Die Sepsis ist ein lebensbedrohlicher Zustand, der entsteht, wenn die körpereigenen Abwehrreaktionen gegen eine Infektion die eigenen Gewebe und Organe schädigen. Sie ist eine der schwersten Komplikationen von Infektionskrankheiten, die durch Bakterien, Viren, Pilze oder Parasiten ausgelöst werden. Zu den häufigsten Infektionen einer Sepsis gehören Lungenentzündung, Magen-Darm-Entzündung und Entzündung im Bereich des Urogenitaltrakts, ferner auch Infektionen von Haut- und Weichteilgewebe, des zentralen Nervensystems und sogenannte katheterassoziierte Infektionen. Sepsis muss als Notfall behandelt werden.
Eine Sepsis bzw. eine septische Erkrankung entsteht, wenn die körpereigenen Abwehrsysteme eine Infektion und deren Folgen nicht mehr lokal begrenzen können. Es kommt zu einer überschießenden Abwehrreaktion des Körpers, die das eigene Gewebe und Organe schädigt. Wird die Sepsis nicht rechtzeitig erkannt und behandelt, kann dies zum Mehrfachorganversagen oder einem septischen Kreislaufschock führen und tödlich enden. Häufige Symptome sind Fieber, mentale Veränderungen, schwere, schnelle Atmung, hohe Herzfrequenz und schweres Krankheitsgefühl. Bei Neugeborenen, sehr alten Menschen und Menschen mit geschwächtem Immunsystem kann eine Sepsis jedoch auch ohne offensichtliche Zeichen einer Infektion vorliegen und auch die Körpertemperatur kann normal oder erniedrigt sein. Ein erhöhtes Risiko für Sepsis haben Früh- und Neugeborene, Menschen in höherem Alter und Menschen mit einem geschwächten Immunsystem auf Grund von chronischen Erkrankungen, Diabetes mellitus, Krebs oder AIDS.
Die Intensivmedizin kann durch vorübergehenden Ersatz oder Unterstützung der Organfunktionen (Beatmung, Nierenersatztherapie, Kreislauftherapie, Gerinnungstherapie) kritische Phasen überbrücken. Trotzdem versterben ca. 25 % der Patienten mit Sepsis und 45 % der Patienten mit schwerer Sepsis unter maximaler Therapie. Der frühestmögliche Therapiebeginn ist entscheidend für das Überleben.
Sepsis ist eine der häufigsten und kostenintensivsten Erkrankungen im stationären Sektor. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erklärte die Erkrankung daher 2017 zu einer der führenden Prioritäten in den Gesundheitssystemen der Mitgliedsstaaten, um Prävention, Diagnostik, Therapie, Erfassung und Nachsorge von Sepsis-Erkrankten zu verbessern.
Begriff Das Wort „Sepsis“ stammt aus dem Altgriechischen σῆψις sēpsis („Fäulnis“, ursprünglich in der Humoralpathologie bezogen auf VeränderungenPaul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 12. der Körpersäfte, oder „Gärung“). Der früher synonym verwendete Begriff der Septikämie wird aufgrund der unscharfen Definition seit 1991 nicht mehr verwendet.Members of the American College of Chest Physicians/Society of Critical Care Medicine Consensus Conference Committee: "American College of Chest Physicians/Society of Critical Care Medicine Consensus Conference: definitions for sepsis and organ failure and guidelines for the use of innovative therapies in sepsis." In: Critical Care Medicine, Vol. 20, No. 6, Juni 1992, S. 864–874. PMID 1597042. Auch der bisweilen synonym verwendete Begriff der Bakteriämie ist veraltet und entspricht nicht der medizinischen Realität, da nur etwa 30–40 % der Sepsen mit einer Bakteriämie einhergehen. Der Begriff „Blutvergiftung“ wird fachsprachlich nicht verwendet.
Gemäß einer älteren klassischen Definition (von Hugo Schottmüller, 1913,Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 56. und Konrad Bingold, 1925Die septischen Erkrankungen.) liegt eine Sepsis vor, „wenn sich innerhalb des Körpers ein Herd gebildet hat, von dem aus konstant oder periodisch pathogene Keime in den Blutkreislauf gelangen und zwar derart, daß durch diese Invasion subjektive und objektive Krankheitserscheinungen ausgelöst werden“.Karl Wurm, A. M. Walter: Infektionskrankheiten. In: Ludwig Heilmeyer (Hrsg.): Lehrbuch der Inneren Medizin. Springer-Verlag, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1955; 2. Auflage ebenda 1961, S. 9–223, hier: S. 102–110 (Septische Erkrankungen), zitiert: S. 102.
Epidemiologie 2015 wurden in Deutschland 75.000 Sepsis-Todesfälle dokumentiert. Das sind mehr Todesfälle als die aufgrund von Lungen-, Darm-, Brust- und Prostatakrebs zusammen. Bei ca. 15 % der 2015 in Deutschland im Krankenhaus verstorbenen Patienten lag eine Sepsis vor. Diese Schätzungen sind jedoch eher noch zu niedrig angesetzt: eine Studie aus dem Jahr 2018 (Untersuchung von Fällen im Zeitraum 2007–2013) zeigt, dass weniger als 50 % der anhand von Patientenakten identifizierten Patienten mit einer Sepsis in den offiziellen, von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) vorgegebenen Registern (International Classification of Diseases, ICD-10) zur Erfassung der Krankheitslast dokumentiert werden.
Die auf Basis der Krankenhausentlassungsdiagnosen für Deutschland ermittelten Erkrankungshäufigkeiten ergeben 370 Sepsisfälle pro 100.000 Einwohner für das Jahr 2015, von denen ca. 158 die Kriterien für eine schwere Sepsis erfüllen. Die auf der Erfassung in den Krankenakten basierenden Hochrechnungen ergeben jedoch deutlich höhere Fallzahlen. In den USA sind es 517 pro 100.000 Einwohner, was 1,67 Millionen Krankheits- und 260.000 Todesfällen entspricht. Die Extrapolation der Zahlen, die sich aus auf Krankenakten basierten Erhebungen in Schweden ergaben, legen für Europa ca. 4 Millionen Krankheits- und 678.000 Todesfälle nahe. Die Krankenhaussterblichkeit bei schwerer Sepsis ist in Deutschland mit 42 % im Vergleich zu Australien (18 %), England (32 %) und den USA (23 %) auffällig hoch.
Im Jahr 2017 gab es ca. 49 Millionen Sepsis-Erkrankungen weltweit, von denen ca. 11 Millionen tödlich endeten. Mehr als 20 Millionen Betroffene waren Säuglinge und Kinder bis 5 Jahre und ca. 5 Millionen Kinder und Jugendliche zwischen 5 und 19 Jahren. 3 Millionen bzw. 450.000 verstarben an einer Sepsis. Die bisherigen Schätzungen basierten hauptsächlich auf Abrechnungsdaten von hospitalisierten Erwachsenen in sieben Ländern mit hohem Einkommen und gingen von jährlich 19,4 Millionen Sepsisfällen und 5,3 Millionen sepsisbedingten Todesfällen aus. In Südostasien und den südlich der Sahara gelegenen afrikanischen Ländern verursachten 2015 Infektionskrankheiten bzw. Sepsis bei Neugeborenen und Kindern unter 5 Jahren mehr als 50 % aller Todesfälle.
Ursachen In der WHO-Sepsis-Resolution „Verbesserung der Prävention, Diagnose und des klinischen Managements von Sepsis“ und dem begleitenden Bericht wird deutlich gemacht, dass Sepsis die gemeinsame, oft tödliche Endstrecke der meisten Infektionskrankheiten ist und sowohl Bakterien, Viren, Pilze und Parasiten (z. B. Malariaerreger) eine Sepsis verursachen können. Es wird auch deutlich gemacht, dass Streptococcus pneumoniae, Haemophilus influenzae, Staphylococcus aureus, Escherichia coli, Salmonella spp. und Neisseria meningitidis die häufigsten bakteriellen Erreger sind, Sepsis bzw. septischer Schock häufig durch saisonale Influenza/Grippe-Viren, Dengue-Viren und andere hochgradig ansteckende, meldepflichtige Erreger wie Vogel- und Schweinegrippeviren, Coronaviren, Ebola- und Gelbfieber-Viren bedingt sind und sich Sepsis häufig außerhalb des Krankenhauses aus der Verschlechterung häufiger und vermeidbarer Infektionen der Atemwege, des Harntrakts, des Bauchraums, der Haut und von Wunden entwickelt. Auch Infektionen des Gehirns, der Herzklappen und infizierte Implantate, wie Gefäß- und Gelenkprothesen sowie Gefäßkatheter und Venenverweilkatheter, können Ausgangspunkt für eine Sepsis sein.
Definitionen Nach der 2016 aktualisierten Definition gilt:
Bis 1992 galt in Deutschland die Sepsisdefinition nach Hugo Schottmüller aus dem Jahr 1914, für die der Nachweis eines Infektionserregers in der Blutkultur Voraussetzung für die Diagnose Sepsis war:
1992 erließ eine US-amerikanische Konsensuskonferenz eine Sepsisdefinition, die auf dem Nachweis bzw. Verdacht auf eine Infektion und dem Vorliegen von mindestens zwei von vier Kriterien für eine sogenannte systemische Inflammationsreaktion (SIRS) basierte.R. C. Bone, R. A. Balk u. a.: Definitions for sepsis and organ failure and guidelines for the use of innovative therapies in sepsis. The ACCP/SCCM Consensus Conference Committee. American College of Chest Physicians/Society of Critical Care Medicine. In: Chest. Band 101, Nummer 6, Juni 1992, S. 1644–1655, . PMID 1303622. (Review). Als SIRS-Kriterien gelten Fieber oder Untertemperatur, erhöhte Herzfrequenz, erhöhte Atemfrequenz und eine erhöhte oder erniedrigte Zahl von Leukozyten im Blutbild. Unterschieden wurde Sepsis ohne Organdysfunktion, schwere Sepsis (d. h. Sepsis mit mindestens einer Organdysfunktion) und der septische Schock. Diese 2009 noch einmal unwesentlich geänderten Definitionen wurden 2016 in einer dritten Konsensus-Konferenz dahingehend modifiziert, dass Voraussetzung für die Definition einer Sepsis nicht länger das Vorliegen von mindestens zwei der vier SIRS-Kriterien ist. Als Voraussetzung für Sepsis gilt das Vorliegen von mindestens einer Organdysfunktion, der Begriff schwere Sepsis wurde verlassen und der Begriff septischer Schock beibehalten. Konsequenterweise wurden auch die Begriffe Blutstrominfektion und Septikämie verlassen. Auf diese Definition wurde auch in der WHO-Sepsis-Resolution „Verbesserung der Prävention, Diagnose und des klinischen Managements von Sepsis“ Bezug genommen.
Pathophysiologie Die pathophysiologischen Reaktionen bei einer Sepsis sind im Wesentlichen durch die Art und Virulenz des die Infektion auslösenden Erregers und den Immunstatus bzw. die Abwehrreaktionen des Körpers (Wirtsantwort) auf den eindringenden Erreger bestimmt. Bei Menschen mit normaler Immunkompetenz ist die frühe Phase meist durch Zeichen der Hyperinflammation geprägt, die zu dem Begriff systemische Inflammationsreaktion – englisch abgekürzt SIRS – führte. Sehr schnell wurde jedoch deutlich, dass diese Reaktion bei immunkompetenten Patienten bereits in der Frühphase von einer immunmodulatorischen Gegenreaktion begleitet ist und als „Compensatory Anti-inflammatory Response Syndrome“ (CARS) bezeichnet wurde. In den ersten 24 Stunden nach Sepsisbeginn überwiegt die Hyperinflammation, während sich in den folgenden Tagen ein von einer Immunsuppression gekennzeichneter Immunstatus einstellen kann. Im Rahmen der Wirtsantwort kommt es nicht nur zu einer Stimulierung aller Faktoren des angeborenen und adaptiven Immunsystems, sondern es kommt auch zu einer komplexen Interaktion zwischen dem Immunsystem und dem Gerinnungssystem, das zu einer Stimulierung von prokoagulatorischen und antikoagulatorischen Faktoren des Gerinnungssystems führt und durch die Zeichen einer Verbrauchskoagulopathie mit einer disseminierten intravasalen Gerinnung und einer endothelialen Dysfunktion gekennzeichnet ist.