbruxismus und Wachbruxismus.

Klassifikationen Schlafbezogener Bruxismus (nächtliches Zähneknirschen) gehört nach dem Klassifikationssystem für Schlafstörungen ICSD-2 zu den schlafbezogenen Bewegungsstörungen und nach ICD-10 zu den sonstigen Schlafstörungen (G47.8) beziehungsweise zu den sonstigen somatoformen Störungen (F45.8). Er tritt auch zusammen mit anderen Schlafstörungen wie dem Schlafwandeln auf..

Definition der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde Die Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde definiert Bruxismus als Parafunktion (Knirschen, Pressen) mit unphysiologischen Auswirkungen an Zähnen, Parodontium, der Kaumuskulatur und/oder den Kiefergelenken.

Häufigkeit Global beträgt die Prävalenz von Bruxismus (im Schlaf und im Wachzustand) 22,2 %. Die Prävalenz von Schlafbruxismus beträgt 21 %, während die Prävalenz von Wachbruxismus 23 % beträgt. In Europa liegen die Werte im Schlaf bei 21 % und wach bei 18 %. Nach dem aktuellen epidemiologischen Wissensstand beträgt die Koexistenz von Bruxismus und kraniomandibulären Dysfunktionen 17 %, wobei – ähnlich wie beim Bruxismus selbst – regionale Unterschiede je nach Kontinent bestehen. Darüber hinaus zeigen 63,5 % der Patienten mit CMD Bruxismus-Symptome. Die Patienten selbst bemerken das Problem in der Regel nicht. Typisches Anfangsalter ist 17 bis 20 Jahre und mit 40 Jahren kommt es im Allgemeinen zu einer spontanen Remission. Bei vielen Betroffenen ist der Bruxismus die Vorstufe von beziehungsweise assoziiert mit Schnarchen und nächtlichen Atmungsstörungen.Tinsley Randolph Harrison: Harrisons Innere Medizin. 20. Auflage, Georg Thieme Verlag, Berlin 2020, ISBN 978-3-13-243524-7, S. 215.

Ursachen Wissenschaftlich ist das Krankheitsbild vergleichsweise wenig untersucht. Es gibt in der zahnmedizinischen Literatur zu wenige Studien, um von gesicherten Erkenntnissen sprechen zu können. Unklar ist, inwieweit eine genetische Veranlagung eine Rolle spielt oder ob der Bruxismus grundsätzlich eine behandlungsbedürftige Krankheit darstellt. Manchmal werden psychische Belastungssituationen wie Stress und Prüfungsangst oder auch Verkrampfungen der Kaumuskulatur als Ursachen angegeben.Nicole Schaenzler, Gabi Hoffbauer: Wörterbuch der Medizin, Südwest-Verlag, München 2001, ISBN 978-3-517-06318-8, S. 528 f.

Risikofaktoren Als Risikofaktoren für den Bruxismus gelten nach Studien und Umfragen u. a. SchlafstörungenMaurice M. Ohayon, Kasey K. Li, Christian Guilleminault: Risk Factors for Sleep Bruxism in the General Population. Stanford University School of Medicine, Sleep Disorders Center, Stanford, CA.Y. Kobayashi, M. Yokoyoma, H. Shiga, N. Namba: 1198 Sleep Condition and Bruxism in Bruxist. Nippon Dental University, Tokyo, Japan () (Schlafapnoe-Syndrom,Arie Oksenberg, Elena Arons: Sleep bruxism related to obstructive sleep apnea: the effect of continuous positive airway pressure. In: Sleep Medicine. Band 3, Nummer 6, November 2002, S. 513–515, , PMID 14592147. Schnarchen,D. K. Ng, K. L. Kwok, G. Poon, K. W. Chau: Habitual snoring and sleep bruxism in a paediatric outpatient population in Hong Kong. In: Singapore Med J. 2002 Nov;43(11):554-6. PMID 12683350. Tagesmüdigkeit) Chronischer Stress oder Angst und Aggressivität Alkohol Koffein Rauchen Mangelernährung Bestimmte Drogen wie zum Beispiel 3,4-Methylendioxymethamphetamin (Ecstasy) und Methamphetamine Bestimmte MedikamenteEphraim Winocur, Anat Gavish, Michal Voikovitch, Alona Emodi-Perlman, Ilana Eli: Drugs and bruxism: a critical review. In: Journal of orofacial pain. Band 17, Nummer 2, 2003, S. 99–111, PMID 12836498. (zum Beispiel Psychopharmaka, Antidepressiva oder Schlafmittel) Bestimmte Krankheiten wie zum Beispiel Nasenscheidewandverkrümmung, Refluxkrankheit, Helminthiasis, Epilepsie oder das West-Nil-Fieber

Auswirkungen mini|Zahnschäden (Risse) durch Bruxismus, Sicht von oben, Oberkante des Zahns entfernt An den am schwächsten ausgebildeten Strukturen entstehen die größten Schäden. Ist die Schwachstelle der Zahnhalteapparat, führt der Bruxismus zur Zahnlockerung. Ist der Zahnschmelz „weich“, führt er zur Abrasion. Ist das Kiefergelenk die Schwachstelle, dann führt der Bruxismus zu Kiefergelenkbeschwerden (Costen-Syndrom).

Es werden Abweichungen der Bisslage um 0,01 mm vom ausgewogenen Zahnkontakt bereits wahrgenommen. Diese geringen Abweichungen können schon den Kauapparat so weit stören, dass es zum Bruxismus kommt (Kobayashi et al. 1988, Doppelblindversuch im Schlaflabor). Dieser Zahnkontakt wird als störend empfunden, worauf versucht wird, ihn „wegzuknirschen“. Experimentelle Zahnerhöhungen um 0,1 mm bewirkten in einer Versuchsreihe verkürzte Tiefschlafphasen, erhöhte Adrenalinausschüttungen und verlängerte Atemstillstandzeiten während des Schlafs. Nach 14 Tagen war die Kaumuskulatur so weit traumatisiert, dass es zu einem erhöhten Muskeltonus kam.

Die Kaukraft, die beim Menschen normalerweise im Maximum 0,4 bis 0,45 kN beträgt, kann sich um den Faktor 10 steigern, da während des Nachtschlafs die Schmerzschwelle erhöht ist. Tagsüber würde man schmerzbedingt eine so hohe Kaukraft nicht erzeugen.

Therapie In der S3-Leitlinie heißt es: „Da gegenwärtig keine Therapie zur Heilung oder zur Beseitigung von Bruxismus bekannt ist, zielt die Behandlung vor allem auf den Schutz der Zähne und der Restaurationen, die Reduktion der Bruxismusaktivität und die Linderung von Schmerzen ab.“ Zur Therapie können eine Anleitung zur Selbstbeobachtung und eine Aufklärung des Patienten über die Zusammenhänge helfen. Hierzu gehören Anleitungen zur Selbstmassage der verspannten Muskeln, um die Beschwerden etwas zu lindern. Allerdings fehlt während des Schlafs die Kontrolle über die Reflexaktivität des Kauorgans.

Ebenso kann eine Physiotherapie angezeigt sein. In bestimmten Fällen kann dies zu einer Reduktion des Tonus der Kaumuskulatur führen. Der Erfolg physiotherapeutischer Behandlungen wurde nur von wenigen Studien betrachtet, deren Qualität aus verschiedenen Gründen kritisiert wird. Hier sind weitere valide Studien notwendig. Bei stressbedingtem Bruxismus kann eine Psychotherapie angezeigt sein.Wolfgang Miltner: Bruxismus. In: Wolfgang Miltner, Niels-Peter Birbaumer, Wolf-Dieter Gerber (Hrsg.): Verhaltensmedizin. Springer, Berlin 1986, ISBN 3-540-15438-8. Manchmal werden Benzodiazepine, eine Akupunktur oder auch eine Logopädie verordnet.

Die Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) empfiehlt, das definitive Einsetzen von Zahnersatz beim Vorliegen einer Aufbissproblematik bis zur Sanierung dieser Problematik zu verschieben.

„Für die Behandlung ist es nötig, daß der Patient die Angewohnheit im Wachzustand bewußt abstellt, eventuell mit Unterstützung durch Anxiolytika und Kunststoffschienen,“ obwohl „sich der Patient dessen aber möglicherweise gar nicht bewußt ist.“ Denn „der Bruxismus tritt vor allem während des Schlafs auf, so daß dies zwar von Familienangehörigen bemerkt wird,“Das MSD Manual. 6. Auflage, Urban & Fischer, München / Jena 2000, ISBN 3-437-21760-7, S. 924. aber nicht vom Patienten.

Aufbissschiene Eine Aufbissschiene (auch Knirscherschiene) reduziert den Abrieb an den Zähnen. Eventuell vorhandene Störkontakte beim Zusammenbiss sollen eingeschliffen werden; hierbei kann eine Funktionsdiagnostik angezeigt sein. Bei Kiefergelenksbeschwerden soll die Konstruktion der Aufbissschiene die Gleitfunktion des Discus articularis (Zwischengelenkscheibe) wieder herstellen. Je nach Art der Okklusionsstörung können unterschiedliche Aufbisskorrekturen bzw. Aufbissbehelfe erforderlich sein.

Die Aufbissschiene ist nicht nur ein Abriebschutz, sondern entlastet auch das komprimierte Kiefergelenk und kann so morgendlichen Schmerzen im Kiefergelenk vorbeugen.

Biofeedback Im Bereich des Biofeedbacks gibt es verschiedene Behandlungsversuche. Bei einem Ansatz wird über eine Sonde am Kaumuskel die Muskelspannung gemessen und akustisch an den Patienten zurückgekoppelt, wodurch sich der Patient seiner Handlung bewusst werden soll. Hierdurch ist es möglich, den Kauimpuls willentlich zu unterbrechen. Wird dies trainiert, kann über Generalisierung der Impuls später möglicherweise auch ohne akustisches Signal wahrgenommen und gestoppt werden. Gleichermaßen wurden zahnmedizinische Vorrichtungen verwendet, nämlich Kapseln, die während Bruxismus-Fällen brechen und eine scharfe Flüssigkeit freisetzen. Jedoch wurden keine umfassenden Doppelblindstudien durchgeführt, die die Wirksamkeit solcher Biofeedback-Ansätze bestätigen könnten.

Hypnotherapie Beim Versuch einer hypnotherapeutischen Behandlung werden eine Verlagerung der Muskelanspannung aus dem Kiefer in eine Hand suggeriert, ein Erwachen bei jedem Zähneknirschen ausgelöst, bis die Gewohnheit verändert ist, oder ein spontanes Lösen der Anspannung im Schlaf angeregt. Diese Suggestionen werden posthypnotisch gefestigt; die Umsetzung wird in einem späteren Gespräch überprüft.

Botulinumtoxin Die Injektion von Botulinumtoxin in die Kaumuskulatur reduziert die Aktivität derselben und damit die Belastung der Zähne. Dies führt zu einer Verminderung des Zähneknirschens und der Schmerzen. Die Behandlung ist außerhalb der Zulassung, so dass die Kosten nicht automatisch von der gesetzlichen oder privaten Krankenkasse übernommen werden.

Bruxismus bei Kindern